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One Nation Underground - Part II

26.06.2008 | 20:39

PRIEST flüchten sich in ein Konzeptalbum, MAIDEN spielen ihre Nostalgie-Shows, und was von METALLICA kommen wird, ist unklar - ein idealer Zeitpunkt, um in aller Ruhe beleuchten zu können, was der Nachwuchs treibt. In der zweiten Ausgabe unserer "One Nation Underground"-Reihe geht es um die feine Linie zwischen Progressive Rock und Progressive Metal, diabolische Orchester mit Hang zum Internet, BARTÓK und STOCKHAUSEN, abgefahrene Reisen in die Welt des Übersinnlichen und Quentin Tarantino, der auf DILLINGER ESCAPE PLAN trifft.

Steckbrief:
Name: THE BONNY SITUATION
Mitglieder: Benjamin Peters (v.), Alexander Schroer (g.), Andreas Klees (g.), Hendry Moto (b.), Patrick Schroer (synths), Beray Habip (dr.)
Gründung: 2004
Herkunft: Duisburg, Deutschland
Veröffentlichung(en): "Still Another Day To Come" (2005), "Live At Hundertmeister" (DVD, 2007), "The Le Fink" (EP, 2007), "Two Lazy Apes" (EP, 2008)
Homepage: http://www.thebonnysituation.de/
MySpace: http://www.myspace.com/thebonnysituation

"The Bonnie Situation" ist nicht nur der Titel des besten der drei Handlungsstränge in Quentin Tarantinos "Pulp Fiction"-Meisterwerk und enthält die großartigsten Dialoge der Neunziger, sondern seit einiger Zeit auch der Name einer bemerkenswerten deutschen Band. 2005 legen die Duisburger, die Bonnie am Ende ein Y spendieren, ihr Longplay-Debüt "Still Another Day To Come" vor, das sie unter "Metal-Pop" abheften. Purismus ist schon damals nicht ihre Sache, was auch auf die Vergangenheit der Beteiligten, in der Hip-Hop und Techno neben harten Klängen eine Rolle spielten, zurückzuführen ist. Fans finden allerdings auch diejenigen, die Konservatismus mit Stillstand gleichsetzen. Und wer seine Zeit nicht vertut, indem er unermüdlich hirnrissiges Szeneregelwerk aufstellt und runterbetet, hat noch Kapazitäten frei, um gute Songs zu schreiben. Diese guten Songs enthalten seinerzeit viel Schwermetall, liegen stilistisch irgendwo zwischen SYSTEM OF A DOWN und FAITH NO MORE und werden mit viel Selbstbewusstsein vorgetragen. Nicht nur in Anbetracht des Durchschnittsalters der Mitglieder von unter zwanzig Jahren eine reife Leistung, die auch in der Presse als solche anerkannt wird.

Anstatt den mit dem Erstling eingeschlagenen Weg weiterzugehen und dem "Metal-Pop" noch dickere Konturen zu verleihen, beweist das Sextett Mut und entscheidet sich für den schwierigen Weg: die Herausforderung, seine Musik in den Folgejahren umzumodeln und einer Generalüberholung zu unterziehen. Die Metalelemente fliegen ausnahmslos raus und werden durch moderne und vielseitige Rock-Riffs und -Licks ersetzt, mit Benjamin Peters stößt 2007 ein neuer und noch besserer Sänger als sein Vorgänger Martin Kneifel hinzu, und fortan heißt das Baby "Progressive-Pop" - eine Wortschöpfung, die verheimlicht, dass man es immer noch mit energischer Gitarrenmusik zu tun bekommt. In den neuen Stil überführt werden Patrick Schroers markantes Keyboardspiel, das allen Hänsel-und-Gretel-Klimperern weit voraus ist und nach wie vor an Roddy Bottums Arbeit bei FAITH NO MORE denken lässt, und die Songwriting-Fähigkeiten, die gute von durchschnittlichen Truppen unterscheiden.

Weiterentwicklung, Umorientierung, Neuanfang - egal, mit welchem Begriff man die aktuelle "Two Lazy Apes"-EP letztlich bezeichnen will, sie zeigt THE BONNY SITUATION gewachsen, im Zusammenspiel näher zusammengerückt und mit einem sicheren Gespür für kompakte und gleichzeitig detailverliebte Arrangements. Man mag 2008 die Metalkomponente vermissen - auch im derzeitigen Live-Programm befindet sich kein Song des Debüts -, Tatsache ist aber auch, dass die Musik noch besser geworden ist. Die Deutschen klingen abgeklärt, ohne dies als hohes Gut misszuinterpretieren, sie haben eine musikalische Signatur, die man trotz der Veränderungen wieder erkennt, und sie blenden nicht mit Taschenspielertricks. Wo andere Bands Computer-Soundeffekte einsetzen, um ihren Songs krampfhaft Anspruch aufzuzwingen, sind die virtuellen Instrumente hier eine Bereicherung und zudem tragende Säule des "Progressive-Pop". Aber: Sie sind nur eine von sechs tragenden Säulen. Hobbybaustatiker haben eine Ahnung, was passiert, wenn eine davon entfernt wird.

THE BONNY SITUATION sind FAITH NO MORE 2.0 oder letztlich auch schlicht THE BONNY SITUATION, haben Hitpotenzial, ohne dabei in abgegriffene Muster zu verfallen, und müssen über kurz oder lang einen Plattenvertrag an Land ziehen. DREDG-, MUSE- oder Serj-Tankian-Fans werden eine Combo entdecken, die sich sehr gut zwischen den Favoriten macht. Und eine bessere Alternative, um diesen freien Platz auszufüllen, gibt es derzeit nicht.

THE BONNY SITUATION-Sänger Benjamin Peters im Kurzinterview:

Das "Two Lazy Apes"-Artwork erinnert ein wenig an Sequenzen aus David Lynchs "Inland Empire". War der Film eine Inspiration?

Nee. Ich kenne den Film aber und finde den auch geil. Einer der wenigen Filme, bei denen ich fast aus dem Kino gegangen wäre. So was habe ich ja noch nie gesehen - wie der Anfang von "Lost Highway", nur drei Stunden lang (lacht). Das Foto hat damit aber nichts zu tun. Wir brauchten etwas für unsere Homepage. Die Idee war eigentlich, einen Raum zu machen, wo man verschiedene Sachen anklicken kann. Und ein befreundeter Fotograf hat das mit uns umgesetzt. Das ist alles auf unserem Mist gewachsen, mit Kulissen, die wir selbst aus dem Proberaum mitgebracht hatten. Wir fanden das Foto so geil und viel zu schade, um es nur für die Homepage zu nehmen.

Alles, was mit THE BONNY SITUATION zu tun hat, ist professionell - egal ob Gestaltung der CDs, Produktion oder Musik. Ihr könnt doch von vorneherein auf ein Label verzichten. In absehbarer Zeit hat sich dieses Thema ohnehin erledigt, und jeder bringt sein Zeug selbst an den Mann.

Du brauchst das nötige Know-how und musst die richtigen Leute kennen, um überall reinzukommen. Und ein Label hat noch ganz andere Connections. Wir haben ja diesen Management- und Booking-Deal gewonnen, und daraufhin sollten wir in München spielen. Das ist aber verschoben worden, weil auf einmal wieder keiner der A&Rs der Plattenfirmen Zeit hatte. Die haben alle überhaupt keine Eier mehr, irgendwo hinzufahren und dann vielleicht zu sagen: "Hey, die Band ist cool." Und wir fangen ja auch nicht bei Null an. Wir haben Songs, wir können alles aufnehmen, und wir haben ein Produkt. Na ja, dieser München-Gig ist fürs Erste geplatzt. Unser Management hat wenigstens noch die Eier und sagt: "Wir machen jetzt mal was Frisches." Die nehmen die Dinge noch in die Hand, nicht wie die Plattenfirmen, die lieber den fünften TOKIO HOTEL-Kackdreck machen. Aber du hast schon Recht: Am besten wäre es, wenn man alles selbst in die Hand nimmt. Dazu fehlen uns aber leider noch die Kontakte.

Ihr spielt regelmäßig Unplugged-Gigs. Was reizt euch an diesen Shows?

Auf jeden Fall die Atmosphäre. Man ist viel näher an den Fans. Du setzt dich gemütlich hin, kannst ein bisschen auf die Texte eingehen und vielleicht erzählen, wie die Songs entstanden sind. Und es ist auch nicht so schlimm, wenn mal 'ne Gitarre verstimmt ist. Dann sagst du einfach: "Moment, wir müssen eben noch mal stimmen." Und die Leute lachen. Das Ganze ist irgendwie familiärer. Uns reizt natürlich auch, die Songs total nackt zu machen und zu gucken, wie gut der Song eigentlich ist. Ist er nur Sound und Spielerei, oder ist er wirklich gut, weil die Melodien und die Harmonien gut sind?

Gab es in letzter Zeit Bands, die euch beeindruckt haben?

Wir waren mit fast der ganzen Band auf 'nem Konzert von DILLINGER ESCAPE PLAN. Das war sehr, sehr geil. Wir gucken ja auch immer, was andere live machen. Und das ist natürlich 'n Traum. Das ist zwar nur Chaos, aber irgendwie kontrolliertes Chaos.
[Oliver Schneider]

Steckbrief:
Name: DIABLO SWING ORCHESTRA
Mitglieder: Daniel Håkansson (g.; v.), Anders Johansson (b.), Annlouice Loegdlund (v.), Johannes Bergion (cello), Andreas Halvardsson (d.), Pontus Mantefors (g.; fx)
Gründung: 2003
Stil: Rock/Metal/Klassik/Jazz
Herkunft: Schweden
Veröffentlichung(en): "The Butcher's Ballroom" (2007)
Bandinterne Konsensplatte: Soundtrack zu "Les Triplettes De Belleville"
Ultimativer Song: TINA TURNER - 'Private Dancer'
Diesen Vergleich verbitten wir uns: NIGHTWISH
Homepage: http://www.diabloswing.com/
MySpace: http://www.myspace.com/diabloswingorchestra

Bereits mit seinem Debütalbum "The Butcher's Ballroom" machte das DIABLO SWING ORCHESTRA im vergangenen Jahr auf sich als eine der progressivsten Rock/Metal-Kapellen der letzten Jahre aufmerksam. Denn ihre Einflüsse lassen sich längst nicht auf Neo-Swing im Stile von BRIAN SETZER beschränken. Ein gewisses Faible für klassische Horrorfilmsoundtracks zieht sich ebenso dezent durch viele Songs wie so manche Anleihen bei lateinamerikanischer Musik. Bisweilen verknüpft die Combo gar modern rockende Alternative-Riffs auf bis dato ungehörte Weise mit dem Gefühl, gerade den sich und ihren Kameraden Mut herbeispielenden Musikanten eines frühneuzeitlichen Heerhaufens zu lauschen. Doch beschränkt sich die Band keineswegs auf Nachahmung des Vergangenen oder etwa dem Frönen schaler Traditionstümelei. Hier wird stattdessen amalgamiert, was das Zeug hält, so dass sich selbst operettenhafter Gesang so flüssig einfügt, dass die werte Leserschaft sich nicht vor etwaigem Geträller eines x-ten NIGHTWISH- oder WITHIN TEMPTATION-Klons zu fürchten braucht. Neben Ohrwürmern wie 'Rag Doll Physics' wird auch Progressivität geboten. Vermeintlich rockfremde Elemente wie klassisches Orchester, arabeskes Gitarrenspiel, Tangorhythmik und teils sogar krachend dazwischen wummernder Funkbass wirken hier keineswegs aufgesetzt oder hineingezwungen, sondern verbinden sich stets zu neuen, überraschenden Stilen. Selbst ein melodramatisches Klaviersolo wirkt da zwischen all der feurigen und beschwörenden Theatralik nicht fremd am Platz. Denn die Formation aus Stockholm vergisst niemals nicht das Rocken, nein!

Das Spiel des DIABLO SWING ORCHESTRA ist durchkomponiert und dicht; weit gestreut sind lediglich die Einflüsse. Als erste Assoziation zu diesem Begriff nennt die Band dann auch "Diebstahl". Man reißt sich also unter den Nagel, was auch immer als Nächstes kommen mag. Und da kommt einiges! So ist Schlagzeuger Anders auch noch in seinem eigenen Projekt .PLEDGE aktiv; Pontus, der außer für Gitarren auch noch für Effekte zuständig ist, sammelte erste Meriten in einer Psychedelic Trance spielenden Formation mit dem Namen PSYJUNTAN; Cellist Johannes ist zugleich die eine Hälfte eines Duos namens 60/40; und als konsensfähig führt die Band die in Jazz gegründete, sich darauf aber keineswegs beschränkende Filmmusik zur französischen Zeichentrickschrägheit "Das große Rennen von Belleville" an.

Wer es seit dem SYSTEM OF A DOWN-Durchbruch "Toxicity" (das doch eher kantige Debüt lassen wir hier mal unter den Tisch fallen) vermisst hat, sich noch einmal auf ähnlich verblüffende Weise durch eine junge Truppe mittels einer völlig eigenständigen, eingängig-abgedrehten Mischung unvermutet gut zusammenpassender Stile überraschen zu lassen, sollte hier unbedingt mal ein Ohr riskieren. Denn von hymnisch bis swingend, von derbe bis subtil, von furios bis angedoomt, von Renaissance-Flöte bis Jazz-Schlagzeug und von Violine bis Didgeridoo findet sich allerlei Würziges und ebenso kreativ wie passend aufeinander Abgestimmtes im Ballsaal des Metzgers wieder. Das wird garantiert nicht nur den Westflügel der Geschlossenen erfreuen. Schwing!

Ein wenig abgedreht freilich bleibt die Erklärung zur Zusammenkunft der Band, an der die Schweden eisern festhalten. Es sei eine verwickelte Geschichte, deren Kurzfassung sich in etwa so zugetragen habe: "Während des sechzehnten Jahrhunderts war in Schweden ein Orchester aktiv, das Musik spielte, die den Machtinhabern dieser Zeit nicht passte. Die Musiker wurden fälschlicherweise eines Mordes bezichtigt und zum Tod durch Erhängen verurteilt. Aber bevor es dazu kam, unterzeichneten sie einen Vertrag, der ihren Nachkommen überliefert wurde und sie beauftragte, das Orchester 500 Jahre später wiederzuvereinigen. Die Zeit verging, wir alle fanden die Briefe und einander. Da wir unsere Vorfahren nicht hängen lassen wollten, vereinten wir abermals das Orchester und begannen zu komponieren." So erkläre sich auch der Bandname, denn die Vorfahren und Gründerväter seien unter dem Namen THE DEVIL'S ORCHESTRA bekannt gewesen. So könnte das "Swing" im Namen der Band denn auch für das Baumeln am Galgen stehen, obschon sich das Teufelsorchester auch beim gleichnamigen Genre großzügig bedient hat - und zwar bei 'Balrog Boogie', dem Eröffnungsstück von "The Butcher's Ballroom". Auf die Frage, wie es zu dieser Bezeichnung gekommen sei, erhält man die Antwort: "Der Titel des Albums ist tatsächlich ein Verweis auf den Ort, an dem wir das Album einspielten. Das Studio war unterhalb eines Schlachthauses untergebracht, und am ersten Morgen erwachten wir zum ohrenbetäubenden Lärm eines Fleischwolfs. Das legte gewissermaßen den Grundton für die gesamte Aufnahme. Uns wurde auch versichert, dass die seltsam aussehende Flüssigkeit, die von den Wänden tropfte, bloß Wasser war. Wir gingen nicht nah genug heran, um es herauszufinden."

Mit im Studio Underground war unterdessen Pelle Saether, mit dem gemeinsam Pontus Mantefors zur treibenden Kraft hinter der Produktion des Albums wurde, die ihm seinen schnittigen Sound verlieh. Pontus hatte bereits Erfahrung im Produzieren anderer Bands gesammelt. Veröffentlicht wurde die Scheibe über ein eigens dafür gegründetes Label namens "Guillotine Grooves". Falls einmal genügend Geld dafür hereinströmen sollte, schließt das Orchester nicht aus, damit auch anderen Bands unter die Arme zu greifen. Fragt man die Orchestermitglieder, was es mit den Butchered Bambinos auf sich habe, die auf ihrer Homepage erwähnt werden, halten sie sich allerdings bedeckt. Es ist und bleibt den Uneingeweihten ein Mysterium. "Nun, wir wissen es, ihr müsst es herausfinden", lautet die mysteriöse Antwort. Was gibt es sonst noch zu wissen über des Teufels wild schwingendes Orchester? Bassist Anders Johansson gestaltete die Hüllenkunst gemeinsam mit seinem Bekannten Peter Bergting und hat gemeinsam mit seinen Schwurgenossen schon mit der Vorproduktion des nächsten Albums begonnen. Für einen ersten Studiotermin fasst man den Dezember ins Auge.

Für neu gegründete Bands hat man gleich drei goldene Ratschläge parat: "1. Nehmt euch Zeit, einen eigenen Sound zu finden, und verbringt viel Zeit mit Proben, bevor ihr auch nur über Plattenverträge und die Veröffentlichung eines Albums nachdenkt. 2. Gebt eine Menge Live-Auftritte, selbst beschissene, und gebt euer Bestes, selbst wenn das Publikum uninteressiert erscheint. 3. Lernt, euch zu vermarkten!" Vermarktung ist auch das Stichwort, das DSO als Erstes bringen, wenn man sie auf das Internet verweist. Und dabei hatten sie anscheinend schon erste globale Erfolgserlebnisse. Die positivsten Rückmeldungen auf das bisherige eigene Schaffen erhielt das DIABLO SWING ORCHESTRA jedenfalls aus Europa und Amerika. In Schweden und Finnland dagegen scheint man der Band momentan eher gleichgültig gegenüberzustehen. Aber das mag sich ändern, denn im Sommer stehen noch einige Festival-Gigs auf dem Programm. Das weiterhin frei schwingende Assoziationspendel hat zutage gefördert, dass diese zu einer schweißtreibenden Angelegenheit werden könnten; dass die Band mit dem Begriff Untergrund in erster Linie die U-Bahn verbindet; und dass ihr spontanster Gedankensprung von "Platin" hin zur "Vorproduktion" führt. Wir dürfen gespannt bleiben ...
[Eike Schmitz]

Steckbrief:
Name: DANTE
Mitglieder: Markus Berger (g.), Markus Maichel (k.), Alexander Göhs (v.), Christian Eichlinger (dr.), Michael Neumeier (b.)
Gründung: 2006
Herkunft: Augsburg/Schwaben, Bayern, Deutschland
Veröffentlichung(en): "The Inner Circle" (CD, Eigenpressung, 2008)
Bandinterne Konsensplatte: PINK FLOYD - "Dark Side Of The Moon"
Der perfekte Song: TRANSATLANTIC - 'Stranger In Your Soul'
Diesen Vergleich verbitten wir uns: mit allen, die Musik machen, ohne tatsächlich Instrumente zu spielen
Wir werden gerne verglichen: mit allen, die ihr Handwerk verstehen. Wenn Vergleiche mit z. B. DREAM THEATER angestellt werden, ist das schon irgendwie cool!
Homepage: http://www.dantemusic.de/
MySpace: http://www.myspace.com/danteprog

Zwei Jahre sind keine wirklich lange Zeit. Insbesondere nicht, wenn es darum geht, eine Band von der fixen Idee der Gründer zu einer funktionierenden Einheit mit eigenem Charakter zu machen. Dessen eingedenk braucht es einiges an Hochachtung, um die bayerisch-schwäbische Band DANTE und das von ihr in solch kurzer Zeit erreichte musikalische Level ausreichend würdigen zu können.

In den gerade mal zwei Jahren ihrer Existenz hat es die nunmehr zum Quintett angewachsene Band nämlich - scheinbar spielend - fertig gebracht, mit "The Inner Circle" ein vollständig selbst finanziertes Werk zu schaffen, das im Underground durchaus professionelle Maßstäbe setzt und auch in der ansonsten nicht gerade von handwerklichen Taugenichtsen bevölkerten Prog-Szene keineswegs nur eine gute Platte unter vielen darstellt, sondern einiges an Aufsehen erregen sollte. Ob es sich dabei nun um progressiven Metal oder um den Vorbildern der Band nacheifernden Progrock handelt, das lässt sich nur schwer kategorisieren, was die Band selbst letzlich nicht anders sieht. Es ist auch in letzter Konsequenz egal, denn was zählt, ist, dass wir es mit einer sehr talentierten Band zu tun haben, die weiß, was sie will, und dabei vielfältige Einflüsse aus der Welt der progressiven Rock- und Metalmusik in aufregende Kompositionen einarbeitet. Wer dafür unbedingt eine Schublade braucht, der soll sich mit "Prog" zufrieden geben.

Außerdem führt uns eine Band wie DANTE sehr eindringlich vor Augen, wie unterschiedlich sich der musikalische Untergrund doch präsentieren kann. Ist es ein anderes Mal der räudige und unbeholfene Charme einer enthusiastisch agierenden Rumpeltruppe, so ist es dieses Mal eine Band, vor deren Professionalität in diesem Stadium man nur den Hut ziehen kann. Angefangen bei den natürlich sehr ausgeprägten musikalischen Fertigkeiten über die absolut hohen Standards genügende Produktion und anspruchsvolle Texte bis hin zu einem genialen Coverartwork und ebensolcher Booklet-Gestaltung haben die Jungs an allen Fronten tolle Arbeit abgeliefert und mit ihrem Debütalbum ein bestechendes Gesamtkunstwerk erschaffen, das definitiv Lust auf mehr macht und - wenn es nach mir ginge - auch wegweisend für eine vielversprechende Zukunft im Prog-Metal- und Progrock-Zirkus sein müsste.

Doch das sind noch ungelegte Eier, und es bleibt sehr wohl abzuwarten, was aus ihnen schlüpfen wird. Doch bin ich guter Dinge, dass wir von DANTE noch viel Gutes hören werden, weshalb ich euch gerne nahelegen möchte, euch mal näher mit den Herren zu beschäftigen, welche wir im Folgenden kurz zu Wort kommen lassen.

DANTE im Kurzinterview:

Es wird allgemein im Zusammenhang mit DANTE gerne die "Prog"-Schublade geöffnet. Seid ihr mit der Einordnung zufrieden, und falls nicht: Wie würdet ihr euch selbst stilistisch einordnen?

Wir sind natürlich vor allem Prog! Wir verstehen das auch absolut als Auszeichnung. Aber natürlich kann das auch nerven, wenn die Leute Prog mit endlosem monotonen Solieren gleichsetzen. Aber wenn sich jemand mit DANTE auseinandersetzt, wird er schnell feststellen, dass DANTE zwar vielschichtig und fordernd - also sehr wohl Prog -, aber immer melodisch ist. Jedenfalls versuchen wir das.

Mit dem Underground ist es so eine Sache. Manche Bands sind gezwungen, ihr Dasein als Underground-Band zu fristen, und warten auf den Durchbruch, andere hingegen sehen im Underground den wahren Kult und streben gar nicht nach dem sogenannten Durchbruch. Wie sieht das bei euch aus? Bei eurer musikalischen Ausrichtung gehe ich natürlich nicht davon aus, dass ihr zwingend danach strebt, der nächste Trend zu werden, aber seht ihr den derzeitigen Status (unsigned, Eigenpressungen ...) als Durchgangsstadium und Sprungbrett ins Musikbusiness, oder wollt ihr langfristig in dem "kommerziellen" Rahmen tätig sein?

Die Grundmotivation für DANTE war und ist es, Songs zu schreiben, die so sind, wie wir sie haben wollen. Dass wir damit nie riesigen kommerziellen Erfolg haben werden, ist klar. Aber darum geht es uns im Kern auch nicht. Trotzdem wäre es natürlich schön, ein Label zu bekommen, die komplette Eigenvermarktung ist schon sehr zeitaufwändig und anstrengend. Wenn wir da etwas Unterstützung bekämen, wäre das natürlich toll.

Erzählt ein bisschen was zur Bedeutung, welche Artwork, Texte und visuelle Umsetzung der Musik für euch haben. Die Frage drängt sich beim tollen Artwork eures Albums ja auf. Wer hat die Gestaltung übernommen? Mit welchen Themen beschäftigt ihr euch lyrisch, und wie wichtig sind euch anspruchsvolle oder interessante textliche Inhalte im musikalischen Kontext? Ich nehme an, ihr seht Musik als Gesamtkunstwerk, bei dem Musik, Texte und der visuelle Aspekt passen müssen, oder?

Wir versuchen, ein künstlerisches Gesamtpaket zu erschaffen. Klar, in erster Linie geht es um die Musik, aber wir haben schon den Anspruch auf künstlerischen Mehrwert, wollen also auch lyrisch und visuell überzeugen. DANTE-Texte über Drachen und heiße Girls wird es definitiv nicht geben! Die Texte auf "The Inner Circle" sind sehr bildhaft angelegt, es geht auf sehr poetische Weise um Einsamkeit und Melancholie. Das Artwork soll das unterstützen, aber auch jenseits der Texte ansprechen. Unser Sänger Alex hat bei der Erstellung des Artworks wirklich ganze Arbeit geleistet.

Ihr spielt im Oktober einen Gig in Augsburg. Wie sieht es generell mit Live-Auftritten aus? Habt ihr öfters die Möglichkeit zum Auftreten, und wie ist der Zuspruch? Wie darf man sich ein DANTE-Konzert vorstellen?

Wir stecken gerade in den Planungen für die Live-Aktivitäten ab Herbst. Wie gesagt war unsere primäre Motivation, möglichst gute Songs zu schreiben und ein möglichst gut produziertes und visuell ansprechendes Album zu machen. Wir haben in der Entstehungszeit des Albums bewusst darauf verzichtet, live zu spielen. Das hätte wenig Sinn gemacht: Du bist neu, machst dann auch noch Prog und hast dann auf den wenigen Live-Auftritten, die unter diesen Voraussetzungen überhaupt zustande kommen, nur handbeschriebene Demorohlinge da. Und das Ganze dann noch verbunden mit beträchtlichem Übungs- und Vorbereitungsaufwand; unsere Songs spielen sich ja auch nicht wirklich von allein. Nein, wir wollten ein möglichst gutes Produkt haben – gerade der Prog-Fan schätzt gute Texte und eine tolles Booklet – und uns danach um die Live-Umsetzung kümmern. Wie viele Möglichkeiten wir da bekommen werden, wird man sehen, aber die wertige CD zusammen mit den erfreulicherweise sehr vielen guten Kritiken verbessert unsere Position diesbezüglich natürlich stark. Wir wollen natürlich so viel wie möglich spielen!

Welchen fremden Song hättet ihr selbst gerne geschrieben, und für welche Band würdet ihr gerne mal einen Song schreiben?

Geschrieben hätten wir gerne “Stranger In Your Soul” von TRANSATLANTIC. Der hat alles, was ein perfekter Song braucht: Er ist unglaublich melodisch und emotional bewegend, rockt, ist komplex, aber nicht vetrackt, episch, aber nicht verquast und schlicht fantastisch gespielt. Die Frage "Für welche Band?" ist schwierig. Die Bands, die wir lieben und schätzen, klingen so, wie sie klingen, weil sie ihre Sachen selbst schreiben. Und DANTE klingt hoffentlich auch nach DANTE. Aber um mal einen Namen zu nennen: Es wäre schon toll, mal einen Song für DREAM THEATER zu schreiben!

Welchen verstorbenen Musiker vermisst ihr in künstlerischer Hinsicht am meisten?

Gott sei Dank leben die meisten unserer Idole noch! Trotzdem ist es jammerschade, dass dem überragenden Criss Oliva nicht
mehr Alben mit SAVATAGE vergönnt waren.

Zur mehr oder minder leidigen Schubladendiskussion: Wie fließend und wie vorhanden sind für euch die Unterschiede zwischen Progressive Metal und Progressive Rock? Und falls vorhanden: Wo seid ihr eher zu Hause?

Persönlich haben wir uns eigentlich keine Gedanken gemacht, ob wir nun mehr Metal oder mehr Rock sind, vor allem verstehen wir uns als Prog. Trotzdem gibt es natürlich Unterschiede, und die sind schon wahrzunehmen. Viele Prog-Metal-Bands sind sehr stark Power-Metal-lastig, und musikalisch haben die mit Progrockern, die an der Grenze zum sphärischen Art-Rock stehen, nicht so viel gemeinsam. Die Frage ist dann aber eher, inwieweit diese Bands dann noch im eigentlichen Sinne Prog sind oder einfach mitunter Prog-Elemente entlehnen. Wenn wir uns selbst einordnen müssten, wäre das irgendwo an der Schnittstelle zwischen Prog-Metal und Progrock. Wobei schon eine Tendenz in Richtung Metal zu erkennen ist.

Gut. Dann will ich mich herzlich für eure Teilnahme an unserem Special bedanken und euch alles Gute für den weiteren Weg durch die Prog-Metal-Welten wünschen!
[Rüdiger Stehle]

Steckbrief:
Name: THE WRONG OBJECT
Mitglieder: Michel Delville (e. & synth g.; electr.), Fred Delplancq (sax.), Jean-Paul Estiévenart (tr.), Damien Polard (b.; electr.), Laurent Delchambre (dr.; perc.; samples; electr.)
Gründung: 2002
Stil: Jazz-Fusion/Avant-Rock/Progressive Rock
Herkunft: Belgien
Veröffentlichung(en): "All Hands On Deck" (Lim. Ed., Private Release 2001), "Malign Siesta" (Lim. Ed., Private Release 2003), "Live 2005" (T.W.O. & guests; Lim. Ed., Private Release 2005), "Platform One" (T.W.O. feat. ANNIE WHITEHEAD & HARRY BECKETT; Voiceprint 2007), "The Unbelievable Truth" (T.W.O. w/ ELTON DEAN; MoonJune Records 2007), "Stories From The Shed" (MoonJune Records 2008)
Feature(s) auf: "Zappanale 15" (DVD; 25-minütige Performance feat. ED MANN), "Zappanale 15" (3-CD; 40-minütige Performance feat. ED MANN)
Bandinterne Konsensplatte: irgendeine JOHN COLTRANE-Aufnahme
Ultimatives Coverartwork: (evtl.) CAPTAIN BEEFHEART - "Trout Mask Replica"
Vergleiche mit diesen Bands schmeicheln uns: THE MOTHERS OF INVENTION, KING CRIMSON ("Larks' Tongues"-Periode), MASADA
Diesen Vergleich verbitten wir uns: viele Easy-Listening-Post-Fusion-Bands
Homepage: http://www.wrongobject.com/
MySpace: http://www.myspace.com/wrongobject

Die Belgier vom WRONG OBJECT verbinden Nu-Jazz mit Rock und Elektronik, und das auf ungewöhnliche Weise. Kein Wunder, denn zu ihren Einflüssen zählen sie sowohl die Progrocker der Canterbury Scene als auch grundlegende Komponisten der Neuen Musik (BÉLA BARTÓK) und elektronischen Musik (KARLHEINZ STOCKHAUSEN), die Intelligent-Dance-Music-Avantgardisten SQUAREPUSHER, die genreübergreifend arbeitenden Hip-Hop-Instrumentalisten AMON TOBIN, ihre progressiv jazzenden Landsmänner AKA MOON, die (Post-)Bop- und Avantgarde-Jazz-Legende CHARLES MINGUS und nicht zuletzt den wohl ikonischsten Jazzrock-Pionier, Multi-Avantgardisten und Rebell gegen die E-und-U-Musik-Unterscheidung überhaupt: FRANK ZAPPA. Aus dem Bereich Progrock und Prog-Jazz schlugen sich (meinem Interviewpartner Michel Delville zufolge) vor allem SOFT MACHINE und HENRY COW direkt im Klang von THE WRONG OBJECT nieder, wohingegen jüngere Projekte wie SQUAREPUSHER und die von Damien Polard verehrte, mehrköpfige Nu-Jazz-Combo JAGA JAZZIST (der Rockgemeinde eventuell über die Zusammenarbeit mit MOTORPSYCHO bei "In The Fishtank 10" aus dem Jahre 2003 bekannt) eher im Bereich der elektronischen Klanglandschaften und Atmosphäre einflussreich waren. Stücke wie 'Strangler Fig' oder 'Lifting Belly' wiederum stünden noch am ehesten in der Tradition von Komponisten wie BÉLA BARTÓK oder IGOR STRAVINSKY. Somit ergibt sich eine gehörige Bandbreite an Musikern, deren Wirken denn auch den Sound von THE WRONG OBJECT entsprechend vielfältig ausfallen lässt - im Zusammenspiel mit dem jeweils ureigenen Genius der Bandmitglieder freilich; denn es mangelt dem Quintett keineswegs an Eigenständigkeit.

Wer sich vom besonderen Klang der Band überzeugen möchte, braucht sich fürs Erste nur fünf Stücke vom aktuellen Album "Stories From The Shed" anzuhören, die zusammengenommen sämtliche Mitglieder, sowohl kompositorisch als auch spielerisch, voll zum Zuge kommen lassen und zugleich mehr als nur eine Ahnung von den Studioqualitäten der Progressiv-Fusionisten geben. Da wäre zum einen die rhythmisch interessante, bläserorientierte Jazznummer '15/05' zu nennen, die recht eingängig beginnt, dann jedoch zu freier Hochform aufläuft, und Fred Delplancqs Tenorsaxofon in den Vordergrund rückt. Anders klingt 'Sheepwrecked': Verhaltene Trompetenklänge kreisen zu nebliger Elektronik um den ruhenden Pol des Bassspiels von Damien Polard, dem Hauptschöpfer dieses Stückes. Die äußerst quirlige 'Malign Siesta' dagegen entpuppt sich als wahrer Wirbelwind an Klängen und lässt in äußerst wandelbarem Fluss die Technik der Modulbauweise mit ihren ineinanderfließenden Versatzstücken noch gut erkennen. Alleine dieses Stück bietet schon eine Reise durch unterschiedlichere Klänge, als sie so manche andere Band Zeit ihres Bestehens zuwege bringt. Ambienter wabert das entspannt psychedelische Stimmungsgemälde 'Waves And Radiations' aus den Lautsprechern, zu dem man sich gut einen Sonnenaufgang bei Ebbe nach der privaten Strandparty vorstellen kann. Außer dem Gitarristen und dem Bassisten zeichnet hierfür auch der Rhythmusmensch Laurent Delchambre kompositorisch verantwortlich. Das vom Trompeter Jean-Paul Estiévenart geschriebene 'Saturn' schließlich klingt eher nach den auf MILES DAVIS' Album "Bitches Brew" zu hörenden Arrangements. Doch auf "Stories From The Shed" gibt es noch weitaus mehr zu entdecken.

Für eine Jazzrock-Band haben wir es bei THE WRONG OBJECT mit einer ungewöhnlichen Besetzung zu tun. Die Musiker wohnen in verschiedenen Städten, was sie aber nicht daran hindert, gemeinsam Musik zu machen, die komplex und unterhaltsam zugleich sein soll. Nach einem ersten Versuch in anderer Besetzung und zahlreichen Live-Alben innerhalb weniger Jahre ist "Stories From The Shed" ihr erstes "offizielles" Studioalbum - und auch eine schillernde Aneinanderreihung höchst unterschiedlicher und doch äußerst flüssig miteinander verknüpfter Passagen. Interessant ist, neben den darin aufscheinenden Klangfarben, auch die Solches erst möglich machende Arbeitsweise der Band. Die Musiker von THE WRONG OBJECT arbeiteten einzelne Versatzstücke zunächst "modular" aus, bevor diese Skizzen dann im Studio in eine angemessene Reihenfolge gebracht wurden und schließlich die meiste Überlegung in die besonders schwierig zu komponierenden Übergänge einging. Im Live-Spiel ist der Band laut Gitarrist Michel Delville die Improvisation besonders wichtig, so dass bereits beim Schreiben der Stücke auf dazu einladende Passagen Wert gelegt werde. Ihre Samples spielen die Musiker selbst ein. Insgesamt hält sich die Elektronik für den Zuhörer jedoch eher im Hintergrund und ist wie bereits erwähnt für zusätzliche Atmosphäre zuständig.

Bei aller Sorgfalt im Studio zieht es THE WRONG OBJECT doch auch immer wieder auf die Bretter, die die Welt bedeuten (Michel Delville: "Nichts kann einen Live-Gig schlagen - das ist besser als belgische Schokolade und fast so gut wie Sex"). Bei einer derartig umtriebigen Band mit zahlreichen Vorbildern, tüchtig Live-Hummeln im Hintern und steilem Hang zur Improvisation nimmt es auch nicht Wunder, dass die Musiker bereits mit mehreren bekannten Musikern zusammenspielten. So trat THE WRONG OBJECT auf der "Zappanale 2004" in Deutschland gemeinsam mit Frank Zappas Perkussionisten Ed Mann auf. Eine Fortsetzung dieser Jam ist in Planung, ebenso ein Treffen mit einer "bekannten New-York-basierten Persönlichkeit", zu der sich die Band allerdings noch nicht näher äußern mag, da ihr Manager Leonardo Pavkovic erst einmal die Verhandlungen für ein Überqueren des großen Teichs abschließen muss, bevor an so etwas präziser zu denken ist.

In der Vergangenheit traten die Belgier jedoch schon bei mehreren Gelegenheiten zusammen mit zwei britischen Szenegrößen auf: mit der Posaunistin Annie Whitehead, die sich in ihrem Heimatland als Sessionmusikerin außer um den Jazz (WORKING WEEK, BROTHERHOOD OF BREATH) auch um den Ska/Reggae/Postpunk (Fashion-Label) verdient machte, Exkursionen in afrikanische (PILI PILI) und lateinamerikanische Musik unternahm und des Weiteren auch in populärer Musik reüssierte (mit JAH WOBBLE, STYLE COUNCIL, FUN BOY THREE, BANANARAMA, SPICE GIRLS, BLUR), und mit Harry Beckett, der ebenfalls schon mit JAH WOBBLE spielte und auch im Film "All Night Long" (1961) mit Annie Whiteheads Einflussgeber CHARLES MINGUS auftaucht. Mingus wiederum ist ja für THE WRONG OBJECT ebenfalls nicht unwichtig. Eine weitere Verbindung zwischen den Musikern besteht u. a. durch die Gruppen BROTHERHOOD OF BREATH, FAST COLOUR und RUDE, wo nicht nur Whitehead, sondern auch Beckett (Trompete bzw. bei B.O.B. auch Flügelhorn) spielte. Außerdem steuerte er mit der ASIAN DUB FOUNDATION den Track 'Return Of Django' zum Soundtrack des Films "The Beach" (2000) bei. Whithehead und Beckett performten des Weiteren unter dem Titel "Soupsongs" diverse Stücke aus der Feder Robert Wyatts (THE SOFT MACHINE), womit sich der Kreis zur Canterbury Scene einerseits und THE WRONG OBJECT andererseits schließt.

"Die Canterbury Scene bleibt ein unverzichtbares und unterschätztes Kapitel in der Geschichte progressiver Musik", betont THE WRONG OBJECTs Michel Delville und verrät, dass die auf "Platform One" (2007) zu hörenden Stücke mit Annie Whitehead und Harry Becket insofern ein Wagnis darstellten, als dass zuvor zwar ein kurzer Austausch stattfand, die Musiker selbst dann aber beim Live-Einspielen das erste Mal zusammentraten. Entsprechend groß ist die Freude über das Gelingen und die Bereitschaft zum Experiment: "Ich bin sehr dankbar, dass [Annie und Harry] dieses Risiko eingegangen sind - sie sind geborene Improvisatore und mutige Kämpfer für wahrlich progressive Musik!" Ein weiterer Traum wurde durch das Spiel mit dem Jazzmusiker und SOFT MACHINE-Saxofonisten Elton Dean wahr, der leider Anfang 2006 im Alter von sechzig Jahren kurz vor einer geplanten Reihe von Gigs im Rahmen einer SOFT MACHINE-Reunion-Tour verstarb. Eigentlich hatte man gehofft, das große Vorbild noch einmal auf einer Tour begleiten zu dürfen. Ihm widmen THE WRONG OBJECT denn auch oftmals ihre Live-Version seines Stückes 'Seven For Lee', welches auch auf dem im Oktober 2005 gemeinsam eingespielten Album von ELTON DEAN & THE WRONG OBJECT, "The Unbelievable Truth", zu hören ist, welches Stücke von Michel Delville, Elton Dean und THE WRONG OBJECT enthält. Im gleichen Jahr erschien auch das Album "Live 2005" von THE WRONG OBJECT & GUESTS. Ihren nächsten großen Auftritt in Deutschland wird die Band Mitte August auf dem vom Zappa-Fanclub Arf Society veranstalteten Festival "Zappanale 2008" in Bad Doberan haben. Unter dem Namen NEW TEXTURE PAN TONAL FELLOWSHIP werden sie dort gemeinsam mit Franks Neffe Stanley Jason Zappa auftreten, aber auch noch ein eigenes Set spielen. Ein möglichst breites Publikum ist den Fünfen zu wünschen, denn verdient hätten sie es!
[Eike Schmitz]

Name: THE LAMP OF THOTH
Mitglieder: The Overtly Melancholic Lord Strange (b., v.), Randy Reaper (g.), Lady Pentagram (dr.)
Gründung: 2006
Herkunft: Keighley, England
Veröffentlichung(en): "I Love The Lamp" (Demo, 2006), "Cauldron Of Witchery" (EP, 2007; CD 2008)
Bandinterne Konsensplatte: WITCHFINDER GENERAL - "Death Penalty"
Der perfekte Song: REVEREND BIZARRE - 'Cirith Ungol'
Eine Band, mit der ihr nicht verglichen werden wollt: Da kommt uns keine in den Sinn, da jeder Vergleich – und wenn es nur darum geht, zu sagen, dass wir komplett anders klingen – von Vorteil sein kann
Nenne ein Coverartwork, das ihr gern für eine eurer Scheiben benutzen würdet: Ich würde es toll finden, wenn Frank Miller ein Artwork mit einer Druidenzeremonie im Stil von "Sin City" entwerfen würde. Wo ich gerade darüber nachdenke, wäre nicht ein Film noir über dieses Thema eine tolle Idee?
Myspace: http://www.myspace.com/thelampofthoth

"Toth" oder auch "Thoth" ist in der ägyptischen Mythologie der pavianartige Gott des Mondes, der Schreiber, der Wissenschaft, der Magie und der Weisheit. Der Sage nach ist er der Sekretär der Götter und soll die Hieroglyphen erfunden haben. Obendrein bekleidete er das Amt des Protokollführers des Totengerichts. Eine seiner Aufgaben war es, das Licht vor der Dunkelheit zu beschützen. An Beschäftigung mangelte es ihm also definitiv nicht, um es einmal salopp zu formulieren.

Wenn sich also eine Band nach so einer Gottheit benennt, hat sich offensichtlich einiges vor. Und die bisherige Laufbahn des Trios aus Keighley kann sich sehen lassen. Neben einigen in Underground-Zirkeln hervorragend aufgenommenen Veröffentlichungen gab es bereits diverse Auftritte, die Aufsehen erregen konnten. So spielte man zum Beispiel auf dem Doom-Metal-Inquisition-Festival in London, wo man den düsteren Reigen für THE RIVER, WARNING (UK) und PAGAN ALTAR eröffnen durfte und von allen Seiten mit Lob überhäuft wurde. Danach spielte man dann sogar einen sagenumwobenen Auftritt auf deutschem Boden: nämlich in Würzburg zusammen mit WARNING (UK) und CANDLEMASS. Die Euphorie um die drei schrägen Chaoten nahm ihren Lauf.

Momentan befinden sie sich im Studio, um ihren ersten Longplayer einzutüten, der auf den bedeutungsschwangeren Titel "Portents, Omens And Doom" hören wird. Darauf werden neben bekannten Nummern wie dem hymnischen 'Pagan Daze' oder 'Blood On Satan's Claws' auch neue Songs wie 'Witchcraft And The Law' oder 'You Will Obey' zu hören sein. Wie auf den bereits erhältlichen Veröffentlichungen werden uns THE LAMP OF THOTH auch auf diesem wieder ihre kauzige Mischung aus Doom der Marke PENTAGRAM, SAINT VITUS, REVERREND BIZARRE und WITCHFINDER GENERAL gekreuzt mit kauzigen Klängen à la MANILLA ROAD oder CIRITH UNGOL präsentieren. Aber auch der NWoBHM-Anteil in ihrer Musik ist unüberhörbar. So scheinen vor allem ANGEL WITCH allerorts durch die Kompositionen.

Weitere geplante Aktivitäten sind die Teilnahme an der diesjährigen Doom-Metal-Inquisition, bei der sie im Juli dieses Jahres Seite an Seite mit FORSAKEN (Malta), CENTURIONS GHOST, PAGAN ALTAR, WARNING, WITCHSORROW und THE RIVER zum düsteren Tanz aufspielen werden, sowie ein Mitwirken am Hells-Pleasure-Fest 2008.

Wie die Pseudonyme und der Bandname schon vermuten lassen, wird bei den Briten das Image großgeschrieben. So gibt es zahlreiche sehr gelungene Videoclips im Netz zu bewundern. Das alles soll aber nur der Anfang sein, denn man plant für die Zukunft, den visuellen Aspekt noch mehr auszubauen. Dass wir es bei den Damen und Herren mit extrem kreativen und fantasievollen Wesen zu tun haben, beweist die nachfolgende Antwort auf die Frage nach der Bedeutung des Bandnamens:

Lasst eure Gedanken durch Raum und Zeit schweifen bis in das Jahr unseres Herren 1888, und ihr könntet euch in der mythischen Stadt Keighley, die im West Riding auf der Grenze zwischen den verfeindeten Lancashire und North Yorkshire liegt, wieder finden. Unter den grauen Wolken, die sich auf den abfallenden Hügeln niedergelassen zu haben scheinen, ist der düstere Horizont mit teuflischen Mühlen und kahlen, kalkübersäten Schloten durchsetzt; der faulige Dunst ihrer rastlosen Emsigkeit legt sich nach einem langen Tag des In-den-Himmel-Brüllens. Es ist Winter.

Die Mühlenglocke läutet, und die Ungewaschenen kriechen heraus wie Zombies. Unter dreckigen Mützen starren gelbe Augen stoisch vorwärts, während sie sich in Richtung Gasthaus bewegen, um sich eine Pfeife oder ein Pint zu genehmigen. Andere werden den Abend bei einem mageren Mahl zu Hause mit der ebenfalls stoischen Ehefrau verbringen. Sie dinieren in ihren gleichförmigen Häusern, die sich wie Gefolgsleute um den dunklen, satanischen Meister geschart haben. Des Nachts sinken ihre schweren Köpfe auf die Kissen, in Erwartung die komplette Schwere ihrer Ketten zu fühlen, während ihre fetten Bosse mit ihren Seelen Geld verdienen. Sie sind zu Sklaven der Maschinen geworden. Ab und an regen sich die Aufgeweckten unter ihnen über das unfaire System auf und verfluchen die sozialen Missstände und die Politik, die es erlaubt hat, dass diese ach so ritterlichen Mühlenbesitzer so reich werden konnten. Die Religiösen hingegen beruhigen sich mit dem Wissen, dass diese Bastarde lediglich ihre Körper, nicht aber ihre freie Seele besitzen.

Aber würde nicht sogar der abergläubischste Mensch unter denen, die nur einen solch begrenzten Entfaltungsbereich haben, die höchst schräge Hypothese aufstellen, dass ihre Meister und augenscheinlichen Säulen ihrer Gesellschaft - jene, die sich als Menschenfreunde verkleideten; jene, die die Ansicht vertraten, dass Eigenkapital die Welt zu einem besseren Ort machen könnte; jene mit tiefem protestantischen Glauben, denen sie immer vertraut hatten, während sie eitel und gut gekleidet auf den Betriebsausflügen von ihrem Edelmut gegenüber den Frauen und Männern, deren Schicksal von diesem grimmigen Gebäude, welches das Licht mied, besiegelt war, berichtet hatten - weitaus bösartigere Absichten verfolgten?  

Was wäre denn die Reaktion unseres durchschnittlichen Arbeiters, wenn er wüsste, dass die gleiche gut gekleidete Person in eine altägyptische Robe gehüllt vor einem Furcht einflößenden Altar steht? Würde er zurückweichen vor den anstößigen Echos, den gutturalen Konsonanten von weit verstreuten Göttern, die zu einer menschlichen Zunge aneinandergereiht wurden, um etwas zu artikulieren, das nicht beabsichtigt war? Würde er schaudern bei dem Gedanken daran, dass sich diese Stützen der Gesellschaft, die strenge katholische Werte gepredigt haben, an solchen unaussprechlichen Akten beteiligen? Oder würde ein perverser Kobold ihm einreden, dass er gern auch so eine Erfahrung machen würde? In der Parkwood Street 14, Keighley würde er solche Erfahrungen machen - und mehr. Was würde die Ungläubigkeit des gewöhnlichen Mannes bezeugen? Blendwerk aus der vierten Dimension? Die unsichtbaren Meister? Die keuchenden, formlosen Ranken, die sich in der Luft bewegen? Oder eine nackte Priesterin in Ekstase, die sich mit einem unsichtbaren Wesen vereinigt, während sie mit interdimensionalen Läusen schwanger ist?

Die aufkeimenden Augäpfel des Mystischen, die wie in den Himmel gehauen wirken, bedeckt von Laudanum vor dem dämonischen Gemälde an der Wand, das mit zufriedenem Gegacker zuschaut. Die herausgerissene Gurgel der Ziege erzeugt ein schmutziges, aber dynamisches Purpur in der Feuerstelle. Das Knarzen und Schnattern der Unsichtbaren bürstet behutsam, aber kraftvoll die Seele, die aufgrund des puren Horrors langsam zu bersten droht.

Wenn er sich zusammenrisse, würde er den ruchlosen Plan der unsichtbaren Meister begreifen? Würde er sich über die Begabung wundern, obwohl er im Geheimen wüsste, dass es seine Seele und die seiner Freunde wäre? Würde er verstehen, dass sein Sohn und seines Sohnes Söhne nur geboren wurden, um zu dienen? Dass sich die unsichtbaren Finger in alles und jeden hineinbohren und forschen? Dass nichts privat oder sicher war? Dass das Böse, das freigesetzt wurde, für immer andauern wird? Ihr müsst euch vorstellen, dass eine Vision durch seinen Kopf schießt, mit letzter Kraft vor dem endgültigen Wahnsinn, als er zu einem Wesen wird, das ebenso ein Seher ist wie die merkwürdigen Seelen, die sich vor im versammeln. Seine Gedanken könnten in die Zukunft strömen, so wie sich unsere in die umgekehrte Richtung bewegten - die vierte Dimension macht keine Unterschiede. Würde er voller Staunen die beiden ankommenden Apokalypsen betrachten? Die Acker voller toter Freunde, voller verfluchter, dahingeraffter Seelen und den schwangeren Frieden nach der heiligen Ära, die einen Bastard beherbergt hatte?

Als er gesehen hatte, wie alles begann, wusste er auch, wie es sich fortsetzen würde. Das zwanzigste Jahrhundert mit all seiner Technologie würde die Nachricht noch weiter und weiter verbreiten. Die sonore Stimme im Radio, die durch die Luft geistert, würde neuen Raum für das Klagelied schaffen, wie Musik der Zukunft. Und er fasste sich staunend an den Kopf, aufgrund der Misere, die einst so vertraut und plötzlich doch so fremd war.

Er sah 1000 Teufel an 1000 Kreuzungen und wurde Zeuge der Geburt von einer Million Hexenzirkeln, die sich wie prächtige Mäntel über die Übungsräume Englands legten. Aufgrund der Verbindung zu dem Ort, wo er geboren und großgezogen wurde, blieb ein Name in seinem Gedächtnis haften, und er beschimpfte ihn: The Lamp Of Thoth. Er wusste, dass diese hiesigen Götter der Unterdrückung und des Opfers ausharren würden, in welcher Form auch immer. Er spürte ihre Gegenwart wie einen kaum zu erkennenden Schatten, der an den Ecken seiner Auffassung hängt. Die Bedeutung und das Motiv in allen offenbar zufälligen grausamen Taten, die ihn und die Seinen betreffen.

Weit in der Zukunft - etwa 120 Jahre später - in einem düsteren Raum nicht weit entfernt von der Stelle, an der die obigen, vielleicht nur eingebildeten Dinge geschahen, stehen drei Menschen einträchtig an einer Klagemauer, von der eine seltsame Faszination ausgeht. Eine Geistererscheinung, die eine Warnung ausspricht, ist erstaunt über die gleichzeitige Benutzung von Blasphemie und elektrischer Kraft, die früher der Elite der Gesellschaft vorbehalten war. Wissen sie, was sie dort treiben? Sind ihre Zeichen nicht länger abstoßend? Oder sind sie heute nicht mehr Angst einflößend? Sehen sie die Konturen, die in der Verkleidung von Noten über den Äther gehen, wie unbestimmte mathematische Räume? Die Begeisterung, die sich hinter den Blitzen an der Wand versteckt? Die fremdartige Eintracht zwischen den alten Göttern und der dunklen seelischen Leere der trostlosen Landschaften Yorkshires, mit denen die unsichtbaren Meister opfern, spiegelt sich durch all ihre Mühen und ihren Schweiß in dieser Darbietung wider. Der kriechende und immer wehrhafte Dämon umgarnt seine Opfer nun unverhohlener und verzehrt sich nach einem Publikum. Der Schrecken überkommt ihn, als 200 Watt roher elektrischer Energie, die in die rachedurstige Form des musikalischen Motivs der VERDAMMNIS gehüllt sind, seine christliche Seele mit aller Macht eines hämisch-furchterregenden "Ich habe es dir gesagt!" in die Hölle blasen.
[Holger Andrae]

Redakteur:
Oliver Schneider

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