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KREATOR: Interview mit Mille

14.01.2005 | 22:43

Es gibt Platten, die werden sehnsüchtig erwartet und man fiebert regelrecht (im wahrsten Sinne des Wortes) dem Releasedate der Scheibe entgegen. So ging es mir bei "Enemy Of God", KREATORs Neuen, die meine hochgesteckten Erwartungen zu einhundert Prozent erfüllen kann. Leider ging vor meinem Interviewtermin einiges schief. So kam die Promo erst vier Stunden vor meinem Date mit Mille bei mir zu Hause an. Ich war also zu einer thrashigen Druckbetankung gezwungen, die mir auf Grund meiner körperlichen Schwäche (Grippe, Fieber, kaum Stimme, Bettlägerigkeit) ganz schön Kopfschmerzen bereitete. Doch Mille ist ein alter Hase und durch und durch Profi, kann sich auf erschwerte Bedingungen bestens einstellen und so entwickelte sich ein schönes Gespräch über die Welt, Gott und über die Feinde Gottes...

Alex:
Servus Mille, wie geht's?

Mille:
Mir geht es sehr gut. Und selbst?

Alex:
Ich lieg gerade im Bett und versuch meine Temperatur etwas runter zu bringen. Das kann ich aber denke ich auch, während wir miteinander reden.

Mille:
Du Armer! Aber ok, leg los.

Alex:
Mille, am Montag ist VÖ von "Enemy Of God". Wie sieht denn dein jetziges Seelenbefinden aus?

Mille:
(Lacht) Ja, ich hatte bisher eigentlich noch gar nicht richtig Zeit darüber nachzudenken, weil wir auch schon proben und jede Menge andere Sachen zu erledigen haben. Am Wochenende stehen jede Menge Interviews an. Also viel Zeit darüber nachzudenken, was passieren wird, wenn die Scheibe draußen ist, hab ich definitiv nicht.

Alex:
Aber du hast ein gutes Gefühl, was die Scheibe angeht?

Mille:
Ich denke schon! Ich kann auf jeden Fall sagen, dass wir sehr zufrieden sind und dass auch den Fans das Album gefallen sollte.

Alex:
Ok, ich werf jetzt mal so ein paar Feststellungen von mir zum neuen Album in den Raum und du darfst zu jeder Stellung beziehen.
Ich finde, zunächst mal habt ihr auf "Enemy Of God" den höchsten Grad an Melodien untergebracht, der je auf einem KREATOR-Album stand. Ihr habt, denke ich, eure Thrashroots perfekt mit der NWoBHM gekoppelt.

Mille:
Ja, das ist richtig! Ich hab in der letzten Zeit einige Reviews gelesen, die auf unserer Homepage gepostet wurden, in denen jemand auch mal sagte, dass wir uns sehr nach Gothenburg anhören würden. Das finde ich ziemlich weit hergeholt, weil wir zunächst mal unsere Musik schon um einiges länger machen, als es Gothenburg überhaupt gibt. Wir tendieren eher zur NWoBHM und das hört man auf jeden Fall.
Ich habe während des Songwritings sehr viel alte Sachen, wie PRIEST und MAIDEN, und auch einige moderne Sachen gehört. Ich wollte eigentlich kein richtiges Old-School-Album machen. Ich wollte einfach diese Energie und Euphorie, die ich damals bei den Klassikern empfunden habe, als ich sie zum ersten Mal hörte, auf ein KREATOR-Album übertragen.

Alex:
Was dir verdammt gut gelungen ist...

Mille:
Es ist also nicht so, dass wir extra weniger Melodien in einen Song packen, weil die Leute sonst sagen, dass wir nun nicht mehr wie KREATOR klingen. Obwohl wir schon seit hunderttausend Jahren Melodien auf unsere Alben packen.

Alex:
Ich denke, genau diese Melodien sind es, die KREATOR relativ einzigartig in diesem Thrashzirkus machen. DESTRUCTION haben diesen punkigen Touch, während SODOM eher rotzig und räudig daherkommen. Und SLAYER fahren heutzutage die eher schlichte Riffwalze.

Mille:
Also, ich denke auch, dass wir dahingehend unseren eigenen Stil haben!

Alex:
Trotz aller Eingängigkeit habt ihr auf "Enemy Of God" eine immens hohe Schlagzahl an Breaks und Tempoechseln, was man ja auch besonders von der NWoBHM kennt.

Mille:
Wir haben uns nicht an bestimmten Bands orientiert. Wir haben uns in erster Linie von unseren eigenen Gefühlen inspirieren lassen. Die einzige Prämisse die wir uns gesetzt haben, die einzige Regel für dieses Album war, dass wir keine Instrumente benutzen wollten, die in der Band nicht vorkommen. Anders als bei "Endorama" zum Beispiel, als wir auch zum Teil mit klassischen Instrumenten gearbeitet haben, wollten wir dieses Mal, dass alles was passiert auch live passieren kann und dass es beim Performen auch umgesetzt werden kann. Zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug! Und um das Ganze interessant und abwechslungsreich zu gestalten, haben wir uns keine Grenzen gesetzt.
Da du die Tempowechsel angesprochen hast. Ein Song, der von vorne bis hinten in einem Tempo ist, kann super sein, als Beispiel hier mal 'Phobia', der ja komplett in der gleichen Geschwindigkeit gehalten ist. Auf der neuen Scheibe passiert dahingehend um einiges mehr. Zum Beispiel 'Voices Of The Dead' oder auch 'Enemy Of God' sind in den Tempi sehr variabel. Und genau das ist ein Stilmittel, was wir auch schon am Anfang hatten, auch schon bei "Pleasure To Kill" bis hin zu "Coma Of Souls", das wir in den Neunzigern etwas aus den Augen verloren haben und jetzt wieder für uns entdeckt haben.

Alex:
Wo du gerade 'Voices Of The Dead' erwähnt hast: Ich finde, die Nummer ist eine absolute Melodikhymne und sollte live ordentlich für Stimmung sorgen.

Mille:
Ja, es ist ein sehr melodisches Lied. Textlich hat mich inspiriert, dass ich mittlerweile sehr viele Bekannte habe, die gestorben sind. Ich meine, ich bin jetzt auch schon 29 oder so... (lacht)

Alex:
Oh, ein Alter mit mir...

Mille:
Nein, Spaß beiseite, man hat in seinem Leben schon einige Leute gesehen, die durch Krankheit, Verkehrsunfall oder auch Drogen umgekommen sind. Die meisten Leute, die ich kenne, sind durch Alkohol und Drogen ums Leben gekommen. Und da hab ich mir schon oft meine Gedanken über den Tod gemacht. Manchmal träume ich dann von meinen alten Kumpels und sie werden in diesen Träumen wieder lebendig. Darum geht es in diesem Song, es ist ein Lied über Träume und es handelt davon, dass man innerhalb dieser mit den Leuten kommunizieren kann, egal ob sie nun tot oder lebendig sind. Auf einer Art, wie soll ich sagen, spirituellen Ebene.

Alex:
Weiter geht's mit deinem Gesang. Der ist sowieso unfehlbar und ich würde ihn unter Hunderten erkennen. Trotzdem ist er auf der neuen Scheibe extrem angepisst, oder?

Mille:
Oh ja! Das hängt einfach damit zusammen, dass viele der Texte einfach superbrutale Themen behandeln. Ich will jetzt nicht zuviel erklären und die Texte nicht im Detail auseinander nehmen, um den Leuten auch einen Spielraum für eine Eigeninterpretation zu lassen. Nur soviel: 'Enemy Of God' zum Beispiel, behandelt das Thema Krieg oder besser Religionskrieg. Was mich dabei extrem wütend macht, ist einfach die Dummheit der Menschheit, die zum Teil auf Leute reinfallen, die ihnen erzählen, dass sie im Namen Gottes handeln und in diesem Glauben fremde Länder angreifen. Das passiert häufig da, wo Diktaturen herrschen. Andererseits gibt es viele Länder, in denen Diktaturen herrschen und in denen passiert auch nichts. Es gibt einfach einige politische Dinge, die in der Welt passieren und mich tierisch nerven, obwohl ich KREATOR eigentlich nicht als politische Band bezeichnen würde und ich sie als solche auch nicht haben möchte. Aber wir denken schon über Sachen nach, die uns beschäftigen und auch zornig machen und über diese Sachen schreiben wir dann auch.

Wenn du dir also die Texte durchliest, kommt das automatisch, dass du sie härter singst und auch brutaler gestaltest. Es geht dabei um den Ausdruck in der Stimme, der bei einer Produktion häufig vernachlässigt wird. Da ist Andy Sneap wirklich super. Wenn es um Gesang geht, holt er immer das Maximum aus dem Musiker raus. Das hat natürlich auch mal zur Folge, dass ich drei oder vier Stunden am Stück rumschreien muss. Der Gesang wird aber in der Wirkung für ein Album häufig unterschätzt. Viele Leute klinken mal eben ein, lassen sich aber für die Gitarren zwei Tage Zeit. Dabei ist der Gesang mit das Wichtigste. Wir haben dadurch extrem darauf geachtet, dass wirklich jedes Wort, das ich singe, auch so gemeint ist.

Alex:
Was denke ich unüberhörbar ist. Wenn ich mir eure Gitarrenarbeit auf der neuen Scheibe anhöre, schließe ich daraus auf eine extrem aufwändige und tiefreichende Arbeit an den Riffs. Du hast glaub ich im Legacy gesagt, dass es heutzutage relativ wenige Bands gibt, die ihre Riffs wirklich noch ausarbeiten. Du hast vorhin den Gothenburg-Sound erwähnt hast. Ich finde, der Melodic-Death-Metal-Tross arbeitet viel mit ganzen Akkorden, die massiv drückend gemischt und gemastert werden. Ihr hingegen spielt einen Lauf nach dem anderen und hebt euch da schon ziemlich vom Rest ab.

Mille:
Du musst dir das so vorstellen: Ich hab angefangen mit Bands wie zum Beispiel JUDAS PRIEST. Dann hab ich irgendwann IRON MAIDEN für mich entdeckt und das Nächste, was mich begeistern konnte, war "Kill Em All" von METALLICA. Und wenn du dir dieses Album anhörst oder auch die frühen SLAYER-Sachen und abgefahrene Sachen wie SAVAGE GRAVE oder AGENT STEEL, da ging es nur um Riffs. Für mich war das damals total wichtig. Wenn die Gitarre anfing zu spielen, musste der Riff total super sein. Und das geht mir heute immer noch so. Wenn ich heute einen neuen Song höre, achte ich zunächst auf das Gitarrenriff. Manchmal gibt es auch gute Lieder ohne gutes Riff. Aber für mich ist ein starkes Riff eigentlich schon wichtig! Und auf "Enemy Of God" hab ich mir schon sehr viel Mühe gemacht, die Gitarren bis ins Letzte auszuarbeiten. Allerdings hab ich auch auf den Proben gemerkt, wir proben seit kurzem für die anstehende Tour, dass so manche Riffs im Stehen und mit Gesang sehr schwierig zu spielen sind. Ich krieg das aber schon hin. (lacht)

Alex:
Solche Proben sind bestimmt ziemlich heftig?

Mille:
Ja! Wir haben auf unserer Homepage die Fans die Stücke wählen lassen, die wir auf der anstehenden Tour spielen sollen und da sind einige Sachen dabei, die wir schon seit Urzeiten nicht mehr im Programm haben. Diese Sachen müssen wir also auch noch nebenbei mal einproben. Aber wir wollen ja auch dieses Mal ein langes Set spielen. Wir visieren ein reguläres Set von etwa einer Stunde und fünfzehn Minuten an, wollen aber noch einen Zugabenblock von etwa dreißig Minuten bringen. Mal sehen, ob wir das durchhalten. Das ist schon absolut hardcore, gerade wenn du so schnelle Musik machst. Wir sind aber alle Mann guter Dinge. Ich trainiere jeden Tag und Ventor hat aufgehört zu rauchen (lacht). Die Sterne stehen gut!

Alex:
Wo du gerade von ihm sprichst: Ventor hat ja schon immer sehr geile Sachen gespielt. Auf der neuen Scheibe feuert er aber einige der schnellsten Doublebass ab, die je aus seinen Beinen kamen. Hat er für "Enemy Of God" geübt wie ein Irrer?

Mille:
Der übt gar nicht so viel. Der blüht einfach auf, wenn es zur Sache geht. Wenn KREATOR KREATOR sind, wenn du verstehst, was ich meine?

Alex:
Erklär's mir!

Mille:
Ich möchte nicht sagen, dass "Endorama", "Outcast" oder auch "Renewal" nicht KREATOR waren, nur wurde gerade Ventor manchmal von mir etwas gebremst. Wenn er irgendwelche Doublebass abgefeuert hat, kam manchmal von mir, dass ich den Part lieber einfacher haben möchte. Zum Beispiel bei "Outcast" wollten wir bewusst nicht soviel Doublebass haben, um eine bestimmte Dynamik auf dem Album zu kreieren. Heute spielen wir einfach drauf los. Jeder so, wie er meint. Das setzt Energien frei und auch Kreativität. Ich glaube, gerade Ventor ist besser, wenn es darum geht das härteste Album der Woche zu machen (lacht). Er identifiziert sich mit dem extrem brutalen Metal.

Alex:
Wie sieht das denn mit dem Songwriting im Hause KREATOR aus. Du bist ja quasi der Impulsgeber, schreibst die grundlegenden Riffs. Arrangiert ihr dann gemeinsam?

Mille:
Für die neue Scheibe hatte ich bereits sechs Stücke auf einen Achtspurrekorder aufgenommen, von denen aber zwei weggeschmissen wurden. Es ist also sehr unterschiedlich. Manchmal komme ich mit einem Song in den Proberaum und der ist mehr oder weniger komplett. Es gibt aber auch Stücke, bei denen ich nur den Anfangsriff habe. Dann proben wir den ein und schauen einfach, was sich daraus entwickelt. Auf der Bonus-DVD von unserem neuen Album kannst du diesen Prozess sehr gut nachvollziehen. Da ist ein Anfangsriff dabei, das im Nachhinein gar nicht auf der Platte erschienen ist. Wir experimentieren auch viel mit verschieden Sachen rum, die im Endeffekt in der Mülltonne landen. Wir haben zum Beispiel Stücke, die waren drei Minuten lang und alles, was im Endeffekt aus diesen drei Minuten auf der Platte steht, sind ungefähr zehn Sekunden. Wir selektieren also schon aus.

Alex:
Ihr wart ja dieses Mal in Andys neuem Studio. Weißt du noch wie lange der Produktionsprozess gedauert hat?

Mille:
Ja, das kann ich dir sogar relativ genau sagen. Wir haben angefangen Mitte Mai und sind Mitte Juli wieder raus. Also ungefähr zwei Monate.

Alex:
Wie kann ich mir so eine Recordingsession, vielleicht die der Klampfen, genauer vorstellen? Seit ihr so gut vorbereitet, dass ihr euch hinsetzt und innerhalb ein oder zwei Takes die Stücke im Kasten habt? Ich meine, auch ihr habt ja einen gewissen Zeitdruck, oder?

Mille:
Wir haben kein Zeitdruck, definitiv nicht! Andy lässt immer so zwei Wochen Option nach hinten hin auf. Wir gehen also erst mal in den Proberaum und fertigen eine Vorproduktion an. Da werden zum Beispiel Fragen geklärt, wie in welchem Tempo der jeweilige Song am besten kommt und wie schnell die Tempiwechsel sind. Dann wird erst einmal das Klicktrack programmiert. Dann gehen wir ins Studio und ich nehme eine Rhythmusgitarre, eine sogenannte Guideguitar, auf. Ventor spielt dann dazu sein Schlagzeug ein und danach kommt der Rest. Das ist ein sehr langwieriger Prozess, sehr konzentriert und auch detailiert, bei dem jeder einzelne versucht einhundert Prozent zu geben. Das ist manchmal schwierig, aber meistens geht es.

Alex:
Also ein überwiegend sehr intensiver Konzentrationsprozess! Gab es auch witzige Momente?

Mille:
Oh ja! Wir hatten einen Tag an einem Wochenende dabei, schon relativ zum Ende hin, ich war am Aufnehmen des Gesangs, an dem wir eigentlich schon längst fertig sein wollten. Andy hatte schon Karten für den Amusementpark in England, in der Nähe von Castle Donington, besorgt. Wir haben im Pub erst mal richtig abgefeiert, was die Aufnahmen etwas aufschob. Das war so ein richtiger lustiger Tag!
So eine Plattenproduktion ist schon richtige Arbeit und ist auch, wie soll ich sagen, sehr diszipliniert und auch ernst. Es ist aber nicht so, dass wir uns den ganzen Tag verkrampfen. Es gibt im Studio keine Party oder so und wir sind von 12.00 Uhr bis nachts um 3.00 Uhr am arbeiten, man macht aber schon Pausen, geht zusammen essen und solche Sachen.

Alex:
Ich denke manchmal wird auch der Punkt kommen, an dem sich der Musiker an einem Riff festbeißt. Da wird es Quatsch sein, immer und immer wieder diesen Part zu spielen. Wahrscheinlich ist dann eine Pause besser?

Mille:
Definitiv! Entweder eine Pause oder du machst sogar am nächsten Tag weiter. Ich meine, es gibt ja immer was zu tun. Ein anderer Part oder sogar ein anderes Instrument. Aber dieses Problem kam zum Glück nie vor. Es kam also nicht einmal der Punkt, an dem ich schwitzen musste. Es gab sicherlich mal einen Part, bei dem ich nachts wusste, dass ich ihn morgens früh gleich besser hinbekomme.

Alex:
Ihr wart jetzt zum zweiten Mal bei Andy Sneap und er ist ja zur Zeit einer der führenden Köpfe im metallischen Produktionszirkus. Warum er? Wie bringt er euch weiter?

Mille:
Das hört sich jetzt vielleicht etwas trivial an, er ist aber in erster Linie Metalfan. Wenn ich mit ihm über METALLICA rede, dann weiß er über was er spricht. Ausgenommen deren letzten drei oder vier Alben... (lacht)

Alex:
Über die man auch nicht wirklich reden muss!

Mille:
Du musst dir das so vorstellen: Ich sitz in seinem Studio und spiel ihm meine Songs vor. Er sagt auf einmal: "Haha, das klingt wie 'Phantom Of The Opera'!" Mann ist das witzig, antworte ich und wir versuchen dann gemeinsam einen Weg da raus zu finden und dass das Riff dann eben nicht mehr so klingt. Bei unserer ersten England-Tour stand Andy in der ersten Reihe. Er kennt einfach die Band und mag die Art und Weise wie wir arbeiten. Er stammt ja auch selber aus meiner Generation Musiker und mag ebenso wie wir dieses Kumpelhafte. Und das bringt uns total weiter, dass wir eben keine Autorität im Studio haben. Versteh mich aber nicht falsch, Andy ist schon einer, der uns auch mal trietzt, fordert und wenn es notwendig ist kritisiert. Er ist aber nicht der Produzententyp der Marke 'ich weiß eh alles besser als ihr'. Es hört sich schon wieder etwas trivial an, er ist aber so was wie das fünfte Bandmitglied.

Alex:
Ich hab euch jetzt glaube ich schon fünf- oder sechsmal live gesehen und ihr habt bisher immer großen Wert auf eure Show und die Lichttechnik gelegt. Was können wir dahingehend auf der anstehenden Tour erwarten und probt ihr eure Lichtchoreographie richtig ein?

Mille:
Das tun wir! Für die nächste Tour haben wir einen portugiesischen Lichtmixer, der bereits mit diversen Großprojekten betraut war. Diesmal ist die Bühne relativ leer. Wir haben das Digipack-Albumcover mit den beiden Frauen auf der Bühne und werden sehr viel Licht und Nebel auffahren, um einfach die düstere Songatmosphäre einzufangen. Wir lassen dabei Spezialeffekte im Sinne von 'tote Katzen fallen von der Decke auf die Köpfe des Publikums' einfach mal weg. Wir haben aber die Choreographie bereits eingeprobt. Es gibt bei verschiedenen Parts Punkte auf der Bühne, auf denen der betreffende Musiker einfach stehen muss.

Alex:
Die Setlist steht felsenfest?

Mille:
Wir haben ja wie gesagt voten lassen. Es werden vom neuen Album mindestens fünf Songs kommen und natürlich von den alten Sachen eine ganze Menge. Es wird ein langer Abend (lacht).

Alex:
Mille, du bist ja ein sehr realitätsbezogener Mensch und sagst deine Meinung offen und ehrlich. Zwei Schlagworte: Zunächst Tsunami!

Mille:
Oh mein Gott! Was da passiert ist, ist der blanke Terror, eine absolute Tragödie. Das einzig Gute, was ich zu der ganzen Sache sagen kann, ist dass viele Leute solidarisch waren, wie ich finde. Die Spenden sind wohl höher denn je ausgefallen, um die Sache wieder gut zu machen. Allerdings sollte man bei der jetzigen Euphorie und den Spenden nicht die anderen Probleme rund um den Erdball vergessen. Man sollte immer das Elend auf dem Rest der Welt im Auge behalten.

Alex:
Dimebag Darrel?

Mille:
Oh mein Gott!!! Das war für mich auch persönlich eine ganz komische Geschichte.

Alex:
Hast du ihn gekannt?

Mille:
Ich hab ihn jetzt nicht super gekannt. Ich hab ihn mal getroffen, nach einem Konzert von uns. Wir haben kurz über Gitarrenriffs gesprochen. Das war aber bereits auf der "Renewal"-Tour, ist also schon ein paar Tage her. Ich kenne viele Leute, die ihn sehr gut kannten. Die Jungs waren wohl ziemliche Partytypen, die einfach sehr nett waren. Das war auch mein Eindruck bei unserem Gespräch. Das ist die eine Sache.
Die andere ist, dass du als Musiker natürlich doppelt geschockt bist, weil du ja denkst, dass dir die Leute vor der Bühne normalerweise wohlgesonnen sind. Und dass jemand so ausklinkt und Menschen auf einem Konzert abknallt, da bleibt mir jetzt noch die Spucke weg.

Alex:
Ein etwas erfreulicheres Thema! Du warst ja vor kurzem im KIKA und hast über Heavy Metal doziert?

Mille:
Es war eine sehr heikle Situation. Stell es dir mal so vor: Der Bericht ging in etwa zweiundzwanzig Minuten, von denen etwa zwölf Einspielungen kamen. Die Redaktion von KIKA arbeiten zudem bei einem Kinderkanal und sind keine Metalexperten. Demnach ist das Zielpuplikum auch nicht mit Heavy Metal gesegnet. Was ich also innerhalb von nur zehn Minuten über Heavy Metal sagen konnte, hab ich getan. Natürlich wird es Leute geben, die sagen: 'Mensch, der Mille hat das und jenes nicht gebracht'. Man konnte aber nicht in die Tiefe gehen.
Ich fand trotzdem gut, dass das Thema effektiv und sachlich dargestellt wurde und dass der Musikstil nicht verteufelt wurde, wie man es ja von manch anderen Massenmedien kennt. So in der Art, Metal bringt Menschen dazu sich gegenseitig zu töten. Ich habe einfach die Musik so gut wie es eben ging dargestellt. Was sehr schwer ist, das weißt du selber. Metal ist ja eine Art Lebensauffassung und eine bestimmte Art, Dinge zu sehen und zu hinterfragen. Das kann man sehr schwer in Worte fassen, da ja jeder seine eigene Auffassung und auch Wahrnehmung hat.

Alex:
Was hältst du von solchen Aktionen?

Mille:
Ich fand es sehr abenteuerlich! Ich bin ja jemand, der immer versucht in die Konfrontation zu gehen und das bedeutet für mich auch, obskure Sachen zu machen. Dazu gehört alles, was man von mir nicht erwarten würde. Es war natürlich ein sehr kurzer Bericht und zwangsläufig etwas oberflächlich. Es war für mich aber eher ein Spaß. Ich mag Kinder sehr gerne und es war einfach cool.

Alex:
Nochmal zurück zu "Enemy Of God". Ihr habt auf der Scheibe auch einige cleane Parts. Der Anfang von 'Dying Race Apocalypse' schreit zum Beispiel förmlich nach einem kompletten Song in diesem Stil. Ist die Zeit mit eurem nächsten Output reif für eine KREATOR-Ballade?

Mille:
Wir haben uns über eine Ballade schon Gedanken gemacht, aber eine Ballade muss natürlich entstehen. Du kannst nicht von vornherein planen, dass auf das nächste Album eine Ballade kommt. Eine Ballade muss natürlich aus dir rausfließen. Aber vielleicht wird es eine KREATOR-Ballade tatsächlich auf dem nächsten Album geben. Das wäre mal eine gute Sache.

Alex:
Kleiner Rückblick zum Ende hin. Du bist ja sowohl Urgestein als auch Ikone im Metalzirkus weltweit. Wenn du dir die letzten zwanzig Jahre vor Augen führst, wie würdest du resümieren?

Mille:
Ich bin kein Mensch der zurückblickt und in der Vergangenheit lebt. Ich hab kein Fotoalbum und nur wenige richtige Erinnerungen. Ich nehme zwar von unseren Reisen einiges mit, ich sammel zum Beispiel Horrorzeug, ich bin aber niemand, der versucht sich irgendetwas zu merken. Ich sehe das Leben eher als eine Art Momentaufnahme. Ich lebe nur in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit und auch nicht in der Zukunft. Von diesen letzten zwanzig Jahren kannst du eigentlich schon mal zehn abziehen, in denen ständig nur gefeiert wurde. Naja, vielleicht nicht zehn aber mindestens sieben (lacht). Die hab ich also nicht bewusst erlebt. Der Rest war natürlich aufregend und eigentlich der größte Teil meines Lebens. Ich bin ja fast so lange in der Band, wie ich lebendig bin. Es hat also schon eine große Bedeutung für mich. Ich würde allerdings nie den Fehler machen, irgendetwas in der Vergangenheit zu suchen, was ich nicht auch in der Gegenwart finden kann.

Alex:
Schöner Schlusssatz! Mille, die berühmten allerletzten Worte?

Mille:
Haha, da muss ich etwas in Klischees verfallen (lacht). Alles wird gut und die neue Platte ist total genial... nein. Also zunächst mal vielen Dank an alle Menschen, die uns in den letzten zwanzig Jahren unterstützt haben und gebt euch das neue Album. Es ist sehr gut!

Alex:
Seh ich auch so! Machs gut...

Mille:
Tschau!

Redakteur:
Alex Straka

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