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Perlen der Redaktion: Timon Krauses Highlights 2020

19.01.2021 | 13:03

2020: Auf die alten Helden ist Verlass. Und auch der Untergrund liefert anständigen Extremstoff.

In diesem schwierigen Jahr, das uns zu allem Übel seit dem Frühjahr auch noch einen vollständigen Verzicht auf Live-Konzerte abverlangte, musste jede Veröffentlichung einer Lieblingsband und jede überraschend aufgetauchte Underground-Perle gebührend gewürdigt und gefeiert werden. Und zu meiner großen Freude bescherten mir gleich mehrere meiner langjährigen Favoriten mit ihren neuesten Werken Gelegenheit zum Abschalten und gepflegten innerlichen Metaln.

"Nur" auf dem dritten Platz landet dabei mit "Guardians" die Metalcore-Vorzeigeformation AUGUST BURNS RED aus Lancaster, Pennsylvania. Das achte Album des Fünfers steht dabei für einige überraschende und durchaus erfrischende Wendungen in der musikalischen Ausrichtung der Genrekönige: weniger sperrige, ausufernde Kompositionen, weniger Vertracktheit, mehr Kompaktheit, mitunter mehr Eingängigkeit ('Paramount'), gelegentlich auch mehr Härte ('Bloodletter'!), in anderen Stücken aber auch erstmals ungeniert eingesetzter Klargesang ('Lighthouse') – letzteres ein Bruch mit der Tradition, ein Sakrileg für Langzeitfans? Dazu kann man stehen, wie man will, jedenfalls ist "Guardians" ein erfrischendes Stück zeitgemäßen Metalcores, mit dem die Band beweist, dass sie auch nach 17 Jahren Bandgeschichte noch neue Facetten ihres Signature-Sounds aufdecken kann, dabei allerdings auch nicht mehr völlig unangefochten an der Genrespitze steht. Das Coverartwork finde ich übrigens ziemlich mies; das knüpft ja fast schon an peinliche "Leveler"-Zeiten an.

ABR

 

Um Haaresschärfe verpassen die zurückgekehrten Modern-Death-Gute-Laune-Garanten NEAERA meine Spitzenposition. Ihr selbstbetiteltes Comeback-Album würde ich rückblickend deutlich höher bewerten (eine 9 müsste schon davorstehen, mea culpa); es ist eindeutig die bisher stärkste Veröffentlichung der Münsteraner und beinhaltet auch wieder einige mächtige Hits. 'Torchbearer' und 'Catalyst', letzterer mein Song des Jahres, liefern genau die Trademarks, die wir in der Abwesenheit der Truppe vermisst haben: ultraböse Gitarrenwalzen, das garstige Geschrei Benny Hillekes und diese wiederkehrenden mächtigen, irgendwie hoffnungsspendenden Harmonien. Jetzt fehlen wirklich nur noch neue Live-Festivitäten mit unseren Landsleuten, denn NEAERA-Auftritte waren und sind stets absolute Highlights im Kalender der Metal-Hörerschaft.

Neaera

 

Kein Weg vorbei führte 2020 aber vor allem an HEAVEN SHALL BURNs Doppelschlag "Of Truth And Sacrifice". Ja, man braucht Zeit und Geduld, sich hier einzufinden, in diesem für unsere Brachialo-Landsleute beinahe untypisch komplexen Werk. Aber es bleibt einem schließlich doch nur, den Hut zu ziehen vor so viel musikalischer Größe, die hier zutage tritt: Neben den gewohnten Melodic-Death-Schlachthymnen wie 'Thoughts And Prayers' und brachialen Abrisskommandos Marke 'Eradicate' bietet das neue Referenzwerk der Thüringer auch jede Menge Mut zum Experiment. Dies jedoch nicht nur um seiner selbst willen: die NDH-Sounds bei 'Uebermacht', der geile Electro-Beat von 'La Resistance', symphonische Progressivität bei 'Expatriate' oder hymnisch-metallische Epik namens 'The Sorrows Of Victory' – so vielfältig, so kreativ, so überzeugend habe ich HEAVEN SHALL BURN wahrscheinlich noch nie gehört, und somit obsiegt die Truppe um die Cousins Bischoff einmal mehr auf ganzer Linie.

HSB

 

Auf den Plätzen dahinter landen ebenfalls einige große Namen: Auch auf die guten alten DEFTONES ist Verlass, auch wenn das Album Nr. 9 namens "Ohms" zu meinem Bedauern noch stärker auf Atmosphäre und weniger auf markante musikalische Akzente setzt. THE HIRSCH EFFEKT verteidigt die Spitze im Prog-/Post-/Math- und Artcore/Metal-Segment mit "Kollaps", verlässt aber ein Stück weit die Pfade der ganz großen Spannungsbögen und setzt aktuell auf deutlich kompakteres Songwriting. Nicht sehr spektakulär, aber weiterhin verlässlich agiert Robin Staps mit seinem THE OCEAN-Kollektiv; "Phanerozoic II: Mesozoic | Cenozoic" hat mit 'Triassic' und 'Jurassic | Cretaceos' zwei sehr starke Nummern im Gepäck, denen die übrigen Songs nicht ganz das Wasser reichen können.

Dafür der Underground: ELEANORA aus Belgien beweist mit "Mere", dass Sludge und Postcore nicht nur in Frankreich großgeschrieben werden; nach dem bereits starken Vorgänger "Allure" etabliert sich die Truppe in ihrem Segment im oberen Drittel. Bester Newcomer wiederum in meinen Ohren: ETT DÖDENS MASKINERI aus dem schwedischen Falun. "Det Svenska Hatet" ist eine todesmetallisch gefärbte, stark melancholische Hardcore/Crust-Attacke, die nach kurzer Eingewöhnungszeit ein ungemeines Ohrwurmpotential entfaltet und für ihre Sparte enorm eingängig ausfällt. Und schließlich der "Zenith"-Re-Release, das Debütalbum des phänomenalen Post-Rock-Duos A SWARM OF THE SUN: Unerklärlicherweise muss diese Formation immer noch dem musikalischen Untergrund zugerechnet werden, dabei bewies schon das Erstlingswerk der Schweden großes musikalisches Genie und ein Gespür für die ganz große Dramaturgie.

Ett Dödens Maskineri

 

In Sachen Konzerten bin ich im Jahr 2020 komplett leer ausgegangen; Features wie die AUGUST BURNS RED-Livesessions zu Weihnachten oder das "Thrill Seeker"-Jubiläum haben zumindest ein klein wenig Licht in die deprimierende Konzertabstinenz gebracht; zudem überraschte mich das PARKWAY DRIVE-Livealbum "Viva The Underdogs" positiv. Ob das zugehörige Konzert, das zu Ostern 2020 dem Lockdown zum Opfer fiel, wirklich dieses Jahr nachgeholt werden kann? Wir wollen mal die Hoffnung nicht verlieren.

Rang Band Album
1. Heaven Shall Burn Of Truth And Sacrifice
2. Neaera Neaera
3. August Burns Red Guardians
4. Deftones Ohms
5. Eleanora Mere
6. The Hirsch Effekt Kollaps
7. Ett Dödens Maskineri Det Svenska Hatet
8. The Ocean Phanerozoic II
9. A Swarm Of The Sun Zenith
10. Inferi Of Sunless Realms

Redakteur:
Timon Krause

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