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THE WAKES: Interview mit Paul Sheridan

10.08.2016 | 10:49

Vor kurzem veröffentlichten sie "The Red And The Green" in Deutschland: Paul Sheridan von THE WAKES spricht über deutsche Musik-Fans, Fußball und den Brexit.

Am 24. Juni habt ihr in Deutschland eure Platte "The Red And The Green" veröffentlicht, im September seid ihr in Großbritannien schon mit dem nächsten Album am Start. Wie fühlst du dich nach so viel Arbeit?

Wir haben ziemlich hart an diesem Album gearbeitet. Eigentlich freuen wir uns schon sehr darauf, es bald im Kasten zu haben.

Seid ihr schon sehr gespannt auf die Reaktionen der Fans?

Natürlich. Wir haben eigentlich immer die Befürchtung, dass unser neues Album nicht so gut sein könnte wie sein Vorgänger. Aber als Musiker lebst und stirbst du mit deiner Musik und du alleine musst daran glauben, dass das, was du machst, gut genug ist. Ich glaube, wir alle sind selbstkritisch genug um auch mal feststellen zu können, wenn etwas nicht funktioniert. Aber wir freuen uns schon riesig auf die Shows mit dem neuen Album! Was die politische Seite der Lieder betrifft: Ich glaube, wir haben ziemlich viel aus dem gemacht, was momentan um uns herum geschieht.

Wenn man eure Lieder hört, drängt sich der Vergleich zu Bands wie "ADAM AND THE ANTS" geradezu auf. Haben andere Bands, die ihre Wurzeln im Celtic oder Folk Punk haben, eure Musik stark beeinflusst?

Das ist tatsächlich eine Frage, die mir schon oft gestellt worden ist. Ich glaube tatsächlich, dass unsere Wurzeln bei den Sängern der irischen und schottischen Folk-Szene liegen. Bands wie "THE DUBLINERS" oder "THE BARLEYCORN" haben uns schon in unserer Kindheit beeinflusst. Sie sind einfach Teil unserer Kultur. Aber wenn du älter wirst, stellst du irgendwann fest, dass die Welt aus mehr als nur der Plattensammlung deines Vaters oder deines großen Bruders besteht. Mein persönlicher musikalischer Held ist Shane MacGowan von "THE POGUES". Er hat den Spirit von Luke Kelly (THE DUBLINERS), aber den Punk von Johnny Rotten (SEX PISTOLS).

Tuomas Holopainen hat einmal gesagt, dass NIGHTWISH nicht wie NIGHTWISH klingen würde, wenn es keine finnische Gruppe wäre. Wie steht es da mit THE WAKES? Würdet ihr anders klingen, wenn ihr keine Schotten wärt?

Die Tatsache, dass wir aus Schottland kommen, hat unser Auftreten als Band wirklich stark geprägt. Sie beeinflusst nicht nur unser äußeres Erscheinungsbild, sondern auch die Art, wie wir mit dem Leben selbst umgehen. Ich würde jetzt nicht sagen, dass wir "Das Glas ist halbleer"-Folk spielen. Aber wenn es die meiste Zeit des Jahres regnet... Dann beeinflusst das unser Songwriting doch irgendwie.

Wenn ich mir eure Fotos auf der Homepage so anschaue: Ihr scheint euer Herz an Hamburg verloren zu haben! Wie kam es dazu?

Wir haben das Glück, schon in ganz Deutschland gespielt zu haben. Vielleicht ist Hamburg ja deshalb so in unseren Köpfen geblieben, weil wir dort 2009 unsere erste Deutschland-Show gespielt haben.

Eure Liebe für Hamburg geht sogar soweit, dass ihr den Fans des FC St. Pauli auf "The Red And The Green" ein Lied gewidmet habt: 'Pirates Of The League'...

Das hat viel mit dem Ethos des Vereins und deren Fans zu tun. Sie sind gegen Rassismus, Faschismus und gegen das Establishment. Das ist einfach großartig, gerade in einem so modernen Spiel. Die englische Premier League suhlt sich in ihrem Ruf, die beste Liga der Welt zu sein. Aber sie ist noch weit davon entfernt, sich mit der deutschen Bundesliga messen zu können. Wir alle sind auch Fans von Celtic Glasgow: Zwischen den Fans beider Vereine gibt es schon lange so eine Art Fan-Freundschaft, die schon lange Zeit vor unserem Song entstand. Wir wollten einfach ein Lied schreiben, das unsere besondere Beziehung zu Hamburg und dem FC St. Pauli wiederspiegelt. Ich unterstütze den St. Pauli schon seit 1997 und hoffe in dieser Saison natürlich auf einen ordentlichen Durchmarsch in der Liga!

Gibt es einen Unterschied zwischen dem deutschen Publikum und den Leuten, die in Schottland zu euren Konzerten kommen?

Das deutsche Publikum hört viel aufmerksamer zu und findet viel schneller in die Musik. Ganz egal, ob du vor einem neuen Publikum oder ob du einen fremden Song spielst. Ich glaube, dass die Musik-Szene in Deutschland und anderen Teilen Europas vielfältiger ist als bei uns. Diese Bandbreite an Genres kann im Vereinigten Königreich schnell verloren gehen, wenn Radio-Sender den Markt weiterhin mit irgendwelchen Reality-Show-Gewinnern oder furchtbarem Pop überschwemmen.

Obwohl eure Musik ganz im Zeichen des Folks ziemlich lebensfroh und lebendig klingt, sind eure Themen ziemlich ernst. Und sehr oft auch sehr kritisch: Wie wichtig ist dir diese politische Komponente eurer Songs?

Wir machen politische Musik. Das ist unsere Art, Botschaften zu übermitteln und wir wären nicht wir, wenn wir das nicht tun würden. Selbst wenn ich es versuche: Ich finde es ziemlich schwierig, ein Liebeslied zu schreiben. Musikalisch kann ich mich viel besser über ernste Themen ausdrücken. Und viele Menschen, die unsere Musik hören, hören uns ja auch aus diesem Grund.

Eure Lieder sind oft auch Porträts außergewöhnlicher, starker Menschen. Wo nehmt ihr diese Persönlichkeiten her? Sind es private Helden oder stolpert ihr per Zufall, etwa beim Lesen, darüber und denkt euch: "Daraus könnte ich einen Song machen!"?

Tatsächlich nutze ich da ziemlich verschiedene Quellen, aber der Funke muss einfach überspringen. Das zweite Lied, welches ich geschrieben habe, 'These Hands', handelt von einem Mann aus Glasgow, der nach Spanien geht um dort im Bürgerkrieg zu kämpfen. Von seinem Schicksal habe ich wirklich in "The Big Issue" gelesen. Das ist eine Zeitschrift, die ins Leben gerufen wurde, um Obdachlose zu unterstützen. Die Idee zu manchen Songs auf unserem neuen Album, wie etwa 'No Human Is Illegal' oder 'Holy Land' kam mir hingegen beim Nachrichtenschauen.

Ein ganz aktuelles Thema: Die Briten haben vor Kurzen beschlossen, die Europäische Union zu verlassen. Angesichts der Tatsache, dass ihr eine schottische Band mit Verbindungen in die ganze Welt seid - wird diese Entscheidung euren weiteren Weg irgendwie beeinflussen? Und wie denkst du persönlich über den "Brexit"?

Schottland hat für den Verbleib Großbritanniens in der EU gestimmt. Leider ist diese Entscheidung im Endergebnis nicht ins Gewicht gefallen. Aber es ist unmöglich, jetzt schon die Zukunft vorauszusagen. Da sind wir von der Gnade der Politiker und deren weiteren Entscheidungen abhängig.Es könnte für uns als Band ernsthafte Folgen haben, vielleicht müssen wir in Zukunft Visa beantragen, wenn wir in anderen Ländern spielen wollen. Politiker, die für den Austritt waren, haben uns schlicht und ergreifend belogen und viele von uns, besonders die kommenden Generationen, stehen nun als Verlierer da. Was aber wirklich besorgniserregend und traurig ist: Seit der Abstimmung ist der Rassismus in Großbritannien viel stärker geworden. Ich könnte einen ganzen Artikel darüber verfassen, aber wirklich glauben kann ich es immer noch nicht. So viele haben für die Anti-Immigrations-Rhetorik der "Brexit"-Anhänger gestimmt und waren dabei so blind, dass sie nicht gesehen haben, wie sehr diese Entscheidung sie und ihre Kinder in Zukunft einschränken wird.

Eine ganz gemeine Frage, wo ihr doch gerade noch an eurem neuen Album arbeitet -aber habt ihr schon eine Idee, wo es in Zukunft mit euch hingehen soll?

Amerika steht bei uns ganz hoch im Kurs. Mal schauen, ob wir das eines Tages noch schaffen.

Natürlich gehören die letzten Worte dir: Was willst du unseren Lesern noch mitteilen?

Erst einmal vielen Dank, dass ihr diesen Artikel zu Ende gelesen habt! Und vielen Dank, dass ihr zu unseren Shows kommt, unsere CDs kauft oder uns über Spotify hört - oder wie auch immer ihr uns unterstützt. Und für die, die noch nichts von uns gehört haben: Macht euch ein Bier auf, sucht uns auf YouTube, reißt die Fenster auf und dreht die Musik ganz laut!

Redakteur:
Leoni Dowidat
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