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NOTHGARD: Interview mit Dom R. Crey

07.11.2016 | 10:46

Jüngst waren die Melodic-Death-Metaller um Dom R. Crey mit EQUILIBRIUM auf "Armageddon"-Tour. In Bochum sprachen wir mit dem Bandleader von NOTHGARD über erste Eindrücke und natürlich das neue Album "The Sinner's Sake".

Die meisten Reviews zu "The Sinner's Sake" kritisieren - wenn sie denn etwas kritisieren - dass euch mittlerweile der Pagan-Metal-Einschlag fast vollständig abhanden gekommen ist. War das geplant?

Das war geplant. Beziehungsweise, was heißt eigentlich geplant: Wir haben uns als Musiker weiterentwickelt. Wir wollten und müssen einfach das machen, was UNS am besten gefällt, nur dann sind wir als Band authentisch. Ich möchte gar keine Band haben, die mir eine bestimmte Schiene vorsetzt und mit der ich auch auf die Bühne gehen muss. Ich möchte auf der Bühne Spaß haben und den Leuten diesen Spaß vermitteln und das geht meines Erachtens nur, wenn ich selbst dahinter stehe und das war beim Pagan Metal eben nicht mehr der Fall. Der Vorgänger von "The Sinner's Sake", "Age Of Pandora", hat sich ja auch schon weiter vom Pagan wegbewegt und jetzt haben wir uns davon eben noch weiter entfernt. Aber das ist ein ganz normaler Prozess. Unser erstes Album "Warhorns Of Midgard" gibt es seit fünf Jahren, einige Songs sind mittlerweile über zehn Jahre alt. Geschmäcker ändern sich, man lernt neue Menschen und neue Eindrücke kennen. Wir wollen unseren Pagan-Fans jetzt aber nicht einen vor den Latz knallen und sagen: "Wir machen jetzt komplett andere Musik." Ich kann die Argumente natürlich verstehen, aber es ist in diesem Fall eben so, dass wir uns damit wohler fühlen.

Mal andersherum gefragt: War der Pagan-Einfluss denn vor " The Sinner's Sake" und "Age Of Pandora" geplant oder seid ihr in diese Richtung einfach nur "reingerutscht"?

Auch hier sind wir tatsächlich reingerutscht. Wir waren bei unserem ersten Plattenvertrag relativ jung, siebzehn Jahre alt und hatten von Tuten und Blasen keine Ahnung. Am Ende war es so, dass das Label die Idee hatte. Es war eine Idee, wir wurden nicht dazu gezwungen. Aber man hat schnell gemerkt, die jungen Leute wissen die Idee anzunehmen und genau das haben wir eben gemacht. Wir wollten aber immer nie komplett Pagan Metal machen, sondern diese Mischung haben. Und wenn man sich die Texte anschaut, sieht man, dass es nicht so ist, dass wir jetzt auf einmal total moderne Themen behandeln. Klar, die gibt es auch - aber diese eben auf eine metaphorische Weise, in die man ganz viel interpretieren kann. Unsere Texte könnten auch heute noch von einem Pagan-Album stammen.

Wo du jetzt schon bei aktuellen Themen bist: Der Song 'When Gods Cry' lehnt sich aber schon stark an eine brandaktuelle Thematik an - Gotteskrieger.

Wir hatten bisher auf jedem Album einen Song, der sich mit Religion beschäftigt. Auf "Age Of Pandora" war das beispielsweise 'Blackened Seed'. Diesen Song habe ich relativ zeitgleich zu den Anschlägen in Paris komponiert, die Musik entstand kurz davor und der Text entstand quasi zu dieser Zeit. Damit sind aber natürlich nicht nur islamistische Attentäter, sondern generell diese stupide Vernarrtheit in Religion gemeint. Hier ist einfach zu sehen, wie dumm Menschen sein können. Die Kernaussage des Textes von 'When Gods Cry' ist für mich: Wenn es einen dieser personifizierten Götter gäbe, würde dieser so agieren wie die Menschheit? Ich denke wohl kaum. Die Aussage des Textes steht für sich: 'When Gods Cry'. Denn sie würden es niemals so machen.

Dabei beschäftigt sich euer Album diesmal allgemein recht viel mit religiösen Fanatismen, etwa auch mit Kinderkreuzzügen. Ist das der rote Faden, der sich durch "The Sinner's Sake" zieht?

Nein, Religion an sich soll nicht das Konzept hinter dem Album sein, aber sie ist momentan einfach auch wieder ein sehr präsentes Thema. Ich lege viel Wert darauf, dass die Texte authentisch bleiben, indem sie nicht einfach aufgetaute Geschichten, die heute 2000 Jahre alt sind, behandeln. Klar, das haben wir auch gemacht, aber das machen hunderttausend andere Bands auch. Mir ist es mittlerweile wichtig, Themen aufzugreifen, die mich selbst berühren. Das kann ich dann möglichst gut rüberbringen. Beim Einsingen im Studio ist mir das deshalb wichtig, weil ich dann am ehesten Ideen oder Inspirationen entwickle, wie ich die Lieder am besten vermittle.

Arbeitest du denn in festgelegten Zeitabschnitten, die du dir selbst setzt, oder gehörst du zu den klassischen kreativen Freigeistern, die nachts aufwachen und DIE Idee für einen neuen Song haben?

Das passiert natürlich auch, dass ich teilweise Lieder von der Melodie her fertig im Kopf habe. Aber ich setze mir auch schon einen Rahmen und setze mich unter der Woche für eine bestimmte Zeit hin und arbeite an neuen Sachen. Manchmal habe ich dann Ideen, manchmal auch nicht. Man kann ja auch nie wissen oder planen, ob da etwas herumkommt. Und wenn man keine Ideen hat, muss man sich auch das eingestehen: eine Pause machen und aus dem Ganzen raus. So läuft das bei uns ab.

Fällt es dir denn schwer, EQUILIBRIUM und NOTHGARD zu trennen, oder beeinflusst zum Beispiel dein Engagement bei EQUILIBRIUM dein Songwriting bei NOTHGARD stark?

Ich denke, wie man unschwer bei "The Sinner's Sake" hören kann, sind das zwei komplett unterschiedliche Bands. Beide haben natürlich symphonische Anleihen, aber im Grundprinzip sind sie total verschieden. Ich denke, da der René bei EQUILIBRIUM ja das Songwriting macht, kommen wir uns auch dort nicht in die Quere.

Auch das Artwork von "The Sinner's Sake" ist richtig stark. Kommt das Cover komplett von euch?

Die Idee für das Artwork schon. Angefertigt wurde es jedoch von Péter Sallei, einem ungarischen Cover-Künstler. Er ist mittlerweile ein sehr guter Freund und hat auch das Cover zu "Age Of Pandora" gemacht. Er ist ein genialer Zeichner und bringt enorm viele eigene Ideen ein. Ich schicke ihm die Lyrics und sage ihm, welche Elemente ich gerne haben möchte, und er kommt dann mit dem fertigen Cover und dem Booklet um die Ecke. Das ist schon geil.

Also behältst du dir in der Gestaltung ein gewisses Vetorecht vor oder lässt du ihm da ganz freie Hand?

Ich habe da schon die Grundideen vorgegeben. Da bin ich sicherlich kein einfacher Mensch und sehr perfektionistisch veranlagt. Wenn an einem Song irgendetwas ist, dann hört das außer mir einfach niemand. Aber mich stört das und dann arbeite ich solange daran, bis das störende Element raus ist.

Wie lange dauert es denn dann, bis so ein Album von euch fertig ist?

Wir haben alleine zwei Monate gemixt. Als wir fertig waren, habe ich gesagt: "Okay, das machen wir noch einmal. Das hört sich scheiße an!" Gott sei Dank haben wir das Album selbst gemixt, Skaahl hat das gemacht. Dementsprechend konnten wir uns ja viel Zeit lassen und wir werden das auch in Zukunft selbst machen. Da haben wir einfach die Möglichkeit, immer wieder neu zu probieren und auszutesten. Wenn wir das nicht selbst machen würden, wären das horrende Summen, die wir uns schlichtweg nicht leisten können.

"The Sinner's Sake" ist das erste Album, welches in Zusammenarbeit mit eurem neuen Label NoiseArt entstanden ist. Wie nimmst du diese Zusammenarbeit wahr?

Super, ein sehr kompetentes Label. Wir standen im regen Austausch - zu gewissen Stoßzeiten auch um ein Uhr nachts, was wir natürlich sehr begrüßt haben. Wenn dann etwas gewesen wäre und wir erreichen niemanden, wäre das natürlich schlecht gewesen. Unser Head Of Promotion war allerdings immer für uns erreichbar.

Seit Ende September seid ihr nun mit EQUILIBRIUM auf "Armageddon"-Tour durch Europa unterwegs. Deine ersten Eindrücke?

Bisher ist es super. Die Leute sind cool drauf, wir haben Länder bespielt, in denen wir bisher nicht gespielt haben. Klar, teilweise ist es für mich schon eine Doppelbelastung täglich, aber ich würde auch immer so argumentieren: Ich bin froh, dass ich zweimal spielen darf, denn eigentlich wäre eine Spielzeit von fünfunddreißig Minuten für die komplette Reise über sieben- oder sechshundert Kilometer viel zu kurz. Ich will auf jeden Fall in den USA oder in Asien spielen - und in Südamerika, das ist mir sehr wichtig. Momentan sieht es auch mit dem Charteinstieg gut aus, ich hoffe, wir kommen rein [Anm. d. Redaktion: das Album stieg in der Woche nach dem Interview auf #74 ein]. Ansonsten hoffe ich, dass wir einfach nur eine coole Zeit haben. Wenn es keinen Spaß mehr macht, dann höre ich von heute auf morgen auf.

So konsequent bist du da?

Wenn es keinen Spaß mehr macht, dann ja. Dann hat es auch keinen Sinn mehr. Es ist natürlich normal, dass man auch mal Tage hat, an denen man gar keinen Bock hat. Aber wenn sich das über Monate hinweg ziehen würde... Aber so ist das im Moment auf gar keinen Fall: Ich bin glücklich, dass wir ganz Europa bespielen dürfen.

 

Redakteur:
Leoni Dowidat

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