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SLAYER: Interview mit Kerry King

14.06.2010 | 14:50

Ein großer, käftiger Mann mit Stiernacken, Sonnenbrille und Tätowierungen bis zum Hinterkopf kommt durch die Tür: Kerry King, seines Zeichens Gitarrist von SLAYER, trägt sein Inneres wahrlich nicht außen. Freundlich und locker beantwortet er mir meine Fragen zu Tom Arayas Gesundheit, dem aktuellen Album und der amerikanischen Politik und spricht über seine letzte Begegnung mit Ronnie James Dio.

Drei Mal ist Bremer Recht lautet ein altes Sprichwort. In diesem Fall heißt es: Drei Mal ist SLAYERs Recht, denn nach zwei verschobenen Touren klappt es beim dritten Anlauf endlich. Der Grund für die Verschiebungen waren die Rückenprobleme des Sängers und Bassisten Tom Araya, der sich auch einer Operation unterziehen musste. Kerry King sagt zu Toms Gesundheitszustand: "Er fühlt sich großartig. Im Moment konzentriert er sich darauf, dass seine Stimme funktioniert. Er kann aber nicht mehr headbangen. Auf jeden Fall sind wir froh, jetzt hier zu sein. Ich wollte eigentlich nicht sieben Monate zu Hause sitzen und nichts tun. Es ist großartig, wieder draußen zu sein. Wir waren sozusagen sieben Monate lang arbeitslos. Ich brenne darauf, zu spielen."

Die Spielfreude ist dem Quartett anzusehen, als sie auf der Bühne stehen. Sie haben das Publikum sofort auf ihrer Seite und Araya bedankt sich immer wieder für die tolle Unterstützung. Diese helfe ihm bei der Genesung. Headbangen kann er noch nicht wieder, sonst scheint er wieder ganz der Alte zu sein. Doch vor wenigen Wochen musste die Metal-Welt einen herben Verlust einstecken: Ronnie James Dio erlag seinem Krebsleiden. King: "Ich habe ihn drei oder vier Wochen vorher noch einmal gesehen bei einer Award-Show in Kalifornien. Ich war froh, ihr zu sehen und dass es ihm langsam besser geht. Sein Ableben hat mich sehr viel stärker getroffen als der Tod von Paul Gray (SLIPKNOT; Anm. d. Verf.) oder Peter Steele (TYPE O' NEGATIVE; Anm. d. Verf.). Dio hat nicht darum gebeten, Krebs zu bekommen, wisst ihr, was ich meine? Paul Gray war ein netter Typ und ein Freund von mir, aber es könnte sein, dass er Selbstmord begangen hat. Das würde zu seinem Lebensstil passen. Er hat den Tod in Kauf genommen. Er hat vielleicht nicht darum gebeten, aber er lebte immer auf der Kante. Er ist ein toller Typ, aber er hat sich das selbst angetan, das ist der Unterschied."

Bereits im November vergangenen Jahres veröffentlichten SLAYER ihr Album "World Painted Blood", das bei uns Soundcheck-Sieger wurde und von Fans und Presse sehr gelobt wurde. Einige nennen es in einem Atemzug mit "Show No Mercy" und "Reign In Blood". King denkt ähnlich über den neuesten Output der Thrash-Metal-Urväter: "Ich würde nicht sagen, dass eines unserer Alben besser ist als ein anderes. Sie sind nur anders. Ich weiß, dass Jeder dieses Album mag und ich denke, es ist möglicherweise das beste, das wir seit den späten Achtzigern gemacht haben. Ich glaube, wir sind seit "God Hates Us All" und "Christ Illusion" wieder auf Kurs, wir klingen wieder nach Thrash Metal und haben wieder den traditionellen SLAYER-Sound. Unser neues Album klingt wieder roher. Auf einer US-Tour haben wir mal das komplette "Seasons In The Abyss"-Album gespielt, das würde ich gern mit "World Painted Blood" machen. Wenn man auf Tour geht und ein komplettes Album spielt, muss es wirklich gut sein und unser aktuelles ist wirklich gut."

Das Songwriting haben sich King und SLAYERs anderer Gitarrist Jeff Hannemann etwa im Verhältnis 50:50 geteilt. Die Texte sind ebenso provokant, wie sie zum Nachdenken anregen. 'Unit 731' erzählt von einer japanischen Militäreinheit, die das Limit des menschlichen Körpers für wissenschaftliche Zwecke testet, 'Beauty Through Order' ist aus der Sicht einer Serienkillerin geschrieben und 'Psychopathy Red' handelt von einem Killer, der sich auf Kinder spezialisiert hat. Die Lyrics von 'Americon' hingegen erinnern stark an 'Amerika The Brutal' von SIX FEET UNDER. King, der für den Text verantwortlich ist, erklärt, worum es geht: "Meine Ansicht ist sehr anders als der Text von 'Americon'. Ich habe den Text aus der Perspektive von Leuten geschrieben, die außerhalb der USA leben. Ich glaube, die Menschen außerhalb der USA haben eine sehr andere Meinung als Amerikaner und ich habe versucht, es so zu schreiben. Ich finde es gut, die Möglichkeit zu haben, hierher zu kommen – nicht nur nach Deutschland, sondern auch nach Europa, Großbritannien – und die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen. Wenn Dinge aus einem anderen Blickwinkel gesehen werden, werden sie anders präsentiert. Es ist nicht: 'Amerika ist toll! Und alles ist super!' Man erfährt viel über Kriege und andere Probleme. Ich habe versucht, in 'Americon' wiederzugeben, was Nicht-Amerikaner über Amerikaner denken."

Auf meine Frage, ob sich durch Barack Obama viel verändert hat, antwortet King: "Ich interessiere mich nicht sehr für Politik. Ich glaube nicht, dass sich wirklich etwas verändert hat, aber ich verfolge das auch nicht. Im Moment geht es nur um die Öl-Geschichte, das ist alles, worüber geredet wird. Das bringt Nachrichten. Aber ich denke, jedes Mal wenn die Regierende Partei wechselt, ist die Wahrnehmung anders. Als er angefangen hat, sah es sehr positiv aus und er hat Verbesserungen erwirkt. Aber das ist viel weniger geworden, weil sich nichts verändert. Ich glaube, wenn sich überhaupt mal etwas verändert, kommt das von einem Unabhängigen. Oder die beiden Parteien arbeiten zusammen und hören auf, sich zu bekämpfen."

Einen Tag vor dem Interview schrieben wir den 6. Juni 2010. Im Jahr 2006 – also am 6.6.06 - wollten SLAYER an diesem Tag eigentlich ihr Album "Christ Illusion" veröffentlichen. Das klappte leider nicht und so erschien an diesem Tag ihre EP "Eternal Pyre". Seitdem ist dieser Tag etwas ganz besonderes für SLAYER-Fans: "Ich habe gestern einen Flyer gesehen, den mir ein Journalist mitgebracht hat, von Leuten, die eine Internetseite betreiben, mit dem Joke: 'Kill A Dog, Write SLAYER On It.' Und ich hoffe, jeder erkennt, dass es ein Witz ist. Ich finde es cool. Ich kann mich daran erinnern, dass dieser Tag in Amerika mal der 'National Day Of Prayer' werden sollte. Eine Gruppe Fans sagte dann: Nein. Das ist der 'National Day Of SLAYER!'", erzählt King.

Zusammen mit SLAYER startete eine andere, sehr wichtige Band ihre Karriere: METALLICA. Allerdings schlugen sie im Laufe ihrer Karriere einen anderen Weg ein. Ich möchte von King wissen, wie er über die Entwicklung der zweiten Urväter des Thrash Metals denkt: "Sie versuchen, wieder mehr zu ihren Wurzeln zurückzukehren mit dem neuen Album "Death Magnetic". Ihr Weg ist sehr eigenartig. Ich verstehe es nicht, denn offensichtlich haben wir am Anfang unserer Karriere dieselben Sachen gemacht. Aber du kannst nichts Negatives über METALLICA sagen, denn sie sind die größte Metal-Band des Planeten. Alles, was sie getan haben, stellte sich irgendwie als richtig und gut für sie heraus."

Die großen deutschen Vertreter des Thrash Metals sind in Amerika natürlich nicht unbekannt geblieben. King: "Wir haben mal eine Tour mit DESTRUCTION gemacht. Und ich habe Schmier vergangenes Jahr auf einer Musikmesse gesehen. In den vergangenen zwei, drei Jahren sind wir uns ab und zu begegnet. KREATOR habe ich in den Staaten auf einer Tour gesehen. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich SODOM schon mal gesehen habe. Es gibt so viele Bands. Ich weiß, dass ich KREATOR schon mal gesehen habe, weil ein guter Freund von mir ein großer Fan von ihnen ist und ich mit ihm da war. Und ich finde es gut, dass DESTRUCTION jetzt etwas Neues herausbringen."

Den deutschen Fans möchte Kerry King Folgendes sagen:"Danke, dass ihr bei uns seid die ganze Zeit und dafür, dass wir so eine tolle Karriere hinter uns haben. Seit Tom krank ist müssen wir diese kleinen Shows spielen, wie wir es vor 20-25 Jahren gemacht haben. Für die Leute, die kommen, wird es ein gigantisches, großes Event sein, uns auf einer kleinen Bühne spielen zu sehen. Und ich hoffe, wir kommen Ende des Jahres wieder."

Redakteur:
Pia-Kim Schaper
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