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Interview mit DEVIN TOWNSEND

17.06.2011 | 05:41

Devin Townsend hat seinen vierteiligen Zyklus, den er unter dem Namen THE DEVIN TOWNSEND PROJECT veröffentlicht hat, beendet. "Deconstruction" und "Ghost" sind sicher die extremsten Alben unter diesem Namen. "Deconstruction" ist heavy, wirr, fast nervig und "Ghost" ist genau das Gegenteil: extrem entspannt und beinahe meditativ. Wir trafen Devin in einem Berliner Hotel, wo der aufgeräumte, offene und humorvolle Mann Einblicke in die Ideen hinter diesem Doppeldecker gab.

Zum Zeitpunkt des Interviews waren die Eindrücke zu den Alben noch sehr frisch, beinahe oberflächlich. Der Beobachtung, dass "Deconstruction" ein sehr anstrengendes Werk ist, dass beim Hören auf Arbeit eher nervt und "Ghost" im Gegensatz dazu eine beinahe perfekte Hintergrundbeschallung bietet, stimmt Devin uneingeschränkt zu: "Ja, das ist exakt das, was ich mit diesen beiden Alben erreichen wollte. Ich wusste, wo "Deconstruction" beginnt und wo es endet, der Rest aber sollte einfach nur einem Bewusstseinstrom folgen von einem Gedanken zum Nächsten. Im Grunde soll das Album die Freiheit persönliche Ängste zu erkunden darstellen, diese Gedankenströme zusammenfassen und sie dann sehr plastisch  illustrieren mit all den Gästen und dem Orchester. Die Vorgehensweise war dabei ähnlich wie bei "Devlab", wo ich allerdings nur mit Ambientsounds gearbeitet habe. Man könnte also sagen, dass "Deconstruction" eine Reihe von Improvisationen ist, bei denen ich jedem Gedanken gefolgt bin und die am Ende mit all ihren Schichten und der Komplexität sehr durchdacht sind." Dass dies bei einem Cheeseburger endet, ist dann allerdings kein alberner Zufall, sondern hat durchaus Tiefe: "Ja, so zufällig wie das klingt, gibt es durchaus einen Sinn dahinter. Der Charakter ist so tief in eine Analyse gestiegen, dass er sich irgendwann darin verliert und nicht mehr weiß, was er da eigentlich analysiert. Und als er sich die Zeit nimmt, mal einen Schritt zurück zu gehen, um zu sehen, worum es geht, ist es etwas völlig lächerliches. Und die Metapher dafür ist der Cheeseburger. Aber all diese aberwitzigen Sachen wie der Dance Part, der lange Furz oder eben der Cheeseburger sollen vor allem eines zeigen: sei künstlerisch frei. Erlaube dir selbst etwas zu tun, einfach weil du es magst, ohne daran zu zweifeln.", erklärt Devin und fügt an: "Die Idee hinter "Ghost" war dann all das wieder aufzubauen, was mit "Deconstruction" eingerissen wurde. Ich möchte zeigen, dass ich absolut fähig bin ein Album wie "Deconstruction" zu machen, aber wenn ich die Wahl habe, ist "Ghost" die Richtung, die ich bevorzuge."


Und auch wenn "Ghost" unscheinbarer erscheint, kann es dennoch eine Entdeckungsreise sein, wenn man sich darauf einlässt. "Ja, das ist genau der Punkt. "Deconstruction" fordert die ganze Zeit sehr offensiv die Aufmerksamkeit des Hörers. Hey, hey, hey, hier bin ich.", fuchtelt Devin mit den Armen. "Und das nervt dann auch durchaus. Aber immer wieder kamen die Leute zu mir und wollten eine noch komplexere und noch komplexere Platte. Und wenn es dann so komplex ist und immer wieder die Aufmerksamkeit des Hörers einfordert, dann sind sie genervt und wollen beim zweiten Song Pause drücken. Bei mir ist das ja genau so. Ich habe ein vierjähriges Kind, das meine Aufmerksamkeit einfordert und wenn dann Musik meine Aufmerksamkeit in diesem Maße einfordert, dann pisst mich das an. Wenn ich "Deconstruction" zur Hälfte gehört habe, schalte ich entnervt aus. Doch die Leute wollten es so und jetzt werden sie damit leben müssen, sie werden es aushalten müssen. Bei "Ghost" kann man all die Komplexität auch finden, wenn man sich mit der Platte auseinandersetzt, sie ist da. Mit all den Schichten, die da übereinandergelegt sind und den Orchestrierungen. Aber wenn man sie nicht haben will, dann kann man die Platte immer noch hervorragend hören. Wie du bei der Arbeit, ohne dass es nervt, sie begleitet einen einfach.", gibt Devin ehrlich zu.

Ähnlich offen antwortet Devin auch auf die Frage, wer denn 'The Mighty Masturbator' ist. "Das bin ich. Wer sonst? Es ist ein 17-minütiger Song, ich könnte mir keinen anderen Titel vorstellen. Der Song hat musikalisch eigentlich keinerlei Wert, außer zu beweisen, dass ich es kann. Und zwar im vollen Bewusstsein, ganz ohne Drogen. Im Grunde ist "Deconstruction" eine komplette Masturbation, die zeigt, dass ich das machen kann und das ganz ohne Drama. Es gab keine nächtelangen Sessions wie in der Vergangenheit, wo ich high war und den Himmel angeschrieen habe. Nein, ich bin am Ende des Tages nach Hause gegangen, hatte ein ganz normales Leben und habe den Müll raus gebracht.", lacht Devin.


Seinem Ruf als verrückter Professor wird er so natürlich nicht gerecht. "Das ist ja auch gut so.", lacht Devin. "Ich wollte eine Platte machen, von denen alle sagen wie verrückt das alles doch ist und worauf ich dann erwidern kann, dass es die bewussteste Platte ist, die ich je gemacht habe. Nein, es ist nicht verrückt, "Deconstruction" ist künstlerische Freiheit. Verrückt wäre es nur, wenn ich es nicht erklären könnte oder ich ihm eine überhöhte Bedeutung geben würde, aber jeder Ton auf dem Album ist ganz bewusst entstanden und ich kann alles erklären. Und so lange man etwas erklären kann, ist es nicht verrückt. Wenn man anfängt zu erzählen, dass der Himmel es dir geschickt hat, ist gleich klar, dass man Banane ist.", lacht Devin und fügt an: "Wenn mich jemand fragt, ob es genervt hat dieses Album zu schreiben, kann ich antworten, dass es natürlich genervt hat. Man muss sich das Album ja nur anhören."

Es wird sehr deutlich, dass Devin diese Alben als Selbstheilungsprozess sieht, den er mit der Abstinenz von Drogen und Alkohol eingeleitet hat und der mit diesem Doppelwerk abgeschlossen wurde. "Ganz genau so ist es. Es ging nicht nur darum der Welt zu beweisen, dass ich ein Album wie "Deconstruction" machen kann, sondern vor allem darum, mir selbst zu zeigen, dass ich "Deconstruction" und "Ghost" zur gleichen Zeit und im vollen Bewusstsein machen kann und mich "Deconstruction" nicht davon abhalten konnte "Ghost" zu schreiben, denn das ist, was ich wirklich machen möchte. Ich hatte immer die totale Kontrolle darüber und das ist etwas, das ich für die Vergangenheit nicht behaupten kann. Ich bin auch immer noch verwundert, dass in vielen Interviews mehr über "Ghost" als über "Deconstruction" geredet wird, denn für mich ist "Ghost" ein absolut natürliches Album. Ich habe World Music und meditative Musik schon lange vor JUDAS PRIEST gehört. Und in Alben wie "Ocean Machine" schienen diese Einflüsse auch immer durch. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass ich in Zukunft Musik wie "Ghost" mache, als Musik wie "Deconstruction". Klar, auch die Masturbation auf "Deconstruction" hat Spaß gemacht, aber wenn ich keinen totalen Egotrip bekomme, werde ich so etwas nicht noch einmal machen.", erzählt Devin, um dann noch tiefer auf die früher von ihm gerne in Interviews eingeflochtenen bi-polaren Störüngen zu sprechen zu kommen:

"Im Laufe dieser Quadrologie ist mir immer bewusster geworden, dass ich zwar eine Tendenz zu bi-polaren Störungen habe, aber diese durchaus unter Kontrolle habe, wenn ich nur diszipliniert genug bin. Es gibt natürlich viele Menschen, die nicht nur die Tendenz haben, sondern tatsächlich an diesen Störungen leiden, von daher rede ich hier natürlich nur für mich. Denoch denke ich, dass es in meinem Fall so ist, dass diese Tendenzen viel stärker zu Tage treten, wenn ich sie mit Marihuana und Alkohol auslöse. Und ich bin nun einmal eine öffentliche Person, die Interviews gibt und dadurch hat die ganze Welt mitbekommen, was ich da erzählt habe und wenn ich heute darauf angesprochen werde, dann kann ich nur antworten, dass ich wohl ziemlich high war. Ich habe gelernt, dass ich nicht so klug bin, wie ich lange geglaubt habe. Früher dachte ich immer, ich sei superintelligent und habe Dinge getan, die all diese intelligenten Menschen machen. Ich habe ein Buch von Nietzsche gekauft, ich habe angefangen Schach zu lernen und mich mit Leuten abgegeben, die sich ebenfalls für sehr klug halten und mit ihnen endlose Diskussionen über endlose Themen geführt, nur damit wir uns am Ende des Abends dazu gratulieren können, wie klug wir sind. Doch die Wahrheit ist, dass ich das Buch von Nietzsche nie gelesen habe, im Schach überhaupt keinen Plan habe und simple Dinge einfach viel lieber mag als komplexe Dinge.", gibt Devin zu und fügt an: "Ich finde es mittlerweile auch merkwürdig, wenn Leute Musik nur mögen, weil sie so intensiv und komplex ist. Das ist ja dann alles schön und gut, aber ich kann dazu halt nicht tanzen."

Redakteur:
Peter Kubaschk

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