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KINETIC: Interview mit Savvas Betinis

21.05.2005 | 15:30

Wer meint, dass die griechische Szene nur aus Black Metal und epischem Power Metal besteht, der sieht sich nun mit KINETIC konfrontiert, die belegen, dass man sich auch im Lande der Helenen blendend darauf versteht, zeitgemäßen, aber nicht gezwungen modernen Melodic Death Metal mit Schlagseite hin zum Thrash zu schmieden. Sänger und Bassist Savvas Betinis (im Foto vorne links) stand mir Rede und Antwort zu meinen Fragen über die noch junge Formation und die griechische Szene.

Rüdiger:
Ihr seid eine griechische Band, bezeichnet euren Stil aber als vom schwedischen und amerikanischen Death Metal beeinflusst. Ich höre dabei vor allem die zweite Welle des schwedischen Death Metal, also den sogenannten Göteborg-Stil und auf amerikanischer Seite die Bay Area-Thrash-Bewegung heraus. Ist das zutreffend?

Savvas:
Ja, das ist korrekt, obwohl ich denke, dass auch genug amerikanischer Death Metal in unseren Adern fließt. Als wir mit der Band 2002 anfingen, versuchten wir einfach unsere persönlichen Einflüsse einzubringen, die aus dem Power Metal, dem Thrash, der Göteborg-Szene und der alten Schule des US Death Metal der frühen Neunziger, ja sogar aus dem traditionellen 80er Heavy Metal stammen. Nachdem wir all diese Elemente mischten, stellten wir fest, dass das Ergebnis ein schneller, melodischer und brutaler Stil war, der viele traditionelle Metallformen tangiert, aber gleichzeitig frisch und interessant ist. Wir alle mögen diese Mischung und haben den Eindruck, dass sie den Hörer nicht ermüdet, da er immer die Möglichkeit hat, viele interessante Dinge in unserer Musik zu entdecken, völlig egal, welche Richtung des Metal er üblicherweise bevorzugt. Wir bekommen Lob aus allen Ecken der Metalwelt, von Power und Epic Metallern bis hin zu Fans von brutalem Death Metal, ja sogar von typischen traditionellen Metalheads, und das macht uns sehr glücklich. Ich finde es gut, die Musikliebhaber durch unsere Musik zu vereinen, auch wenn wir noch ein "Neuling" in der Szene sind.

Rüdiger:
Was hältst du von der "New Wave of American Death Metal" bzw. vom MetalCore? Diese Bands mischen ja auch melodischen Death Metal mit Thrash-Elementen und einer Prise Hardcore. Meinst du, ihr könntet MetalCore-Fans gefallen?

Savvas:
Nun, ich glaube nicht, dass KINETIC viele MetalCore- oder New-Metal-Einflüsse hat, aber einige Elemente der Musik haben schon Bezugspunkte zu diesem Stil. Das heißt nicht, dass uns dieser Stil gleichgültig wäre, oder etwas in der Art. Wir mögen etliche derartige Bands, wie zum Beispiel FEAR FACTORY oder MACHINE HEAD, wobei ich denke, dass letztere mehr sind, als nur ein typischer New-Metal-Act. Doch diese Vorliebe geht nicht so weit, dass sie uns direkt beeinflussen würde. Aber davon abgesehen meine ich, das ein Fan dieses Stils in unserer Musik die selbe Energie finden kann, wie im MetalCore und sie deswegen wird schätzen können.

Rüdiger:
Ich mag zwar den melodischen Death Metal sehr gerne, aber meine Präferenz im Bereich des schwedischen Death Metal waren immer die Bands der alten Schule. Was hältst du von Bands wie UNLEASHED, ENTOMBED, GRAVE und DISMEMBER? Haben die euch auch irgendwie beeinflusst?

Savvas:
Wir bewundern und respektieren die alte Schule des skandinavischen Death Metal! Bands wie DISMEMBER, ENTOMBED oder UNLEASHED waren einige der Bands, mit denen wir aufgewachsen sind und sie sind für uns unvergesslich. Ich selbst mag DISMEMBER davon am meisten, einfach weil sie Profil haben. Ich bin davon überzeugt, dass es keinen Death-Metal-Fan gibt, der keine einzige der Bands aus dieser Ära zu seinen Favoriten zählt.

Rüdiger:
Was sind eure Haupteinflüsse und die Bands, die euch in euren Anfangstagen als Musiker geprägt haben?

Savvas:
Viele! Wir sind vier Persönlichkeiten mit teils deckungsgleichen, teils aber auch völlig verschiedenen Einflüssen. Ich war und bin ein großer Fan von VENOM, POSSESSED, den ersten beiden SLAYER-Alben, außerdem mag und bewundere ich DEATH, OBITUARY, MORBID ANGEL zu "Altars..."-Zeiten, und andererseits auch DREAM THEATER auf "Images..." und "Awake". Manolis Mamas und Stavros Bonikos, unsere Gitarristen, waren immer Fans von MOTÖRHEAD, ACCEPT, BLIND GUARDIAN, GAMMA RAY und OVERKILL, und Costas Alexakis, unser Drummer, mochte immer alle Metalstile, von BON JOVI bis NAPALM DEATH. Du siehst, wir haben viele Vorlieben und ich denke das hat uns geholfen, bei dem, was wir als Band tun, offener zu sein.

Rüdiger:
Du hast auch mal DEATH und KREATOR als Einflüsse genannt. Ich denke, sowohl Mille Petrozza als auch der verstorbene Chuck Schuldiner und ihre jeweiligen Mitstreiter sind ausgezeichnete Musiker und vor allem auch tolle Songwriter.

Savvas:
Ja, da gebe ich dir vollkommen Recht. Wir glauben, dass Mille Petrozza und Chuck Schuldiner zwei der wichtigsten und prägendsten Persönlichkeiten des Metal sind. Zwei Männer, die quasi zwei Stile definieren. Den deutschen Thrash Metal und den Death Metal. Besonders bei Chuck Schuldiner glaube ich, dass er eine der perfekt passenden Stimmen für das hatte, was wir Death Metal nennen. Zusammen mit John Tardy und David Vincent. Meiner verschrobenen Meinung nach sind diese drei Personen es, welche die ganze Schule des harten Gesangs begründet haben.

Rüdiger:
"The Chains That Bind Us" ist nun seit etwa einem halben Jahr erhältlich. Wie waren die bisherigen Reaktionen und wie zufrieden seid ihr mit der Arbeit eures Labels?

Savvas:
Wir scheinen auf einem guten Weg zu sein. Unser Album hat gute Kritiken in den Medien bekommen. Natürlich gab es viele, die auch etwas härter damit ins Gericht gegangen sind, aber auch daraus kann man etwas lernen. Das Wichtigste ist aber, dass wir Lob von Fans aus allen Lagern ernten konnten. Wir bekamen positive Bemerkungen von Fans aus allen Lagern des Power, Thrash, Death und Heavy Metals.
Was das Label angeht: Wir hätten etwas mehr erwartet, aber sie sind momentan dabei, den Vertrieb weiter zu entwickeln, also erwarte ich, dass sich in den kommenden Monaten vieles verbessert.

Rüdiger:
Auf welchen Song habt ihr bisher die besten Reaktionen bekommen? Mir gefällt 'Never Ending Winter' am besten. Toller Refrain und beeindruckende Leads! Habt ihr ihn deshalb auch für das Video genommen?

Savvas:
Ja, das war auch unser Gedanke. 'Never Ending Winter' ist der Song, den jeder hervorhebt. Nun, ich würde nicht sagen, dass er besser ist, als die anderen. Wir lieben alle Stücke des Albums. Aber die Fans und die Kritiker äußern sich eben so, und wir sind damit einverstanden! Wir haben das Stück für's Video genommen, weil es einen guten Refrain und schöne Melodien hat.

Rüdiger:
Warum habt ihr überhaupt ein Video gedreht? Habt ihr in Griechenland überhaupt eine Chance auf Airplay?

Savvas:
Wir wollten schon seit Demotagen einen Videoclip machen. Wir sind der Meinung, dass ein gutes Video wertvolle Promotionsdienste leisten kann und einen netten Bonus für ein Album abgibt. Also haben wir 'Never Ending Winter' verfilmt und es als Bonus auf die CD gepackt. Kürzlich haben wir einen weiteren Clip für 'Heed These Words' aufgenommen. Zum Glück gibt es hier zwei Fernsehsendungen, eine in Athen und eine in Larissa, die den Clip sehr oft ausgestrahlt haben. Auch einige Metalclubs haben ihn ihrer Playlist hinzugefügt. In Griechenland ist es eine angenehme "Mode" in den Clubs Musik und Videos zu spielen. Unser Clip zu 'Never Ending Winter' ist also gut angekommen und wir hoffen, dass es mit dem neuen genauso klappt.
Natürlich verursacht das Drehen stattliche Kosten, aber das investieren wir gerne in die Band. Dazu sei gesagt, dass wir selbst beide Clips finanziert haben, nicht unser Label. Eigentlich hat in Griechenland jede Band ein gutes Video. Das heißt nicht, dass es besonders teuer sein muss, aber eben angemessen, so dass es gespielt werden kann, was noch vor einigen Jahren fast undenkbar schien. Alles scheint von Tag zu Tag besser zu werden, was aber vor allem an den Fans und ihrem Interesse an der Sache liegt.

Rüdiger:
Zur griechischen Szene: Die Kultbands des Undergrounds haben ja eine stattliche Anhängerschar bei euch. Ich habe ganze Heerscharen griechischer Fans extra nach Deutschland kommen sehen, um z.B. MANILLA ROAD, OMEN, BROCAS HELM oder HELSTAR auf deutschen Festivals zu sehen. Ziemliche Hingabe, würde ich meinen...

Savvas:
Ja, das ist wahr. Viele griechische Fans fahren jedes Jahr nach Deutschland um ihre Lieblingsbands zu sehen. Weißt du, in Griechenland ist das etwas seltsam. Es gibt eine ungeheure Leidenschaft für Power / True Metal und auf der anderen Seite das selbe für Black Metal. Alle anderen Stile sind auf niedrigerem Level. Wir konnten dieser Falle zum Glück entgehen, weil wir von den Power- und Epic-Fans viel Unterstützung erhalten, was für eine Death / Thrash-Band mit Growls und brutalen Parts recht ungewöhnlich ist. In der Regel ist der griechische Fan sehr schnell begeistert, aber auch ebenso schnell enttäuscht. Er investiert sein sauer verdientes Geld gerne in Bands, die er für verlässlich hält, aber das schlägt schnell in Hass um, wenn diese sich in die "falsche" Richtung entwickeln.

Rüdiger:
Was hältst du allgemein von der Qualität der anderen Bands in der griechischen Szene?

Savvas:
Nun, es gibt Gutes und Schlechtes über die griechische Szene zu sagen. Natürlich gibt es die wirklich bekannten Gruppen wie ROTTING CHRIST, SEPTIC FLESH (R.I.P.) oder NIGHTFALL und VARATHRON, aber eben auch viele, die es niemals ans Tageslicht schaffen werden, obwohl sie es verdient hätten. Das hat mit vielerlei Dingen zu tun, die in unserer Szene vor sich gehen und damit, wie diese Szene funktioniert.
Was will ich damit sagen? Es gibt wenige unabhängige Labels, die Metal-Scheiben übernehmen, meistens mit kleinem Budget, es gibt wenige einflussreiche Medien, die solche Scheiben promoten können, und es gibt keine professionellen Faktoren wie Manager, Produzenten etc., die eine Band auf ganzer Linie unterstützen könnten.
In Griechenland muss jede Band, die Heavy Metal spielen will, fast alles auf eigene Faust regeln. Es gibt viel Enthusiasmus am Anfang, aber mit der Zeit läuft oft alles immer schlechter für die meisten Bands. So geben viele Musiker schon bald nicht mehr ihr Bestes, werden desillusioniert und brechen letztendlich die Beziehungen zur Szene ab. Die wenigen Bands, die solche Situationen überstehen, machen dann eben den Unterschied aus, so wie ROTTING CHRIST und die anderen. Das ist schade, weil wir wirklich gute Musiker bei uns haben.
Außerdem hat unsere Szene im Ausland kein besonders gutes Ansehen. Manche denken, hier gäbe es nur ein paar Kids, die Spaß am Spielen haben, und sonst gar nichts. Ich war zum Beispiel sehr traurig, als ich erst kürzlich in einem Forum folgendes Statement lesen musste: "... natürlich wird niemals jemand die griechische Metal-Szene ernst nehmen, weil sie nur aus jungen Leuten besteht, die gerne an ihren Instrumenten rumspielen...". Natürlich spiele ich Bass und bin in einer Band, weil es mir Spaß macht, aber ich muss eben auch mit sehr viel Aufwand daran arbeiten, viel Geld für Tonbandaufnahmen investieren und öfters mal von vier Uhr mittags bis drei Uhr morgens am PC sitzen, um Mails und Interviewanfragen zu bearbeiten. Das zeigt doch, dass es nicht nur eine Spaßangelegenheit ist. Es ist viel mehr, das Streben nach Schaffenskraft und Fortschritt.
Insgesamt denke ich, dass es in der griechischen Szene genug Qualität gibt, aber es muss noch einiges geschehen, um diese Qualität auch exportieren zu können.

Rüdiger:
Wir hier haben oft den Eindruck als sei die junge griechische Szene vor allem vom US-Underground der Achtziger geprägt. Wenn ich da an BATTLEROAR, BLOODSTAINED, BLOOD COVERED und dergleichen denke, scheinen Bands wie OMEN, JAG PANZER und andere doch einen starken Einfluss zu haben.

Savvas:
Ja, wie ich schon gesagt habe, ist US-Metal oder auch Power / Epic Metal hier sehr beliebt und die Bands jenes Genres haben sich eine starke Fanbase erspielt. Ich weiß, dass BATTLEROAR, BLOODSTAINED und einige andere sogar schon auf Festivals in Deutschland gespielt haben, und das ist fantastisch für die ganze Szene! Aber ich fürchte, dass sich in anderen Metal-Bereichen keine derartige Entwicklung abzeichnet.
Ich habe z.B. noch keine Nu Metal oder Death- / Thrash-Band aus Griechenland auf einem großen ausländischen Festival spielen sehen. Manche spielen aber auf kleineren Events in Bulgarien oder Italien. Ich hoffe aber, dass sich die Situation weiterhin verbessert, auch für andere Metal-Arten aus Griechenland.

Rüdiger:
Was gibt es über frühere Bands und Projekte der Bandmitglieder von KINETIC zu sagen? Betreibt ihr noch andere musikalische Aktivitäten neben KINETIC?

Savvas:
Nein! Alle unsere früheren Bands wurden vor einigen Jahren stillgelegt. Ich war zwölf Jahre lang in einer progressiven Death-Metal-Band namens ACID DEATH und wir haben über diverse Labels einige gute Scheiben veröffentlicht. Manolis und Stavros hatten BRAIN FADE, eine Power-Metal-Band mit einigen Demos, und Costas spielte Schlagzeug für WISDOM, eine typische Heavy-Metal-Band, die es auf zwei Studioalben brachte. Wir haben KINETIC gegründet, als alle unsere früheren Bands Geschichte waren und es gibt keinen Weg zurück. KINETIC hat nun absolute Priorität und darauf konzentrieren wir uns vollständig.

Rüdiger:
Zurück zum Album: Es hat ein tolles Cover. Von wem stammt es?

Savvas:
Das CD-Cover hat unser Drummer Costas erstellt, die erste Idee stammte von einem guten Freund, Jim "Slatan" Petrakis, der die erste Version der Ketten im Dämmerlicht entworfen hat. Costas hat all das Feuer und die Effekte hinzugefügt. Es sieht gut aus und passt zur Musik. Es ist ein echtes Metalcover. :)

Rüdiger:
Zur lyrischen Ebene: Welche Probleme und Schatten behandeln eure Texte, oder wenn man so will, was sind die Ketten, die uns binden?

Savvas:
Der CD-Titel "The Chains That Bind Us" ist ein kleiner Hinweis auf den Inhalt der Lyrics. Sie handeln von menschlichen Emotionen. Geschichten aus dem einfachen Leben mit wahrem oder erfundenem Hintergrund. Diese Gefühle kann man als "Ketten" darstellen, die Menschen einerseits verbinden, andererseits aber auch zurückhalten können. Der Albumtitel hat also zwei verschiedene Bedeutungen, und das macht auch das Cover mit all den verschlungenen Ketten im Feuer deutlich.

Rüdiger:
Hattet ihr schon mal Liveauftritte außerhalb Griechenlands? Wo würdet ihr gerne mal spielen?

Savvas:
Wir spielen viel in Griechenland, aber leider hatten wir bisher noch keinen Auslandsauftritt. Kürzlich verpassten wir die gute Gelegenheit, eine fünfzehntägige Auslandstour mit einer bekannten Band zu fahren, weil es uns einfach nicht in den Zeitplan passte. Aber wir hoffen bald wieder auftreten zu können, obwohl KINETIC für jeden noch ein neuer Name ist und sicher viele darauf gespannt sind, ob diese Band den Durchbruch verdient hat. Wir würden natürlich gerne mal in Deutschland spielen. Gerne auch auf einem kleinen Festival. Daran arbeiten wir sogar schon für nächstes Jahr und wir hoffen, dass es klappt.

Rüdiger:
Danke für das Gespräch! Der letzte Satz geht an dich!

Savvas:
Vielen Dank für diese Möglichkeit uns zu präsentieren und für das Interesse an uns! Hört mal bei KINETIC rein, wir werden euch ganz sicher nicht enttäuschen!

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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