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PAATOS: Interview mit Petronella Nettermalm

18.07.2006 | 14:58

PAATOS haben mit dem Slow Burner "Silence Of Another Kind" einmal mehr ihr Händchen für atmosphärisches Songwriting jenseits von Konventionen und Egogewichse bewiesen: Filigrane Strukturen, unheimliche Klanglandschaften und bei aller Melancholie doch auch oft genug eine gewisse (freilich bitter durchwebte) Süßlichkeit sorgen für eine unaufdringliche Art von Spannung. Demnächst auf Tour mit PORCUPINE TREE werden die Schweden ihre Klangteppiche auch live entrollen. Ich hatte die Ehre, Sängerin und Cellistin Petronella Nettermalm ein paar Fragen stellen zu dürfen...

Eike:
Wie haben PAATOS zusammengefunden?

Petronella:
PAATOS begann eigentlich als Verstärkungstruppe für die schwedische Folksängerin TURID. Der ehemalige Gitarrist Reine Fiske wurde gebeten, für ein Konzert mit ihr eine Band zusammenzustellen. Reine hat Stefan Dimle gefragt (sie hatten lange Zeit in Bands wie LANDBERK und MORTE MACABRE zusammengespielt), und dann vervollständigte er die Band mit Johan Wallén und Ricard-Huxflux Nettermalm (die in der Band EGG zusammen gespielt hatten - LANDBERK und EGG hatten jahrelang in den gleichen Szenen und auf den gleichen Festivals gespielt). Nach dem Konzert mit TURID entschieden sich die Jungs, weiterhin zusammen zu spielen und begannen nach einiger Zeit, sich nach einer Sängerin umzusehen. Petronella Nettermalm stieß dazu und PAATOS war geboren. Nach dem Debütalbum "Timeloss" wurde Reine Fiske durch Peter Nylander ersetzt, und seitdem ist das Lineup gleich geblieben.

Eike:
Ein Blick auf eure Homepage verrät, dass ihr alle verschiedene Musik hört. Was meinst du, wie das euer eigenes Songwriting beeinflusst?

Petronella:
Jedes Mitglied von PAATOS hat einen eigenen Musikgeschmack und eigene Inspiration, und das sind wirklich verschiedene Geschmacksrichtungen. Ich denke, es macht einen Teil der "PAATOS-Formel" aus, dass wir alle verschiedene Einflüsse in die Songs einbringen, die wir zusammen schreiben. Unsere Unterschiede sind unsere Stärke!

Eike:
Ich möchte dir gerne ein paar Fragen zum Umgang mit der Musik stellen. Euer neues Album klingt für mich verglichen mit "Kallocain" in sich etwas geschlossener. War das eure Absicht?

Petronella:
Nein, nicht wirklich. Das Einzige, worüber wir uns abgesprochen haben, bevor wir mit den Aufnahmen begannen, war, dass wir ein bisschen härteres Material haben wollten. Das lag daran, dass wir spürten, wir bräuchten einige härtere Songs um das Set dynamischer zu machen. Die Songs erwachten im Studio zum Leben während wir improvisierten, also haben wir nicht viel geplant.

Eike:
Liegt den Texten von "Silence Of Another Kind" ein übergeordnetes Konzept zu Grunde, oder betrachtet ihr das Album eher als Sammlung alleinstehender Stücke?

Petronella:
Nein, ein Thema hat das Album nicht wirklich. Jemand schrieb mal, dass unsere Songs von Leben und Tod und der Reise dazwischen handeln, und ich schätze, das gilt auch für dieses Album. Wir schreiben über alles mögliche, das sich wichtig anfühlt, sowohl über persönliche Erfahrungen als auch über globale Fragen.

Eike:
Besonders gut gefallen mir 'Is That All?' und 'Not A Sound'. Gibt es auf "Silence Of Another Kind" gewisse Songs, mit denen du dich stärker identifizierst als mit anderen?

Petronella:
Ich persönlich fühle mich 'Not A Sound' besonders verbunden. Den Embryo, aus dem der Text wurde, schrieb ich, als vor langer Zeit ein(e) sehr enge(r) Freund(in) von mir besonders harte Zeiten durchlebte. Und selbstverständlich sind da auch jede Menge persönliche Erfahrungen miteingeflossen. Und ich liebe die traurige Melodie – sie passt perfekt zu den Worten. 'Still Standing' mag ich auch. Ich wollte seit langem einen Song über diese gebrochene Seele schreiben, und als ich die erste Einspielung hörte, die die Jungs machten, kamen mir der Refrain und der Text noch im gleichen Moment in den Sinn. Es fühlt sich wirklich gut an, das laut und wütend zu singen!

Eike:
Wie haben wir uns die Entwicklung der Songs von der ersten Idee bis zum fertigen Stück vorzustellen?

Petronella:
Die meisten Songs wurden im Studio improvisiert. In einigen Fällen gab es vorher eine Idee, um die herum man den Rest des Songs aufbauen konnte, wohingegen andere Songs aus dem Nichts heraus geschaffen wurden. Die Jungs haben alles gemeinsam zur gleichen Zeit aufgenommen, um ein stärkeres Live-Gefühl zu entwickeln. Hux brachte die Aufnahmen zu mir nach Hause (ich war zu dem Zeitpunkt hochschwanger), sodass ich nachvollziehen konnte, was gerade passierte, und einige Melodien schreiben konnte, die noch nicht vollständig waren, und Texte natürlich. Aber die Texte sind nicht alle von mir – Hux schrieb einige, und 'Falling' ist von Peter. Dann nahmen wir Sachen wie Gitarren, Streicher und Gesang auf. Soweit fand das alles in unserem eigenen "Green Genie"-Studio statt. Der nächste Schritt bestand darin, das Album mit Hilfe des großen Janne Hansson im legendären "Atlantis"-Studio abzumischen. Wir haben schon "Timeloss" dort gemischt und lieben die Atmosphäre und die analoge Ausstattung, die Janne dort bereithält. Eine ganze Reihe legendärer Bands nahm dort bereits auf (alle möglichen von ABBA bis ELVIS COSTELLO). Dann masterten wir bei CRP Recordings, und das Album war erscheinungsreif.

Eike:
Gibt es in der Band eine bestimmte Rollenverteilung?

Petronella:
Die offensichtlichste Rolle, die mir da einfällt, ist Hux, der Klangingenieur. Hux hat die totale Kontrolle über den Aufnahmeprozess und das Equipment. Er hat Green Genie gebaut, und es ist seine Ausstattung, die wir bei den Aufnahmen nutzen. Er ist auch derjenige, der die meisten der Loops und seltsamen Klanglandschaften kreiert (mit ein wenig Hilfe von uns anderen). Aber davon mal abgesehen, denke ich, sind wir eine sehr demokratische Band, wobei wir uns mit der Übernahme der Leitfunktion abwechseln. Wer eine Idee hat, prescht vor, und der Rest folgt. Alles wird begrüßt - es herrscht eine wirklich aufgeschlossene Atmosphäre. Du kannst zum Beispiel mit einer Bridge oder bloß mit einer Melodie im Kopf zur Probe kommen, und du weißt, dass die anderen zuhören und mehr daraus machen werden.

Eike:
Kannst du Einflüsse auf "Silence Of Another Kind" benennen, auch im Vergleich zu "Kallocain"?

Petronella:
Ich denke, Einflüsse auf all unsere Alben sind die verschiedenen Bands und Künstler, die sich jede/r Einzelne von uns am liebsten anhört. Wie sich ein neues PAATOS-Album anhören wird, ist eher das Ergebnis dessen, in welcher Phase und auf welcher Ebene die Band sich befindet. Bei "Kallocain" haben wir eine Menge mit Loops herumexperimentiert, und wir wollten damit ein richtiges Studioalbum ablierfern. Bei "Silence Of Another Kind" waren wir in einer anderen Phase, wir wollten dieses Live-Gefühl.

Eike:
Ich habe noch ein paar Fragen zur künstlerischen Gestaltung von "Silence Of Another Kind". Inwieweit wart ihr an der Auswahl und Gestaltung des Covers beteiligt? (Ich finde, es ist sehr suggestiv und passt gut zur Musik.) Wie wichtig ist dieser Aspekt für euch, und seid ihr mit dem Ergebnis zufrieden?

Petronella:
Wir finden alle, dass die künstlerische Gestaltung eines Albums sehr wichtig ist. Sie sollte zum Feeling der Songs passen und etwas über die Musik aussagen. Wir haben ein Bild des schwedischen Künstlers Hans Arnold gewählt, von dem wir denken, dass es sehr gut zum Album passt und auch zum Phantasieren über das Bild hinaus anregt. Es macht einen neugierig. Hans hat, als wir Kinder waren, viele Bücher illustriert – wir sind alle mit seinen Bildern großgeworden. Es war ein Privileg, sein künstlerisches Werk für eins unserer Alben verwenden zu können!
Wichtig ist, dass wir an allem beteiligt sind. Wenn man das Album im Laden sieht, erwartet man, dass es [das Design] etwas darüber aussagt, was darin steckt. Und in heutigen Zeiten, wo man das ganze Album einfach umsonst aus dem Internet holen kann, denke ich, dass das Artwork immer wichtiger werden wird, wenn man möchte, dass die Leute dein Album kaufen.

Eike:
Wie die PR-Abteilung verlauten ließ, wird die Erstauflage des Albums künstlerisch besonders luxuriös gestaltet sein. Was kannst du uns darüber verraten?

Petronella:
Wie du mittlerweile vielleicht betrachten konntest (falls du das neue Album gesehen hast), ist die Erstausgabe aus Karton gemacht, in dessen Mitte ein Loch gestanzt ist, und das Cover ist gefaltet. Wir mögen dieses "Buchgefühl".

(Ich habe das Cover inzwischen tatsächlich in der Hand gehabt, und es ist wirklich ansprechend: Die schlichte Anmut und das Neugierdeerweckende des Bildmotivs werden durch die taktile Kartonstruktur und die fensterartige Rahmung um Hans Arnolds Motiv passend unterstützt. Auch das "Buchgefühl" ist nicht von der Hand zu weisen. [Anmerkung des Redakteurs])

Eike:
Werdet ihr mit "Silence Of Another Kind" auf Tour gehen? Falls ja: Wo und wann können wir euch live sehen?

Petronella:
Wir gehen nach dem Sommer auf zwei Tourneen, und geben zwei Shows in Portugal. Bei einer der Touren eröffnen wir für PORCUPINE TREE bei ihrer Europatournee, und das wird großartig werden!
Für genauere Informationen schaut auf unsere Website.

Eike:
Was für ein Publikum erwartet ihr?

Petronella:
Man ist immer ein klein wenig nervös, wenn man vor dem Publikum anderer Musiker spielt; man kann sich nicht sicher sein, ob sie es mögen werden oder nicht. Aber wir haben hier in Schweden schon einmal vor PORCUPINE TREE gespielt, und das lief einfach gut – wir hoffen, dass ihre Fans nett zu uns sind! Wie dem auch sei, das ist für uns eine fantastische Möglichkeit, eine große Menge Menschen zu erreichen, die von uns noch nichts gehört haben, und hoffentlich PAATOS-Fans aus ihnen zu machen!

Eike:
Und was hat das Publikum von euch zu erwarten?

Petronella:
Wir werden natürlich unser Bestes geben, das machen wir immer. Wir brennen darauf, die neuen Songs live zu spielen – das wird richtig gut werden!

Eike:
Wird es auf der zweiten Tour ein Supportprogramm geben, oder werden das pure PAATOS-Abende sein?

Petronella:
Auf der zweiten Tour wird vermutlich ein Supportact dabei sein. Wir haben vor, mit der schwedischen Band LIQUID SCARLET zu reisen, falls alles so läuft wie es sollte - eine großartige Band.

Eike:
Was war der erinnerungswürdigste Bühnenmoment in der Geschichte von PAATOS?

Petronella:
Ich denke, die ganze Tour mit THE GATHERING war sehr einprägsam, weil wir nicht wussten, was wir vom Publikum erwarten sollten. Wie ich bereits erwähnte, ist man als Opener einer anderen Band immer ein bisschen nervös, weil es sich um deren Publikum handelt. Aber die Zuhörer von THE GATHERING waren wirklich gut zu uns, und es war ein echtes Vergnügen, dort zu spielen, an einigen Orten konnten wir sogar eine Zugabe spielen! Außerdem wuchsen wir als Band näher zusammen, was sehr gut für uns war.

Eike:
Und deine eindrücklichste Studio-Erinnerung?

Petronella:
Für mich ist das der Moment, wenn ich einen neues Lied (abgesehen vom Mixen und Mastern) das erste Mal komplett höre. Es ist ein fast schon auf religiöse Weise hingebungsvolles Gefühl, wenn du dich hinsetzt und die "Play"-Taste drückst und das Ergebnis von etwas hörst, an dem du vielleicht Wochen oder sogar Monate gearbeitet hast. Dann gibt es natürlich noch einige Jams und Aufnahmesessions, die wirklich erinnerungswürdig sind. Zum Beispiel haben wir für die japanische Version von "Timeloss" Celloklänge aufgenommen, und ich sollte etwas richtig Wildes und Verrücktes improvisieren, aber ich konnte es einfach nicht zum Funktionieren bringen. Hux hat genervt und genervt und schließlich wurde ich so wütend, dass ich all den Leistungsdruck fallen ließ und wie der Teufel spielte. Als wir uns das anhörten, klang es großartig, und wir verwendeten diesen Take.

Eike:
Was für Reaktionen habt ihr auf eure Musik bislang (von Publikum, Fans, Plattenfirma) bekommen?

Petronella:
Die Rezensionen zu "Silence Of Another Kind" waren soweit wirklich großartig, und das fühlt sich natürlich sehr gut an. Aber noch besser ist, dass es auch den Fans zu gefallen scheint. Man ist immer ein bisschen gespannt, wenn man ein neues Album veröffentlicht. Weil man so lange daran gearbeitet hat – emotional wie auch körperlich schwitzend – es ist schön, eine Bestätigung zu bekommen, dass das, was man getan hat, in Ordnung ist. Die Plattenfirma ließ uns freie Hand, was heutzutage ein seltener Segen ist, schätze ich. Ich denke und ich hoffe, dass sie es mögen!

Eike:
Haben sich die Reaktionen über die letzten Jahre gewandelt?

Petronella:
Man kann es natürlich nicht immer allen recht machen. Bei jedem neuen Album gibt es immer jemanden, der enttäuscht ist und alles lieber so wie zuvor hätte. Aber man gewinnt auch neue Fans dazu, und man kann nicht Jahr um Jahr das gleiche Album herausbringen, nicht wahr? Aber ich muss sagen, wir werden mit positiven Reaktionen verwöhnt, die meiste Zeit bereitet es Vergnügen, zu lesen, was die Leute über unsere Musik zu sagen haben!

Eike:
Wie wichtig sind Songentwicklung und Studiosessions im Vergleich dazu, auf der Bühne zu stehen?

Petronella:
Ich denke, gleichermaßen wichtig. Beides bedingt einander, damit Entwicklung stattfindet. Live zu spielen gibt einem eine Menge Inspiration für die darauf folgende Studioarbeit, während das Spielen im Studio für die Weiterentwicklung und das Erreichen neuer Ebenen wichtig ist.

Eike:
Wie wichtig sind euch die (möglichen) Reaktionen des Publikums (wenn ihr euch im Studio und/oder auf der Bühne befindet)?

Petronella:
Das ist sehr wichtig, besonders auf der Bühne. Es gibt nichts Schlimmeres als ein steifes Publikum. Als wir einen Auftritt im "Rockpalast" hatten, spielten wir in der selben Nacht wie die KELLY FAMILY, und die Menge war voller siebzehnjähriger Mädchen, die nur auf sie warteten. Niemand hatte jemals etwas von PAATOS aus Schweden gehört, und die wollten das auch gar nicht. Ich erinnere mich an ein Mädchen aus der ersten Reihe, das sich die Ohren zuhielt und dabei wie gefoltert dreinblickte. Es war hart, den Geist des Rock aufrecht zu erhalten, aber wir gaben unser Bestes!

Eike:
Dieses Interview wird in einem Magazin erscheinen, das sich in erster Linie mit Metal, Rock und Gothic-Musik beschäftigt. Ich lasse mal offen, wie viel davon wirklich wahr ist, aber ein weitverbreitetes Klischee in der Szene besagt, dass gerade die Anhäger harter Rockmusik eine besonders starke Bindung zu ihrer Art von Musik haben; dass sie sehr standhaft an Traditionen festhalten und Neuerungen gegenüber skeptisch sind. Würdest du euch eher näher am konservativen oder am progressiven Ende des Spektrums sehen?

Petronella:
Wir mögen es, uns ständig zu erneuern; wir brauchen diese Herausforderung, damit es aufregend bleibt, Musik zu machen. Wie ich bereits sagte – wo bliebe der Spaß, würde man das gleiche Album immer und immer wieder machen?! Aber das ist nicht das selbe wie progressiv zu sein. Ich denke, es ist schwer, heutzutage progressiv zu sein. Die heutige progressive Szene besteht für mich aus Bands und Künstlern wie RADIOHEAD, MONO oder BJÖRK. Ob PAATOS nun konservativ oder progressiv sind, soll der Hörer entscheiden – wir machen einfach Musik.

Eike:
Ist das für dich eine rein private Geschmackssache oder würdest du eine bestimmte Einstellung zur Musik vertreten?

Petronella:
Das ist die Sache jeder einzelnen Band, wie sie klingen möchten. Ich persönlich würde nicht darum streiten – aber ich denke, es ist interessanter, sich Bands anzuhören, die ihren eigenen Weg verfolgen anstatt sich wie eine blasse Kopie von Bands aus den Siebzigern anzuhören.

Eike:
Siehst du dich/euch in einer bestimmten Tradition?

Petronella:
Nein.

Eike:
Was ist für die Zukunft geplant?

Petronella:
Weiterspielen und gute Musik machen.

Eike:
Gibt es (abgesehen von PAATOS) Musik, die du unseren Lesern empfehlen möchtest?

Petronella:
Die japanische Band MONO,
die kanadische Band THEE SILVER MT. ZION,
und das polnische Streichquartett KROKE.

Eike:
Any last words?

Petronella:
See you after summer, it will be great to play live again! Until then – take care!

Eike:
Vielen Dank für das Interview!

Redakteur:
Eike Schmitz

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