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Interview mit ED KOWALCZYK

16.07.2010 | 07:18

ED KOWALCZYK hat mit "Alive" ein Album veröffentlicht, dass das Erbe von LIVE mehr als würdig weiterführt. Das zeigt sich auch in dem starken Feedback, das diese Scheibe in unserer Redaktion einfährt und zum Titel "Album des Monats" geführt hat. Wir sprachen mit Ed über "Alive", die Rückkehr des Rocks in seinem Sound und natürlich über den Split von LIVE.

Zuallererst interessiert uns natürlich, in wie fern es sich anders für Ed anfühlt, ein Album unter seinen Namen einzuspielen. "Ach, weißt du, rein vom Songwritingprozess und dem kreativen Input her, war es kein großer Unterschied zu einem LIVE-Album, wo ich ja auch der Hauptsongwriter war und die meisten Ideen für Melodien und Lyrics eingebracht habe.", beginnt Ed, "aber sonst war es schon ziemlich anders, denn ich hatte viel mehr Freiheit. Ich habe mittlerweile mein eigenes Plattenlabel, über das ich die Scheibe veröffentlicht habe und so viel mehr Kontrolle über alles, was damit passiert. Und auch künstlerisch habe ich sicher mehr Freiheit und kann zukünftig auch viel mehr andere Ideen einbringen als bisher, wo man doch immer auch gewisse Erwartungshaltungen enttäuschen konnte." Allerdings wirkt sich diese künstlerische Freiheit noch nicht besonders auf "Alive" aus. Es ist eine Scheibe, die jeder LIVE-Fan mögen dürfte. Vor allem die, denen die letzten Werke zu wenig gerockt haben. "Ja, du hast Recht, es ist wirklich wieder rockiger und dynamischer geworden.", stimmt Ed zu. "Das hat ein wenig auch mit der Produktion durch Cj Eiriksson zu tun. Ich kenne ihn schon eine Weile und als es darum ging, das Album aufzunehmen, hat er mich gefragt, ob ich nach Atlanta kommen wollte, um es einzuspielen. Er würde auch einige tolle Musiker kennen, die mich dabei unterstützen könnten. Und so habe ich Ramy Antoun (dr.), Jamie Gabbie (gt.) und Chris Heerlein (b.) gefunden, die einen wirklich tollen Job abliefern und dem Album viel Energie geben. Und bei der Produktion hat Cj dann eine Menge Dynamik und Adrenalin rausgeholt, die man einem Song wie 'Grace' beispielsweise sofort anmerkt." Oh ja, das ist wahr. "Man kann den Song wohl auf viele verschiedene Arten aufnehmen und man würde ihn wohl immer als einen Track von mir erkennen, aber Cj hat das allerbeste aus der Nummer herausgeholt.", ist Ed voll des Lobes für seinen Produzenten. "Diese Energie soll auch die Kraft der Lyrics transportieren, die einmal mehr von Liebe und Glaube und dem Leben handeln."

Überhaupt spielt der Glaube eine große Rolle im Leben des Ed Kowalczyk. Und doch schafft er es immer Texte zu schreiben, die nicht plakativ mit dem Glauben zu Gott hantieren und den Zeigefinger rausholen, sondern auf viele Wege und für jeden Glauben interpretiert werden können. "Es ist schön, dass du das so siehst, denn genau das ist auch mein Ziel.", erzählt Ed. "Natürlich spielt Gott eine große Rolle in meinem Leben, aber ich habe immer versucht die Texte so zu gestalten, dass jeder Mensch etwas für sich mitnehmen kann. Ganz egal, welchem Glauben er angehört bzw. ob er überhaupt irgendwas glaubt. Die Texte sollen positiv sein und die Menschen inspirieren. Niemand soll sich aufgrund seines Glaubens nicht willkommen fühlen. Das wäre das Schlimmste, was passieren kann." erläutert Ed und fügt ein prominentes Beispiel an, das er sich durchaus als Vorbild genommen hat. "Bono und U2 sind ja auch sehr gläubig, sind aber nie damit sehr hausieren gegangen. Als ich sie 1987 das erst Mal zusammen mit 70.000 anderen Menschen live sah, hat wohl jeder diese unglaubliche positive Energie gespürt. Es war als wäre diese Masse Menschen miteinander verschmolzen. Da war es auch ganz egal, welche Religion oder Hautfarbe oder was auch immer der nächste hatte. Jeder hat dasselbe gefühlt und das ist sicher das großartigste, was man als Musiker erreichen kann."


Dieses Live-Erlebnis hätten deutsche Fans sicher auch gerne mal wieder, aber wie so oft wird Deutschland außer in Hamburg (und manchmal Köln) auch bei dieser Tour wieder ausgespart. "Ja, in Deutschland gibt es derzeit nur diesen einen Gig. Manchmal passt es einfach nicht besser mit den verfügbaren Hallen, der Route etc., aber es sollen noch mehr Gigs auch in Deutschland kommen." Dass die raren Gigs auf deutschen Boden ein Grund für den relativ bescheidenen Erfolg der letzten LIVE-Alben in Deutschland war, sieht Ed nicht so. Obwohl man in den benachbarten Niederlanden immer noch mit jedem Album in die Top5 einsteigt. "Ja, das ist schon ein merkwürdiges Phänomen, oder?" gibt sich auch Ed erstaunt. "Es ist bloss eine Grenze dazwischen und doch waren LIVE in den Niederlanden immer sehr, sehr erfolgreich, während die Verkaufszahlen in Deutschland immer mehr zurückgingen. Ich habe dafür aber auch keinerlei Erklärung. Es scheint so, als würden manche Kombinationen einfach passen. Es ist in Australien und Südafrika auch sehr ähnlich, aber woran es liegt, kann ich ganz ehrlich nicht sagen." lacht Ed.

Etwas wortkarg gibt Ed sich auch, wenn es um die Trennung von LIVE geht. Einzelnen Artikeln im Internet zufolge ging es dabei um reichlich Geld und Ed wird als geldgeiler Nimmersatt dargestellt. "Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich in den letzten Jahren mit LIVE schon ein schlechtes Gefühl hatte, was Musik anbelangt. Es fühlte sich mehr und mehr wie eine Last an und etwas, was ich machen muss. Wir haben ja auch vorhin schon über künstlerische Freiheit und Erwartungshaltung gesprochen.", spannt Ed den Bogen zum Beginn unseres Gesprächs. "Es war mir klar, dass dies nicht mehr so weitergehen konnte und so war diese Entscheidung nur eine Frage der Zeit." stellt Ed klar. "Was diese Gerüchte um das Geld angeht, kann ich nur sagen, dass das absolut nicht der Wahrheit entspricht. Ich kann und möchte da jetzt nicht ins Detail gehen, aber dies ist nicht die Wahrheit." Damit muss sich der Fan nun auch zufrieden geben. Denn was genau die Gründe für die Trennung von LIVE sind, bleibt spekulativ. Und welcher Seite man dabei glauben schenken möchte, ist jedem selbst überlassen.


Zumindest passt das Bild des raffgierigen Sängers nicht zu dem, was Ed ansonsten als Image verkörpert. So engagiert sich der charismatische Frontmann stark bei "World Vision" und ruft auf seiner Homepage in einer speziellen Sektion auch zu Spenden an "Ärzte ohne Grenzen" und andere wohltätige Organisationen auf. "Ja, mit diesem Teil meiner Homepage und meinem Engagment bei "World Vision" versuche ich diesen Organisationen etwas von dem zurückzugeben, was sie für mich bedeuten. Und wenn ich dadurch dafür sorge, dass nur ein Fan eine dieser Vereine unterstützt, hat es sich schon gelohnt."

Es lohnt sich auch ganz gewiss "Alive" eine Chance zu geben. Jeder Fan von LIVE und damit von ED KOWALCZYK sollte begeistert sein.

Redakteur:
Peter Kubaschk

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