VALKEAT: Track-By-Track des neuen Albums "Fireborn"

10.07.2023 | 14:54

Ein neuer Stern am Folk-Metal-Himmel? Mit Sicherheit, denn die Finnen von VALKEAT haben schon 2017 mit ihrem selbstbetitelten Debüt in der Szene für Furore gesorgt. Gut Ding will bekanntlich Weile haben, sodass wir uns stolze sechs Jahre gedulden mussten, bis mit "Fireborn" endlich der zweite Streich der fünf Herren aus Espoo zu uns schwappt. Und im Gegensatz zum ohnehin schon tollen Einstieg einst, wirkt Album Nummer zwei noch viel ausgefeilter, mit sich und der Welt im Reinen, auf der nächsten Stufe des atmosphärischen, symphonischen Folk Metals. Ist das die "New Generation Of Finnish Folk Metal"? Nun, wir haben uns für euch das kommende, am 18. August über Reaper Entertainment erscheinende, Zweitwerk genauer und Song für Song einmal angehört, um die Weiterentwicklung dieser Band in den Fokus zu stellen, die erfrischende Brise aus dem kühlen Norden zu spüren und die Klasse von "Fireborn" zu ergründen.

Bevor ich allerdings auf die einzelnen Songs eingehe, möchte ich euch die Musiker hinter dem, zum Großteil in den Sonic Pump Studios aufgenommenen Album, einmal vorstellen. VALKEAT besteht aus Sänger Miikka Virtapuro, Gitarrist Aleksi Kulmala, Bassist Juho Aarnio, den Kantele-Spielern Eppu Puhjo und Iida-Maria Kuronen. Sie fanden sich 2014 zusammen, nahmen den Schlagzeuger und Percussionisten Vesa Laamanen mit in ihre illustre Runde auf und wenn ihre Landsmänner von AMORPHIS mit "Tales From The Thousand Lakes" ihre Liebe zur Heimat besingen, dann nimmt VALKEAT dies sehr wörtlich und entwirft musikalische Bildnisse von gefallenem Schnee, Nordlichtern in Hülle und Fülle und einer einzigartigen Aura. Doch genug geschwafelt, here we go:

1.    My Crown
Der Beginn könnte rhythmischer und eindringlicher nicht sein, wenn kriegerische Chöre und der folkloristische Charme das erste Mal in den Vordergrund treten und die Kantelen zeigen, wie eindringlich und melodisch die traditionelle, finnische Musikkultur klingen kann. Die Schlachtrufe bleiben bestehen, während Miikka mit seinem einfühlsamen Gesang dem schönen Refrain die Krone aufsetzt. Von Anfang an taucht man also tief ein in den symphonischen Folklore-Charme der Finnen, die mit den Hörern bei wehendem Winde am Lagerfeuer sitzen und uns den Geist des Nordens inhalieren lassen.

2.    Tribe
Der nächste Song wird noch etwas opulenter, voluminöser und obgleich in den Strophen die Keyboard-Arrangements ein wenig in den Vordergrund treten, wirken sie zu keiner Zeit fehl am Platz und unterstützen Miikka im Gesang, während zwischenzeitlich ein Hauch von Bombast Einzug hält. Zu 'Tribe' wurde auch ein sehr aufwendiges, wunderbares Musikvideo erarbeitet, das repräsentativer für das Album nicht hätte ausfallen können und den Geist Finnlands, vom nördlichen Lappland bis zum südlichsten Zipfel Helsinkis hervorragend in Szene setzt.


3.    Swan Song (Lemminkäinen)
Der melancholische Schwanengesang beginnt etwas gediegener und stützt sich vor allem auf den melodischen Gesang, ehe nach knapp zweieinhalb Minuten die Chöre für den epischen und erhabenen Touch sorgen. Eine wunderbare, nahezu romantische Aura und die Lagefeuerstimmung könnte knisternder kaum sein.

4.    Ukko
Jetzt melden sich die Wikinger zurück, jedoch nicht ohne auch diesmal einen gelungenen Spagat aus Moderne und finnischer Tradition zu wagen. Und zu gewinnen, denn vor allem im mehrstimmigen Refrain baut sich eine Gänsehaut auf, die man braucht, um in den dichten Wäldern des Nordlandes zu überstehen. Dennoch lässt 'Ukko' einen gewissen Pop-Appeal in den Strophen nicht los – wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

5.    Moras
Zu Beginn sieht man sich in einem hypnotisierenden Strudel, ehe die immens dichte Atmosphäre vom eindringlichen Gesang noch weiter fokussiert wird. Liebe Leser, schließt die Augen und lasst dieses hochcineastische Ritual auf euch wirken. Manchmal glaubt man, einen bis dato unentdeckten "Der Herr der Ringe"- oder "Vikings"-Soundtrack vor der Nase zu haben.

6.    Fireborn
Das Titelstück gleicht mehr einem Hörspiel: gesprochene Passagen, heroische "Ohooohoh"-Chöre und auch die E-Gitarre kann sich einmal mehr anmelden, doch nicht ohne die orchestralen Arrangements links liegen zu lassen. Erneut ein typischer Soundtrack-Sound wie bei 'Moras'.

7.    Karjalan Kunnailla
Ein wenig besinnlicher, noch melodischer und fast schon friedlicher legt sich dieser komplett auf Finnisch gesungene Song auf die Haut – eine Wohltat für verbrannte Seelen, die sich nach Halt und Zuneigung sehnen. Das Karelische Bergland könnte nicht harmonischer und stimmungsvoller besungen werden.

8.    Summer Nights
Ja, auch in Finnland scheint die Sonne und selbst nachts sorgen warme, melodische Strophen, orchestrale Arrangements und eine mit sich und der Welt im Reinen seiende Aura für das gewisse Extra. Spätestens jetzt fällt die oben angesprochene Weiterentwicklung VALKEATs auf, wirken die Songs doch stimmiger, ausgereifter.

9.    Iku
Ein nahezu komplettes Instrumental, das vereinzelt von sehr gefühlvollem Gesang begleitet wird und die Zerbrechlichkeit dieses zauberhaften Stücks versinnbildlicht. Auch hier werden die Kantele-Töne äußerst geschmackvoll eingesetzt und bei allem Wikinger-Charme in den Stücken zuvor, darf man sich hier auch die eine oder andere Träne erlauben.

10.    Tule Kokko
Wer bei Wikinger-Musik automatisch an AMON AMARTH und Konsorten denkt, ist bei VALKEAT an der falschen Adresse, denn wie in der Serie "Vikings" wird hier auf die Wikinger-Stimmung mit tiefem Gesang, dem Stamm, der die Worte des Oberhaupts wiederholt, und einer sehr altertümlichen Aura gebaut. Einmal mehr ein Song, der am Lagerfeuer die eindringlichste Stimmung verbreitet.

11.    Thunderbird
Der Donnervogel, der sich sieben Minuten lang in den Lüften hält, fasst die Grundausrichtung der Finnen wohl am deutlichsten zusammen und ist in sich schon die pure Abwechslung. Eine getragene, tiefe Strophe, ein erleuchtender Refrain und nach vier Minuten macht sich die Dunkelheit auch in der hellsten Stunde bemerkbar, ehe das Hauptaugenmerk wieder auf die Emotionalität und die himmlische Symphonik gelegt wird.

12.    Vana
Langsam kommen wir zum Endspurt in diesem durch und durch besonderen Album. Hand aufs Herz, Musik wie solche ist besonders und fernab von allem, was ich bis dato aus Finnland hörte. Natürlich hat 'Vana' auch ganz dezente KORPIKLAANI- und AMORPHIS-Vibes, doch auch in diesem Song macht sich die immense Eigenständigkeit VALKEATs bemerkbar, die wieder etwas schwungvoller und dynamischer zu Werke geht, ohne den melodischen Aspekt außer Acht zu lassen.

13.    Kuolematon
Die Unsterblichkeit beginnt einmal mehr sehr erhaben, hat eine wunderschöne Melodie, strahlt dabei eine so beruhigende Wirkung aus, auch wenn der Spannungsbogen von Sekunde zu Sekunde ein klein wenig zunimmt, doch über die dreiminütige Spielzeit dieses Instrumentals hat der Hörer die Möglichkeit dem Alltag zu entfliehen und ein erfrischendes Bad in einem finnischen See zu nehmen.

14.    Land Of Falling Leaves – Song Up The Skies
Nun ist es leider gekommen, das Ende dieses einzigartigen Albums, das ich, wie schon angemerkt, mehr als Soundtrack sehe, denn als ein reines Musikalbum. Auch der abschließende, wieder auf Englisch gesungene Track, strahlt mit Gesang, hauchzarten Orchester-Arrangements, einem himmlischen Chor und diesem einzigartigen Nordflair eine Rundum-Zufriedenheit aus, wie es die Welt heutzutage wohl am dringlichsten braucht. Und selbst nach diesen sechs Minuten kann man den Kloß im Hals nicht ignorieren, dafür war das zuvor Gehörte zu eindrucksvoll.

Fazit: Geschriebene Worte haben den großen Vorteil, dass man sie auch nachträglich noch hinzufügen kann, wenn man im Augenblick des Konsums zu ergriffen ist. Und wer auf fette Gitarren, ein wenig Geröll und die Wut im Bauche der Wikinger gewartet hat, wird auf "Fireborn" nicht fündig. Doch wer tief in die Seele unserer nordischen Kollegen blicken möchte, ein Album oder besser Klänge konsumieren möchte, die uns tief, sehr tief in die finnischen Wälder führen, um dort eine Art Selbstfindung zu erfahren, der wird von VALKEAT an die Hand genommen und bekommt mit "Fireborn" ein Album, das seinem Namen alle Ehre macht. Nein, ein herkömmliches Musikalbum sieht anders aus, doch wenn ich eines schönen Tages nochmal nach Finnland oder generell den Norden reisen sollte, wird "Fireborn" mitgenommen. Denn selten wurde die Suche nach den flackernden Geistern des Nordlichts so besinnlich, spannungsvoll, eindringlich und authentisch intoniert wie heuer von VALKEAT. Ich bin geplättet.

Bandfoto-Credits by Reaper Entertainment.

Redakteur:
Marcel Rapp

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