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THORNE, STEVE: Interview mit Steve Thorne

29.04.2007 | 11:41

STEVE THORNE war in der Prog-Szene bislang nahezu völlig unbekannt. Auf den beiden "Emotional Creatures"-Solowerken schaffte der britische Sänger und Multiinstrumentalist es dennoch, eine Fülle von bekannten Gast-Musikern zu vereinen, die mit ihren unbestrittenen Fähigkeiten dazu beigetragen haben, Steves musikalische und textliche Visionen gleichermaßen tiefgründig wie detailverliebt, rockig wie nachdenklich für die Nachwelt festzuhalten. Grund genug, den Nobody zur Entstehung dieses tollen Doppel-Albums zu befragen.

Elke:
Du warst früher Mitglied in einer Formation namens THE SALAMANDER PROJECT, von der man aber keinerlei Spuren im Internet finden kann. Gibt's die noch?

Steve:
THE SALAMANDER PROJECT sind nie live aufgetreten und haben auch keine CD aufgenommen. Drei andere Typen und ich haben einiges von meinem "Emotional Creatures"-Material geprobt, aber die Band kam nicht wirklich in die Gänge. Was schade ist, denn die Proben waren sehr vielversprechend.

Elke:
Warst du noch in andere Bands oder Projekte involviert, bevor du dein erstes Solo-Album aufgenommen hast?

Steve:
Ja, ich hatte eine Band namens COLONY:EARTH. Wir traten viele Jahre lang sehr erfolgreich im Süden Englands auf. Leider wagten wir uns jedoch nie über diese Region hinaus.

Elke:
Vor zwei Jahren erschien der erste Teil der "Emotional Creatures"-Alben. Was hat dich dazu bewogen, eine Solo-Karriere zu starten?

Steve:
"Emotional Creatures" war ein Konzept, das mir viele Jahre lang im Kopf herumschwirrte. Ich rechnete damals jedoch nicht damit, dass daraus letztendlich eine Solo-Karriere werden würde, auch wenn ich das ganze Material selbst geschrieben hatte. Es begann eigentlich mit einem Album, das sich im Laufe der Zeit zu einem Doppel-Album aufblähte. Mir ist es aber wichtig zu betonen, dass Teil eins und zwei ein Gesamtwerk sind und man sie nicht getrennt voneinander betrachten sollte. Die Scheiben als Solo-Künstler zu veröffentlichen ermöglichte es mir, genau die richtigen Musiker für jeden einzelnen Track heranzuziehen, und gab mir ein Gefühl von kompletter Freiheit, was meine Songs betrifft.

Elke:
Bereits für den ersten Teil konntest du eine Riege von ziemlich bekannten Musikern gewinnen. Wie kam der Kontakt zustande?

Steve:
Mein Co-Produzent Rob Aubrey und ich kennen uns schon ewig, eigentlich bereits aus der Schule. Als ich ihm zum ersten Mal einige meiner "Emotional Creatures"-Sachen in einer groben Demo-Form vorspielte, teilte er mir mit, dass er seitdem wir das letzte Mal vor einigen Jahren miteinander gesprochen hatten, für einige sehr gute und bekannte Musiker den Live-Mix und die Aufnahmen gemacht hatte. Der erste davon war Nick D'Virgilio von SPOCK'S BEARD. Ehrlich gesagt hatte ich bis dahin noch nie von ihnen gehört, aber als er KEVIN GILBERT [Musiker und Produzent sowie ein guter Freund von D'Virgilio - die Verfasserin] erwähnte, den ich absolut verehre, machte es plötzlich klick. Nachdem ich also verstanden hatte, von wem und worüber Rob genau sprach, war ich völlig begeistert von den Möglichkeiten, die sich dadurch für mich eröffneten. Nick ist ein unglaublicher Schlagzeuger und vielseitiger Musiker. Nachdem Nick das Schlagzeug auf einigen Tracks übernommen hatte, wurde es leichter, all die anderen großartigen Musiker zu überzeugen und dazu zu bewegen, ihren Beitrag zu leisten. Was Tony Levin betrifft, so bin ich ein großer Fan von PETER GABRIEL, und Tony auf dem Album zu haben ist für mich ein wahrgewordener Traum. Wie auch immer, SPOCK'S BEARD waren mit Rob Aubrey auf Tour, und der Support war THE CALIFORNIA GUITAR TRIO, drei fantastische Gitarristen aus Amerika, an deren Alben Tony Levin als Bassist und Produzent mitwirkte - was für eine kleine Welt! Rob fragte einen der Typen, Paul Richards, ob Tony möglicherweise als Gast auf einem Album von seinem Freund STEVE THORNE mitwirken würde. Paul versprach, ihn auf jeden Fall zu fragen, da er ein feiner und sehr zugänglicher Mensch sei. Wir schickten Tony daraufhin einen groben Mix einiger Songs, die ihm so gut gefielen, dass er umgehend zusagte. Der Rest ist Geschichte, und der daraus resultierende Höhepunkt ist für mich das Instrumental 'Every Second Counts' von "Emotional Creatures Part 1", einem der besten Beispiele für Tonys unglaubliche Fähigkeiten, den Bass mit Schlagzeugstöcken zu spielen.

Elke:
Hast du schon mal daran gedacht, eine echte Band zu gründen, um das Material auch live präsentieren zu können?

Steve:
Ja, das war eigentlich immer der Plan, beide Alben vollständig mit einer kompletten Band aufzuführen. Aber als Newcomer ohne Rang und Namen dachte ich, es sei am besten, es komplett im Alleingang mit Gast-Musikern durchzuziehen, um meine Musik möglichst ökonomisch unters Volk zu bringen. Mit einer richtigen Band auf Tour zu gehen ist unglaublich kostspielig und wäre zum damaligen Zeitpunkt zu ambitioniert für mich gewesen. Hoffentlich kann ich das in naher Zukunft nachholen.

Elke:
Der erste Teil der "Emotional Creatures"-Serie ist insgesamt etwas härter ausgefallen. Da die meisten Stücke zur gleichen Zeit geschrieben worden sind, stellt sich mir die Frage, ob es beabsichtigt war, die Alben entsprechend zu strukturieren, dass der erste Teil etwas rockiger ausfällt und der zweite etwas dunkler und melancholischer.

Steve:
Nicht wirklich. Wie ich bereits sagte, betrachte ich beide Teile als ein einziges Album. Und auf beiden variiert die Härte von Stück zu Stück. Auf Teil zwei gibt es ein paar richtig harte Elemente, ebenso auf Teil eins, genau wie beide einige ruhigere Passagen enthalten.

Elke:
Die Texte waren im ersten Teil etwas eindeutiger. Auf Teil zwei bin ich bei einigen Stücken noch nicht so ganz hinter ihre Bedeutung gekommen. Was sagt zum Beispiel der Nachrichtensprecher im ersten Instrumental 'Toxicana Apocalypso'?

Steve:
Das Stück behandelt die Verschmutzung unseres Planeten durch die großen Öl-Firmen der Welt. Um es kurz zu machen: Es geht um die kaltschnäuzige Werbung einer Öl-Firma, die stillschweigend die Tötung wilder Tiere in Kauf nimmt, um Energie zu sparen, was natürlich unvorstellbar ist.

Elke:
Und worum geht es in 'Roundabout'?

Steve:
Um den geistigen Rückzug von der kalten Realität der negativen Seite der menschlichen Natur.

Elke:
Aha! Rätselhaft ist für mich auch die Passage in 'All The Wisemen', dass das "Universum oval wie ein Ei" ist. Was bedeutet das?

Steve:
'All The Wisemen' ist ein wütender Wortschwall über die schrecklichen Dinge, die wir Menschen mit unseren selbstzerstörerischen Handlungen verursachen. Die von dir zitierte Zeile ist mein Versuch, die Leute daran zu erinnern, wo wir in diesem Kosmos stehen. Das Leben auf der Erde ist ein Wunder, warum bestehen wir also darauf, alles kaputt zu machen? Ich schäme mich nicht zuzugeben, dass ich tief im Herzen ein kleiner Hippie bin.

Elke:
In der von deinem Label InsideOut verfassten Biografie heißt es, dass der Text von 'Crossfire' nach deinem Besuch bei Soldaten in einem Memorial Hospital entstanden sei, die nach Auslandseinsätzen im Sterben lagen. Wie kam es zu diesem Besuch?

Steve:
Diese Darstellung ist eigentlich nicht ganz richtig. Das Krankenhaus, von dem dort die Rede ist, wurde schon vor vielen Jahren zerstört, es ist nur noch eine zerfallene Ruine. Ein paar Freunde und ich stiegen durch ein zerbrochenes Fenster ein und liefen darin herum. Die Atmosphäre dieses Ortes war stark und gefüllt mit Leid. Dieses Krankenhaus war in den beiden Weltkriegen in Betrieb. Die berühmte Florence Nightingale soll dort gearbeitet haben, so dass ich glaube, dass es bis in die viktorianische Zeit zurückdatiert.

Elke:
Ein generelles Muster beider Alben scheint zu sein, dass die harten Texte oft im starken Kontrast zu den zarten Melodien stehen, wie auch bei 'Crossfire'. Der Hörer muss offenbar die Texte mitlesen, um wirklich zu verstehen, worum es in den Songs geht. Lag dies in deiner Absicht?

Steve:
Die Texte sind für mich das Wichtigste überhaupt. Die Musik ist nur ein Vehikel für die Worte und nicht umgekehrt. Und natürlich hoffe ich, dass der Hörer diese Tatsache nach einigen Durchläufen erkennen wird.

Elke:
Auch das Booklet, in dem jeder einzelne Song mit einem passenden Bild illustriert wurde, lädt den Hörer regelrecht dazu ein, es sich ganz genau anzuschauen. Wer war hat diese wundervollen Bilder ausgewählt?

Steve:
Das stimmt, die Bilder im Booklet sind sehr schön und stellen die Songs sehr gut dar. Ein Mann namens Tony Lythgoe hat sie zusammengestellt, der auch die Alben von IQ gestaltet.

Elke:
Ich habe versucht, die beiden Cover zu analysieren. Meine Idee war, dass das Bild auf dem ersten Album mit dieser seltsamen traurigen Kreatur ein Gefühl von Einsamkeit und Verzweiflung vermittelt. Aber das zweite mit der kleinen Biene (die man als ein Symbol des Lebens betrachten könnte, da sie die Blumen bestäubt) hat eine positivere Botschaft. Liege ich richtig?

Steve:
Die Cover stammen von Danny Flynn, und ich denke, du hast recht, was ihre Bedeutung im Zusammenhang mit der dazugehörigen Musik betrifft. Einige haben die Cover bereits dahingehend kritisiert, dass sie die Musik nicht wirklich gut abbilden würden. Wenn man aber die Vielfältigkeit des Materials und der behandelten Themen in Betracht zieht, wäre es denke ich fast unmöglich, sie alle in einem einzigen Bild wiederzugeben. Deshalb habe ich diese Bilder ausgewählt, die ich beide auf ihre Art liebe und die meiner Meinung nach von einem sehr talentierten Künstler gemacht wurden.

Elke:
Da die Texte wie du sagst sehr wichtig für die Songs sind, wie gehst du beim Komponieren vor? Hast du erst eine Melodie und schreibst dazu den passenden Text, ist es umgekehrt, oder gehen diese beiden Arbeitsschritte Hand in Hand?

Steve:
Letzteres. Normalerweise erschaffen die Akkorde und Rhythmen eine Atmosphäre, aus der sich dann die Texte ergeben. Es ist schwierig, den Prozess des Songwritings zu analysieren, da er meistens mit einer Art Trance oder einem bestimmten Geisteszustand einher geht.

Elke:
Auf dem zweiten Album kommt in den letzten beiden Stücken ein echtes Orchester zum Einsatz. Viele Künstler imitieren den Orchester-Sound mit dem Keyboard, wohl auch weil die Verpflichtung eines Orchester das Budget enorm in die Höhe treiben würde. Wie hast du dieses Problem gelöst?

Steve:
Ich wollte "Emotional Creatures" immer mit einem großen Knall enden lassen, und ich wusste von Anfang an, dass diese beiden Stücke - 'The White Dove Song' und 'Sandheads' - die letzten beiden Tracks sein würden. Gelegentlich habe ich sie mit meiner alten Band COLONY:EARTH gespielt, wo die Keyboards die Orchester-Elemente übernommen haben. Die beiden Songs wurden also schon vor sehr langer Zeit komponiert, und ich hatte mir immer geschworen, sollte ich jemals die Chance bekommen, sie aufzunehmen, würde ich echte Steich-, Blech- und Holzblasinstrumente verwenden und sie nicht bloß imitieren. Auch wenn du es vielleicht nicht glauben magst, aber sämtliche Orchestermusiker haben kostenlos mitgearbeitet, und das in einer Zeit, wo sich alles nur noch ums Geld zu drehen scheint, was meinen Glauben an die Menschheit wieder herstellt. Musik ist mir so viel wichtiger als Geld. Leider muss man eine gewisse Summe aufbringen, um sie aufzunehmen, damit die Menschen sie hören können. Das Plattenlabel wusste noch nicht einmal, dass ich plante, ein echtes Orchester zu verwenden. Zum Glück haben sie mich nicht daran gehindert.

Elke:
Wie du bereits sagtest, wurden diese beiden Stücke schon vor sehr langer Zeit komponiert, genauer gesagt Anfang der Neunziger. Aber besonders der Text von 'Sandheads' fasst eigentlich alles zusammen, worüber du auf diesen beiden Alben gesungen hast. Bildete er die Grundlage für alle anderen Texte?

Steve:
Genau! 'Sandheads' rundet das ganze sozusagen ab und fasst alles Vorhergehende zusammen. "Emotional Creatures" wuchs in meinen Gedanken, seitdem ich diesen Song vor vielen Jahren geschrieben hatte. 'Sandheads' sollte schon immer am Ende einer langen Reise stehen, und ich habe die Sache quasi von hinten nach vorne aufgezogen, von 'Sandheads' zurück bis zum Anfang mit 'God Bless America'.

Elke:
'Sandheads' endet ja auch mit der Melodie, mit der 'God Bless America' einst begonnen hat. Ist das Thema "Emotional Creatures" für dich somit abgeschlossen?

Steve:
Ja, das ist das Ende der Serie, aber ich habe noch einige gute Tracks übrig behalten, die es nicht auf die beiden Scheiben geschafft haben. Nicht, weil sie in irgendeiner Form schwächer gewesen wären, aber die Alben wären sonst zu lang geworden. Möglicherweise veröffentliche ich sie zu einem späteren Zeitpunkt auf einem Mini-Album namens "Missing Creatures" oder so ähnlich. Wir werden sehen.

Elke:
Gibt es denn schon Pläne für das nächste Album?

Steve:
Es existiert bereits das Demo für ein drittes Album namens "Into The Ether". Im Moment besteht es aus ca. dreißig Songs, so dass möglicherweise wieder zwei Teile draus entstehen. Es wird sich sehr von "Emotional Creatures" unterscheiden, so viel ist sicher, und ich kann es kaum abwarten, weiter daran zu arbeiten.

Elke:
Und ich bin neugierig, welche tollen Musiker du dieses Mal verpflichten wirst. Steve, ich danke dir für dieses ausführliche Interview!

Steve:
Ich danke dir! Es hat mir wirklich Spaß gemacht.

Redakteur:
Elke Huber

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