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Nervenklinik: THE DILLINGER ESCAPE PLAN - "One Of Us Is The Killer"

02.06.2013 | 12:02

Der Soundcheckletzte im Zwiegespräch: Nils und Oliver zanken sich.

THE DILLINGER ESCAPE PLAN belegen in unserem Mai-Soundcheck den letzten Platz. Ohne hier nun allzu viel preiszugeben, sei gesagt, dass es intern teilweise hoch herging, was deren neues Werk "One Of Us Is The Killer" (Hauptrezi von Jakob) anging. Um dies noch einmal ordentlich aufzuarbeiten, begaben sich Nils Macher und Oliver Paßgang in den Ring, um die Fronten bezüglich dieser kontroversen Platte klar abzustecken. Gute Unterhaltung!

 

 

Nils:

Ok, hier liefen jetzt die ersten zehn Sekunden und ich muss mich zwingen, nicht gleich wieder auszuschalten. Diese unnötige Dissonanz und das elende Geschrei verderben einem doch den Tag. Und was soll überhaupt der Refrain bei 'Prancer'? Sorry, aber das geht mir einfach nur auf die Nerven. Das ist nicht musikalisch, die Gitarren klingen fürchterlich und von Songwriting kann ja wohl auch kaum die Rede sein. Jetzt klingt es nur noch nach Tetris-Metal. Was ich bei anderen Bands mag, klingt hier wirklich lächerlich. Was hat das mit Musik zu tun?

Oliver:

Ich mag es kaum glauben, mich packt die Scheibe auf ganzer Ebene. Klar, die ersten Takte sind nicht sonderlich einladend, aber trotz dieses disharmonischen Wusts an Noten und vor allem Rhythmen ist immer ein klarer roter Faden erkennbar. 'Prancer' liefert in 3:58 Minuten mehr musikalisches Material als manche Alben auf gesamter Länge und bleibt dabei in seiner stressigen Art und Weise charmant eingängig, bang- sowie moshbar. Und genau daran scheitern so viele andere Bands.

Klar, Geschrei ist da, aber warum auch nicht? THE DILLINGER ESCAPE PLAN singen hier schließlich nicht von Blümchen und Liebe.

Nils:

Charmant und eingängig? Vielleicht wenn man sonst seine Freizeit mit tollwütigen Nashörnern verbringt. Ich weiß nicht, was der "Sänger" für ein Problem mit sich selbst und der Welt hat, aber an mir soll er es bitte nicht auslassen. Wir sind uns ja immerhin einig, dass es einen roten Faden gibt. Das Teil nervt einfach von vorne bis hinten galore!

Oliver:

Der Sänger hat mit sich und der Welt vermutlich kein größeres Problem als andere Extreme-Metal-Shouter auch. Das Nichtgefallen von "One Of Us Is The Killer" willst du doch nun nicht wirklich daran festmachen, oder?

Nils:

Es geht ja noch weiter. Aber ich habe in der Tat ein Problem mit jedem Shouter, der so core-ig ins Mikro brüllt. Das kann man auch anders machen. Ich höre jetzt Song #3 und dieser Aufbau hat mich immer wieder kurz vorm Einschlafen. Erst dieser Kinderlied-Gesang und dann der böse, böse Wutausbruch - allerdings mit cleanen Vocals. Das ist so weit entfernt von meiner Vorstellung von Metal, das ist nichtmal die gleiche Sportart.

Oliver:

Soso. Wenn er (ordentlich!) brüllt, dann ist das nicht genehm, wenn er (ebenfalls ordentlich!) clean singt auch nicht? Da muss ich dann schon mal die Stirn runzeln. Zumal der Titeltrack ansonsten weder stressig noch aggro noch sonst etwas in dieser Richtung ist - eher das Gegenteil! Wunderbar breit und wuchtig aufgetragen, ohne einen zu überfordern, so macht Musik Spaß, die einen erreichen will. Auch wenn mir klar ist, dass es nicht hierbei bleibt. 'Hero Of The Soviet Union' verbindet diese beiden "Extreme" elegant und gelungen.

Nils:

Song #4 treibt meine Antipathie übrigens auf die Spitze. Dieses Griffbrett-Gewichse ist ja nichtmal ansatzweise songdienlich, sondern soll einfach nur möglichst "hart" und durchgeknallt klingen. Dann wird mal wieder ein Gang runtergeschaltet, noch ein paar dissonante Tappings auf der Gitarre, mini-Breakdown und fertig ist der Soundrotz. Sorry, aber das geht gar nicht. Wo ist da noch der Song?

Das erste Mal, dass ich nicht direkt Lust habe, meine Lautsprecher aus dem Zimmer zu bugsieren, ist übrigens der Anfang von 'Nothing's Funny' Der Song dümpelt ganz ok vor sich hin, da will man ausnahmsweise nicht den harten Macker markieren.

Oliver:

Tu's nicht, die haben bestimmt ordentlich Geld gekostet!

Und vielleicht kannst du mit deren Hilfe dann ja mittelfristig doch nochmal wahrnehmen, was ich erleben darf. Dass THE DILLINGER ESCAPE PLAN keine Band für den Kaffeeklatsch bei Oma sind und auch Bock darauf haben, ihre stressigen Hymnen herauszukotzen, das wird niemand bezweifeln. So etabliert, wie "normale Rockmusik" mittlerweile ist, sind es Jungs wie diese, die wirklich noch wen wach rütteln können. Aber wie sie diese Abgedrehtheit eben nicht um ihrer selbst, sondern um des Liedes willen einsetzen, das ist ganz großes Tennis, und es tut mir leid, wenn du diesen Sport nicht verfolgen magst. Doch auch für Genrefremde sollten doch gerade die Hooklines immer wieder tolle Aufhänger bieten, sollte man sich mal im Wollknäuel des Sounds verfangen haben.

Nils:

Hooklines? Ich höre wohl nicht richtig. Gerade lief 'Understanding Decay' und das ist ja mal das beste Beispiel dafür, wie man aus einem Song einen Nicht-Song macht. Das klingt dermaßen zusammenhangslos nach "und jetzt knüppelt jeder auf sein Instrument ein, so heftig er kann". Ich könnte ja durchaus verstehen, dass das ein Stilelement sein mag. Aber daraus baut man doch keine Songs. Die Jungs sollen sich mal SYSTEM OF A DOWN anhören. Die zeigen, wie das funktioniert. Hier rollen sich aber nur meine Fußnägel hoch. Für mich ist das kein Wollknäuel, sondern ein riesiger Ballen Stacheldraht. Wenn sie damit genau das bezwecken wollten: Glückwunsch. Den Sinn für gute Musik haben sie mir damit zumindest temporär herausgerissen, hoffentlich verblute ich nicht.

Oliver:

Dein letzter Satz ist, so vermute ich, eines der größten Komplimente, dass man der Band machen kann. Aber ehrlich gesagt finde ich deinen Vergleich zu SYSTEM OF A DOWN gar nicht so weit hergeholt. Wir haben es hier nur mit einer extremeren, massiveren und schwerer zugänglichen Variante davon zu tun. Habe ich etwa das Schlupfloch im "Ballen Stacheldraht" gefunden? Es sieht mir ganz danach aus.

Der erste Track, der mir ebenfalls nicht so hundertprozentig reinlaufen will, ist das  Vocal-freie '8 CH 375 268 277 ARS'. Das klingt bloß wie ein Interlude. Hm. Danach geht es aber wieder standesgemäß zur Sache. Ich schnappe mir jetzt den Brockhaus, haue ihn mir sechszehn Mal vor den Kopf und fühle mich super dabei. Yeah!

Nils:

Definitiv von SYSTEM OF A DOWN könnte der Gesang bei 'Magic That I Held You Prisoner' stammen. Das ist, wenn man es so nennen will, mein am wenigsten unlieber Song des Albums. Dem würde ich glatt 7 Punkte geben. Aber es sind ja noch weitere zehn Tracks da. Gleich der nächste, nämlich 'Crossburner', klingt wieder ätzend. Dieses Mal nur weniger auf die Nüsse, dafür etwas mehr "Post". Post Metal, Post whatsoever. Zumindest mit den Klampfen. Aber dann dieser "leise" Mittelteil, der nach MARILYN MANSON tönt, der ist einfach todlangweilig. Da passiert nichts, keine Atmosphäre, nur ein Kontrast, damit man das Geballer überhaupt noch als Solches erkennen kann nach über einer halben Stunde.

Oliver:

Vielleicht ist es aber auch das Aufbrechen konventioneller Strukturen (wobei ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen kann, dass TDEP sich hierfür bewusst entschieden haben). Die Jungs machen einfach, worauf sie Bock haben. Die von dir angesprochenen leisen Abschnitte sind auch die von mir am wenigsten Gemochten. Dann lieber mit vollem Klargesang oder wie im Titeltrack fast schon jazzig-reduziert.

Beim finalen 'The Threat Posed By Nuclear Weapons' bekommen wir ein letztes Mal die volle Breitseite der Platte serviert. Aber ich habe so langsam das Gefühl, das wird nichts an deinem Gesamturteil ändern, hm? Wie fällt das aus? Und wie viele Punkte vergibst du?

Nils:

Nein, der letzte Song fasst ja noch einmal das Album zusammen, da hast du recht. Und da sind wieder viele Passagen dabei, die ich am liebsten in einen Sack verschnürt tief auf den Boden des Ozeans verbannen möchte. Wobei ... die armen Fische.

Und jetzt ist es endlich vorbei. Ich höre draußen die Vögel zwitschern, die Welt dreht sich noch. Gehe ich aber von unserer Notenskala aus, die immerhin ab 3,5 Punkte ein "mehr oder weniger langweiliges Album" markiert, bleibe ich bei meinen 3/10. Zusätzlich zu "langweilig" kommt nämlich nervtötend als dominierendes Element hinzu. Ja, das gibt hörbare Momente auf "One Of Us Is The Killer", die werden aber in der Gesamtwahrnehmung von den nervigen Faktoren so richtig gegen die Wand gefahren!

Nichtsdestotrotz war es mit dir zusammen netter, das Album anzuhören, als alleine für den Soundcheck. Ich bin trotzdem froh, dass ich das freiwillig nie wieder hören muss.

Oliver:

Ich spiegele deine Wertung nahezu und vergebe 8,5/10. Mich fasziniert dieser Wahnsinn, der mitreißt und fast schon greifbar wird. Ich fand die Angelegenheit hier ebenfalls nett, werde das Album im Gegensatz zu dir aber gerne noch das ein oder andere Mal auflegen.

Selbstverständlich ist "One Of Us Is The Killer" keine Platte für jeden Moment des Lebens und auch ich will das Ding nicht immer hören. Aber wenn ich in der entsprechenden Stimmung bin, werde ich dazu Stein zerkloppen. Mit der bloßen Hand. Ugah!

 



Mehr zu diesem Album:

Soundcheck 05/2013
Review von Jakob Ehmke

Redakteur:
Oliver Paßgang

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