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NIGHTWISH: Listening Session zu "Endless Forms Most Beautiful"

13.02.2015 | 21:40

Ein neues NIGHTWISH-Album bringt mich natürlich stracks nach Donzdorf in die heiligen Hallen von Nuclear Blast. Im Beisein einiger Bandmitglieder, darunter Bandleader Tuomas Holopainen, dürfen ausgewählte Journalisten das Album vorab einmal hören.

Vorabexemplare des Albums gibt es nicht, auch keine Downloads. Das kann man den Labelverantwortlichen aber nicht verdenken. Solange es Seiten gibt wie "has it leaked", bei denen vor allem Möchtegern-Journalisten den Content generieren, ist das wohl die einzige Möglichkeit, der Sache einigermaßen Herr zu werden. Also sitze ich da, gut versorgt mit Getränken und Knabberzeug, auf dem bequemen Sofa und lausche gespannt der "Endless Forms Most Beautiful". Ich muss allerdings vorwegschicken, dass ein Album wie dieses mit einem Durchgang nur schwerlich zu erfassen ist.

Das Album beginnt mit 'Shudder Before Beautiful'. Ein gesprochenes Intro und dann kommt der Erstkontakt mit dem neuen Werk. Der erste Eindruck ist, dass die Gitarren ziemlich heavy abgemischt sind. Floor singt zurückhaltend und wenig aufdringlich, man erkennt den Unterschied zu ihren Vorgängerinnen, allerdings ist sowohl Vers als auch Refrain recht unscheinbar. Floors "Röhre" dominiert die potentiellen Operettenansätze, was positiv auffällt. Das folgende 'Weak Fantasy' ist von der heftigeren Sorte und besticht mit ausgefeilter Percussion. Auch hier fehlen mir noch die ganz großen Melodiemomente, selbst der Chorus ist nicht so plakativ wie man hätte erwarten können, auch wenn der symphonische Mittelteil immer noch genug Zucker hinzufügt, so dass man doch in NIGHTWISH-Hausen bleibt. Erstmals denke ich, dass die Band hier mal wieder den Metal deutlich in den Vordergrund rückt. Aber warten wir das mal ab, das Zettelchen vor mir gibt elf Songtitel an. Wer weiß, was da noch so kommen wird.

'Elan' ist die Singleauskoppelung und wird diesem Status gerecht. Die Band stellt die folkloristischen Elemente in den Vordergrund, nicht umsonst ist Troy Donockley jetzt festes Bandmitglied. Und man darf nicht vergessen, dass 'Over The Hills And Far Away' die erfolgreichste Single der Band war. Warum also nicht wenigstens ein bisschen daran anknüpfen? Auf jeden Fall ist das bislang der seichteste Song, aber gut ist er auch. Die Orchestrierung treibt die Melodie, die Gitarre bleibt hart, aber im Hintergrund. Das hat sicher ein gewisses kommerzielles Potential, aber ein 'Over The Hills And Far Away' ist es nicht. Vielleicht straft mich die Band Lügen, aber ich kann es vorwegnehmen: Bei solch einem Album muss gar keine Single drauf sein. Mit 'Yours Is An Empty Hope' wird es dann noch bombastischer, wir erreichen schon THERION-Sphären. Da ich die aber auch mag, bin ich angetan, zumal Flor weiterhin die Trällerelse in der Tasche lässt und sehr überzeugend den Spagat zwischen Rock und Anklängen an "Tarnette" schafft. Aber auch nicht so heftig zu Werke geht wie mit REVAMP. Bei 'Our Decades In The Sun' runzele ich allerdings erstmals die Stirn. "Aaah-aah-haah" als Chorintro, kitschige Keyboards, Floor haucht mehr als sie singt, aber immerhin steigert sich das Lied  im Verlauf. Trotzdem vielleicht auch durch den Kontrast beim ersten Hören deutlich weniger überzeugend als die ersten vier Lieder.

'My Walden' nimmt dann die Folk-Elemente nicht nur auf, sondern wirft sie dem Hörer mit Schmackes ins Gesicht. Tribal-Percussions und Troy darf mit dem Dudelsack mal richtig loslegen, aber diesmal folgt ein Chorus, wie ich ihn von NIGHTWISH erwartet habe. Das ist Futter für die Fans, und dass der Song in einem großen Finale der Marke "alle machen mit und lärmen mit allem, was in Reichweite ist" endet, unterstreicht den Eindruck noch. Ähnlich funktioniert auch der Titelsong, nur in härter. Das hier ist auch NIGHTWISH, wie ich sie erwartet und erhofft, aber auch befürchtet hatte. Das wäre auch ein guter Opener gewesen, auch wenn mir der Titel 'Endless Forms Most Beautiful' dann doch zu häufig gesungen wird. Aber da gibt es nichts zu bemängeln, nur weil ein Lied nicht aus dem Bandrahmen fällt, ist er ja nicht schlecht. Im Gegenteil, gewohnte Sounds und Strukturen sind gerade mit einer neuen Frontdame keine schlechte Idee. Alles neu muss nicht sein.

Tuomas frönt mit 'Edema Ruh' seiner Liebe für die Fantasy-Literatur. Das Lied sticht auch deshalb heraus, weil auch die Gitarre mal die Melodieführung übernimmt. Mit seinem tollen Refrain wäre das hier meine Wahl für eine Single gewesen, aber was weiß ich schon nach einmaligem Hören. Jedenfalls ein Lied, das ich gerne gleich noch einmal hören würde. Geht aber nicht, sondern weiter. Mit 'Alpenglow'. Was bei dem Titel für mich ganz sicher ein kurzes Instrumental zu sein hatte, entpuppt sich aber als kompletter Song, mit dem sich langsam ein Muster auf "Endless Forms Most Beautiful" herausschält. Die harten Gitarren werden häufig vor allem durch Troy mit Flöten und Dudelsack gekontert, die Orchesterpassagen sind nicht so ausufernd wie auf "Imaginarium", aber genauso fett wie zu früheren Zeiten. Dazu drückt Floor dem Ganzen einen neuen Stempel auf. Sehr positiv, möchte ich anmerken, ich halte Frau Jansen für eine der besten Sängerinnen der Metalszene. Und darüber hinaus.

Ganz beachtlich ist das folgende 'The Eyes Of Sharbat Gula'. Da ist jetzt das Instrumental, aber was für eines! Ohne Gitarre, ohne Bass, aber gespickt mit verschiedenen Instrumenten setzt die Band das Thema des afghanischen Mädchens um. Bombastisch und beeindruckend, aber wirklich nicht in seiner Opulenz zu erfassen, wenn man es nur einmal und vor allem zum ersten Mal hört. Was auch und noch mehr für das abschließende 'The Greatest Show On Earth' gilt. Wie vorher bekannt war, nahm sich die Band den britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins als Inspiration und lud ihn sogar ins Studio ein. Der Titel, der auch der Titel des letzten Buches Dawkins' ist, lässt keinen Zweifel daran, dass sich die Sturm-im-Wasserglas-Kontroverse einiger Engstirniger - ach was, Bekloppter - da draußen an diesem Lied reiben darf. Und das auch lange tun muss, denn das Lied ist tatsächlich 24 Minuten lang. Allerdings in fünf Teile unterteilt, die auch alle für sich hätten stehen können. Ob und wo Themen wieder aufgegriffen werden, welche subtilen Verbindungen bestehen, ich kann es nicht sagen. Diese 24 Minuten sind äußerst intensiv, musikalisch vielschichtig und opulent, dazu kommt ein interessanter Text, von dem sich immer wieder Fetzen in die Gehirnwindungen schleichen. Evolution, Billionen Jahre der Entwicklung der Erde, das ist nicht nur starker Tobak, sondern auch etwas, mit dem man sich länger auseinandersetzen muss (übrigens: Wen das interessiert, dem sei auch der Tonträger "Charles Darwin" von XII ALFONSO ans Herz gelegt). Nach einem langen, ruhigen Beginn geht der Song in einem Spoken Word-Part ins Volle und danach beginnt die Achterbahnfahrt, die für mich das Beeindruckendste an "Endless Forms Most Beautiful" ist. Ambitioniert und kaum zu erfassen. Ein Urteil vermag ich daher nicht zu treffen, aber ich bin enttäuscht, dass ich noch so lange warten muss, bis ich den Eindruck vertiefen kann. Ich mag epische Songs und ich habe den Eindruck, dass 'The Greatest Show On Earth' ein Lied sein könnte, für das NIGHTWISH lange Zeit Lob erhalten wird.

Es ist eine harte Arbeit, ein Album von 78 Minuten nach einmaligem Hören zu beschreiben. Damit kann man weder Band noch Werk gerecht werden, aber natürlich will jeder nun wissen, was mein Fazit ist. Verständlich, immerhin habe ich einen Durchgang Vorsprung. Deswegen will ich es versuchen: "Endless Forms Most Beautiful" ist ein deutlicher Schritt zurück zu den späten Tarja-Zeiten, allerdings mit einem völlig anderen Gefühl, da Floor Jansen den Charakter der Kompositionen, so typisch NIGHTWISH sie auch gelegentlich sind, in eine andere Richtung lenkt. Die Folk-Parts sind deutlicher hervorgehoben, die Refrains weniger aufdringlich und mit dem Longtrack hat die Band ein Epos geschaffen, das erstmal einen überragenden Eindruck macht, sich allerdings erst noch über die Zeit beweisen werden muss. Aber spontan würde ich sagen, dass am 27. März Freunden symphonischer, bombastischer Metalmusik Großes in Haus steht. Ich freue mich darauf.

Redakteur:
Frank Jaeger

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