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VAN CANTO: Interview mit Stefan Schmidt

17.01.2007 | 11:38

Nichts anderes als harte Gitarrensounds, dröhnende Basssaiten und gelegentlich einen vollmundigen Keyboardklangteppich verbindet man gängigerweise mit dem Begriff Heavy Metal. Sollte es auch anders gehen?
Heavy Metal im A-Capella-Format haben sich VAN CANTO zur Aufgabe gemacht, denen es auf ihrer im Dezember 2006 veröffentlichten CD "A Storm To Come" gelingt, lediglich unter Einsatz ihrer Stimmen sowie eines Drummers, fetzigen Power Metal auf die Beine zu stellen.
Dass es sich hierbei nicht einfach um ein lustiges Experiment handelt, sondern die Combo ernst gemeinten Metal auf ziemlich hohem Niveau präsentiert, verdeutlicht Hauptinitiator Stefan Schmidt im folgenden Interview.


Erika:
Mit der Idee, Metal a-capella zu präsentieren, habt ihr zumindest nach meinem Kenntnisstand etwas ganz Neues und Ungewöhnliches kreiert. Wer von euch ist auf diese Idee gekommen und wie ist sie entstanden?

Stefan:
Das war meine Idee. Ich hatte das schon eine ganze Weile im Kopf, seit zwei oder drei Jahren vielleicht. Aber erst nach der Auflösung von JESTER'S FUNERAL Anfang 2006 war dann die Zeit und die Ruhe dafür da. Wie die Idee genau entstanden ist, weiß ich nicht mehr. Ich wollte schon immer etwas Gesangslastigeres machen. Die genaue Ausrichtung und Umsetzung hat sich dann erst bei der Arbeit an den Songs und den Aufnahmen so ergeben.

Erika:
Das ganze Werk klingt nach meiner Auffassung sehr anspruchsvoll. Jeder von euch scheint eine andere Stimme halten zu müssen und darf sich nicht von den anderen aus dem Takt bringen lassen. Welche musikalische Ausbildung habt ihr genossen, dass ihr dazu in der Lage seid?

Stefan:
Gut, das mit dem aus-dem-Takt-bringen-lassen ist ja erstmal eine Anforderung ans Rhythmusgefühl, die man natürlich auch erfüllen muss, wenn man jetzt in einer Band alleine singt oder Gitarrist ist. Schwieriger ist es, ohne gestimmtes Instrument die ganze Zeit in einer Tonart zu bleiben und nicht irgendwie abzurutschen. Und wenn doch, muss es wenigstens die ganze Band tun, damit es nicht schief klingt. Eigentlich muss man bei dieser Band einfach noch konzentrierter sein und noch besser auf die anderen hören, als in einer normalen Band. Eine gemeinsame Ausbildung als Band haben wir nicht. Inga hat jahrelang klassischen und modernen Unterricht gehabt, Dennis war auch bei einer berühmten Musicalausbilderin im Unterricht. Ich habe ein paar Stunden bei Oliver Hartmann (AVANTASIA, AT VANCE) genommen und bin ansonsten, wie Ross und Ike, Autodidakt.

Erika:
Habt ihr Erfahrungen in anderen Bands oder Projekten gesammelt? Spielt ihr da auch Instrumente?

Stefan:
Neben meiner Ex-Band JESTER'S FUNERAL, wo ich gesungen habe und Rhythmusgitarrist war, bin ich noch bei einer Instrumentalband THE RAZORBLADES Gitarrist. Inga singt bei FADING STARLIGHT, Ross bei DEADLY SIN, Strilli und Dennis sind bzw. waren Drummer bzw. Sänger bei SYNASTHASIA und Ike ist Gitarrist bei CP RONO.

Erika:
Wie entsteht so ein A-capella-Arrangement?

Stefan:
Erstmal komponiere ich einen Song am Klavier. Danach gibt's dann schon mal die Akkorde, eine Gesangsmelodie, ein erstes Arrangement und vielleicht sogar schon einen Text. Danach habe ich zum Auskomponieren des Songs einen einfachen Drumcomputer programmiert und dann ganz schulbuchmäßig vierstimmige Sätze zum Leadgesang geschrieben und notiert. Bei den härteren Stellen bin ich aus der Schulbuchlehre ausgebrochen und habe dann eher die Töne von Gitarrenriffs auf die verschiedenen Stimmen verteilt. Es ist einfach auch viel Ausprobieren und spontane Herangehensweise. Ich bin nicht der Typ, der einen Teil hundertmal umkomponiert. Wenn er mir beim ersten Mal gefällt, dann kommt er so auf die Platte.

Erika:
In euren Bandinfos ist immer von dem Wort "Rakka-Takka" die Rede. Ihr nutzt es offenbar, um lautmalerisch den Klang der Saiteninstrumente zu imitieren. Warum eignet sich das dafür und wie entwickelt ihr andere passende Klangbilder?

Stefan:
Rakka-Takka ist schon mal sehr rhythmisch auszusprechen. Man kann es relativ schnell hintereinander singen, es braucht wenig Luft, wenig Spucke und klingt cool. Es kommt nahe an Achtel-Stakkatoteile eines Gitarrenriffs dran. Um offene Akkorde zu imitieren, kommt oft auch "raan" oder "taan" zum Einsatz. Und dann haben wir auch oft Teile des jeweiligen Textes mit rein genommen, um die Rhythmik nicht zu unterbrechen, aber trotzdem bei wichtigen Worten im Refrain das Chorfeeling herzustellen.

Erika:
Wenn ich an A-capella denke, fallen mir natürlich immer die COMEDIAN HARMONISTS ein. Eine andere Zeit, eine andere Musik. Habt ihr euch mit ihrer Kunst oder mit anderen A-capella-Projekten befasst?

Stefan:
Ich habe den Film gesehen und er ging mir sehr nah. Ansonsten haben mich noch die WISE GUYS inspiriert, das ist zwar purer Pop, aber die Typen sind lustig, manche Kompositionen und Texte haben wirklich Tiefgang. Ich finde nicht alles gut und kann auch nicht sagen, dass mich ihre Musik direkt inspiriert hat; aber zumindest hat sie die Metal-A-Capella-Idee genährt.

Erika:
Wo liegen eure musikalischen Wurzeln?

Stefan:
Da könnte natürlich jetzt jeder in der Band eine lange Liste schreiben. Ich denke, dass man bei den Kompositionen meine Vorlieben schon raus hören kann. Ich würde jetzt mal als Rahmen EUROPE, BLIND GUARDIAN, NIGHTWISH und METALLICA nennen.

Erika:
Gibt es bei euch eine Verbindung zu Jazz oder Klassik?

Stefan:
Zu Jazz nicht. Zur Klassik nur insoweit, wie Klassik im Allgemeinen und Soundtracks im Speziellen halt vielen Metallern gefallen. Da bin ich keine Ausnahme, was zum Beispiel den "Herr der Ringe"- Soundtrack oder die Sachen von Hans Zimmer angeht. Und natürlich Björn Isfält, den Komponisten des "Ronja Räubertochter"-Soundtracks.

Erika:
Wie kommt es dazu, dass ihr ausgerechnet das Titelstück der Ronja-Verfilmung in euer Werk aufgenommen habt? Mir ist bekannt, dass es im Original eurer Arbeit recht nahe kommt, aber das allein schafft ja noch keine Vorliebe!

Stefan:
Doch, eigentlich schon. Es passt einfach perfekt, ist eine großartige Komposition mit unglaublicher Harmoniefolge und ist der ideale Einstieg in unsere Platte.

Erika:
Ihr nennt eure Musik "Helden-Metal". Warum? Womit identifiziert ihr euch dabei?

Stefan:
Erstmal steht das Wort "Held" für die Art von Musik, die mich auch beim Komponieren inspiriert hat, also die Arten des Metal, die mit einem gewissen Bombast und Pathos einhergehen. Und dann ist es einfach so, dass wir mit der Musik ein gutes Gefühl hinterlassen wollen. Es ist eindeutig positive Musik. Wir sind weder Aggros noch sind wir Frustkasper, wir wollen einfach den Metal und die Energie, die in ihm liegt, nutzen um den Leuten das Gefühl von etwas Großem, Heroischen zu geben. Das selbe Gefühl, das dich übermannt, wenn du dir "Gladiator" anschaust.

Erika:
Ich assoziiere am ehesten Power Metal mit euren Arrangements. Selbst diese Art des Metals ist der eher derben maskulinen Metalszene nahe. Eure Musik und die Art der Präsentation kommen mir feinsinniger und intellektueller vor. Daher die Frage, inwieweit identifiziert ihr euch mit der Metalszene?

Stefan:
Feinsinnig und intellektuell passt natürlich wie die Faust auf die Augen von Strilli und Dennis, die sich ja gerne selbst als Heavy-Metal-Power-Prolls bezeichnen und saufen, als gäb's kein Morgen. Im Ernst: Die Arrangements mögen musikalisch intellektuell anmuten, ich fasse das jetzt mal als Lob auf, aber schon ein Blick auf unsere musikalischen Ursprünge und auf die anderen Bands der VAN CANTO- Mitglieder, die ich vorhin genannt habe, sollte klar machen, dass wir Metaller sind. Ich kann mich mit keiner Szene auf der Welt besser identifizieren als mit der Metalszene.

Erika:
Habt ihr euch je Gedanken gemacht, ob eure Art der Musik vom durchschnittlichen Metalkonsumenten anerkannt wird und ob ihr dessen Erwartungen erfüllen könnt?

Stefan:
Was ist schon der Durchschnitt? Metal ist inzwischen so populär und genauso Mainstream wie GRÖNEMEYER. Das mag man jetzt schade finden, aber es ist einfach so. Früher haben lange Haare in manchen Familien schon zu ernsthaften Zerwürfnissen geführt, heute interessiert sich ein Zwölfjähriger für Fußball und geht abends mit seinem SLIPKNOT-T-Shirt zum Training und keinen stört's.
Deswegen gibt es innerhalb des Metal soviel verschiedene Spielarten und in jeder Spielart gibt es irgendwelche Verfechter der wahren Lehre, die nichts anderes zulassen. Das wird uns auch passieren und das ist auch okay. Besser polarisieren als langweilen. Und wenn wir Leuten gefallen, die sonst keinen Metal hören, finde ich das auch nicht schlimm. NIGHTWISH laufen auch auf Pro7 als Werbeuntermalung und werden trotzdem auf dem Wacken abgefeiert. Wenn man zu seiner Musik steht, hat man auch keine Probleme mit der Glaubwürdigkeit, egal welcher Szene man dann letztendlich zugeordnet wird.

Erika:
Wollt ihr überhaupt vergleichbar sein mit Metalbands der herkömmlichen Art?

Stefan:
Klar, warum nicht? Die Kompositionen sind ja, wie du richtig bemerkt hast, eigentlich Power-Metal-Kompositionen, also liegt es ja nahe. Wir sagen ja auch, wir machen Metal-A-Capella und nicht irgendwas anderes. Aber Vergleiche bei so was Individuellem wie Musik sind immer subjektiv.

Erika:
Wo sucht ihr euer Publikum?

Stefan:
Wir suchen es nicht, wir hoffen es findet uns, haha. Nein im Ernst: Wir haben diese Platte bisher ausschließlich an Metalzines geschickt. Wir haben ja auch METALLICA gecovert und nicht irgendwas von den BEATLES. Von daher suchen wir erstmal nach offenen Metallern.

Erika:
Wie geht es weiter mit euch? Werdet ihr eure Musik künftig live präsentieren?

Stefan:
Wir probieren, ein paar Festivals mitzunehmen und werden das Album weiter promoten. Mal sehen, was alles draus wird.

Erika:
Danke für die Bereitschaft, einige Fragen zu beantworten!
Für eure weiteren Schritte wünsche ich euch viel Erfolg!

Redakteur:
Erika Becker

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