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WINGER: Interview mit Winger, Kip

21.11.2006 | 11:03

Als die Nachricht durchsickerte, dass Bassist und Sänger Kip Winger, Gitarrist Reb Beach und Schlagzeuger Rod Morgenstein nach über zehn Jahren wieder gemeinsam unter dem Namen WINGER eine neue Scheibe und auch Live-Konzerte planen würden, freute ich mich wie ein Schneekönig. Zwar finde ich die ersten beiden Scheiben, die beide Platinstatus in den USA erreichten, "nur" nett, dagegen zählt ihr letztes gemeinsames Album "Pull" aus dem Jahre 1993, bei dem sie deutlich erdiger und kantiger zu Werke gingen, für mich zu den besten Hard-Rock-Alben aller Zeiten. Das gerade veröffentlichte Comeback-Album (schlicht "IV" betitelt) verbindet dabei gekonnt beide Fanlager. Keine schlechte Entscheidung, um an alte Glanzzeiten anzuknüpfen ...

Kip:
Es war nie mein Hauptbestreben irgendein Fanlager anzusprechen oder gezielt neue Fans zu gewinnen. Ich schreibe einfach die Musik, die ich zu einer bestimmten Zeit fühle und die aus meinem Herzen kommt. Natürlich folge ich dabei dem WINGER-Muster. Der Sound der Band ist meine Stimme und Rebs Gitarre. Alles andere ergibt sich von selbst. Ich versuche einfach, mich nicht selbst zu wiederholen.

Chris:
Gerade die beiden Eröffnungsnummern und meine beiden Favoriten 'Right Up Ahead' und 'Blue Suede Shoes' sind düsterer und daher sehr ungewöhnlich für WINGER. Stehst du persönlich mehr auf diese düstere rockige Variante oder doch eher auf den klassischen AOR-Sound wie 'Livin' Just To Die' oder 'Can't Take It Back'?

Kip:
Ich sehe Musik nicht in Kategorien wie "hell" oder "dunkel". Was du hörst, ist einfach der Unterschied zwischen Dur- und Moll-Akkorden. Die Musik hat viele Facetten und Farben und ich mag es, mit allen Möglichkeiten zu arbeiten, die dieses Genre zu bieten hat.

Chris:
Eine weitere Grenze habt ihr beim Song 'Generica' ausgetestet, da ihr hier am Ende musikalisch völlig ausflippt, was sehr ungewöhnlich für eine so songorientierte Band wie WINGER ist. Wolltet ihr mal beweisen, was für tolle Musiker ihr seid oder hat sich das einfach so ergeben?

Kip:
Unser zweiter Gitarrist John Roth hat einfach mit diesem Funky-Teil begonnen und wir sind mit eingestiegen. Wir jammen zur Zeit sehr viel, aber so eine Session hat es bisher noch nie auf ein reguläres Album geschafft. Hier dachte ich aber, dass es genau der richtige Zeitpunkt dafür wäre.

Chris:
Hat ja auch toll funktioniert. So richtig klappen wollte es diesmal aber nicht mit einer obligatorischen Ballade, oder?

Kip:
Na ja, ich würde sagen, mit 'Blue Suede Shoes' haben wir eine Powerballade auf dem Album.

Chris:
Da müsste man halt jetzt mal ausdefinieren, was einen Song eigentlich zu einer Ballade macht, but anyway, kommen wir mal zu den Texten. Sehr politisch diesmal. Wo sind denn die ganzen Partytexte hin? Sind die Zeiten von 'Can't Get Enuff' vorbei?

Kip:
Höre dir einfach die Songs von "Pull", wie beispielsweise 'Blind Revolution Mad' und 'Who's The One', oder etliche Songs von meinen Soloalben an. Du musst diese alle berücksichtigen, denn sie haben stark zu meiner Entwicklung als Texter beigetragen.

Chris:
Bist du denn auch abseits der Musikszene irgendwie politisch engagiert?

Kip:
Nur wie jemand, der wissen will, was in der Welt so passiert.

Chris:
Kommen wir mal zu einem anderen Thema. Ich habe irgendwo mal in einem Interview von dir gelesen, du hättest dich darüber beklagt, dass Gitarrist Reb Beach dich als Songwriter und Musiker nicht genügend geschätzt hätte. Wie ist euer Verhältnis heute? Was hat sich geändert?

Kip:
Das muss aus dem Kontext gerissen worden sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich das genau so gesagt haben soll. Wenn dem aber so war, dann habe ich bestimmt meinen morgendlichen Kaffee noch nicht gehabt. Ich habe nämlich sehr großen Respekt vor dem Musiker Reb Beach.

Chris:
Okay, wollen wir mal lieber nicht weiter bohren. Bist du eigentlich stolz darauf, damals ein musikalischer Teil der LA-Szene gewesen zu sein, die ja besonders heute ziemlich belächelt wird?

Kip:
Ich war niemals ein Teil der LA-Szene, denn ich habe noch nicht mal dort gelebt. I cut my teeth in New York.

Chris:
Ihr habt gerade eure Comebacktour durch Europa beendet. Was waren denn die Dinge, auf die du dich im Vorfeld am meisten gefreut hast? Immerhin bist du in den vergangenen Jahren ja vermehrt als Solokünstler aufgetreten ...

Kip:
Ich mache Alben und gehe dann raus auf die Bühne. Das ist es, was wir normalerweise alle tun. Ich hoffe, ich werde noch besser darin ...

Chris:
Nun gut, wie war denn die Tour überhaupt? Warum habt ihr nur ein Konzert in Deutschland gespielt?

Kip:
Die Tour war klasse. Es hat leider nicht mit mehr Shows in Deutschland geklappt, aber beim nächsten Mal kommen wir ganz bestimmt für mehr Dates nach Deutschland.

Chris:
Das wäre definitiv schön. Gibt es denn schon konkrete Pläne für eine weitere Europatour?

Kip:
WINGER gehen jetzt erst einmal im Februar auf Tour durch die USA. Danach sehen wir weiter. Es wird momentan daran gearbeitet, aber wir kommen auf jeden Fall irgendwann zurück nach Europa.

Chris:
Ich habe deinen fantastischen Auftritt auf dem diesjährigen "United Forces" in Ludwigsburg gesehen (Kip Winger lieferte alleine eine atemberaubende Unplugged-Show ab). Wenn du solche Veranstaltungen siehst, denkst du, die schweren Zeiten des Melodic Rock sind nun endlich vorbei?

Kip:
Nein. Rockmusik ist weiterhin eine Minderheit in der heutigen Zeit.

Chris:
Was ist für dich der musikalische Unterschied zwischen deinen Soloscheiben und regulären Alben von WINGER?

Kip:
Meine Soloscheiben sind experimenteller. Ich decke dabei einen größeren musikalischen Background ab. Bei WINGER haben wir dagegen einen ganz speziellen eigenen Sound.

Chris:
Ihr hattet Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger einige Probleme mit der Serie "Beavis & Butthead", bei denen sich die Macher mehrfach über euch lustig gemacht haben. Könnt ihr heute darüber lachen?

Kip:
Sorry Chris, aber das ist alles ein alter Hut.

Chris:
Dann bitte ich dich noch um deine letzten Worte für die deutschen Fans ...

Kip:
Wie gates ... (wie geht's – Anm. des Verfassers)

Redakteur:
Chris Staubach

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