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MIKKEL SCHACK BAND: Interview mit Mikkel Schack

08.08.2008 | 14:44

Alternative-Fans aufgepasst! Wenn sich Scheiben von genialen Bands wie KING'S X, FOO FIGHTERS, ALTER BRIDGE, VOLBEAT, THE CURE und sogar MANOWAR in eure heimische Anlage verirren, dann solltet ihr die MIKKEL SCHACK BAND antesten. Diese bringt die genannten Kapellen in ihrem ureigenen Sound unter einen Hut, ohne dabei den Faden zu verlieren. Jedes Stück stellt eine Reise in den Rockkosmos dar, weshalb mich die Interviewanfrage seitens des Namensgebers, Hauptsongwriters, Sängers und Gitarriste Mikkel Schack geehrt hat.

Leider hat es "nur" zu einem E-Mail-Interview gereicht, aber die von ihm abgelieferten Antworten sind's definitiv wert, gelesen zu werden. Auch wenn der Fokus auf der Musik liegt, immerhin seid ihr hier bei POWERMETAL.de, kommen auch andere Themen zur Sprache, die über das übliche Musiker-Blabla hinausgehen. Ich hoffe, ihr findet das Interview genauso kurzweilig wie ich beim Abtippen. Vorhang auf:

Tolga:
Hi Mikkel. Ist die MIKKEL SCHACK BAND wirklich eine Band? In dem Zusammenhang muss ich an die MICHAEL SCHENKER GROUP denken, bei der das einzige konstante Mitglied Michael Schenker selbst ist.

Mikkel:
Ich denke, du definierst nicht den Unterschied zwischen einer Band und einer Gruppe an sich, so weit ich's nachvollziehen kann. Wir sehen uns als eine in sich gewachsene Band, in der jedes Mitglied und jede Stimme gehört wird. Natürlich ist es musikalisch – wie's hoffentlich schon der Name erklärt – eine Band, die sich auf mich fokussiert bzw. auf mein Leben und die Songs, die ich schreibe. Ich dachte immer, dass ein Bandname ein seltsames Konstrukt ist, um sich und seine Identität dahinter zu verstecken. Meiner Ansicht nach verliert jeder Songwriter, der darum bemüht ist, persönliche und relevante Lyrics zu schreiben, seine Glaubwürdigkeit dahingehend, dass er sich hinter einem anonymen Pseudonym oder einem Bandnamen versteckt. Das kann man in etwa damit vergleichen, dass man den wichtigsten Brief seines Lebens verfasst - und diesen nicht unterschreibt.

Tolga:
Kennst du die Hardrockgruppe GIANT? Deine Band erinnert mich ein wenig an sie, nicht aufgrund der Musik, die du spielst, sondern dahingehend, dass Dan Huff von GIANT ebenfalls singt, Gitarre spielt und fürs Songwriting verantwortlich zeichnet, genauso wie du. Geht es in deiner Band dahingehend ähnlich zu, dass du alle Strippen ziehst?

Mikkel:
Nein, bis letzte Nacht kannte ich GIANT noch nicht, bis du mich auf sie neugierig gemacht hast. Ich hab sie auf MySpace abgecheckt, konnte aber keine Ähnlichkeit zu unserer Musik entdecken. Es ähnelt eher Steve Lukather von TOTO, die ich vor etlichen Jahren gehört habe, als ich mich selbst als Gitarristen gesehen habe und die Welt noch nicht so sehr von der Seattle-Szene und den Neunzigern inspiriert war. Für meinen Geschmack ist GIANT ein bisschen zu süß und überproduziert, aber es hat verdammt viel Spaß gemacht, sich ein paar "Gitarrenstunden" von Dan Huff auf YouTube anzuschauen. Sie haben mich in diese Zeit zurückversetzt. Und obendrein ist er ein verdammt talentierter Gitarrist.

Zum zweiten Teil deiner Frage, welche eine komplett neue Fragestellung ist, muss ich sagen, dass ich nichts davon halte, Musik unter einer sogenannten "Diktatur" zu kreieren. Ich bin mit einem eigenen Heimstudio gesegnet, in dem ich die Gerüste der Songs einzimmere, lasse aber noch dahingehend genügend Freiraum, dass ich während der Proben offen für externen Input bin. Lange Jahre habe ich Gitarre in diversen Bands gespielt, was mir die Fähigkeiten und die Erfahrung gegeben hat, um frei und verantwortungsbewusst zu arbeiten. In der Band wissen wir, dass zu viele Köche den Brei verderben, weshalb die Jungs nicht dazu tendieren, etwas zu verändern, was bereits geschrieben wurde, es sei denn, es fühlt sich nicht richtig an.

Tolga:
Lass uns über die Musik reden. Du kombinierst verschiedene Stile von Bands wie den FOO FIGHTERS, ALTER BRIDGE, KING'S X und VOLBEAT zu einem eigenen Sound. Siehst du das ähnlich, und was hat den Songwritingprozess von "... About To Destroy Something Beautiful" maßgeblich beeinflusst?

Mikkel:
Es ist eine lustige Sache mit all diesen Vergleichen, die mich manchmal erreichen. Sie stören mich nicht, aber sehr oft gehe ich mit der Meinung nicht konform. Ich weiß, warum wir das alle machen, insbesondere dann, wenn wir versuchen, unseren Freunden und anderen Musikliebhabern gute Musik zu empfehlen. Das ist genauso, als würden wir behaupten, dass Froschschenkel wie Hähnchen schmecken, was natürlich nicht so ist, denn sie schmecken wie Froschschenkel. Genauso wenig klingen wir wie die FOO FIGHTERS, auch wenn ich ein paar Parallelen ausmachen kann. Ich habe mir das Meiste von Dave Grohls Arbeiten angehört und genossen und bin der Meinung, dass er fantastisch ist. Aus dem Grund fühle ich mich geehrt, mit diesen Jungs verglichen zu werden, denn es sind allesamt großartige Bands.

Den kleinsten gemeinsamen Nenner stellen offensichtlich die FOO FIGHTERS dar, aber auch ALTER BRIDGE und KING'S X wurden sehr oft genannt. Aber THE CURE und VOLBEAT sind für uns neu auf der Liste. Von beiden Bands kenne ich nur sehr wenig, aber auf der anderen Seite bedeuten sie vielen Leuten eine Menge, weshalb ich dir für die Credits danke. VOLBEAT haben den unmöglichen Spagat geschafft, Hardrock und Metal einem großen Publikum in Dänemark zugänglich zu machen, weshalb ich sie bewundere und ihnen großen Respekt entgegenbringe, muskalisch finde ich sie persönlich eher uninspirierend.

Sehr oft überrasche ich mein Gegenüber, wenn ich meine alten und aktuellen Einflüsse aufzähle. Ich habe sehr soften Kram wie DEPECHE MODE und DEL AMITRI gehört, aber auch Acts wie MESHUGGAH, SOILWORK und FEAR FACTORY haben es in den vergangenen Jahren in meine Playlist geschafft. Ich denke jedoch, dass es ein Ding der Unmöglichkeit darstellt, diese fantastischen Musiker auf unserem Album herauszuhören. Kürzlich habe ich EVERY TIME I DIE für mich entdeckt, die den Metal und Punk in eine neue frische Richtung lenken. Vielleicht werde ich mich musikalisch auch in eine neue Richtung bewegen, die Tendenz im Moment ist jedoch eher die, dass wir die rockigere Ausrichtung härter und rauer gestalten wollen, während die langsamen Songs eher noch melodischer ausfallen werden.

Tolga:
Auf der anderen Seite kann jeder Song mit einer individuellen Note aufwarten. War es schwer, die Einflüsse und euren eigenen Stil auszutarieren?

Mikkel:
Währen der Songwritingphase habe ich nicht so sehr darüber nachgedacht. Sie spiegeln meinen damaligen Gemütszustand wieder. Die zehn Tracks haben die Band zum Laufen gebracht, als ich die Rohfassung zu der Zeit auf unsere Homepage gestellt habe. Aus dem Grund wird das kommende Album mit dem wahren MIKKEL SCHACK BAND-Sound aufwarten, denn die neuen und zukünftigen Songs werden speziell für und in der Band geschrieben.

Ich bin mir nicht sicher, worauf du mit der individuellen Note in den einzelnen Songs anspielst, aber für mich als Songwriter ist es so, dass ich versuche, in verschiedenen Richtungen alles offen zu halten und mich zu motivieren - im übrigen genau das Gegenteil von dem, was ich in letzter Zeit geschrieben habe, und aus dem Grund ist das Album sehr abwechslungsreich und für manch einen sogar verwirrend. Wir sehen die diversen musikalischen Stile als das, was in einigen Rezis nicht so gesehen wird. Einige Schreiber haben sich mehr auf die harten Songs fokussiert und die langsamen ignoriert, was andere wieder andersrum gesehen haben. Um den Schlüssel zu finden, muss man sich das Werk im Ganzen anhören, und dabei sowohl die Uptempo-Songs als auch die Balladen als individuellen Teil ein und desselben Films betrachten, als von verschiedenen musikalischen Ausrichtungen und Einflüssen zu sprechen.

Tolga:
Was kannst du mir über die Lyrics erzählen? Die Songtitel hinterlassen den Eindruck, als ob sie aus einer sehr persönlichen Perspektive geschrieben wurden.

Mikkel:
Ja, für mich sind sie sehr persönlich gehalten. Wie ich bereits schon aufgeführt habe, wurde diese Hand voll Songs ausschließlich dazu geschrieben, um meinen Kopf zu befreien und einen klaren Gedanken zu fassen. Dies sind Songs, die eine gewisse Zeit benötigt haben, um zum finalen Song zu wachsen. Um es kurz zu machen: Ich bin in meine persönliche Hölle hineingelaufen und wieder zurückgekommen, was natürlich auf das Songwriting und meine Sichtweise allgemein abgefärbt hat, wodurch eine düstere und melancholische Stimmung eingeschlagen wurde. Meine Gedanken zu Papier zu bringen, war meine persönliche Therapie.

Ich hatte schon immer die Denkweise oder auch Bestimmung, dass das Leben dich enttäuscht, austrickst und am Boden zerstört. Ich war gegenüber der Welt, in der wir leben, und dem, was es uns bietet, schon immer skeptisch eingestellt. Ich denke, ich habe viele Jahre damit verschwendet, auf einen Heilsbringer zu warten, der herabsteigt, uns alle rettet und einen Sinn in diese Unmenschlichkeit bringt, die in der Welt jede Sekunde vonstatten geht. So sind zumindest meine Erfahrungen und Sichtweisen dazu.

Auf der anderen Seite möchte ich den Leuten meine Gedanken und Sichtweisen nicht durch das Lesen der Lyrics und das Hören unserer Musik aufzwingen. Das ist das großartige an Musik: Sie bedeutet für dich, was du zulässt. Ich schreibe in einer bildhaften Sprache und lasse den Ursprung der Gedanken, denn nur die Gedanken an sich sind interessant und wertvoll, wodurch ich hoffentlich die Leute zum Denken anrege. [was ist das für ein Satz? - d. Red.] Dadurch können sie dazu angeleitet werden, selbst die Antworten zu suchen, was dann natürlich wieder neue Fragen aufwirft.

Tolga:
Ist es ein Konzeptalbum?

Mikkel:
Ich hatte nie den Hintergedanken, dieses Album auf einer Idee oder einem Image aufzubauen, aber du bist nicht der Erste, der mich das fragt. Es sind immer noch nur Songs, die mir eine Menge bedeutet haben und immer noch bedeuten. Mit der Zeit habe ich von all den wunderbaren Leuten, die meine Musik nach außen transportiert haben, gelernt, welches wundervolle Feedback an uns getragen wurde - dass, wenn du's mit Distanz betrachtest, es wie eine kleine Geschichte erscheint. Das Album startet mit einer Einführung in den Geisteszustand in einer bestimmten Zeitperiode und setzt sich mit den einzelnen Ebenen auf dem gesamten Album wie Buchkapitel auseinander. Aber entgegen einer normalen Geschichte ist hier kein wirkliches Ende in Sicht.

Vielleicht erzählt das Album die Geschichte einer langen verzwickten Reise ins Gehirn einer Person, langsam genug, um nach und nach die Antworten herauszufiltern, um dann plötzlich festzustellen, dass mehr Fragen auftauchen als zu Beginn der Reise. Das ist etwa das, was in 'Never Talk To Strangers' beschrieben wird. Du bist so weit gekommen, um festzustellen, dass du mit dem Kopf an einer Mauer ankommst. Bist du sicher, dass die Fragen und Schlüsse, die du gezogen hast, etwas mit der Realität zu tun haben? Und wie geht's von hier aus weiter?

Aber nein, ich hatte nie die Absicht, dies zu einem Konzeptalbum ausarten zu lassen. Diese spezielle Art, Musik zu komponieren, wurde in die Wiege von PINK FLOYD und alten GENESIS gelegt, denn niemand kann dies besser als diese Jungs. Als ein alter BEATLES-Fan habe ich nie verstanden, warum "Sgt. Pepper" als ihr bestes Album angesehen wurde. Meiner Meinung nach ist der prozentuelle Anteil an guten Songs auf "Revolver" und "Rubber Soul" um einiges höher. Heute finde ich die Grundidee von "Sgt. Pepper" brillant. Ich kenne kaum Bands, die komplette Konzepte für ein Album verfassen. Manchmal läuft dir ein Metal-Act wie DEVIN TOWNSEND über den Weg. Ich mag den Geschmack von Kaffee aber so sehr auch wieder nicht.

Tolga:
Alle Songs auf dem Album sind großartig, aber mein persönlicher Favorit ist die Abschlussballade 'Never Talk To Strangers'. Kannst du nochmal näher auf diesen komischen Songtitel eingehen?

Mikkel:
'Never Talk To Strangers' ist aktuell der älteste Song auf dem Album und hat schon in mehreren Abschnitten existiert. Die Lyrics versuchen zu umschreiben, wie es ist, auf eine gewisse Art und Weise mit dem "bösen Zwilling" zu kommunizieren. Der Chorus ist eine Art von Akzeptanz der Dinge, wie sie sind und manchmal auch bleiben. Auf der anderen Seite ist es aber auch ein Versprechen, dass das Gute immer hartnäckig versucht, in Dialog mit dem Schlechten zu treten. Es ist wie "Ich lasse dich jetzt allein, komme jedoch später auf dich zurück". Der Titel an sich ist eine Art von totaler Beschreibung, wie es ist, an der Isolation zu kratzen. Als ich extrem schlecht drauf war, habe ich über Tage mit keinem Menschen kommuniziert. Durch die soziale Härte habe ich befürchtet, dass die Menschen die Stimmen in meinem Kopf mithören können.

Der Song hat sich seit der Veröffentlichung als einer unserer Favoriten in der vollen Bandversion entpuppt. Es gibt da ein Gefühl in dem Song, das sich in unseren Instrumenten wiederspiegelt und das Lied quasi von selbst spielt. Balladen und langsame Stücke bieten sehr oft den Musikern die Gelegenheit, in eine andere Welt abzutauchen und dich die Musik so genießen zu lassen, als ob du im Publikum stehst. Verstehe mich nicht falsch, wir LIEBEN es, hart zu rocken, es ist bodenständiger, wohingegen die Balladen dich abheben lassen zu deinem eigenen Ort, was für mich die ultimative Macht der Musik darstellt.

Tolga:
Hast du Lieblingssongs auf dem Album, oder magst du jeden Song? Man sagt ja, dass für jeden Künstler jeder Song sein persönliches Baby darstellt.

Mikkel:
'Where Are We Heading?' ist lyrisch das härteste Stück auf dem Album und war für mich am schwersten zu schreiben. Es hat sich zu meinem persönlichen Favoriten entwickelt. Ich denke, es ist die Art von Song, bei der die meisten Zuhörer beim ersten Durchlauf weiterskippen, da es sich dem Hörer nicht auf Anhieb erschließt. Doch wenn du dir die nötige Zeit nimmst und "den Code knackst", wirst du in eine dunkle Atmosphäre hineingeschleust, in der du deinen Feinden, Ängsten und Geistern in der Art, dass du eine alte Rechnung begleichen musst, gegenüberstehst. Der spirituelle Geist ist dabei allgegenwärtig, aber die Intention sowohl des Intros als auch des Endes versprüht einen Willkommens-Charakter. Es braucht nicht lange, die Texte zu analysieren, um ein Bild davon zu bekommen. Dies ist mein persönlicher Standpunkt, mit dem ich die Enttäuschung, ein müdes "auf Wiedersehen" und den Glauben an den Gott, mit dem ich aufgewachsen bin, sende.

Es ist schon etwas Wahres daran, dass du zu deinen Songs eine innige Beziehung aufbaust, da sie genau so sind wie du. Manche Songs, die du schreibst, kommen dir lange Zeit fremd vor, offenbaren sich aber Stück für Stück mit der Zeit. Wenn ich manchmal meine alten Texte studiere, fallen mir gewisse Schlüsselwörter auf, worauf ich Rückschlüsse auf Geschehnisse ziehe, die später in meinem Leben eingetreten sind, weshalb man schon behaupten kann, dass sie versuchen, einem etwas zu erzählen. Natürlich gibt es auch ältere Songs, die mich langweilen, weshalb es am besten ist, diese Babys davonziehen zu lassen und sie aus der Erinnerung zu löschen.

Tolga:
Nimmt der Albumtitel Bezug auf Goethe? Denn er hat dieses Zitat, wonach "alles, was entsteht, wert ist, dass es zugrunde geht".

Mikkel:
Ich kenne sehr wenig von Goethe, weshalb die Antwort "nein" lautet. Dennoch ist es ein interessanter Satz, der für mich das Band zwischen Leben und Tod sehr bildhaft aufzeigt. Ich frage mich, ob Goethe in der Zeit, als er diesen Satz niedergeschrieben hat, eine geliebte Person verloren hat, denn es ist eine sehr harte und traurige Feststellung. Überdies verwendet er das Wort "wert" im Zusammenhang mit Tod. Vielleicht sieht Goethe den Tod als es etwas Schönes und Wertvolles bzw. etwas, dem du dich stellen musst, was wir wahrscheinlich alle mit der Zeit tun müssen. Es klingt, wie die Worte eines Mannes, der auf dem Sterbebett liegt.

Vielleicht symbolisiert es den wahren Wert des Lebens, was bedeutet, dass wir nicht für immer auf diesem Planeten verweilen werden und demzufolge jede Minute schätzen sollten. Wenn es etwas mit unserem Albumtitel zu tun hat, dann dahingehend, dass es eine These darstellt, bei der Goethes persönlicher Standpunkt in diesem schönen Satz bestätigt wurde.

Tolga:
Was kannst du mir zum Cover in Zusammenhang mit dem Albumtitel erzählen? Bedeutet dies, dass selbst Engel durch ein Loch in ihrem Kopf zerstört werden? Denn die Flügel sind ja noch intakt.

Mikkel:
Diese schöne Zeichnung stammt vom sehr talentierten Robert Sindermann, den ich seit meinen High-School-Zeiten kenne. Vor ein paar Jahren bin ich auf seine Webseite gestoßen und habe in der Bildersektion gestöbert, und ich erinnere mich daran, beim Bild dieses Engels innegehalten zu haben. Dieser arme Engel stellte für mich das Paradebeispiel des guten Menschen dar, welcher versucht, das Beste an die Leute in seiner Umgebung zu geben, aber mit der Zeit hat er das Lächeln in seinem Gesicht verloren, denn er musste von der Außenwelt aufgrund oder vielleicht sogar wegen seines guten Willens Schläge einstecken. Er hat sich aus dem Rampenlicht zurückgezogen, um seinen Frieden, die Stille und Distanz zur Welt zu bekommen. Vielleicht versteckt er sich auch vor der Welt und will nicht, dass sie ihn in diesem Zustand sieht. Die Tatsache, dass die Flügel noch intakt sind und sein Heiligenschein glüht, ist darauf zurückzuführen, dass er der Gute ist und es das Einzige ist, was er am besten kann. Vielleicht lastet auf ihm auch ein Fluch, den er nicht loswird.

Das ist natürlich meine eigene Interpretation und nicht die von Robert, aber genau so hat es sich angefühlt, als ich die Songs geschrieben habe. Als es zur Fertigstellung des Albums kam, fragte ich Robert, ob er das Bild verkaufen möchte, und schickte ihm eine Kopie des Albums, damit er sich ein Bild davon machen konnte, was das Bild präsentieren soll. Er mochte die Songs, und so kam der Engel auf das Albumcover. Die Handschrift auf der Vorder- und Rückseite stammt von mir, denn es gibt nichts Persönlicheres als deine Handschrift. Mit der Zeit wurde es immer kritzeliger, da ich immer wieder dieselben Worte aufgeschrieben habe. Und immer denselben Gedanken zu spinnen, wurde zu meiner schlimmsten Leidenschaft. Nebenbei lautet der Titel für Roberts Bild "Unschuld" und ist immer noch auf der Originalhomepage http://www.robersindermann.com/ zu sehen.

Der Titel an sich ist eher eine geschriebene Retrospektive als ein Zurückblicken auf das, was ich zu der Zeit gemacht habe. Es wurde im geistigen Zustand der kompletten Frustration geschrieben, was der Situation ähnelt, in der du nichts hinnehmen kannst und dich selbst dabei beobachtest, wie du auf der Suche bist nach etwas, das du zerstören oder worauf du rumhacken kannst. Es ist aber auch eine Sache der Kontrolle und wurde Sekunden vor dem Wutanfall geschrieben. Heute bin ich froh darüber, etwas Schönes nicht zerstört zu haben, obwohl ich kurz davor war, es zu tun.

Tolga:
Irgendwelche letzten Worte an unsere Leser oder etwas was ich vergessen habe zu fragen?

Mikkel:
Als erstes möchte dir dafür danken, dass du dir Zeit für dieses großartige Interview auf eurer Seite genommen hast. Es ist es wert, hart zu komponieren, aufzunehmen und deine eigene Musik zu promoten, wenn man Feedback von Leuten wie dir oder denen, die wir auf unseren Konzerten treffen, bekommt. Viele Leute fühlten sich von 'Getting Older?' angesprochen, und die Fragen in den Texten und die Stimmung des Songs ist etwas, das jeder darauf beziehen kann, wie sie sich mit sich selbst auseinandergesetzt haben. Für mich ist es die größte Anerkennung, zu sehen, wie die Songs wie Samen überall in den Musikanlagen auf der ganzen Welt wachsen. Ich wünsche auf diesem Weg allen neuen Zuhörern eine angenehme Reise durch die Songs auf unserem Album und ermutige jeden dazu, die Texte parallel in ihr eigenes Leben einzubeziehen. Vielleicht können Antworten auf dem Album, die ich noch nicht mal kenne, den Menschen helfen und sie aus ihrem persönlichen Tiefpunkt rausziehen. Oder es ist hilfreich, den Leuten zu erklären, dass es andere Menschen gibt, denen es ebenfalls so ergeht und die mit der Zeit auch diese Krise gemeistert haben.

Nachdem ich so viel über die dunkle Seite gesprochen habe, möchte ich einen positiven Ausblick wagen: Die Bandchemie stimmt, und wir sind aufgeregt, dass das Album vor einigen Tagen europaweit veröffentlicht wurde. In Dänemark lief es großartig, und wir haben so viel positives Feedback erhalten, dass wir sprachlos sind. Wir haben schon die nächste Phase im Auge, was bedeutet, dass wir so viele Konzerte wie nur möglich spielen wollen. Denn mit den Fans kommen erst die magischen Momente zustande. Wir lieben es, live zu spielen, und wachsen mit jedem Konzert, das wir spielen, und werden dabei immer stärker. Überdies gewinnen wir neue Zuhörer, was wohl den Beginn von etwas Großem darstellt.

Zum Zeitpunkt des Interviews (das Interview ging Anfang Juli über die Bühne - Anm. d. Verf.) haben wir eine Hand voll neuer Songs am Start. Was jedoch einen Termin für die Aufnahmen des zweiten Albums angeht, so steht dies noch in den Sternen. Die Aufnahmen zu diesem Werk zogen sich sehr lange hin, aber früher oder später wird das Album einen kleinen Bruder bekommen. Wir möchten, dass das kommende Langeisen genauso detailliert vorbereitet wird wie "... About To Destroy Something Beautiful". Hoffentlich ist es es wert, so lange zu warten. Wie eben schon erwähnt, wird den Songs erst dann Leben eingehaucht, wenn es zu euren Ohren durchdringt, weshalb ihr herzlich eingeladen seid, auf der MySpace-Seite legal drei Songs downzuloaden und einen Kommentar zu hinterlassen, sofern ihr dazu gewillt seid.

Redakteur:
Tolga Karabagli

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