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KRAYENZEIT: Interview mit Markus "Engel"

21.08.2016 | 10:29

Harte Gitarrenriffs statt Dudelsack-Soli: Die Band KRAYENZEIT bringt mit ihrem neuen Album "Tenebra" (VÖ: 26. August) frischen Wind in die Mittelalter-Szene. Wir sprachen mit Sänger Markus "Engel".

"Tenebra" - das Dunkle: Nach "Auf dunklen Schwingen" bleibt ihr damit bei den Titeln eurer Alben recht düster. Wie kommt's?

Wir alle mögen einfach düstere Geschichten und bauen mit unserer Musik auch oft einen Spannungsbogen auf. Unsere Melodien klingen ja sehr lebendig, während wir teils sehr morbide, dunkle Geschichten in unseren Liedern erzählen. Ich zitiere da gerne unseren Gitarristen Alex: "Eine Geschichte mit Happy End ist keine gute Geschichte." Der Song 'Tenebra' selbst war tatsächlich vor dem Titel des Albums da. In dem Lied selbst geht es um irgendwelche Wesen, die in alten, verlassenen Häuserspitzen oder Baumkronen hausen. Den Song habe ich tatsächlich auch in eineinhalb Stunden einfach heruntergeschrieben. Und dann ist er schließlich der titelgebende Track für unser zweites Album geworden.

Am 26. August steht "Tenebra" dann auch in den Plattenläden. Bist du schon ziemlich aufgeregt?

Aufgeregt vielleicht nicht: Man arbeitet ja schon sehr viel an dem neuen Album und sucht wirklich nur die besten Lieder aus, die dann auf der Platte landen. Wir haben auch schon erste Rezensionen bekommen, die recht euphorisch klangen. Daher sieht es für uns eigentlich ganz gut aus. Aber natürlich freut man sich auch wahnsinnig auf den Veröffentlichungstag.

Zwei Tage vor der Veröffentlichung schmeißt ihr in Ludwigsburg eine CD-Release-Party in der Rockfabrik. Was habt ihr für den Abend geplant?

Wir haben uns mit NACHTGESCHREI und TALES OF NEBELHEYM großartige Gäste für unser Konzert eingeladen. Außerdem gibt es an diesem Abend zwei Tage vor dem offiziellen Release ein limitiertes CD-Paket mit tollen Überraschungen vor Ort zu kaufen. Wir freuen uns schon riesig auf die Veranstaltung und bereiten gerade mit unseren Tontechnikern alles vor, damit am 24. August dann auch alles glatt läuft.

Fast schon ziemlich makaber ist die Nummer 'Ein Tänzchen': Ein Lied über ein Liebes-Paar, welches sich scheinbar tanzend in den Armen hält und sich letzten Endes dann doch am Galgen hängend im Wind dreht. Ich war erst einmal ziemlich verwirrt, als ich endlich verstanden hatte, worum es in dem Song wirklich geht.

Das freut mich riesig, dass die Nummer genauso aufgegangen ist, wie sie gedacht war. Das Lied oder die Idee dazu lag schon einige Zeit bei mir im Schrank. Ich fand dieses Motiv irgendwie ganz raffiniert und habe mir auch wirklich Mühe gegeben, dass es sich erst im Laufe des Songs entfaltet und am Ende der zweiten Strophe dann offenbart. Das Besondere daran ist einfach dieser morbide Dreh, dieser Aha-Effekt zum Schluss.

Kommt von eurer Begeisterung für das Mystische und das Düstere auch die Begeisterung für die mittelalterliche Rock-Musik oder wie genau hat es euch in dieses Genre verschlagen?

Witzigerweise ist keiner von uns wirklich so richtig in der Mittelalter-Szene verhaftet. Jeder von uns hat seine Lieblinge in diesem Genre, aber zum Beispiel unser Schlagzeuger und unsere E-Gitarristen kommen aus dem Black und Death Metal. Ich selbst bin bekennender Fan von Metal à la HELLOWEEN und Ähnliches. Ende der Neunziger war ich allerdings auf einem Festival und habe dort SUBWAY TO SALLY gesehen und mich hat deren Musik total gerockt. Sie haben einfach geile Ideen und komplexe Songs, die dennoch so eingängig sind, dass man sie mitsingen kann. Ich habe mich auch schon immer für historische Musik interessiert und da hat es mich total umgehauen, wie sie mittelalterliche Instrumente mit Rock- und Metal-Elementen verbunden haben. Mich hat das dann auch einfach nicht mehr losgelassen. In dieser Art von Musik hat man auch einfach ganz besondere und andere Möglichkeiten, was die Arrangements und die Kompositionen betrifft.

Also besitzt ihr gar nicht den "klassischen Werdegang" einer Mittelalter -Band, von denen viele sich ihre Sporen erst einmal auf Märkten und als Spielleute verdient haben?

Nein. Wir sehen uns selbst auch eher als Rock- und als Metal-Band als Mittelalter-Band. Wir versuchen eben eine Balance zwischen Metal-Elementen und Ideen aus dem mittelalterlichen Bereich zu finden. Vor allem in den Texten findet man bei uns ja die historisch angehauchten Elemente. Aber tatsächlich haben wir in unserem ganzen Werdegang erst eine kurze Unplugged-Show gespielt. Dafür haben wir die Songs auch eigens abgeändert.

In euren Texten behandelt ihr allerdings nicht nur die gängigen Sagen und Legenden aus dem Mittelalter, sondern auch ziemlich exotische Gestalten wie die fast unbekannte Lamia. Wie kommst du auf solche Figuren?

Beim 'Ruf der Lamia' war es so, dass ich ein Lied über eine recht ungesunde Beziehung schreiben wollte: Der Mann ist hier von der Frau sehr abhängig. Ich benutze da allerdings auch gerne Bilder und Metaphern und habe einfach nach einer Sagengestalt gesucht, die für dieses Motiv passend ist. Dabei bin ich eben auf die Lamia gestoßen, die etwas Sirenenhaftes hat. Aber zugleich ist sie auch eine Art Vampir, das war für das Lied sehr stimmig. Für die Nummer habe ich mich allerdings auch bei alten Gedichten bedient. In einer Strophe heißt es beispielsweise: "Sie kommt zu mir als wie ein Engel". Das ist zwar nicht wortwörtlich übernommen, aber die Idee stammt aus einer Ballade und hat mir sehr gut gefallen. So entstand eben der 'Ruf der Lamia'.

Eure Lieder leben ja zum Großteil von sehr ernsten Themen. 'Zweitausend Jahre Einsamkeit' kann man ja fast schon als Religionskritik am Christentum bezeichnen. Habt ihr grundsätzlich eine Botschaft, die ihr euren Hörern vermitteln wollt?

Eine direkte Botschaft haben wir nicht. Wir wollen eigentlich nur gute Geschichten in hoffentlich guten Liedern verpacken. Politische Musik mit erhobenem Zeigefinger – das sind wir nicht. Wir verarbeiten einfach Gedanken, die uns beschäftigen. 'Zweitausend Jahre Einsamkeit', beispielsweise: Ich bin kein enorm religiöser Mensch, aber auf einmal war einfach der Gedanke da – was wäre, wenn Jesus in den Himmel aufgefahren wäre und niemand ist da? Auf der einen Seite ist der Gedanke ja beinahe schon ein wenig sarkastisch. Aber auch unerträglich: Er ist unsterblich und hat niemanden, mit dem er diese Unsterblichkeit teilen kann. Das hat mich so beschäftigt, dass daraus ein Lied entstanden ist.

Auf diesen Gedanken muss man aber auch erst einmal kommen.

Ich lese viel, zu Hause habe ich eine richtige Bibliothek. Dabei bekommt man einfach wahnsinnig viel Input und das bringt mich auf sehr viele neue Ideen.

Wo wir schon bei Büchern sind: 'Noli Timere Messorem' heißt eines eurer Lieder. Der Spruch steht auch auf dem Familienwappen von Terry Pratchett. War das Absicht?

Ja, das war Absicht. Ich habe Terry Pratchett als Autor total geil gefunden. Auch als er bekannt war, hat er ja immer wieder neue Scheibenwelt-Bände veröffentlicht. Da hatte ich einfach Lust ein Lied über seine Werke zu schreiben. Ich habe dann darüber nachgedacht, was passen könnte und kam so auf den Tod. Ich hoffe, dass es ihm auch gefallen hätte, wenn er es noch gehört hätte.

Im Herbst geht es dann für euch mit SCHANDMAUL auf "Leuchtfeuer"-Tour. Ist das nicht ein ziemlicher Gegensatz zwischen den doch recht sanften Spielleuten und eurer harten, rifflastigen Musik?

Ja, aber die Schnittmenge der Leute ist doch recht groß: Wir werden natürlich auch nicht die härtesten Songs auspacken, aber ein paar Rocker nehmen wir schon mit auf Tour. Das wird bestimmt schön – ich freue mich schon drauf.

Redakteur:
Leoni Dowidat

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