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SHINEDOWN: Interview mit Barry Kerch & Eric Bass

19.03.2012 | 12:37

Die Amis von SHINEDOWN haben mit "The Sound Of Madness" den ersten großen Schritt zum Durchbruch in Europa gemacht. Mit dem neuen Werk "Amaryllis" wird ein gleichwertiges Album nachgeschoben, das hier hoffentlich für Furore sorgen wird. Vor dem Konzert im Berliner Kesselhaus sprachen wir mit der Rhythmussektion um Barry Kerch (dr.) und Eric Bass (b.).

Wo die meisten Bands, die einen gewissen Status haben, auf Tour einen strikten Zeitplan verfolgen und man zu einem fünfzehnminütigen Interview gebeten wird, nehmen sich die beiden sympathischen Amis ewig Zeit. Nach 45 Minuten wird das Gerät ausgestellt und noch ein bisschen weitergequatscht. So soll es auch sein. Genug der Vorrede. Steigen wir ein in die erfrischend ehrlichen Statements von Barry & Eric.

Zur Eröffnung erläutern Barry & Eric erst einmal, dass sie mit dem ursprünglichen Mix und Mastering des Albums nicht ganz zufrieden waren und die Version, die es vorab zum Album zu hören gab, nicht das Endprodukt ist. "Als wir das fertige Produkt gehört haben, haben wir vor allem bei zwei Songs gemerkt, dass etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Vor allem bei 'Unity' war das so, aber zuerst hat niemand etwas gesagt, es war irgendwie wie ein Tanz auf rohen Eiern.", lacht Eric und ergänzt: "Brent (Smith, voc. - PK) kam dann irgendwann und fragte bloß, was wir denn von 'Unity' halten. Und wir alle waren einer Meinung und so war schnell klar, dass der Song noch einmal überarbeitet werden muss, denn die Demoversion, die wir aufgenommen hatten, war riesig." Und Barry ergänzt: "Wir lieben den Song, aber die Version, die du jetzt kennst, ist viel zu flach. Du wirst den Unterschied ganz sicher hören, wenn dir die neue Version vorliegt." Das ist mittlerweile der Fall und kann nur bestätigt werden. Jetzt klingt er sogar so gut, dass sich die Band entschlossen hat, den Song als zweite Single nach 'Bully' zu veröffentlichen.


'Bully' wurde vorab als Lyricvideo veröffentlicht und zeigt einmal mehr die unnachahmliche Stärke der Band eingängige, hoch abwechslungs- und wortreiche Refrains zu schreiben. "Ja, in dem Punkt ist Brent fast ein bisschen neurotisch.", lacht Zack. "Wir haben die Regel, dass wir ein Wort, das wir bereits verwendet haben, nicht noch einmal verwenden dürfen.", ergänzt Barry. "Klar, das gilt jetzt nicht für ganz einfache Worte wie the, I oder so etwas, aber Worte wie 'Butterfly', 'Crows', 'Heroes', 'Burning Bright' etc. etc. haben ausgedient. Unsere Texte sollen immer originell bleiben, eine Geschichte erzählen, etwas bedeuten und im besten Falle sogar einen Einfluss auf die Menschen nehmen, die diese Musik hören. Wir verwenden auch deutlich mehr Zeit für die Texte als für die Musik, weil uns das einfach ungeheuer wichtig ist."

Eine sehr löbliche Einstellung und auch deshalb war es gut, 'Bully' zuerst als Lyricvideo vorzustellen. Im Grunde braucht man einen echten Clip gar nicht mehr. Und einen 'Bully' (Tyrann - PK) dürfte wohl jeder in seinem Leben mal getroffen haben. "Ja, das denken wir auch. Es geht nicht nur um die großen Kids, die die kleinen Kids auf den Weg zur Schule ärgern, sondern um solche Tyrannen im Allgemeinen. Und jeder von uns wurde schon einmal tyrannisiert oder hat mitbekommen, wie jemand tyrannisiert wurde, oder war sogar mal selber der Tyrann. In dem Song geht es darum sich zu wehren.", erzählt Barry. Und Eric ergänzt: "Das heißt nicht, dass wir hier dazu aufrufen, Gewalt anzuwenden, aber man muss solchen Leuten die Stirn bieten und darf sich nicht unterbuttern lassen. Das kann auch mit einer spitzen Zunge und scharfem Verstand sein, denn häufig ist es so, dass diese Leute dann ganz klein werden und sich verkrümeln. Doch wer keinen Widerstand leistet, wird immer unterdrückt."

Dass das Album bärenstark geworden ist, dürfte auch in der Rezension schon deutlich geworden sein. Der große Erfolg von "The Sound Of Madness" (fünf #1-Singles, 120 Wochen in den Billboard-Charts) hatte aber durchaus Spuren hinterlassen und Druck aufgebaut: "Ja, der Druck am Anfang war schon enorm, weil wir darüber nachgedacht haben, wie wir "The Sound Of Madness" noch toppen sollten, statt uns darauf zu besinnen, einfach ein neues Album aufzunehmen, an dem wir so gut und hart arbeiten, wie wir können.", erzählt Barry. "Als wir dann 'Enemies' fertig hatten, haben wir gemerkt, dass wir es doch noch können. Und von da an haben wir uns dann keine Sorgen mehr darüber gemacht, "The Sound Of Madness" zu toppen, sondern nur noch die Songs zu schreiben, die wir hören wollen und dann lief es wie am Schnürchen." Eric ergänzt noch: "Am Ende haben wir dann 33 Songs geschrieben, von denen wir 17 Songs aufgenommen haben und es zwölf Songs auf das Album geschafft haben. Und mit diesem Resultat sind wir jetzt alle absolut zufrieden und sehr stolz auf das Album. Ich weiß nicht, ob es besser ist als "The Sound Of Madness", auf das wir immer noch sehr stolz sind, aber es ist genau das Album, das wir gerade machen wollten und das genau das zeigt, wofür wir gerade stehen." Diese Zufriedenheit strahlen die beiden auch mit jeder Faser ihres Körpers aus.


Was mit den restlichen Songs passiert, die aufgenommen wurden, ist noch unklar. "Ja, keine Ahnung. Wenn es nur nach uns geht, werden die Songs wohl nicht mehr veröffentlicht, denn es gibt einen Grund, warum sie nicht auf dem Album gelandet sind.", stellt Eric klar. "Genau, aber leider liegt das nicht immer alleine in unserer Hand. Dennoch, wenn es nach uns geht, stellen diese zwölf Songs "Amaryllis" perfekt dar. Mehr braucht es da nicht zwingend.", stimmt Barry zu.

'Amaryllis' ist vor allem für Sänger Brent Smith eine sehr persönliche Angelegenheit und wurde aus diesem Grund auch zum Titelsong gemacht. "Ohne jetzt allzu sehr in die Details gehen zu wollen, kann ich sagen, dass der Song über eine Person ist, die Brent in den letzten Jahren in schweren Zeiten sehr geholfen hat.", erzählt Eric. "Brent ist heute besser drauf als jemals zuvor in seinem Leben.", erzählt Barry, der Brent schon sehr lange kennt. "Brent hatte wirklich schwere Drogenprobleme und auch sonst lief es in seinem Leben nicht gerade gut, aber er hat das in den letzten Jahren komplett umgekehrt. Jetzt ist er komplett clean und ein visionärer Musiker, der genau weiß, was er tut." Doch nicht nur Brent hat da einen Wandel durchgemacht, die ganze Band ist davon betroffen, wie Barry ehrlich zugibt: "Wir waren irgendwann an einem Punkt, wo wir gar keine wirkliche Band mehr waren. Es ging nur noch um Drogen und Alkohol und wir haben gemerkt, wie es begann, das zu zerstören, wofür wir so hart gearbeitet hatten. Wir haben es dann irgendwann geschafft, erwachsen zu werden. Dazu haben wir Zack (im Jahr 2006 - PK) und Eric (im Jahr 2008 - PK) in die Band geholt, die das Klima wesentlich verbessert haben und ihren Teil dazu beitrugen, dass wir die solide Band wurden, die wir heute sind. SHINEDOWN war nie stärker als heute. Ich weiß, dass sich das wie eine Platitüde anhört, aber es ist wirklich so.", versichert Barry sehr glaubhaft.

"Ich muss aber zugeben, dass es auch bei mir nicht ganz ohne Probleme ging.", ergänzt Eric offen. "Auch ich habe sehr viel getrunken, gerade vor den Shows und beim Aufnehmen der Songs. Aber mit den echten Drogen wollte ich nie etwas zu tun haben, weshalb ich das erste Angebot einzusteigen vor einigen Jahren abgelehnt hatte. Dennoch war es für uns eine unglaublich intensive Zeit im Studio. Wir haben nüchtern Songs geschrieben, die Shows, die wir in den letzten Tagen gespielt haben, waren so ziemlich die ersten Gigs, die ich je nüchtern gespielt habe. Das war ein unglaubliches Gefühl. Erst war es etwas beängstigend, aber dann war es einfach nur noch fantastisch." Doch nicht nur die Band funktioniert jetzt als Band hervorragend.

"Ich denke, wir können das auch so durchziehen, weil wir uns jetzt nur noch mit sehr professionellen Leuten umgeben und wir auch mit allen aus der Crew ein sehr, sehr gutes Verhältnis haben.", erzählt Barry und Eric ergänzt: "Wir sind wirklich wie eine Familie. Wir hängen alle miteinander rum, helfen uns gegenseitig und haben Spaß." Kein 'Bully'-Gehabe also. "Haha, genau. Wir können nicht so einen Song schreiben und dann selbst Tyrannen sein. Nein, es geht darum vernünftig und respektvoll miteinander umzugehen. Wenn ich etwas von unserem Tourmanager möchte, frage ich, ob er mir behilflich sein kann, und kommandiere ihn nicht rum, nur weil er für uns arbeitet. Das gehört sich einfach nicht. Und so haben wir einfach ein viel besseres, viel professionelleres Arbeiten auf Tour. Davon profitieren wir letztendlich alle.", gibt Barry zu Protokoll.

Profitiert wird auch von den Songs, die die Band für Kinoproduktionen wie "Alice In Wonderland" ('Her Name Is Alice') oder "The Expendables" ('Diamond Eyes (Boom-Lay Boom-Lay Boom)') geschrieben worden. "Ja, das waren tolle Geschichten. Das sind Songs, die wir auf Tour geschrieben haben. Und bei 'Diamond Eyes' merkt man auch, dass Sylvester Stallone einen großen Einfluss auf den Song hatte. Wir wären nie auf die Idee gekommen, so etwas wie 'Boom-Lay Boom-Lay Boom' in einem unserer Songs einzubauen, aber Sylvester Stallone wollte das so und wenn Sly das will, dann wird es gemacht.", lacht Barry sich schlapp.


Die kurze Tour vor dem Release des Albums hat vor allem einen Grund: "Ganz ehrlich, wir wollten einfach unbedingt wieder nach Europa.", sagt Barry und verfällt in Schwärmerei: "Wir alle lieben Europa, die wundervollen Städte, die unglaubliche Geschichte, die Höflichkeit, mit der uns überall begegnet wird. Hier ist so viel Kultur, etwas was es in einem relativ jungen Land wie den USA in der Form kaum gibt. Klar, es gibt ein paar coole Ecken, aber wenn man das mit der Vielfalt in Europa vergleicht, ist das einfach nichts. Das wollten wir unbedingt wieder erleben." Eric hat sogar schon erste deutsche Sätze gelernt. "Ja, ich kann beispielsweise sagen: (auf Deutsch) 'Sie schwimmen'.", lacht er. "Ich finde es einfach unglaublich respektlos, wenn man nicht einmal versucht, die Landessprache zu sprechen. Wir in Amerika glauben ja, dass wir keine weitere Sprache lernen müssen, weil ja sowieso alle Englisch sprechen. Und wenn noch eine andere Sprache gelernt wird, ist es Spanisch. Aber das finde ich überhaupt nicht gut. Deshalb versuchen wir alle in der Band zumindest ein paar einfache Sätze auf Deutsch zu sprechen, um so wenigstens ein Gespräch in eurer Sprache beginnen zu können." Aber das ist natürlich nicht der einzige Grund, warum Europa wieder aufgesucht wird.

"Natürlich geht es auch darum, uns mal wieder zu präsentieren.", erzählt Eric. "Wir sind hier eine noch relativ kleine Band und wollen natürlich auch unseren Status in Europa verbessern und hier wachsen. Und in Europa und speziell in Deutschland funktioniert das nur, wenn man hier kontinuierlich auch live zu sehen ist. Da seid ihr schon sehr spezifisch. Außerdem lieben wir es natürlich mal wieder diese eher kleinen Clubs zu spielen. In den USA füllen wir mittlerweile ziemlich große Hallen und spielen vor 10.000 Leuten, das ist schon etwas komplett anderes als vor 1.000 oder 1.500 Leuten zu spielen." Wobei der Status viel besser sein könnte, wenn man denn die ersten beiden SHINEDOWN-Alben auch in Europa veröffentlicht hätte.

"Ja, das ist wohl wahr.", stimmt Barry zu, "aber die Plattenfirma wollte dieses Risiko damals nicht gehen. Und vielleicht war das auch ganz gut so, denn in dem Zustand, in dem die Band damals war, wäre es vielleicht auch nicht die beste Investition gewesen. Aber jetzt sind wir eine eingeschworene, nüchterne Gemeinschaft, jetzt ist es einfach der richtige Zeitpunkt. Ich muss da auch noch einmal auf unsere Probleme zurückkommen, über die wir vorhin gesprochen haben. Wir waren ja auch an dem Punkt, dass wir uns entscheiden mussten, was wir mit unserem Leben machen wollen. Und für mich war klar, dass ich mit der Band weiter Musik machen und davon leben möchte. Ich bin jetzt 35, ich habe keine Lust, wieder irgendwo von ganz vorne anzufangen. Wir haben mehr als zehn Jahre hart gearbeitet, und wenn es nach uns geht, werden wir auch die nächsten Jahre und Jahrzehnte weiter gute Musik zu machen und hoffen, dass wir dies möglichst erfolgreich tun werden." Das wäre der Band sehr zu wünschen.

Und es wird auch deutlich, dass die Band trotz allen Erfolgs nie die Bodenhaftung verloren hat. "Wir haben neulich NICKELBACK auf ihrer Tour begleitet. Und als wir jeden Abend in ausverkauften Arenen vor 20.000 und mehr Menschen gespielt haben, ist uns bewusst geworden, welches Glück wir haben. Und wenn wir weiter starke Alben veröffentlichen, kommen wir vielleicht bald dahin, alleine diese Hallen zu füllen. Aber da hilft nur harte Arbeit. Und wir sind jetzt mehr denn je bereit, hart zu arbeiten." Mit "Amaryllis" haben sie dafür mehr als nur den Grundstein gelegt.

Redakteur:
Peter Kubaschk

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