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In der Gruppentherapie: RHAPSODY OF FIRE - "The Frozen Teaes Of Angels"

10.05.2010 | 15:06

Die italienischen Drachentöter sind endlich zurück - doch soll man jubeln oder davonlaufen? Wir werfen uns in die Schlacht und analysieren die Front.

Was haben die Fans traurig gen Himmel geschaut, als ihre Kitschgötter vor über einem Jahr alle Aktivitäten eingestellt haben. Die Sonne verschwand, dunkle Wolken zogen auf und das kleine Herzel dümpelte vor sich hin. Doch nun hat ein nuklearer Blitz den Himmel wieder zum Leben erweckt und Luca und Co. auf die Erde zurückgeholt. "The Frozen Tears Of Angels" ist zwar der bisher sperrigste Name der Diskographie, aber weitaus nicht das sperrigste Album. Bereits beim eigentlichen Opener 'Sea Of Fate' erkennt man eine kleine aber feine Rückbesinnung auf alte Tage. Vorbei sind die Zeiten der orchestralen Materialschlachten – man konzentriert sich wieder auf das Wesentliche. Und das heißt bei den Italienern: Große Melodien, pfeilschnelle Gitarren und die tolle Stimme Fabios. Dazu servieren uns RHAPSODY OF FIRE natürlich die eine oder andere Portion Kitsch ('Danza di Fuoco E Ghiaccio' sowie 'Lost In Cold Dreams'). Doch um dies auszugleichen, packen sie mit 'Reign Of Terror' den wohl aggressivsten Song der Bandgeschichte auf den Tisch. Und dieser Tisch bricht nach diesem Schlag natürlich zusammen. Der Metal ist zurück – das Orchester verschwunden. Flieht ihr Narren! Endlich können Fans der ersten Stunde wieder abfeiern, ohne durch überkomplexe Songstrukturen Hirnkrebs zu bekommen. Starkes Teil!

Note: 9,5/10
[Enrico Ahlig]


Dramatisch, episch, vielseitig. DAS ist eine Metal-Oper! Und dabei soll es nicht mal eine sein. RHAPSODY OF FIRE sind wahrlich die Könige des Bombasts: Symphonic, ein Chor, der seinesgleichen sucht, und das Genie Luca Turilli an der Gitarre. Da braucht man keine Stars als Akteure eines monotonen Musicals. Sänger Fabio Leone hat die Dramatik in der Stimme und kommt gesanglich schon fast an einen Timo Kotipelto (STRATOVARIUS) heran. Mit "The Frozen Tears Of Angel" schaffen die Italiener ein Kunstwerk, das keine künstlichen Eier braucht, um Klasse zu erreichen. Doch ganz ohne Hilfe von außen – die sie nicht nötig gehabt hätten – lassen RHAPSODY OF FIRE das neue Werk dann doch nicht: Der langjährige Bandfreund Christopher Lee (vielen als Saruman aus den "Der Herr der Ringe"-Filmen bekannt) veredelt mit seiner Stimme den einen oder anderen Song. Wohl tut dem Album übrigens auch, dass die Gitarren vermehrt in den Vordergrund rücken. Folkloristische Ausrutscher passieren zum Glück auch nicht mehr. Ein sehr gelungenes Werk, das die Konkurrenz mal wieder abhängt.

Note: 9/10
[Pia-Kim Schaper]

Nach vielen Jahren und diversen Business-Querelen sind die Aushänge-Kitsch-und Fiedel-Italiener zurück. Aber sie kommen natürlich nicht einfach so zurück, sondern bringen die Fantasy-Allzweckwaffe Christopher Lee mit, der auf seinen alten Tage lobenswerterweise den Metal entdeckt hat, aber mittlerweile durch Omnipräsenz so originell ist wie die Rumflöterei in dem Stück 'Danza Di Fuoco I Ghiaccio" oder das ganze künstliche Symphonieorchester, dass einige Songs zu dem schwer verdaulichen musikalischen Äquivalent eines doppelten Stücks Sahnetorte macht. Natürlich muss man anerkennen, dass Luca und seine Horde Vorreiter dieser Art von Plastic Metal waren, das macht aber das aktuelle Werk nicht besser. Sie sind das CD gewordene Klischee des Italo-Metal, also können Fans damit kaum etwas falsch machen. Ich allerdings kann immer nur zwei, drei Songs am Stück hören, dann brauche ich einen Schnaps, um den Kleister wegzuspülen.

Note: 5,5/10
[Frank Jaeger]

Wenn sie musikalisch wenigstens nichts drauf hätten, aber nein, die Italiener müssen ja tolle Instrumentalisten sein. Mann! So bleibt mir die Möglichkeit einer klaren Meinung verwehrt, denn wenn RHAPSODY OF FIRE eine Sache nicht vorzuwerfen wäre, dann die des fehlenden Könnens – zumindest was das Spielen angeht. Doch wie kann der Gott der breit gewalzten Melodien in ICE-Gewand nur so einseitig sein und den Italienern analog zu ihren anderen Fähigkeiten nicht auch so etwas wie Talent für großartige Kompositionen und das Gefühl für Melodien für Tausende in die Barock-Wiege legen? Und so erschaffen die Kameraden in den Lederstrümpfen eine musikalische Hydra, die es in sich hat: Hat man als Hörer einen der Köpfe abgeschnitten und sich mit den gebotenen Extremen arrangiert, so wachsen gleich zwei weitere nach, die es einem schwer machen, diese Metal-Monster zu mögen. Beispiel gefällig? Die geile Strophe in 'Reign Of Terror': Alles ist gut, man erfreut sich ob der Black-Metal-Analogie, akzeptiert das langweilige Lead, das man so allein schon von RHAPSODY geschätzte eintausend Mal gehört hat, bevor die kompositorische Inkompetenz der Truppe gleich zweifach zuschlägt: Der stete und kontinuierliche Wille zur epischen Masturbation auf der Sechssaitigen trifft auf den massiven Zwang, jegliche nachvollziehbare Klimax eines Songs auch nur im Ansatz zu zerstören. Vielleicht hätte das Album „Reign Of Terror“ heißen sollen, das wäre dem Ganzen gerechter geworden. Sechs Punkte voller Respekt vor dem Können der Truppe, sechs Punkte voller Abscheu vor diesem Nicht-Können, sobald es an das Ausmalen der Partitur geht, sechs Punkte voller Hoffnung, dass die Band den Magic-Circle-Schock ablegt und erneut zu einstigen Großtaten aufläuft.

Note: 6/10
[Julian Rohrer]

Redakteur:
Enrico Ahlig

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