top banner 156
side banner 157

SONIC REIGN: Interview mit Ben

14.09.2006 | 23:51

Black-Metaller, aufgemerkt! In der Jahresendabrechung wird eine Platte ganz vorne mit dabei sein, die man vorher nicht auf dem Zettel hatte. Die Rede ist von "Raw Dark Pure" der Deutschen SONIC REIGN. Quasi ohne fremde Hilfe – u.a. wurde im Vorfeld das Label Sovereignty Productions gegründet – hat das Duo ein mitreißend düsteres, von vorne bis hinten stimmiges und vielschichtiges Album auf die Beine gestellt, das man gehört haben sollte. Und genauso konsequent, wie diese Scheibe in jeder Phase klingt, präsentiert sich auch Sänger/Gitarrist Ben, der im Interview Klartext redete.


Oliver:
Zwischen eurem ersten Demo "A Journey" und der offiziellen Debüt-EP "The Decline Portrait" lagen fünf Jahre. Seid ihr mit dem Demo nur auf Ablehnung gestoßen oder habt ihr gar nicht intensiv nach geeigneten Plattenfirmen gesucht?

Ben:
Ja, wir haben das Demo an kein einziges Label verschickt. Genau genommen haben wir es generell kaum verschickt. Ich erinnere mich an eine ganz ordentliche Kritik im Ablaze. Aus heutiger Sicht war alles extrem unprofessionell; damals waren wir aber ziemlich stolz auf Musik und Aufnahmen. Danach haben wir uns sehr viel Zeit für neues Material genommen, unseren Stil umgeschmissen und im Februar 2001 "The Decline Portrait" aufgenommen, das erst 2004 offiziell veröffentlicht wurde. Eigentlich ist die große Lücke zwischen beiden Veröffentlichungen nur auf einen ziemlich spät gelandeten Deal mit unserem alten Label zurückzuführen.

Oliver:
Von Supreme Chaos Records habt ihr euch danach getrennt und euer eigenes Label gegründet. Habt ihr schlechte Erfahrungen gemacht?

Ben:
Ja, wir waren mit SCR unzufrieden. Aber ich will meine schmutzige Wäsche nicht in der Öffentlichkeit waschen. Das war auch nur einer der Gründe, der uns dazu bewegt hat, Sovereignty zu gründen. Über die Zeit hinweg haben wir festgestellt, dass es gerade im Musik-Business meist mehr Probleme und Ärger als Nutzen mit sich bringt, sich auf andere Leute verlassen zu müssen. So haben wir uns für eine Lösung entschieden, bei der kaum jemand eine Möglichkeit hat, uns im Weg zu stehen. Natürlich ist man nie vollkommen autark, aber man kann die eigenen Abhängigkeiten zumindest auf vertrauenswürdige Personen einschränken.

Oliver:
Die Aufnahmen zu "Raw Dark Pure" gingen ebenfalls komplett in Eigenregie über die Bühne, lediglich für das Mastering habt ihr die Platte aus der Hand gegeben. Euer Drang nach Unabhängigkeit ist auch hier sehr stark.

Ben:
Ja. Aber nicht auf eine so fanatische Art, dass wir um keinen Preis etwas aus der Hand geben wollen. Aber warum Dinge aus der Hand geben, die man selber professionell schaffen kann? Wie gesagt, je weniger andere Menschen in unser Schaffen involviert sind, desto weniger kann schief gehen. Die Aufnahmen im eigenen Studio hatten daneben aber auch ganz praktische Gründe: Neben der vollen Kontrolle über den Sound hatten wir auf diese Art ein Maximum an Flexibilität, was die Aufnahmezeiten angeht. Auf das Ergebnis sind Sebastian und ich sehr stolz. Das Mastering selbst zu machen, war uns dann aber aus zwei Gründen zu heikel. Zum einen haben wir auf diesem Gebiet bisher noch nicht die großen Erfahrungen sammeln können, und bei "Raw Dark Pure" sollte alles perfekt werden. Zum anderen war es uns wichtig, dass unsere Aufnahmen noch mal von einer unabhängigen und erfahrenen Person kritisch unter die Lupe genommen werden, denn für unfehlbar halten wir uns nicht. Zumindest noch nicht.

Oliver:
Ihr bezeichnet euch als "Modern Black Metal". Was glaubst du, wie viel Raum für Experimente lässt das Black-Metal-Genre?

Ben:
Genauso viel wie jedes andere, nur sind sie vermutlich in jedem anderen Genre lieber gesehen als in der Black-Metal-Szene. Wenn man sich allein die Spanne anschaut, die zwischen EMPEROR, THORNS, SATYRICON, LIMBONIC ART und DARKTHRONE liegt - das sind Welten. Und doch spielen sie alle – zumindest in meinen Augen, da schreien sicherlich wieder einige auf – Black Metal.

Oliver:
In der weitestgehend stockkonservativen Black-Metal-Szene dürfte die Selbstbeschreibung "modern" auf wenig Gegenliebe gestoßen sein. Gab's schon die übliche Meckerei?

Ben:
Natürlich. Das ist unvermeidlich. Eigentlich ist es fast schon wieder amüsant zu sehen, wie berechenbar viele Spießer ihre Spießermäuler aufreißen, ohne auch nur einen scheiß Ton gehört zu haben. Solche Leute machen aber nicht die Szene aus, auch wenn sie's gern so hätten. Sie sind nur einfach die Lautesten und werden mehr belächelt, als sie denken. Reden wir nicht länger von solchen Nullen.

Oliver:
Die nationale Konkurrenz wie DARK FORTRESS oder auch GEIST verliert allerdings nur lobende Worte über "Raw Dark Pure" – nicht schlecht für eine "Eigenproduktion".

Ben:
Wirklich nicht schlecht, und wir sind sehr stolz darauf.

Oliver:
Wie würdest du Black Metal definieren?

Ben:
Uh, die Spezialfrage. Ich werde meine Zeit nicht mit dem Erschaffen einer allgemein gültigen Definition verschwenden, denn die kann es nicht geben, und davon abgesehen braucht so was auch niemand. Ich kann dir aber sagen, was mir Black Metal bedeutet. Er ist ein Teil meiner Person, keine Lebenseinstellung. Er ist eine Möglichkeit, meine dunkle Seite auszuleben, was mir sehr wichtig ist, aber er macht mich nicht komplett aus.

Oliver:
Der Albumtitel ist im Gegensatz zur Musik ein wenig klischeehaft. Warum habt ihr euch für einen vergleichsweise plakativen Namen entschieden?

Ben:
Der Name des Albums stand mit dem Namen des ersten fertigen Songs. Du findest ihn klischeehaft? Er hat einen Old-School-Touch und passt hervorragend zur Power der Songs an sich. Ich muss mich nicht für den Namen rechtfertigen, aber ich will klarstellen, dass es nie unser Ziel war, mit all unserem Schaffen progressiv oder anders zu sein. Das wäre für uns genauso unnatürlich, wie reinen Old School Black Metal zu spielen. Wir tun einfach, wonach uns ist. Wenn mir der Sinn danach stünde, mich verstellen zu wollen, dann würde ich keinen Black Metal spielen, sondern irgend so eine Heile-Welt-Scheiße.

Oliver:
'To Rebel And To Fail' ist für mich der Song, der eure Mischung aus Raserei und Progressivität am deutlichsten zum Ausdruck bringt. Ist er das Ende der Fahnenstange oder geht's für euch noch weiter?

Ben:
Ich weiß nicht. Wir werden sehen. Es war der letzte Song, der für "Raw Dark Pure" geschrieben wurde. Das sagt aber nichts über die Ausrichtung kommender Songs aus. Ich will einfach weitermachen wie bisher und sehen, wohin uns unser Weg führt. "The Decline Portrait" war sehr vielseitig, "Raw Dark Pure" noch viel mehr. Ich denke, meine Vermutung, dass das beim nächsten Mal wohl nicht anders sein wird, wird niemanden verwundern, der bis hierher gelesen hat.

Oliver:
In euren Texten, die deutlich über dem tausendmal wiedergekäuten Baukasten-Blabla vieler Konkurrenten anzusiedeln sind, übt ihr scharfe Gesellschaftskritik. Wie alle anderen extremen Metal-Spielarten eignet sich auch Black Metal hervorragend für derartige Lyrics. Warum nehmen sich viele Genrevertreter nicht mal mehr als eine Minute Zeit, um Texte zu schreiben?

Ben:
(lacht) Das ist schon der Hammer in diesem Genre, da hast du völlig Recht. Es gibt wirklich sehr viele Leute, die keine Texte, besser vielleicht gleich überhaupt nichts schreiben sollten. Warum sie's trotzdem tun? Keine Ahnung, vielleicht glauben sie, dadurch zu den extrem coolen, mysteriösen Kerlen zu werden, die sie gerne wären. Ich würde mich schämen, so einen Mist zu singen, wie es viele Bands tun.

Oliver:
Demnach dürften die Texte bei euch einen ebenso großen Stellenwert haben wie die Musik. Ist für dich einer eurer Songs nur dann gut, wenn er auch einen Text hat, mit dem du sehr zufrieden bist?

Ben:
Prinzipiell kann ein super Text allein aus schlechter Musik keinen guten Song machen. Umgekehrt geht das wohl – zumindest auf den ersten Eindruck. Für mich selbst wäre das aber ein Zugeständnis, mit dem ich nicht leben könnte. Dann wäre der Text nur dazu da, damit noch jemand über die Musik schreien kann. Wie kann man glaubhaft einsingen, was einen nicht bewegt? Gar nicht.

Oliver:
Insbesondere 'The Martyr Urge' spricht eine ganz deutliche Sprache. Der Text ist ein Aufruf zur Revolution. Wie sollte diese Revolution aussehen?

Ben:
In 'The Martyr Urge' wird eine Revolution der Einzelpersönlichkeiten besungen, keine der Massen. Auch wenn wir in dem Text von einem "Wir" sprechen, ist damit eine Summe von sich selbst bestimmenden und sich ihres Handelns voll bewussten Individuen gemeint. Eine Revolution gegen die Schwächen der eigenen Persönlichkeit. Eine Selbstreinigung, die, würde sie jeder Mensch für sich durchführen, auf die gesamte Menschheit projiziert jede andere Form einer "gemeinsamen" Revolution einer bestimmten Gruppe von Menschen lächerlich aussehen lassen würde.

Oliver:
Viele Leute interessieren sich überhaupt nicht für die Lyrics einer Band und beschäftigen sich auch nicht mit den Ansichten der Musiker – ein idealer Nährboden für die Ausbreitung von u.a. NSBM-Einzellern.

Ben:
Eigentlich nicht. Wenn sich niemand für deren Texte interessieren würde, würden sie sich ja nicht im eigentlichen Sinne verbreiten – indem sie ihre "Idee" verbreiten.

Oliver:
Das stimmt, ihre Ideologie fällt dadurch nicht zwangsläufig auf fruchtbaren Boden. Es geht mir dabei auch um die materielle Seite dieser Ausbreitung. Diese Gestalten werden von Leuten, die ihre Ideologie vermutlich absolut nicht teilen, aufgrund von Desinteresse oder Faulheit zur Recherche unbewusst unterstützt – sei es durch Plattenkäufe, Konzertbesuche, etc. – man findet eben nur die Musik gut. Und damit bekommen die Typen noch Kohle von Hörern, die sie im Normalfall eigentlich nicht erreichen dürften bzw. würden.

Ben:
In dem Punkt muss ich dir natürlich Recht geben. Und das ist schlimm genug. Aber was wollen solche Bands mit dem Geld machen? Ein Hakenkreuz-Fähnchen mehr für den nächsten 20. April kaufen oder die Special Edition von "Mein Kampf"? Was nützt es ihnen im Verbreiten ihrer idiotischen Ideologie? Zumindest bei den uninteressierten Hörern, die sich ausschließlich der Musik wegen CDs von NSBM-Bands kaufen, nichts. Mehr Sorgen machen mir leicht beeinflussbare Hörer, die solche Bands gerade wegen ihrer oft massiv in den Vordergrund gestellten rechten Gesinnung unterstützen, meist aus dem naiven Glauben heraus, dadurch selbst mehr aus der Masse hervorzustechen, und Bands, die mit dem Scheiß aus Image-Gründen spielen, auf Nachfrage aber plötzlich "total unpolitisch" sind. Da liegt das Problem in der Szene. SONIC REIGN distanziert sich ganz klar von diesem Gesocks. Diese Plage hat weder im Black Metal noch sonst irgendwo eine Daseinsberechtigung.


Somit weiß nun jeder, woran er bei SONIC REIGN ist. Und das ist neben der starken Musik ein weiterer Grund, sich über http://www.sovereignty-productions.de/ oder http://www.sonicreign.de/ an die Jungs zu wenden, denn die Platte ist vorerst nur dort zu bekommen.

Redakteur:
Oliver Schneider

Login

Neu registrieren