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POWERWOLF: Interview mit Matthew Greywolf

09.09.2013 | 12:10

Von heiligen Männermurmeln, über einen Kopfstand Attilas bis hin zu französischen Orgeln. Bei den Graupelzen von POWERWOLF ist momentan viel los. Ein bärenstarkes Album hier, eine sich bestens verkaufende Tour dort und überall ist die Stimmung am Limit. Dass wir all die Ereignisse zum Anlass nahmen, Klampfenwolf Matthew zum Gespräch zu bitten, dürfte so klar sein, wie das Amen in der Kirche.

Hey Matthew. Schön, dass es mit dem Interview geklappt hat, vielen Dank dafür. Für euch brach vor einigen Wochen eine stürmische, aber bestimmt immens tolle Zeit an. Wie geht es euch im Moment und seid ihr momentan arg im Promostress?

Ja, wir haben alle Hände voll zu tun, aber genau so soll es sein. Wenn man nach langer Arbeit ein Album fertiggestellt hat, kann man es kaum erwarten, endlich die Reaktionen der Fans zu bekommen, und es macht uns mehr als glücklich, dass unsere Fans "Preachers Of The Night" zu lieben scheinen. Auch das Medieninteresse ist riesig und die Kritiken super – alles bestens im Hause POWERWOLF...

Das Album landete in der ersten Woche sogar auf der Pole-Position der Media-Control-Albumcharts. Herzlichen Glückwunsch dafür! Habt ihr auch nur ansatzweise mit solch einem Erfolg und Andrang gerechnet? Zumal die bisherigen Resonanzen doch auch hervorragend waren.

Dankeschön. Mit Platz 1 konnte man natürlich nicht rechnen. Zwar war der Vorgänger "Blood Of The Saints" auch schon recht hoch auf Platz 23 gechartet, und es hat sich schon abgezeichnet, dass wir das toppen und die Top 10 knacken würden, aber dass es dann am Ende sogar Platz 1 wurde – das hat alle hier aus den Socken bzw. dem Wolfspelz gehauen, haha.... Das ist natürlich ein unglaublicher Erfolg – zumal es einfach auch ein Zeichen im Namen der gesamten Szene setzt, wenn da eine Band, die mehr oder weniger klassischen Heavy Metal spielt auf Platz 1 kracht und sich alle Pop- und Hip-Hop-Hörer die Augen reiben, was zur Hölle das denn ist. Es zeigt, dass Heavy oder Power Metal keinem Trend folgen muss, um Erfolg zu haben, und es zeigt, dass unsere Szene verdammt unterschätzt wird.


Im Gegensatz zu besagtem "Blood Of The Saints" und beispielsweise "Bible Of The Beast" ist das neue Album deutlich schneller und agiler. Wie kam es zu diesem frischen Wind? 'Amen & Attack', 'Nochnoi Dozor' und 'Cardinal Sin' platzen ja beinah vor Energie und machen bestimmt auch live eine dementsprechende Figur...

Geplant war das nicht, sondern hat sich während dem Songwriting so herauskristallisiert. Sicherlich ist es ein Resultat aus der Tatsache, dass wir live am liebsten die schnelleren, energiegeladenen Songs spielen, und man natürlich beim Songwriting auch immer im Hinterkopf hat, ob man dieses neue Stück, an dem man gerade arbeitet, auch gerne live spielen würde. Das haben wir getan, und als das Album fertig war, waren wir selbst ein wenig überrascht, dass wir dieses mal kräftig aufs Gaspedal getreten haben. Wir können es jedenfalls kaum erwarten, viele Songs vom neuen Album live zu spielen.


Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ihr mit eurem Image, eurer Thematik und der besonderen Atmosphäre einen ganz eigenen, individuellen Stil kreiert habt. Speziell in der heutigen Musiklandschaft ist dies ungemein wichtig. Seht ihr das genauso oder würde ein schlichtes 0815-Heavy-Metal-Album unter dem Banner "POWERWOLF" auch für derartige Furore sorgen? Wie schwer wird es sein, bei den üblichen, bandeigenen Trademarks zukünftig noch für (positive) Überraschungen zu sorgen, wie ihr es aktuell geschafft habt?

Du beantwortest die Frage ja selbst: Natürlich würde ein 08/15 Album, unter welchem Namen auch immer – nicht so einschlagen, wie ein Album einer Band, die einen sehr eigenen Stil entwickelt hat und das sehr starke Songs beinhaltet. Das Image sehe ich dabei als zweitrangig an, das ist nicht dafür verantwortlich, dass unsere Alben gut ankommen, denn, wenn du ein Album hörst, siehst du nicht das Image, sondern hörst die Musik. Wenn die scheisse ist, interessiert es dich auch nicht, wenn der Sänger auf dem Bandfoto einen Kopfstand macht. Einen schlechten Song kannst du nicht interessant machen, indem du ihm ein Image gibst. Ich denke, wir haben über die Jahre mit viel stoischem Durchhaltevermögen einen sehr eigenen Sound kreiert, der Wiedererkennungswert hat – darauf sind wir stolz und es ist eine tolle Bestätigung, wenn wir damit von Album zu Album erfolgreicher werden, ohne uns dafür verbiegen oder anbiedern zu müssen. Ob wir damit auch in Zukunft für Überraschungen sorgen können, ist mir als Künstler völlig egal. Wichtig ist für uns, dass es spannend bleibt, neue Songs zu schreiben, und dass wir dabei Spaß haben. Den haben wir bisher in Hülle und Fülle, und solange das so bleibt, mach ich mir keine Gedanken über Erwartungshaltungen oder Pressemeinungen. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir fünf Wölfe die Musik lieben, die wir da schreiben, und unsere Fans das ähnlich sehen – alles andere ist egal.


Und lyrisch habt ihr die Werwolf- und Vampir-Thematik ja schon lange ad acta gelegt. Nun schimmern eher geschichtliche und religiöse Einflüsse durch. In welche grobe Richtung gehen die einzelnen Stücke und wird man dies zukünftig vermehrt bei euch feststellen können?

Auf "Preachers Of The Night" haben wir in der Tat mehr geschichtliche Bezüge aufgegriffen als bisher, was einfach daran liegt, dass sich einige Songs mit den Kreuzzügen beschäftigen, und es sich bei der Thematik anbietet, etwas näher am Geschichtsbuch zu bleiben. Wie das in Zukunft aussieht, kann ich dir nicht sagen, da lassen wir uns von unserer Inspiration treiben.


Eines der für mich herausragenden Stücke auf "Preachers Of The Night" ist definitiv 'Secrets Of The Sacristy' eine astreine Happy-Metal-Nummer mit deutlichen GAMMA RAY-, HELLOWEEN-, und (frühen) EDGUY-Akzenten. Wurde er von jenen Bands auch beeinflusst oder wie entstand dieser etwas untypische Song?

Ich bin Metalfan seit ich 11 Jahre alt bin, und HELLOWEEN waren damals eine der ersten Bands, die mich zum Metal brachten, daher haben die alten Helloween-Scheiben sicherlich einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. "Secrets Of The Sacristy" war nicht bewusst als Hommage geplant, aber scheinbar sind da meine frühen Einflüsse durchgekommen, haha.... wir hatten einfach Spaß daran, einen schnellen, etwas heitereren Song zu schreiben, der aber dennoch nach POWERWOLF klingt. Attila ist stimmlich ja völlig anders gelagert als ein Michael Kiske...


Beim abschließenden 'Last Of The Living Dead' hört man in den letzten vier Minuten nur das Prasseln des Regens. Hat das eine tiefere Bedeutung oder musstet ihr auf eine entsprechende Minutenanzahl kommen?

Haha, nein, die Minutenzahl hat dabei keine Rolle gespielt, "Reign In Blood" ist ja auch nur 28 Minuten lang und hat alles, was es braucht. Nein, die Atmosphäre am Ende des Albums ist als eine Art Abspann zu verstehen. Ich mag es nicht, wenn ein Album mit dem letzten Akkord endet und der CD-Player auf Null springt. Das ist, wie wenn im Fernsehen ein Film von der Schlußszene sofort in Werbung überblendet wird – das will niemand. Ich mag es, wenn ein Album nachwirken kann, und mit dem Ausklang mit Gewitter, Regen, Wölfen und Kirchenglocken kann man das Album sacken lassen, wenn man das mag.


Dass POWERWOLF mit englischen und lateinischen Texten wunderbar gewittert, habt ihr uns auf den vorherigen vier Alben bestens gezeigt. Mit 'Kreuzfeuer' habt ihr erstmals einen deutschsprachigen Song auf der Habenseite. Wie kam es zu dieser Idee und was steckt hinter dem Stück?

Ich hatte eines Tages diese Melodie zum Refrain im Kopf und dazu das Wort "Kreuzfeuer". Da ich, um ganz ehrlich zu sein, deutsche Texte eigentlich nicht mag, habe ich mich lange gewunden und gewehrt, diese Idee der Band vorzustellen, aber sie hat mich nicht in Ruhe gelassen. Irgendwann habe ich es dann mal in den Raum geworfen und alle mochten die Idee. Da wir keine Freunde von Kompromissen sind, haben wir eben kurzerhand einen deutschen Song auf das Album genommen. Mit einem englischen Text hätte die Idee nicht die gleiche Wirkung erzieht. Dieser stampfende, kantige Rhythmus hat einfach nach der deutschen Sprache verlangt. Um die Frage aber gleich hinwegzunehmen: Nein, das ist nicht die Marchrichtung der Zukunft, sondern eine einmalige Geschichte, die sich einfach ergeben hat. Der Wolf wird weiterhin vornhemlich auf Englisch predigen.


Hand aufs Herz: Was hat es mit 'Coleus Sanctus' auf sich? Wenn mich meine Lateinkenntnisse nicht im Stich lassen, heißt es doch wörtlich übersetzt: "Heiliger Hoden"?

Genau das heißt es. Und ja, es ist eine augenzwinkernde Lobpreisung des heiligsten Körperteils eines jeden Mannes. Wie schon bei 'Resurrection By Erection' haben wir von Zeit zu Zeit einfach Spaß an schlüpfrigen Texten.
Aber es steckt mehr dahinter, als nur einen lustigen Text zu schreiben. Zum einen Steckt in 'Coleus Sanctus' durchaus die ein oder andere zynische Zeile, und zum anderen sind uns solche Texte wichtig, um auch dem letzten, der es noch nicht kapiert hat, klar zu machen, dass wir zwar in unserer Symbolik und in unseren Texten Bezug auf religiöse Themen nehmen, aber keinesfalls religiöse Eiferer sind oder gar eine religiöse Botschaft transportieren wollen. Ein Titel wie 'Amen & Attack' könnte - ohne den Gesamtkontext - durchaus wirken, als wären wir religiöse Hardliner. Wenn dann aber zwei Songs weiter der heilige Hodensack propagiert wird, sollte das Statement genug sein.

Ein weiteres Statement sind eure Orgeln. Die nehmt ihr vorzugsweise in Eglise St. Barbe in Thionville in Frankreich auf. Mit diesem Hintergedanken wirkt das Prozedere noch authentischer. Seit wann macht ihr das und wie kam es damals zu diesen besonderen Umständen?

Wir pilgern dort seit drei Alben hin, und das hat zwei gute Gründe:
Zum einen klingt die Orgel dort fantastisch, und zum anderen kennt man uns dort mittlerweile und das erleichtert einiges. Wie du dir vorstellen kannst, ist es nicht gerade einfach, als Heavy-Metal-Band eine Kirche für Aufnahmen zu nutzen. Zum Glück sind wir dort - wie auch in der Saarbrücker Deutschherrenkapelle, wo wir unsere klassischen Chöre aufnehmen - sowas wie alte Bekannte und müssen nicht mehr tagelange Gespäche führen und Überzeugungsarbeit leisten, dass wir die Kirche nicht nach Ende der Aufnahmen in Schutt und Asche legen...


Apropos "In Schutt und Asche legen" Im Herbst pilgern die Wölfe einmal mehr zu den Wolfsnächten. Gemeinsam mit MAJESTY, BATTLE BEAST, Matt Barlow und ASHES OF ARES und WISDOM gibt es von September bis November die Power-Metal-Vollbedienung. Auf was können sich Fans bei dieser Tour einstellen? Und glaubt ihr, ihr könnt dem Erfolg der letztjährigen Ausgabe noch einen drauf setzen?

Die Besucher können sich auf einen langen Abend voller Metal, Schweiss und Spaß einstellen. Ich denke, wir haben ein sehr starkes und gleichermaßen homogenes wie vielseitiges Lineup zusammengestellt. Alle vier Bands sind irgendwo im Heavy Metal oder Power Metal beheimatet, haben aber ihren jeweils ganz eigenen Charakter. Was unsere Show angeht, so werden wir mit einem neuen, sehr aufwändigen Bühnenbild und einer recht opulenten Lightshow aufwarten, die Bühne wird einer Kathedrale gleich sein. Ob wir dem Erfolg der letzten Wolfsnächte-Tour noch einen draufsetzen können? Nun ja, der Vorverkauf läuft sehr gut und deutet darauf hin, dass die Tour ein großer Erfolg wird.


Ist die "Wolfsnächte"-Tour denn nun etwas, was ihr nun jedes Jahr bzw. regelmäßig veranstaltet oder wird es nach zwei Ausgaben wieder das Zeitliche segnen?

Das kann ich dir nicht sagen, denn wir handeln nicht nach einem Masterplan... wir haben uns entschieden, erneut unter dem Banner Wolfsnächte zu touren, einfach weil die erste Wolfsnächte-Tour eine tolle Zeit war, der Festivalgedanke für eine super Stimmung unter den Bands gesorgt hat, und das Feedback der Zuschauer unglaublich war.
Ich mag es nicht, wenn ein Headliner mit winzig klein erwähnten "Special Guests" tourt. Als ich früher meine ersten Metalkonzerte besuchte, hat mich auch immer das gesamte Lineup interessiert, und so sollte es auch sein. Daher ist es uns auch sehr wichtig, ein cooles Package zusammenzustellen, und das ist uns auch 2013 defintiv gelungen. Die Besucher sollen vom ersten Ton des Openers, bis zum Outro unserer Show eine gute Zeit haben und maximale Unterhaltung geboten bekommen


Hiermit wäre ich mit meinen heiligen Fragen auch am Ende und möchte mich noch einmal vielmals bei dir für Zeit und Geduld bedanken. Weiterhin viel Erfolg mit der neuen Scheibe und viel Vergnügen auf der baldigen Tour. Bis Dann!

Redakteur:
Marcel Rapp

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