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SIGNAL TO NOISE: Interview mit James Frank Tanner

08.08.2007 | 12:55

Wäre "Kodiak", das SIGNAL TO NOISE-Albumdebüt, vor zehn Jahren erschienen, hätte man es zusammen mit der Band in die Emo-Kiste stopfen können, ohne sich dafür schämen zu müssen. Heute ist die Einordnung unter "Indie Rock" angebrachter, da man sich ansonsten andere Musik vorstellt als die, die es letztlich zu hören gibt. Das Songwriting ist um ein Vielfaches zeitloser als das der aktuellen Schwarzaugen-Kompanien, weil die Truppe ihre musikalische Inspiration nicht aus dem Jahr 2007 bezieht, sondern aus der Neunziger-Punk/Indie-Szene, in der man aufgewachsen ist.

Aushängeschild und Hauptattraktion von SIGNAL TO NOISE ist Sänger Tristan William Shaffer. Während musikalisch nur die Basics im Fokus stehen, was zu einer angenehmen Unaufdringlichkeit führt, sind die rauen Vocals des Fronters DAS kontrastierende Merkmal zwischen dem Quartett und den glitschigen Indie-Bands einerseits sowie den Emo-Banden andererseits. Und nicht nur einmal klingen die Amis aufgrund der Kombination von Reibeisenstimme und schrammeliger Musik wie HOT WATER MUSIC, womit Gitarrist James Frank Tanner aber keinerlei Probleme hat: "Damit können wir leben, denn HOT WATER MUSIC sind eine unserer Lieblingsbands. Es gab bisher keinen Rezensenten, der den Einfluss nicht ausgemacht hat, und er ist auch der offensichtlichste für unsere Band – sicher nicht der einzige, aber der, der am leichtesten herausgegriffen werden kann." Im Gegensatz zu den Landsleuten und Charles-Bukowski-Fans hat sich bei dem aus der Universitätsstadt Boulder stammenden Vierergespann allerdings mehr Schwermut eingeschlichen. Trotz des Punkrock-Backgrounds der Jungs sind die Tracks immer etwas zurückhaltend, immer etwas gebremst, immer melancholisch, ohne aber mit selbstverliebter Gefühlsduselei zu nerven. "Erwachsen" könnte man das Ergebnis nennen. "Das ist definitiv ein Kompliment", betont der etwas wortkarge Klampfer, der zusätzlich auch für ein paar Backing-Vocals zuständig ist. "Für uns fühlt es sich so an, als hätten wir jetzt mit einem erwachsenen Sound begonnen. Ich denke, dass wir uns der Energie jugendlicher Musik immer noch ausreichend bedienen, um ein junges Publikum zu erreichen. Aber wir visieren eine erwachsene Musikalität an."

Während andere Kapellen mit ähnlichem Sound gescheiterte Liebschaften aufarbeiten und dabei zum Teil weit übers Ziel hinausschießen, thematisieren SIGNAL TO NOISE ausschließlich Banderlebnisse. "Die Songs handeln von den Beziehungen zwischen den Bandmitgliedern, dem Leben auf Tour und den Gefühlen, die daraus resultieren. Jeder, der mal auf 'ner langen Reise gewesen ist, wird bestätigen können, dass die Straße ein sehr einsamer Ort ist. Touren ist ein merkwürdiges Tier: Wenn du zu Hause bist, kannst du es nicht abwarten, wieder auf Tour zu gehen, und wenn du auf Tour bist, kannst du es nicht abwarten, nach Hause zu kommen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz." Vom Artwork, das jede Menge Fernweh ausstrahlt und gut zu der Stimmung der Songs passt, bis hin zum Albumtitel ist alles auf diese Kernaussage abgestimmt. "'Kodiak' ist der Name, den wir unserem Tourbus gegeben haben. Er ist ein wilder, kleiner Bus, der bis jetzt sehr gut zu uns gewesen ist. Wir haben ihn von einer Schule, und auf der Seite ist das Maskottchen der "Kodiaks", ein Bär. Also haben wird den Bus dementsprechend getauft. Als wir auf der Suche nach einem Albumtitel waren – und mit der Aussage der Songs im Hinterkopf –, dachten wir, dass es mehr als passend wäre, das Album nach unserem Fortbewegungsmittel zu benennen."

Wer den Film, der beim Anhören der Scheibe vor dem geistigen Auge abläuft, für die Allgemeinheit visuell aufbereiten könnte, weiß der Sechssaiter auch schon: "Ich könnte mir vorstellen, dass Wes Anderson die Platte vernünftig einfangen und dem Film ein interessant-melancholisches Feeling verleihen kann. Ich weiß allerdings nicht, wie gut das letztlich funktionieren würde. Vielleicht bräuchten wir noch Bruckheimer für den Explosionsfaktor." Dieses Horrorszenario möge uns erspart bleiben, denn die Qualitätsunterschiede zwischen Filmen wie "Rushmore" oder "The Royal Tenenbaums" und den Desastern, die Bumm-Brucki schon produziert hat (u. a. die Daumen-runter-Klamotten "Armageddon" und "Pearl Harbor"), sind gravierend. Vielleicht sollte sich am Ende doch besser jeder seine eigenen Bilder zu "Kodiak" ausdenken.

Redakteur:
Oliver Schneider

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