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In der Gruppentherapie: NIGHTWISHs "Dark Passion Play"

03.09.2007 | 16:26

Am 28. September erscheint das lang ersehnte neue NIGHTWISH-Album "Dark Passion Play", und sofort fragt sich der geneigte Metaller: NIGHTWISH ohne das gesangliche Aushängeschild Tarja Turunen, kann das überhaupt gut gehen? In der POWERMETAL.de-Redaktion lief das neueste Langeisen der Finnen in den letzten Wochen rauf und runter, und jetzt wird sich zeigen, ob Songwriter Tuomas Holopainen und Co. ganze Arbeit geleistet haben oder an der verdammt hohen Erwartungshaltung kläglich gescheitert sind. Bringt hier die doch zum Teil stark unterschiedlichen Eindrücke der POWERMETAL.de-Schreiberlinge in Erfahrung.

Neue Sängerin? Kein Problem, Anette fügt sich gut in das NIGHTWISH-Konzept! Aber was beinhaltet dieses eigentlich noch? Als seinerzeit mein persönlicher Fave "Century Child“ das Licht der Welt erblickte, war ich geplättet von der perfekten Symbiose aus Melancholie, Härte und Progressivität. "Dark Passion Play“ hingegen verzettelt sich irgendwo im Break-Nirwana und erscheint zudem zumindest mir als langatmige Angelegenheit, die viel zu selten auf den Punkt kommt. Lediglich das Instrumental 'Last Of The Wilds' (geiles Hook), 'Bye Bye Beautiful' und 'The Islander' kann man sich entspannt anhören, ohne von einem überfrachteten Klotz Symphonie-Melancholiemetall überrollt zu werden. An all dem ist am allerwenigsten Anette schuld, die einen tollen Job hinlegt und Tarja tatsächlich vergessen machen könnte. Allerdings empfehle ich Tuomas, beim nächsten Mal wieder etwas straight forward zu gehen und nicht ums Verrecken den Preis für die ausladendsten und dennoch langweiligsten Songs gewinnen zu wollen, die von Durchlauf zu Durchlauf schwächer werden und den Hörer viel zu schnell sättigen. Weniger ist manchmal mehr.
[Alex Straka]

Auch wenn sich der Sängerinnen-Wechsel nicht halb so spannend auf die Musik auswirkt wie erwartet, so bringt die neue Frontfee Anette Olzon doch ein neues Feeling in die NIGHTWISH-Geschichte. Songtechnisch ist nämlich fast alles beim Alten geblieben. Tuomas zelebriert nach wie vor seine Vorliebe für pompöse opernhafte Songs ('The Poet And The Pendulum'), schwelgt gerne mal in Überkitsch ('Eva') oder komponiert Ohrwürmer mit Schlagermelodien ('Amaranth'). Anette untermalt den Sound mit angenehmen, rockigen und kräftigen Vocals, die gerade jene, die mit Tarjas opernhafter Singerei nichts anfangen konnten, begeistern werden. Und bei 'The Islander' und dem Instrumental 'Last Of The Wilds' kommen sogar irische Folk-Melodien zum Einsatz, was die Stücke für mich zum absoluten Highlight des Albums und zur größten Neuerung in der NIGHTWISH-Geschichte macht. Auf NIGHTWISH ist eben Verlass, wenn es um große Emotionen und pompöse Arrangements geht, und das ändert sich auch mit einer neuen Sängerin nicht!
[Caroline Traitler]

Ich war nie ein NIGHTWISH-Fan, doch gebührt ihnen für die Wahl der Tarja-Nachfolgerin mein Respekt. Statt auf Nummer sicher zu gehen und eine ähnlich operettenhaft tönende Dame zu engagieren, fiel die Wahl auf Anette Olzon, deren Stimme von Kritikern möglicherweise als zu wenig markant, von mir aber als angenehm unaufdringlich wahrgenommen wird. Außerdem wurde Bassist Marco Hietala eine größere Gesangs-Rolle zugestanden, was den Kitsch-Faktor zusätzlich reduziert. Somit lassen mich zumindest die härteren Songs 'Bye Bye Beautiful" und 'Master Passion Greed' positiv aufhorchen ebenso wie die folk-lastigen 'The Islander' und 'Last Of The Wilds'. Und das ist viel mehr, als ich von der Platte erwartet habe. Schmeißt man künftig noch den überflüssigen Pop-Kitsch über Bord, könnten NIGHTWISH in dieser Konstellation auch für mich interessant werden.
[Elke Huber]

Man durfte gespannt sein, wie sich der Sängerinnenwechsel von Tarja Turunen zu Anette Olzon auswirkt. Dafür gibt es nur ein Wort: verheerend. Daran ist sicher nicht nur die neue Sängerin schuld, die in allzu große Fußstapfen treten muss. Anettes Stimme ist zweifellos schön, und die Dame kann auch singen, doch klingt sie leider genauso wie zig andere Sängerinnen von Bands mit weiblichem Gesang, denen man immer nachgesagt hat, sie seien schlechte NIGHTWISH-Klone. Schnell wird klar, dass sie ihrer Vorgängerin in keiner Weise auch nur annährend das Wasser reichen kann. Auch Tuomas leistet sich ungewohnte kompositorische Schwächen, denn abgesehen von dem Dreizehn-Minuten-Monster 'The Poet And The Pendulum' und der hübschen Ballade 'Eva' regiert auf "Dark Passion Play" das absolute Mittelmaß. Hier wird auf jede Menge Bombast gesetzt, ohne diesen auch mit anständigen Inhalten zu füllen. Durchgehend hält sich das Gefühl, dass dieser Bombast nur um seiner selbst willen da ist. Als NIGHTWISH-Fan der ersten Stunde muss ich sagen, dass die Entwicklung der Band einfach nur traurig ist. Bekomme ich heute bei Songs wie 'The Pharao Sails To Orion' oder 'She Is My Sin' noch regelmäßig eine Gänsehaut, ist das neue Material einfach nur beliebig und austauschbar.
[Martin Schneider]

Auch wenn sich auf "Dark Passion Play" erwiesenermaßen nicht jeder Song als Highlight entpuppt und so die starken Qualitätsschwankungen klar zu spüren sind (hat jemand bei über 70 Minuten und 13 Stücken irgendetwas anderes erwartet?), bleibt festzuhalten, dass sich NIGHTWISH anno 2007 von der personellen Umbesetzung und den vielen Bedenken seitens Fans und Presse nicht unterkriegen lassen und ein Album veröffentlichen, mit dem die Vormachtstellung weiterhin unangetastet bleibt. Die superbe, den Weg der Vorgängerin gänzlich verlassende Gesangsleistung von Anette steht dabei sowieso nicht zur Debatte. Mit 'The Poet And The Pendulum' als ausladendes Epos, 'Bye Bye Beautiful' als geradliniger, den 'I Wish I Had An Angel'-Faden weiterspinnender Kracher, 'Amaranth' als poppige Leichtkost und 'The Islander' als folkloristischer Herzensbrecher servieren uns die Nordmänner und die neue Nordfrau eine Handvoll toller Kompositionen, die sich auch vor der erfolgreichen Vergangenheit der Finnen nicht verstecken müssen (ganz im Gegenteil) - trotz des in der Mitte des Albums eher nebenherlaufenden nicht wirklich schlechten, aber eben auch nicht mitreißenden Materials. Alles andere wird die Zukunft zeigen.
[Christian Falk]

Masse statt Klasse! Das ist das Erste, was mir zum neuen NIGHTWISH-Album einfällt. Zumindest tendenziell. Über 70 Minuten Spielzeit hat das Teil. Prinzipiell ist das löblich. Kompositorisch ist "Dark Passion Play" jedoch aus meiner Sicht auf alle Fälle schwächer als "Oceanborn" oder "Once". Trotz gelungener Tracks wie dem ziemlich knackigen 'Master Passion Greed', dem orchestral toll arrangierten epischen Opener 'The Poet And The Pendulum' und dem poppigen, aber mega-eingängigen 'Amaranth' kann ich hier nicht wirklich Kracher des Kalibers 'Dark Chest Of Wonders' oder ’Stargazers’ ausmachen. Anette Olzon passt gut zum Sound der Band und hat eine tolle, warm klingende Stimme. Insgesamt hat sich bei NIGHTWISH nicht großartig etwas geändert. Allerdings gibt es deutlich mehr poppige Elemente als auf "Once" (so zum Beispiel bei 'Eva', 'The Islander' und in der ersten Hälfte von 'Meadows Of Heaven'). Obwohl "Dark Passion Play" kein schlechtes Album ist, so bin ich als Fan doch etwas enttäuscht. Denn mit zunehmender Hördauer verliert das Album doch erheblich an Wirkung.
[Martin Loga]

Nun gehöre ich als NIGHTWISH-Fan seit der zweiten CD prinzipiell zu den üblichen NIGHTWISH-Alles-gut-Findern, doch auch bei mir wurde seit dem Abgang von Tarja Turunen Skepsis laut. Uund siehe da: So unberechtigt war das nicht. Mrs. Olzons Stimme ist wahnsinnig charakterlos und irgendwie unauffällig, und die riesige Lücke, die Mrs. Turunen hinterlassen hat, wird eindeutig nicht gestopft. Doch ich habe bei der Neuen nicht mit Marco Hietala und Tuomas Holopainen gerechnet. Marcos Grunzstimme und Tuomas Drang zum Bombast retten dem alten NIGHTWISH-Fan doch so einiges und schaffen es, das gähnende Loch, das Anettes Gesang aufreißt, halbwegs zu stopfen. Dass die CD im Ganzen noch etwas härter wurde (z. B. 'Bye Bye Beautiful'), könnte sogar alte Fans wiedergewinnen, die die Kommerzrufe doch gerne wieder zurückziehen würden, die bei Songs wie 'Amaranth' jedoch relativ schnell wieder auftauchen dürften, was ziemlich deutlich beweist, was für eine zwiespältige Angelegenheit die CD doch ist. Und dennoch: Da es immer noch überall von Bombast nur so wimmelt, kann ich mich trotz der Ausfälle getrost immer noch als NIGHTWISH-Alles-gut-Finder bezeichnen.
[Lars Strutz]

Selbst, wenn man kein großer Fan von NIGHTWISH war, musste man immer anerkennen, dass die Finnen Trends und Maßstäbe gesetzt haben und zudem dank Tarja immer in gleichem Maße einzigartig wie polarisierend waren. Diesen Status hat die Band mit der Verpflichtung von Anette abgetreten. Denn obwohl Annette zweifellos eine gute Sängerin ist, ist sie vor allem gewöhnlich. Das mag dem einen oder anderen Nicht-Fan den Zugang zur Band erleichtern, dürfte auf der anderen Seite aber auch eine große Horde Tarja-Liebhaber erschrecken. Das dürfte spannend werden. Weniger spannend ist das Songmaterial, das in den bekannten Grenzen wildert, sehr zielgruppenorientiert wirkt und nur wenig wirklich Neues bietet. Hier ein paar härtere Riffs, dort ein bisschen folkloristische Einflüsse (man muss sich schließlich entwickeln!), doch im Großen und Ganzen dominieren Pathos und Kitsch. So sehr, dass es stellenweise nicht mehr ernsthaft Metal genannt werden kann. Das gilt vor allem für den fürchterlichen Gitarrenschlager 'Amaranth' und die unglaublich kitschigen Balladen 'Eva' und 'Meadows Of Heaven'. Viel besser kommen die maßgeblich von Marco eingesungenen, harten Nummern 'Bye Bye Beautiful' und '7 Days To The Wolves', sowie das folkige 'The Islander bei mir an. Das macht summa summarum ein Werk, das die Zielgruppe durchaus zufriedenstellen wird. Doch zu dieser werde ich auch künftig nicht gehören.
[Peter Kubaschk]

Die trashige Seifenoper um Tarja Turunen wurde abgesetzt, der Affentanz um die Nachfolgerin Anette Olzon ist beendet. Ab jetzt müssen die Songs aus dem NIGHTWISH-Lager wieder was mitteilen. Und auf "Dark Passion Play" rufen einige "Hör mich an!", andere rufen noch viel lauter "Spiel mich nie wieder ab!" Schleimigen Schunkel-Kitsch-Ausfällen mit tollen Wegwerfemotionen ('Eva', 'Meadows Of Heaven' und 'For The Heart I Once Had') und der naiven Rumpelstilzchen-tanzt-zu-Aldi-Single 'Amaranth' stehen gute Tracks wie das AYREON-artige 'Sahara', der Groover '7 Days To The Wolves', das halbwegs zügige 'Whoever Brings The Night' sowie die folkigen 'The Islander' und 'Last Of The Wilds' gegenüber. Der Rest hält mal ein brauchbares Riff und viel unnötig Aufgeblasenes bereit. Insgesamt: Durchschnittsplatte ohne Nachhall mit sympathisch-unauffälligen Olzon-Vocals.
[Oliver Schneider]

Redakteur:
Christian Falk

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