Perlen der Redaktion: Rüdiger Stehles Highlights 2023

25.01.2024 | 13:40

Das Jahr 2023 war in musikalischer Hinsicht ein tolles Jahr für Raben und anderes Federvieh. Wie eigentlich jedes Jahr, denn arm dran, wer in einem beliebigen Jahr keine zwanzig Scheiben findet, die ihn begeistern können. Wer mehr wissen will, möge weiterlesen!

Wenn das Ende des Jahres naht, und der geneigte Metalfan sagen kann, dass auch 2023 in musikalischer Hinsicht ein Jahr wie jedes andere war, nämlich ein sehr gutes, dann spricht das letztlich Bände darüber, wie lebendig, vielseitig und spannend es in unserer Musiksparte nach wie vor zur Sache geht, auch weit mehr als fünfzig Jahre nachdem COVEN und BLACK SABBATH für den Urknall gesorgt haben. Die Szene ist breit gefächert, in tausende Unterschubladen unterteilt, wenn man denn eine Freude am Spalten von Haaren hat, und ansonsten eben so dicht besiedelt wie nie zuvor. So ist es auch heuer wieder ein ziemlich bunter Mix aus alten und neuen Bands, sowie aus Vertretern der unterschiedlichsten Stilrichtungen und Subgenres, der mein Herz und meine Anlage im Sturm genommen hat. Dabei hat sich durchaus auch der eine oder andere überraschende Volltreffer in die vorderen Reihen meiner Jahrescharts geschlichen, doch mit einem kann ich nicht dienen, und das ist ein Überraschungssieger, denn, ihr ahnt es: Wenn ein neues Album von CIRITH UNGOL in den Startlöchern steht, dann steht es prinzipiell außer Frage, dass nichts höher in meiner Gunst wird steigen können. So ist es schließlich auch, ich nehme es vorweg und setze dem König der Toten einmal mehr die Krone auf, denn "Dark Parade" hat sie zweifellos verdient. Warum, das habe ich in epischer Breite in der zugehörigen Rezension erläutert, so dass ich hierzu an dieser Stelle keine weiteren Worte verlieren muss, außer vielleicht jene, dass 2024 nun wohl das Abschiedsjahr für CIRITH UNGOL sein soll, und ich mich auf diese Ehrenrunde bei aller Wehmut riesig freue, denn würdiger kann man eine Karriere kaum beenden!

Damit schreiten wir dann auch fort zu den allenfalls minimal weniger grandiosen Dingen, die sich 2023 so aus dem Dickicht des Veröffentlichungsdschungels wagten, oder gar ins gleisende Rampenlicht stählernen Glanzes drängten, und jener Anzahl war fraglos keine geringe, auch wenn es tatsächlich bislang lediglich schwachbrüstige sechzig Heurige bis in mein Regal geschafft haben. Nun, was nicht ist, das kann ja noch werden. Angekommen und wertgeschätzt ist bislang in besonderem Maße das phänomenal gute neue CRUACHAN-Album "The Living And The Dead", mit welchem Fearr na hÉireann das Kunststück vollbringt, eine drei Jahrzehnte lange Karriere so spät zu krönen. Hier passt einfach alles: Songwriting, das Artwork des Jahres, die gleichermaßen religionskritische wie intensive Lyrik, das hervorragende Konzept, die transparente Produktion. Perfekt! Eine lange Zeit mussten wir auf ein neues Kettenfahrzeug aus Colorado warten, doch auch hier ist klar, dass ein solches gut armiert, durchschlagskräftig und rostfrei ausgeliefert wird, und doch schafft es "The Hallowed" zu überraschen, denn zum ersten Mal seit der Macbeth-Huldigung "Thane To The Throne" wagten sich die Jungs von JAG PANZER an ein waschechtes Konzeptalbum über ein postapokalyptisches Bündnis zwischen ruchlosen Seelen menschlicher und tierischer Provenienz. Ausgeliefert, so man wollte, mit beigefügtem Comic und allerlei weiteren Gimmicks, ist es aber auch hier zuvorderst die Musik, die überzeugt, nicht zuletzt, weil sie dieses Mal deutlich erdiger und dynamischer produziert ist, als dies bei manch früherem Album der Fall war, und hiervon kann eine Band mit so viel Gespür für Feinheiten und tolle Melodien nur profitieren.

So weit, so vorhersehbar, werdet ihr euch denken. Ja, zugegebenermaßen, diese drei Namen an der Spitze meines Rückblicks zu sehen, war ähnlich unvorhersehbar wie der trockene und heiße Sommer, der Kriegsausbruch 2022 oder die letzte Meisterschaft des FC Bayern. Gleichwohl, langweilig ist von all jenen Dingen allenfalls eines gewesen. Doch wollen wir uns erstmals in diesem Beitrag Alben zuwenden, die vielleicht nicht direkt jeder in (m)einer Jahresbestenliste in diesem Hause erwarten mag. Den Anfang macht direkt eine Hardcore-Scheibe, oder meinetwegen Post Hardcore, wie manche behaupten. Mir egal, wie man das Schubladenkind nun taufen möchte, die Band heißt in jedem Fall CAPRA, die Fronterin Crow Lotus, und wie schon das Debütalbum "IN Transmission" vor gut zwei Jahren ist auch das Zweitwerk "Errors" ein echter Abriss. Außer den vorgenannten Scheiben, lief hier kaum etwas häufiger, im vergangenen Jahr, und die zum Bersten angetaute Energie dieser Band ist zusammen mit ihren Songwriter-Qualitäten und all den kleinen technischen Finessen echt die Wucht in Tüten. Darf man auch als Metalhead mal antesten, der sonst nicht so auf Core steht. Ist so. Schaut mich an!

Dass es aber weder einer die Jahrhunderte umspannenden Bandgeschichte bedarf, noch eines Deals oder großer medialer Präsenz, um die Bestenlisten zu sprengen, beweist wie immer auch die eine oder andere junge, oder aber tief im Untergrund verwurzelte Band, die sich in unsere Jahreslisten schleicht, ohne dass man sie noch vor Jahresbeginn auf dem Zettel gehabt hätte. Nicht unbedingt, weil diese oder jene Band oder deren Protagonisten sich nicht schon bewährt hätten, sondern weil einfach der Rummel um die Großen und Etablierten manchmal die Gefahr mit sich bringt, dass der Fokus verloren geht. Umso toller ist es aber, wenn es dann doch passiert, und dich ein Newcomer aus dem Stand begeistert, dich ein Underground-Release als Eigenpressung oder über ein Indie-Label komplett abholen kann, oder plötzlich alte Bekannte mit neuem Stoff aus der Reserve kommen, den man so nicht oder nicht mehr erwartet hätte. In all diesen Kategorien hatte 2023 eine ganze Menge zu bieten, so zum Beispiel das wunderbare neue Studioalbum "The Earth Hath Opened Her Mouth" von ADORNED GRAVES. Unsere Pfälzer Traditionalisten zwischen Doom, Thrash und Epik, die zum vierten Mal in Folge mit einem grandiosen Konzeptwerk über biblische Themen eindrucksvoll beweisen, was für Perlen der Labellandschaft durch die Lappen gehen, weil sie einfach mal nicht in dieses oder jenes Raster oder Roster passen. Stilistisch anders gelagert, aber mit ihrem doomigen und magischen Stoner Rock voller toller Hooks und einer brillant erdigen und mitreißenden Produktion nicht minder überzeugend rockt MOJO BLIZZARD mit dem Zweitwerk "The Evil Crown" grandios ab. Und dann haben wir da noch das formidable Debütalbum "Sungazer" von den zu vier Fünfteln ehemals versturmhexten Herrschaften SKULL & CROSSBONES, die sich mit Tobi Hübner (ex-FORENSICK) einen Sänger an Bord geholt haben, der hervorragend zu den neuen Songs passt. Die sind durchaus einen ganzen Tick weniger STORMWITCH, als man das im Vorfeld hätte erwarten können, doch das macht gar nichts aus, denn hier gewinnt die Band durch vielseitige, detailverliebte und einmal mehr produktionstechnisch stark inszenierte Songs. Qualitativ müssen wir uns also um den Untergrund fraglos keinerlei Sorgen machen, wäre doch gleichwohl wünschenswert, wenn sich die Qualität auch in steigernder Popularität und gegebenenfalls sogar angemessen guten Verkäufen niederschlüge. Nun, wir werden sehen, wohin die Reise dieser Bands führt. Gleich wohin, mich überzeugen sie. Mir haben sie das Jahr 2023 versüßt. Und deshalb seien sie euch auch im Jahresfazit nochmal wärmstens ans Herz getackert.

Keine Jahrescharts ohne Black Metal, und natürlich auch keine Jahrescharts ohne Norwegen. Wobei man sagen könnte, dass diese Aussage eine Tautologie sei. Weitestgehend. Dass sich nicht ein einziger kohlrabenschwarzer Norweger in die oberen sechs Ränge vorgekämpft hat, ist an sich schon ein manifestes Debakel für die erfolgsverwöhnte Nationalmannschaft der Nordmenn, doch dafür kommt sie jetzt geballt, die Riege der Recken aus dem Norden. Den Auftakt macht dabei das gute alte Avantgarde-Flaggschiff DØDHEIMSGARD mit "Black Medium Current", satte acht Jahre nach dem grandiosen Vorgänger "A Umbra Omega" und ohne den bisherigen Frontwahnsinnigen Aldrahn. Gleichwohl eine Wucht, das Werk, verschroben, spacig, jazzig, hypnotisch und auch gesanglich hervorragend besetzt. Es bleibt wie es immer war, mit DØDHEIMSGARD geht man nimmer fehl. Ein weiteres Ausrufzeichen in einer musikalisch weithin makellosen Diskographie setzt auch der gute Herr Herbst mit TAAKE, und das obwohl er den rockigen und straighten Ansatz der letzten paar Alben dieses Mal ein wenig zu Gunsten einer Rückkehr zu mehr Epik, Schroffheit und Schwärze zurückgeschraubt hat. Dabei geht es auf "En Hav Av Avstand" zwar nicht unbedingt ganz zu den Wurzeln in Bjoergvin zurück, aber wenigstens ein bisschen. Jedenfalls präsentiert sich Hoests Truppe auf den vier Zehnminütern des aktuellen Werkes intensiv, vielseitig und trotz aller Räude auch transparent und musikalisch. Hörenswert in Potenz! Weiter geht es dann mit TULUS, und die Bruderband von KHOLD ist es dieses Mal, die mit "Fandens Kall" betont, dass der Teufel eben nicht nur ruft, sondern auch groovt, denn der schleppende, doomige, epische, nackenbrechende Black'n'Roll der Combo um Sarke, Blodstrup und Crowbell schwärzt jeden schwefligen Schwof aufs Vortrefflichste. Tre nede, to igjen!

 

Drei erledigt, zweie noch vor uns, denn unter fünf altnorwegischen Krawallgeschwadern ist eine Best-of-Liste keine Best-of-Liste. Jedenfalls keine rabige welche. TSJUDER macht mit "Helvegr" zum wiederholten Male keine Gefangenen und repräsentiert am ehesten die furiose Wildheit der alten Schule der Stilrichtung, mit aller verfügbarer geifernder Deibelei und martialischer Durchschlagskraft. Allein die Promophotos sind eine wahre Freude wahlweise zur Erheiterung oder zur Ergötzung, mit klarer Priorisierung der letzteren Gefühlsregung. Dazu kommen dann noch die Genrevorreiter und Flaggschiffe aus Bergen, oder war es Blashyrkh? Namentlich natürlich IMMORTAL. Ohne Abbath, zum zweiten Male, dennoch bewährt stark, klirrend kalt und mit der Winter-und-Raben-Romantik, die wir alle von dieser Band hören wollen. Wahrlich, ich hätte es Demonaz nicht zugetraut, den Namen und die Band auf diesem Niveau weiterzuführen, und doch beweist er zum zweiten Mal in Folge, dass er genau das drauf hat. Kompliment, Herr Nævdal, Kompliment!

 

Bekanntlich gibt es schwarzen Stahl nicht nur in Norwegen, sondern auch andernorts, unter anderem in dem einen oder anderen Nachbarland des länglichen Königreichs am Nordmeer. Aus jenen Gefilden um den Polarkreis herum, schaffen es heuer in diesem Metier eine Band aus Schweden und eine aus Island, in meinen Jahresrückblick, wobei die Isländer inzwischen auch über einen Norwegen-Nexus verfügen, aber das macht ja nichts aus. Jedenfalls gelingt FORTÍÐ mit dem wundersam betitelten neuen Album "narkIssos" ein echt großer Wurf in Sachen progressiven Black Metals mit vortrefflicher Heidenepik, und so reiht sich die Band um Einar Thorberg Guðmundsson alias Eldur endgültig neben Granden wie ENSLAVED und HELHEIM in die obersten Ränge jenes Genres ein. Bleibt nurmehr ein Black-Metal-Werk zur Abrundung dieser Liste, und dabei handelt es sich um eine der gleichsam populärsten wie umstrittensten aktiven Bands aus schwedischen Gauen. Die Rede ist natürlich von Schwedens führendem Suizidalromantiker Kvarforth und seiner Band SHINING, die sich anno 2023 offenbar aufs Wesentliche zurückgeführt sieht und ihr zwölftes Full-Length-Album mithin folgerichtig einfach "Shining" nennt. Bei aller bisweilen berechtigten Kritik an des Meisters Attitüde, sind lyrische und kompositorische Singer/Songwriter-Vibes schwerlich brillanter mit schwarzmetallischer Intensität zu verbinden, als es den Schweden hier gelingt, und dafür haben die Herren meinen Respekt!



Was bleibt vom Tage übrig? Nun, noch eine ganze Menge richtig toller Stoff, wobei der dieses Mal - wie meist - von einer ganz hervorragend gealterten Riege von Veteranen abgeliefert wird, die mich insoweit mehr überzeugen als viele ihrer Kollegen, weil sie auf ihrem aktuellen 2024er-Album einfach das kleine Schippchen mehr abliefern, als man es von ihnen gewohnt ist, oder weil sie mich einfach mehr überraschen konnten, als ich es erwartet hätte. Den Anfang machen dabei unsere NWoBHM-Veteranen RAVEN, die ja ohnehin den High-Energy-Athletic-Rock höchstselbst erfunden haben, aber seit dem Einstieg von Herrn Heller am Drumkit so dermaßen auf die Tube drücken, dass es nimmer feierlich ist. Was für ein Abriss ist doch das neue Werk "All Hell's Breaking Loose", was für eine herrlich hyperaktive Hektik, und nochmal eine Schippe drauf, gegenüber dem bereits tollen Vorgänger: Programmatischer hätten sie das Album nicht betiteln können! Auch der Herr Downing ist nun vollends angekommen, im Afterlife nach JUDAS PRIEST, denn egal was man von der lyrischen wie stilistischen Selbstkopie konzeptionell nun halten mag, "The Sinner Rides Again" hat einfach tolle, zündende Songs, einen herrlichen Punch, und ich finde es toll, dass KK's PRIEST sich mit Tim Owens eben den prädestinierten Sänger schlechthin für eine Alternativversion der Ursprungsband ins Haus geholt hat. Die Scheibe macht einfach viel mehr Spaß als man es spontan erwarten würde und einem "Dreaming Of Former Fame"-Projekt zutrauen möchte.



Herrjemine, was hatten wir bisher noch gar nicht? Richtig: Thrash Metal! Geht es ohne? Nein, natürlich nicht! Diesseits und jenseits des Teichs, Teutonik und Gutterik. In beiden Fällen aber keine typische Generik, denn NECRONOMICON ist inzwischen eben deutlich mehr geworden als eine typische Teutonen-Thrash-Band. Spätestens seit dem letzten Album sind es nicht nur die nordamerikanischen Mitmusiker um Freddy, welche die alte südbadische Thrash-Institution ein wenig verändert haben, sondern auch die Produktion und die Kompositionen offenbaren neue Facetten, die ich begeisternd finde. Zudem hat die Band auch lyrisch immer sehr viel zu sagen, was "Constant To Death" für mich zu einem der beiden wichtigsten Thrash-Pflichtkäufe des Jahres macht. Der andere ist grün und kommt aus New York. Nuff zed? Klar, bei Bobby Blitz, D.D. und the Boys, brennt weder etwas an, außer die Bühnenbretter, noch erfinden sie sich neu, aber im Gegensatz zum einen oder anderen zurückliegenden Album ist "Wretched" halt einfach durch und durch bombig. Der Sound ballert nicht zu sehr, der ordentliche Schuss Punk ist zwar nicht neu, macht aber irre viel Spaß, die Kompositionen sind Old School wie der alte Teufel, und ja, OVERKILL ist und bleibt einfach Mucke zum Liebhaben.



Abschließen wollen wir den Rückblick auf Albenebene nunmehr mit richtig alten Recken, und zwar ganz unterschiedlicher Ausprägung. Auf der einen Seite ist da nämlich der Udo Dirkschneider, dessen neues U.D.O.-Album den Teutonenstahl ein gefühlt hundertstes Mal definiert. Eingängige Hymnen, stampfender Beat, druckvolle Produktion, unverkennbares Reibeisen und Trademark-Refrains. Hatten wir. Hatten wir oft. Macht aber halt niemand auf der Welt besser als Udo und seine Mannen, und wenn auch der Herr Baltes wieder mit an Bord ist, dann gibt das halt gleich nochmal ein paar coole Vibes mehr an Bass und Backing Vocals. Nun gibt es aber nicht nur den Typ stählerne Legende, die seit den frühen Siebzigern aktiv ist und immer am Start war und ihr Leben über Jahrzehnte komplett dem Heavy-Metal-Lifestyle gewidmet hat, sondern es gibt auch Künstler, die hatten ihre "Glory Days" vor zig Jahren und verschwanden dann komplett in der Versenkung, mussten sich mühselig zur Reunion betteln lassen, die dann halbherzig und durchwachsen begann, und erst sehr, sehr zäh Fahrt aufnahm, bis plötzlich aus heiterem Himmel ein Album vom Himmel purzelt. Solche Bands kommen mitunter aus Schweden, heißen HEAVY LOAD und sind ein Anachronismus erster Kajüte eines Drachenbootes, so ein solches über Kajüten verfügen sollte. Nun, mit "Riders Of The Ancient Storm", dem vierten Studioalbum der Schweden, und zugleich dem ersten seit exakt vierzig Jahren, ist es so eine Sache. Eigentlich ist es nicht wirklich ein Brecher. Sogar ein bisschen durchwachsen, und das sowohl in Sachen Stringenz und Konsistenz, als auch in Sachen kompositorischer Qualität. Das hat schon seine zähen Momente und sein Füllmaterial. Aber auf der anderen Seite kam es so unerwartet, war es nach den reunierten Geburtswehen doch überraschend gut, und hat es eben unter anderem mit "Ride The Night" einen so krass anachronistischen Volltreffer-Hit im typischsten 1980er-HEAVY-LOAD-Stil an Bord, dass es eine wahre Freude ist. Manchmal braucht es gar nicht so viel, um Fans glücklich zu machen.

 

Weil im Übrigen natürlich nicht existiert, was nicht als physischer Tonträger in der Sammlung steht, trudelten hier ein paar Scheiben zu spät ein, um noch in meiner Liste Einzug zu halten, die aber dennoch toll sind und daher eine ehrenhafte Erwähnung verdient haben: Allen voran DESTRUCTOR mit "Blood, Bone And Fire". Viel besser geht traditioneller, wilder und ungezähmter US-Metal einfach nicht. Ähnliches gilt für OVERLORDE mit "Awaken The Fury".

 

Gehen wir nun weg von den Alben und hin zu einzelnen Songs. Im Wesentlichen finden sich unter meinen Lieblingssongs des Jahres viele Stücke von den zwanzig Alben, die ich euch eben vorgestellt habe. Doch mitunter hat sich auch das eine oder andere Stück von Alben in die Liste verirrt, die im Großen und Ganzen doch ein bisschen durchwachsen waren, die mich aber mit einzelnen Songs doch mehr berühren konnten, als ich das erwartet hätte, oder als das Album es erwarten ließ.

 

Dabei ist ganz vorne mit dabei der gute David DeFeis, dessen neues VIRGIN STEELE-Album "Passion Of Dionysus" an den gleichen Symptomen krankt wie schon diverse Vorgänger. Aber trotzdem hat es halt etwas, das mich mitnimmt. Ein tolles lyrisches Konzept über eben jenen griechischen Gott, der ihm den Titel gab, und ein paar Songs die kompositorisch und inhaltlich echt an die Nieren gehen. Dafür exemplarisch sei der epische Opener 'The Gethsemane Effect' genannt.

 

Ähnliches gilt für eine weitere, noch viel bemerkenswertere Verschrobenheit des US-Metal-Zirkus, namentlich Chris Logue und die reforierte Version von SAVAGE GRACE. Daran ist so vieles krude und manches sehr falsch, doch ein paar Songs kicken mich doch sehr ordentlich, darunter 'Automoton'. CIRITH UNGOL ist natürlich doppelt vertreten, mit dem Titelstück und 'Sailor On The Seas Of Fate', das einfach absolut alles kann. Dass nicht dieser Song, und allgemein nicht CIRITH UNGOL den Song des Jahres abgeliefert hat, ist verstörend und unerhört. Wer kann diese nie dagewesene Schieflage verantwortet haben? Nun, zum einen ich, denn ich habe ja schließlich die Liste gemacht. Zum anderen der Müßiggang, denn warum sonst sollte ich Serien schauen? Vor allem jedoch eine junge Dame aus England, die eigentlich eher als Schauspielerin denn als Sängerin bekannt ist, derjenige Komponist, der ihr für den Soundtrack von "The Witcher" einen Song auf den Leib geschneidert hat, und die polnische Folk-Band, die ihn instrumentiert hat. Ein Song, der für mich tatsächlich anno 2023 über allen anderen wunderbaren Liedern jenes Jahres thront. Die Rede ist von einer wunderschönen kleinen Ballade namens 'A Little Sacrifice' über die unglückliche und opferreiche Liebe zwischen einem Menschen und einer Nixe. Ein so klassisches Konzept des Märchens und der Sage, von Joseph Trapanese in tolle Lyrik und Noten gefasst, von PERSIVAL SCHUTTENBACH bestechend gespielt, und von Freya Allan, der Darstellerin der "Cirilla von Cintra" in der Serie, so unfassbar toll interpretiert, dass niemand glauben mag, dass es sich um die erste offizielle Gesangsaufnahme der jungen Schauspielerin handelt. Perfekt. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Doch, dass nämlich auch eine weitere singende Schauspielerin es in meine Jahrescharts geschafft hat, mit einem Song aus einem TV-Musical. Die Rede ist von Christina Chong, alias "La'an Noonien-Singh" aus "Star Trek: Strange New Worlds" deren Beitrag zur Folge "Subspace Rhapsody" - namentlich der Song 'Flying Blind' - ebenfalls wahnsinnig viel Spirit und Tiefgang hat und so eben auch Metallerherzen knacken kann. Zumindest trekkige.

An der Newcomer-Front begeisterten mich 2023 vor allem SINTAGE, SKULL & CROSSBONES und FATAL FIRE, während die grandiosen Liveevents, deren Zeuge ich sein durfte, wirklich zahllos sind. Schön war es, dass unser eigenes Festival der STAHLWERKE WEIHUNGSTAL e.V. von Bands, Fans, Gemeinde und Partnern so gut angenommen wurde und herrlich gewachsen ist. Dafür bin ich allen Kollegen, Unterstützern und den Bands und Fans sehr dankbar, besonders erwähnen möchte ich unsere Bands: VELVET VIPER, LIQUID STEEL, OVER THE UNDER, STORMHUNTER und FATAL FIRE. Aber natürlich war es nicht nur "bei uns zu Hause" toll, sondern auch beim Headbangers Open Air, beim Keep It True, beim Hammer Of Doom, beim Bavarian Metalheadz und bei all den tollen kleinen Gigs in Jugendclubs, Proberäumen und Kneipen. Danke daher besonders, aber keinesfalls ausschließlich an CIRITH UNGOL, TANITH, NOCTEM, KEV RIDDLE'S BAPHOMET, JAG PANZER, BLAZE BAYLEY, MANOWAR, EXODUS (D), TYRANT, DIE TAUCHER, FADEAD und an all die anderen unfassbar tollen Bands! Und an jeden, der mit mir dort war.

Gibt es sonst etwas, was ich loswerden müsste? Transmetallisches oder gar Transmusikalisches? Keine Ahnung. Jau, doch, das Serienjahr war ganz cool, denn ich mochte die dritte Staffel des Hexers mehr als die meisten, auch die zweite Staffel des Rades der Zeit war viel besser als die erste, und an der Star-Trek-Front war alles hochfein, vor allem die zweite Staffel von "Strange New Worlds". Bücher spielen durch das eigene Schreibprojekt wieder eine etwas größere Rolle im Leben als in den letzten Jahrzehnten, und im Kino hat's leider nur für "Oppenheimer" und "Avatar 2" gereicht, was aber beides ziemlich hübsch war. Sportlich war der Erstverein in jeder Hinsicht stabil, der Zweitverein mit dem Brustring übertraf alle Erwartungen, und auch an den guten alten Spatzen durfte man viel Freude haben. Über res publicae wollen wir den Mantel des Schweigens hüllen.

Hier die Bestenliste der Alben:

Rang Band Album
1. Cirith Ungol Dark Parade
2. Cruachan The Living And The Dead
3. Jag Panzer The Hallowed
4. Capra Errors
5. Adorned Graves The Earth Hath Opened Her Mouth
6. Skull & Crossbones Sungazer
7. Dødheimsgard Black Medium Current
8. Taake En Hav Av Avstand
9. Tulus Fandens Kall
10. Immortal War Against All
11. Raven All Hell's Breaking Loose
12. Mojo Blizzard The Evil Crown
13. Tsjuder Helvegr
14. KK's Priest The Sinner Rides Again
15. Heavy Load Riders Of The Ancient Storm
16. U.D.O. Touchdown
17. Overkill Scorched
18. Necronomicon Constant To Death
19. Shining Shining
20. Fortíð Narkissos

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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