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IN ARCANE im Interview

25.10.2016 | 10:24

Es gehört eine ordentliche Portion Mut dazu, die Karriere direkt mit einem mehrteiligen Konzeptwerk zu starten. Das hat die Jungs von IN ARCANE allerdings nicht davon abgehalten, mit ihrem Debüt "Shadows, Somewhere - Act I" ein solches Album vorzulegen. Wir sprachen mit der Band über die aufwendigen Arbeiten an der Scheibe, das Konzept hinter der Musik und vor allem auch über die Chancen von aufstrebenden Newcomern in der heutigen Musiklandschaft.

Hallo Jungs und erst erst einmal Danke, dass ihr euch die Zeit für unsere Fragen nehmt. Bevor wir uns im weiteren Verlauf mit eurem Debüt "Shadows, Somewhere - Act I" befassen, könnt ihr unseren Lesern erst einmal kurz zusammenfassen, was euch dazu beworgen hat, IN ARCANE vor mittlerweile gut fünf Jahren ins Leben zu rufen?

Thomas: Hallo Tobias, die Antwort ist so einfach wie banal. Die Band KILLTRIBE hat sich im September 2011 aus diversen Gründen aufgelöst. Im November haben dann vier von fünf ehemaligen KILLTRIBE-Mitgliedern IN ARCANE gegründet. Wir funktionierten und funktionieren sowohl menschlich, als auch musikalisch einfach sehr gut miteinander und wollten unbedingt weiterhin zusammen Musik machen. Da war die Gründung einer neuen Band quasi die logische Konsequenz. Da wir damals aber explizit kein KILLTRIBE-Spin-off erschaffen wollten, haben wir uns die zwei Monate genommen, um IN ARCANE ein vollkommen eigenes Gesicht zu verpassen.

Nun ist auch endlich euer Debüt herausgekommen, allerdings war es ja schon eine recht aufregende Reise bis hierhin, immerhin hattet ihr zuerst eine Serie von EPs für das Frühjahr 2013 angekündigt. Jetzt hat es doch drei weitere Jahre gedauert, bis "Shadows, Somewhere - Act I" als vollwertiger Langspieler erschien. Was hat denn diese Verzögerung verursacht?

Fabian: Wir hatten relativ früh entschieden, dass wir mit diesem Projekt alles auf ein neues Level bringen wollten. Die Idee mit dem Konzeptalbum kam zum Beispiel ins Spiel bevor wir einen Bandnamen gefunden hatten. Wir hatten die erste EP auch schon zwei Mal mit namhaften Engineers aufgenommen, bevor im Kollektiv feststand, stattdessen direkt ein Album in Eigenregie zu produzieren. Der Grund warum wir diese Aufnahmen nicht genommen haben, war zum Einen, dass wir noch detaillierter arbeiten wollten, als es uns möglich war, und dass die Kollaborationen nicht so gut gepasst haben. Wir hätten uns einfach nicht vorstellen können, alle vier Kapitel auf diese Art zu erarbeiten. Dann waren auch schnell immer mehr Songs fertig geschrieben und wir kamen ein bisschen unter Zugzwang, eine Entscheidung zwischen der schnellen EP und dem für uns sinnvolleren Album zu fällen. Als Band wollten wir natürlich eher ein Album veröffentlichen. Nach langer Überlegung, auch da es unser erster Release sein würde, entschieden wir uns also dazu das Ganze noch ein drittes Mal neu zu starten und alles dieses Mal in Eigenregie aufzunehmen. Während der ganzen Jahre hatte ich mir auch in meinem Studium an der Folkwang Uni das Engineering angeeignet und die Band bestärkte mich in der Idee, mich selbst am Album der Band zu versuchen. Ich denke, es hat auf diese Art ganz gut funktioniert. Und darüber hinaus halten wir somit natürlich für die nachfolgenden Alben alle Fäden in den Händen.

Mit eurer ersten Platte wagt ihr euch ja auch direkt an ein mehrteiliges Konzept, das in Zusammenarbeit mit Marcel Krueger entstanden ist. Wie ist diese ungewöhnliche Kombination denn zustande gekommen?


Thomas: Ich kenne Marcel schon sehr lange und schätze ihn sowohl als Musiker und Autor, als auch als umtriebigen Mann für alle Fälle im Musik-Business. Er hatte vorher bereits eine Tour durch Irland für KILLTRIBE gebucht und diese auch als Tourmanager begleitet. Vor weit über zehn Jahren hat er sogar bereits meine damalige Band 10 FOLD B-LOW als Booker betreut. Als wir eine passende Form für das Produkt IN ARCANE gesucht haben und das mehrschichtige Konzeptwerk Formen annahm, war ich gedanklich sehr schnell bei Marcel. Er war die perfekte Ergänzung für uns und musste dankenswerter Weise auch nicht überzeugt werden. Ein No-Brainer auf ganzer Linie will ich meinen.



Textlich geht es dabei ja ganz grob gesprochen um eine postapokalyptische Cyberpunk-Revolution, wobei sich jeder einzelne Song einem zentralen Wendepunkt in der Geschichte widmet. War es für euch schwierig, diese einzelnen Szenen in den Songs einzufangen? Ich stelle mir vor, dass eine konzeptionelle Ausrichtung das Songwriting auch maßgeblich beeinflusst.

Thomas:
Das ist grundsätzlich vollkommen richtig, wir haben da aber intuitiv einen guten Workflow gefunden. Marcel und ich haben erstmal die einzelnen Episoden konzeptionell vorskizziert, sodass der Plot inhaltlich klar war. Teil des Konzeptes war es sowieso, dass Marcel und ich die Episoden aus verschiedenen Perspektiven angehen. Im Prosateil hat Marcel die Episoden in Dokumente gebannt, die deutlich nach den Vorkommnissen im Rahmen einer Aufarbeitung zusammengetragen werden. Wir als Band hatten die Aufgabe, die einzelnen Charaktere in der Episode direkt abzubilden. Das heißt, jeweils die Gefühls- und Gedankenwelt sowohl musikalisch als auch inhaltlich zu transportieren. Auf die Art konnten wir mit einer klaren Vorstellung von Emotion und Inhalt ins Songwriting einsteigen, was einen recht natürlichen Prozess gewährleistete. Nachdem wir fertig waren, haben Marcel und ich uns noch einmal über das Finetuning abgestimmt und sind heute tatsächlich glücklich, dass unser Plan nun entsprechend unseren eigenen Zielen gut aufgegangen ist.

Trotz der hintergründigen Story fühlt sich "Shadows, Somewhere - Act I" für mich aber nicht nach einem klassischen Konzeptalbum an, denn bei euch funktioniert auch jeder Song für sich betrachtet. Bei PINK FLOYDs "The Wall" ist das zum Beispiel anders, dort gibt es Tracks die nur im Zusammenhang mit dem Rest des Albums wirklich Sinn ergeben. War euch dieser Punkt besonders wichtig?

Thomas: Der Gedanke war in diesem Fall nicht explizit, dass jeder Song für sich funktionieren soll, auch wenn ich das für einen schönen Nebeneffekt halte. Der Fokus lag wie oben beschrieben darauf, die einzelnen Episoden abzubilden. Wie in einem Episodenfilm führt dies aber dazu, dass man von Episode zu Episode in eine andere Welt, nämlich die der einzelnen Charaktere, entführt wird. Diese haben zumeist einen vollkommen unterschiedlichen Fokus und bewerten somit Situationen auch unterschiedlich. Daraus folgt, dass die Songs eine hohe Diversität mitbringen. "Shadows, Somewhere - Act I" verfolgt eben ein vollkommen anderes Konzept als das von Dir angesprochene Werk von PINK FLOYD.

Um die einzelnen Kapitel der Songs einzuleiten, arbeitet ihr mit Pianostücken, die allesamt von Kai Schumacher komponiert wurden. Wieder eine recht ungewöhnliche Zusammenarbeit, bei der mich interessieren würde, wie ihr zusammengefunden habt?

Thomas: Wir wollten ein klassisches Instrument haben, wie man es eher mit einem Theaterstück oder z.B. einem Stummfilm in Verbindung bringen würde, um die Stimmung der Kapitel einzuleiten und wieder herauszuführen. Dies setzte voraus, dass das Instrument der Wahl alleine in der Lage ist dies auch zu transportieren. Wir hatten auch ein Cello oder einen gestrichenen Bass in der engeren Auswahl. Letztlich entschieden wir uns für das Piano, weil wir einfach fanden, dass es am besten passt, zumal wir dieses Instrument auch in einigen Songs auftauchen lassen wollten. Da wären die gestrichenen Instrumente für unseren Geschmack etwas zu träge und schwerfällig dahergekommen. Als wir uns entschieden hatten, war für mich klar, dass ich am allerliebsten Kai Schumacher im Boot hätte. Für mich einer der großen jungen Klassiker Deutschlands! Ich muss sogar gestehen, dass ich mich anfangs gar nicht getraut habe bei ihm nachzufragen und wir daher auch schon an anderer Stelle die Fühlerchen ausgestreckt hatten. Letztlich war es aber einfach unumgänglich. Kai hatte schon früher Klassik und Rock/Metal in eigenen Alben verknüpft, indem er Songs seiner Jugend transkribiert und mit dem Piano aufgeführt hat. Er musste der perfekte Mann sein. Wie es der Zufall so wollte, hat unser FOH-Mann viel mit Kai gearbeitet und den Kontakt für mich hergestellt. Ich muss wirklich sagen, dass ich glücklicher über diese Kollaboration nicht sein könnte. Auch wenn wir die Hörgewohnheiten unserer Zuhörer sicherlich auf die Probe stellen, hat Kai die Stimmungen des Albums in unserer Wahrnehmung so grandios aufgegriffen und geschliffen, dass ich es mir schöner nicht hätte ausmalen können.

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber stell Dir doch beim Intro des ersten Kapitels mal vor, dass Du mit recht angeschlagener Stimmung viele Stunden in einem rappeligen Zug durch karges russisches Hinterland fährst, immer dem Ort entgegen, an dem du jetzt gerade auf keinen Fall sein möchtest. Beim Outro des ersten Kapitels hast Du bereits eine Ahnung, dass die Ereignisse zu nichts Gutem führen werden. Das Kapitel endet immerhin mit einer vollkommenen Horrorvorstellung. Lass es wirken und der Vorhang fällt. Ruhe. Zu Beginn des zweiten Kapitels zoomen wir wieder an den Ort des Geschehens, werden durch russisch anmutende Klänge in die Welt versetzt, in der sich unsere Protagonisten befinden. Wie gesagt, ich möchte nicht zu viel vorweg nehmen und auch Deiner Fantasie und denen der Leser noch reichlich Spielraum lassen, aber wenn man sich auf diese Geschichte einlässt, hat Kai uns hier mit einem Instrument, welches seit Jahrhunderten genutzt wird um musikalische Bilder zu erschaffen, eine Welt umrissen, die man erkunden möchte. Wenn man da aber grad keinen Bock drauf hat, kann man auch einfach durch die Metalsongs zappen und die Intros und Outros überspringen.

Die eben erwähnten Piano-Tracks sind auch der größte Kritikpunkt, den ich an eurem Debüt zu bemängeln hatte. Konkret ging es dabei um die beiden Tracks in der Mitte der Scheibe, die den Hörer mit etwas mehr als sechs Minuten doch schon arg aus dem Hörfluss reißen. Liegt die Positionierung der Tracks an der Umstellung von mehreren EPs auf das Albumformat, oder war das von Anfang an so geplant?

Paul: Die beiden Klavierstücke in der Mitte stammen tatsächlich noch aus der Planung, einzelne EPs herauszubringen und diese als einzelne Kapitel der Story zu behandeln. Die Idee war es, diese Klaviertracks als Intro und Outro für jedes Chapter zu nutzen. Durch die Umstellung auf das Albumformat liegen diese Stücke nun hintereinander, was aber durch das Konzept auch so gewollt ist, da jedes Kapitel nun neben einer Einleitung, auch einen passenden Abschluss findet. Generell wäre es also möglich, jede Albumhälfte als eine in sich geschlossene Einheit zu betrachten und zu hören.

Nachdem wir nun über die Musik geprochen haben, wird es sicher auch viele Leser interessieren, wie sie denn an die Platte herankommen können. Erst einmal wird das gute Stück ja nur digital erhältlich sein, wenn ich richtig informiert bin. Plant ihr auf lange Sicht auch eine CD-Version?

Paul: Neben der bereits erhältlichen digitalen Version planen wir in naher Zukunft definitiv auch ein physisches CD-Package, um dem Konzeptcharakter gerecht zu werden und um insbesondere die Story des Albums hervorzuheben. Das Album entfaltet erst zusammen mit der Story die ganze Detailarbeit, die wir in dieses Projekt reingesteckt haben. Deshalb sind für das Package auch eine Kurzgeschichte, ein Hörspiel und Illustrationen vorgesehen, damit der Hörer auch komplett in diese Welt eintauchen kann. Sie ist nämlich dann auch Voraussetzung für das nachfolgende Album.

Werdet ihr die Scheibe eigentlich auch auf die Bühne bringen? Wenn ja, stehen schon Termine fest und was wird die Zuschauer dort erwarten? Ein Konzeptalbum schreit ja schon fast nach einer Visualisierung oder etwas ähnlichem.

Fabian: Natürlich wäre die Live-Visualisierung absolut wünschenswert. Ob wir dies jedoch finanziell und auch logistisch stemmen können, ist zu diesem Zeitpunkt fraglich. Wir sind schon sehr happy, meistens mit nur einem Auto fahren zu können. Sollten wir einmal die Möglichkeit haben, dann denke ich, wird es in die Richtung gehen, dass Marcel (Stimme) und Kai (Piano) involviert werden. Darüber hinaus sehe ich Visuals und Lichteffekte, welche Hand in Hand mit der Musik funktionieren. Man darf ja träumen. (lacht)



Bevor wir zum Schluss kommen, muss ich noch eine Frage stellen, die in vielen Interviews immer wieder Thema ist. Was haltet ihr als junge Band von den Veränderungen in der Musikbranche? Macht es das Internet einfach für Newcomer, oder seht ihr auch eher Nachteile im Niedergang der Labels und dem damit schwindenden Support für aufstrebende Acts?

Thomas: Ich bin da total zwiegespalten. Das Internet macht es den Bands zumindest mal leichter, sich selbst zu promoten. Das wiederum führt aber auch dazu, dass die Masse an wahrgenommenen Bands derart groß ist, dass man kaum noch die Möglichkeit hat, daraus hervorzustechen. Das gleicht die besseren Chancen für die Promotion schon fast wieder aus. Als Labels noch entschieden haben, was gut und was schlecht ist, hat man zwar nur eine gefilterte Wahrheit vorgesetzt bekommen, dafür aber auch eine deutlich höhere Qualität. Heute ist es so, dass im Prinzip jeder eine recht gut klingende Home-Production machen kann, wenn er sich nur genug Mühe gibt. Die Labels können die eingehenden Bewerbungen niemals komplett sondieren. Auch da muss man sagen, dass dies für die Bands zwar einen schöne Chance ist, sich in ein hübsches musikalisches Gewand zu hüllen, andererseits hat neuerdings jeder ein mehr oder weniger hübsches Gewand und wieder ist man nur noch Teil der Masse. Früher hat sich nur durchgesetzt, wer auch zeigen konnte, dass er Durchhaltevermögen, Schweiß, Blut und Tränen investiert. Besser? Schlechter? Ich habe keine Ahnung. Man muss mit der Situation umgehen, in der man sich befindet und irgendwie schauen, dass man sich absetzt. Mein Gefühl ist, dass es früher einfacher für ambitionierte Musiker war, die Musik nicht nur als Hobby wahrgenommen haben. Heute kämpfen diese Vollblutmusiker mit jenen, die für Ihren "echten" Job dann irgendwann die Band schmeißen. Das zumindest finde ich schade und macht das Musikerdasein sehr viel schwieriger!

Fabian: Ich persönlich sehe das ganze neutral. Jeder ist in der Lage, das Internet zu nutzen, um sich aus den wirklich reichlichen Bands seine persönlichen Favoriten rauszusuchen. Das ist super! Auf der einen Seite ist es natürlich möglich, als Band ohne Label eine kostengünstige Plattform aufzubauen. Medien können präsentiert und verbreitet werden. Nach meinem Gefühl gelten Facebook-Likes mittlerweile als eine Art Währung für das Booking. Nach einem Label schaue ich bei Bands meistens nicht. Und Aktivität auf Instagram ist in manchen Szenen quasi so wichtig wie die Musik selbst. Diesen Luxus hat man heutzutage, bzw. kann ihn sich zu Nutze machen. Style und Szenen machen teilweise Bands groß. Und Fans haben eine direktere Vernetzung zu ihren Lieblingen als je zuvor. Ich persönlich weiß auch gerne darüber Bescheid, was meine Idole und Lieblingsbands so treiben und freue mich dabei über Studiotagebücher und Trailer. Dass es einfach jede noch so frische Band machen kann und man teilweise vor lauter Bands den Überblick verliert, ist natürlich der Nachteil. Das haben einem die Labels damals abgenommen. Meine Theorie ist, dass große Headliner wie METALLICA oder IRON MAIDEN in Zukunft wegfallen werden. Man sieht seit langen Jahren immer die gleichen Hauptacts bei den großen Festivals. Durch die breite Masse an kleinen tourenden Bands und die kostengünstige Plattformen für Musik im Internet wird die Nischen-Musik bestehen können. Aber die meisten Bands werden auf einem finanziell schwierigen Level bleiben. Denn viele potentielle Fans, die früher durch die Auslese der Label weniger Künstler verfügbar hatten, haben jetzt neben Band A alleine durch Spotify schon etliche ähnliche Künstler vorgeschlagen bekommen. Ich persönlich höre auch nur die Bands, die ich 100% perfekt finde, das Angebot ist ja vorhanden! Zeit um alle Bands zu hören, wird man auch nicht haben.

Jungs, noch einmal vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für uns genommen habt. Die letzten Worte gehören wie immer natürlich euch:

Paul: Natürlich danken wir zu allererst einmal dir und Powermetal.de für die Möglichkeit, das Interview mit euch zu führen! Für uns als aufstrebende Band ist jeder Kontakt mit der Öffentlichkeit unfassbar wichtig, zumal die angesprochenen Kritikpunkte auf diese Weise auch gut geklärt werden können. Wir hoffen alle, dass die Zuhörer Spaß an unserer Arbeit haben und sich auf die Reise einlassen. Ansonsten sehen wir uns hoffentlich bald auf Konzerten inkl. Bierchen und geselligem Schnacken! Bis bald!

Hallo Jungs und erst erst einmal Danke, dass ihr euch die Zeit für unsere Fragen nehmt. Bevor wir uns im weiteren Verlauf mit eurem Debüt "Shadows, Somewhere – Act I" befassen, könnt ihr unseren Lesern erst einmal kurz zusammenfassen, was euch dazu beworgen hat, IN ARCANE vor mittlerweile gut fünf Jahren ins Leben zu rufen?

 

Thomas: Hallo Tobias, die Antwort ist so einfach wie banal. Die Band KILLTRIBE hat sich im September 2011 aus diversen Gründen aufgelöst. Im November haben dann vier von fünf ehemaligen KILLTRIBE-Mitgliedern IN ARCANE gegründet.

Wir funktionierten und funktionieren sowohl menschlich, als auch musikalisch einfach sehr gut miteinander und wollten unbedingt weiterhin zusammen Musik machen. Da war die Gründung einer neuen Band quasi die logische Konsequenz. Da wir damals aber explizit kein KILLTRIBE-Spin-off erschaffen wollten, haben wir uns die zwei Monate genommen, um IN ARCANE ein vollkommen eigenes Gesicht zu verpassen.

 

Nun steht auch endlich euer Debüt in den Startlöcher, allerdings war es ja schon eine recht aufregende Reise bis hierhin, immerhin hattet ihr zuerst eine Serie von EPs für das Frühjahr 2013 angekündigt. Jetzt hat es doch drei weitere Jahre gedauert, bis "Shadows, Somewhere – Act I" als vollwertiger Langspieler erscheint. Was hat denn diese Verzögerung verursacht?

 

Fabian: Wir hatten relativ früh entschieden, dass wir mit diesem Projekt alles auf ein neues Level bringen wollten. Die Idee mit dem Konzeptalbum kam zum Beispiel ins Spiel bevor wir einen Bandnamen gefunden hatten. Wir hatten die erste EP auch schon zwei Mal mit namhaften Engineers aufgenommen, bevor im Kollektiv feststand, stattdessen direkt ein Album in Eigenregie zu produzieren. Der Grund warum wir diese Aufnahmen nicht genommen haben war zum Einen, dass wir noch detaillierter arbeiten wollten, als es uns möglich war, und dass die Kollaborationen nicht so gut gepasst haben. Wir hätten uns einfach nicht vorstellen können, alle vier Kapitel auf diese Art zu erarbeiten. Dann waren auch schnell immer mehr Songs fertig geschrieben und wir kamen ein bisschen in den Zugzwang, eine Entscheidung zwischen der schnellen EP und dem für uns sinnvolleren Album zu fällen. Als Band möchten wir natürlich eher ein Album veröffentlichen.

Nach langer Überlegung, auch da es unser erster Release sein würde, entschieden wir uns also dazu das Ganze noch ein drittes Mal neu zu starten und alles dieses Mal in Eigenregie aufzunehmen.

Während der ganzen Jahre hatte ich mir auch in meinem Studium an der Folkwang Uni das Engineering angeeignet und die Band bestärkte mich in der Idee, mich selbst am Album der Band zu versuchen. Ich denke, es hat auf diese Art ganz gut funktioniert. Und darüber hinaus halten wir somit natürlich für die nachfolgenden Alben alle Fäden in den Händen.

 

Mit eurer ersten Platte wagt ihr euch ja auch direkt an ein mehrteiliges Konzept, das in Zusammenarbeit mit Marcel Krueger entstanden ist. Wie ist diese ungewöhnliche Kombination denn zustande gekommen?

 

Thomas: Ich kenne Marcel schon sehr lange und schätze ihn sowohl als Musiker und Autor, als auch als umtriebigen Mann für alle Fälle im Musik-Business. Er hatte vorher bereits eine Tour durch Irland für KILLTRIBE gebucht und diese auch als Tourmanager begleitet. Vor weit über zehn Jahren hat er sogar bereits meine damalige Band 10 FOLD B-LOW als Booker betreut. Als wir eine passende Form für das Produkt IN ARCANE gesucht haben und das mehrschichtige Konzeptwerk Formen annahm, war ich gedanklich sehr schnell bei Marcel. Er war die perfekte Ergänzung für uns und musste dankenswerter Weise auch nicht überzeugt werden. Ein No-Brainer auf ganzer Linie will ich meinen.

 

Textlich geht es dabei ja ganz grob gesprochen um eine postapokalyptische Cyberpunk-Revolution, wobei sich jeder einzelne Song einem zentralen Wendepunkt in der Geschichte widmet. War es für euch schwierig, diese einzelnen Szenen in den Songs einzufangen? Ich stelle mir vor, dass eine konzeptionelle Ausrichtung das Songwriting auch maßgeblich beeinflusst.

 

Thomas: Das ist grundsätzlich vollkommen richtig, wir haben da aber intuitiv einen guten Workflow gefunden. Marcel und ich haben erstmal die einzelnen Episoden konzeptionell vorskizziert, sodass der Plot inhaltlich klar war. Teil des Konzeptes war es sowieso, dass Marcel und ich die Episoden aus verschiedenen Perspektiven angehen. Im Prosateil hat Marcel die Episoden in Dokumente gebannt, die deutlich nach den Vorkommnissen im Rahmen einer Aufarbeitung zusammengetragen werden.

Wir als Band hatten die Aufgabe, die einzelnen Charaktere in der Episode direkt abzubilden. Das heißt, jeweils die Gefühls- und Gedankenwelt sowohl musikalisch als auch inhaltlich zu transportieren. Auf die Art konnten wir mit einer klaren Vorstellung von Emotion und Inhalt ins Songwriting einsteigen, was einen recht natürlichen Prozess gewährleistete.

Nachdem wir fertig waren, haben Marcel und ich uns noch einmal über das Finetuning abgestimmt und sind heute tatsächlich glücklich, dass unser Plan nun entsprechend unseren eigenen Zielen gut aufgegangen ist.

 

Trotz der hintergründigen Story fühlt sich "Shadows, Somewhere – Act I" für mich aber nicht nach einem klassischen Konzeptalbum an, denn bei euch funktioniert auch jeder Song für sich betrachtet. Bei PINK FLOYDs "The Wall" ist das zum Beispiel anders, dort gibt es Tracks die nur im Zusammenhang mit dem Rest des Albums wirklich Sinn ergeben. War euch dieser Punkt besonders wichtig?

 

Thomas: Der Gedanke war in diesem Fall nicht explizit, dass jeder Song für sich funktionieren soll, auch wenn ich das für einen schönen Nebeneffekt halte. Der Fokus lag wie oben beschrieben darauf, die einzelnen Episoden abzubilden. Wie in einem Episodenfilm führt dies aber dazu, dass man von Episode zu Episode in eine andere Welt nämlich die der einzelnen Charaktere entführt wird. Diese haben zumeist einen vollkommen unterschiedlichen Fokus und bewerten somit Situationen auch unterschiedlich. Daraus folgt, dass die Songs eine hohe Diversität mitbringen. „Shadows, Somewhere – Act I“ verfolgt eben ein vollkommen anderes Konzept als das von Dir angesprochene Werk von PINK FLOYD.

 

Um die einzelnen Kapitel der Songs einzuleiten, arbeitet ihr mit Pianostücken, die allesamt von Kai Schumacher komponiert wurden. Wieder eine recht ungewöhnliche Zusammenarbeit, bei der mich interessieren würde, wie ihr zusammengefunden habt?

 

Thomas: Wir wollten ein klassisches Instrument haben, wie man es eher mit einem Theaterstück oder z.B. einem Stummfilm in Verbindung bringen würde, um die Stimmung der Kapitel einzuleiten und wieder herauszuführen. Dies setzte voraus, dass das Instrument der Wahl alleine in der Lage ist dies auch zu transportieren. Wir hatten auch ein Cello oder einen gestrichenen Bass in der engeren Auswahl. Letztlich entschieden wir uns für das Piano, weil wir einfach fanden, dass es am besten passt, zumal wir dieses Instrument auch in einigen Songs auftauchen lassen wollten. Da wären die gestrichenen Instrumente für unseren Geschmack etwas zu träge und schwerfällig dahergekommen.

Als wir uns entschieden hatten, war für mich klar, dass ich am allerliebsten Kai Schumacher im Boot hätte. Für mich einer der großen jungen Klassiker Deutschlands! Ich muss sogar gestehen, dass ich mich anfangs gar nicht getraut habe bei ihm nachzufragen und wir daher auch schon an anderer Stelle die Fühlerchen ausgestreckt haben. Letztlich war es aber einfach unumgänglich. Kai hatte schon früher Klassik und Rock/Metal in eigenen Alben verknüpft, indem er Songs seiner Jugend transkribiert und mit dem Piano aufgeführt hat. Er musste der perfekte Mann sein. Wie es der Zufall so wollte, hat unser FOH-Mann viel mit Kai gearbeitet und den Kontakt für mich hergestellt. Ich muss wirklich sagen, dass ich glücklicher über diese Kollaboration nicht sein könnte. Auch wenn wir die Hörgewohnheiten unserer Zuhörer sicherlich auf die Probe stellen, hat Kai die Stimmungen des Albums in unserer Wahrnehmung so grandios aufgegriffen und geschliffen, dass ich es mir schöner nicht hätte ausmalen können.

 

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber stell Dir doch beim Intro des ersten Kapitels mal vor, dass Du mit recht angeschlagener Stimmung viele Stunden in einem rappeligen Zug durch karges russisches Hinterland fährst, immer dem Ort entgegen, an dem du jetzt gerade auf keinen Fall sein möchtest.

Beim Outro des ersten Kapitels hast Du bereits eine Ahnung, dass die Ereignisse zu nichts gutem führen werden. Das Kapitel endet immerhin mit einer vollkommenen Horrorvorstellung. Lass es wirken und der Vorhang fällt. Ruhe.

Zu Beginn des zweiten Kapitels zoomen wir wieder an den Ort des Geschehens, werden durch russisch anmutende Klänge in die Welt versetzt, in der sich unsere Protagonisten befinden.

Wie gesagt, ich möchte nicht zu viel vorweg nehmen und auch Deiner Fantasie und denen der Leser noch reichlich Spielraum lassen, aber wenn man sich auf diese Geschichte einlässt, hat Kai uns hier mit einem Instrument, welches seit Jahrhunderten genutzt wird um musikalische Bilder zu erschaffen, eine Welt umrissen, die man erkunden möchte. Wenn man da aber grad keinen Bock drauf hat, kann man auch einfach durch die Metalsongs zappen und die Intros und Outros überspringen.

 

Die eben erwähnte Piano-Tracks sind auch der größte Kritikpunkt, den ich an eurem Debüt zu bemängeln hatte. Konkret ging es dabei um die beiden Tracks in der Mitte der Scheibe, die den Hörer mit etwas mehr als sechs Minuten doch schon arg aus dem Hörfluss reißen. Liegt die Positionierung der Tracks an der Umstellung von mehreren EPs auf das Albumformat, oder war das von Anfang an so geplant?

 

Paul: Die beiden Klavierstücke in der Mitte stammen tatsächlich noch aus der Planung, einzelne EP’s herauszubringen und diese als einzelne Kapitel der Story zu behandeln. Die Idee war es, diese Klaviertracks als Intro und Outro für jedes Chapter zu nutzen. Durch die Umstellung auf das Albumformat liegen diese Stücke nun hintereinander, was aber durch das Konzept auch so gewollt ist, da jedes Kapitel nun neben einer Einleitung, auch einen passenden Abschluss findet. Generell wäre es also möglich, jede Albumhälfte als eine in sich geschlossene Einheit zu betrachten und zu hören.

 

Nachdem wir nun über die Musik geprochen haben, wird es sicher auch viele Leser interessieren, wie sie denn an die Platte herankommen können. Erst einmal wird das gute Stück ja nur digital erhältlich sein, wenn ich richtig informiert bin. Plant ihr auf lange Sicht auch eine CD-Version?

 

Paul: Neben der bereits erhältlichen digitalen Version planen wir in naher Zukunft definitiv auch ein physisches CD-Package, um dem Konzeptcharakter gerecht zu werden und um insbesondere die Story des Albums hervorzuheben. Das Album entfaltet erst zusammen mit der Story die ganze Detailarbeit, die wir in dieses Projekt reingesteckt haben. Deshalb sind für das Package auch eine Kurzgeschichte, ein Hörspiel und Illustrationen vorgesehen, damit der Hörer auch komplett in diese Welt eintauchen kann. Sie ist nämlich dann auch Voraussetzung für das nachfolgende Album.

 

Werdet ihr die Scheibe eigentlich auch auf die Bühne bringen? Wenn ja, stehen schon Termine fest und was wird die Zuschauer dort erwarten? Ein Konzeptalbum schreit ja schon fast nach einer Visualisierung oder etwas ähnlichem.

 

Fabian: Natürlich wäre die Live-Visualisierung absolut wünschenswert. Ob wir dies jedoch finanziell und auch logistisch stemmen können, ist zu diesem Zeitpunkt fraglich. Wir sind schon sehr happy, meistens mit nur einem Auto fahren zu können. Sollten wir einmal die Möglichkeit haben, dann denke ich, wird es in die Richtung gehen, dass Marcel (Stimme) und Kai (Piano) involviert werden. Darüber hinaus sehe ich Visuals und Lichteffekte, welche Hand in Hand mit der Musik funktionieren. Man darf ja träumen. (lacht)

 

Bevor wir zum Schluss kommen, muss ich noch eine Frage stellen, die in vielen Interviews immer wieder Thema ist. Was haltet ihr als junge Band von den Veränderungen in der Musik-Branche? Macht es das Internet einfach für Newcomer, oder seht ihr auch eher Nachteile im Niedergang der Labels und dem damit schwindenden Support für aufstrebende Acts?

 

Thomas: Ich bin da total zwiegespalten. Das Internet macht es den Bands zumindest mal leichter, sich selbst zu promoten. Das wiederum führt aber auch dazu, dass die Masse an wahrgenommenen Bands derart groß ist, dass man kaum noch die Möglichkeit hat, daraus hervorzustechen. Das gleicht die besseren Chancen für die Promotion schon fast wieder aus. Als Labels noch entschieden haben, was gut und was schlecht ist, hat man zwar nur eine gefilterte Wahrheit vorgesetzt bekommen, dafür aber auch eine deutlich höhere Qualität. Heute ist es so, dass im Prinzip jeder eine recht gut klingende Home-Production machen kann, wenn er sich nur genug Mühe gibt. Die Labels können die eingehenden Bewerbungen niemals komplett sondieren. Auch da muss man sagen, dass dies für die Bands zwar einen schöne Chance ist, sich in ein hübsches musikalisches Gewand zu hüllen, andererseits hat neuerdings jeder ein mehr oder weniger hübsches Gewand und wieder ist man nur noch Teil der Masse. Früher hat sich nur durchgesetzt, wer auch zeigen konnte, dass er Durchhaltevermögen, Schweiß, Blut und Tränen investiert. Besser? Schlechter? Ich habe keine Ahnung. Man muss mit der Situation umgehen, in der man sich befindet und irgendwie schauen, dass man sich absetzt. Mein Gefühl ist, dass es früher einfacher für ambitionierte Musiker war, die Musik nicht nur als Hobby wahrgenommen haben. Heute kämpfen diese Vollblutmusiker mit jenen, die für Ihren „echten“ Job dann irgendwann die Band schmeißen. Das zumindest finde ich schade und macht das Musikerdasein sehr viel schwieriger!

 

Fabian: Ich persönlich sehe das ganze neutral. Jeder ist in der Lage, das Internet zu nutzen, um sich aus den wirklich reichlichen Bands seine persönlichen Favoriten rauszusuchen. Das ist super!

Auf der einen Seite ist es natürlich möglich, als Band ohne Label eine kostengünstige Plattform aufzubauen. Medien können präsentiert und verbreitet werden. Nach meinem Gefühl gelten Facebook-Likes mittlerweile als eine Art Währung für das Booking. Nach einem Label schaue ich bei Bands meistens nicht. Und Aktivität auf Instagram ist in manchen Szenen quasi so wichtig wie die Musik selbst.

Diesen Luxus hat man heutzutage, bzw. kann ihn sich zu Nutze machen. Style und Szenen machen teilweise Bands groß. Und Fans haben eine direktere Vernetzung zu ihren Lieblingen als je zuvor. Ich persönlich weiß auch gerne darüber Bescheid, was meine Idole und Lieblingsbands so treiben und freue mich dabei über Studiotagebücher und Trailer. Dass es einfach jede noch so frische Band machen kann und man teilweise vor lauter Bands den Überblick verliert, ist natürlich der Nachteil. Das haben einem die Labels damals abgenommen.

Meine Theorie ist, dass große Headliner wie METALLICA oder IRON MAIDEN in Zukunft wegfallen werden. Man sieht seit langen Jahren immer die gleichen Hauptacts bei den großen Festivals. Durch die breite Masse an kleinen tourenden Bands und die kostengünstige Plattformen für Musik im Internet wird die Nieschen-Musik bestehen können. Aber die meisten Bands werden auf einem finanziell schwierigen Level bleiben. Denn viele potentielle Fans, die früher durch die Auslese der Label weniger Künstler verfügbar hatten, haben jetzt neben Band A alleine durch Spotify schon etliche ähnliche Künstler vorgeschlagen bekommen. Ich persönlich höre auch nur die Bands die ich 100% perfekt finde, das Angebot ist ja vorhanden! Zeit um alle Bands zu hören wird man auch nicht haben.

 

Jungs, noch einmal vielen Dank, dass ihr euch die Zeit für uns genommen habt. Die letzten Worte gehören wie immer natürlich euch:

Paul: Natürlich danken wir zu allererst einmal dir und powermetal.de für die Möglichkeit, das Interview mit euch zu führen! Für uns als aufstrebende Band ist jeder Kontakt mit der Öffentlichkeit unfassbar wichtig, zumal die angesprochenen Kritikpunkte auf diese Weise auch gut geklärt werden können. Wir hoffen alle, dass die Zuhörer Spaß an unserer Arbeit haben und sich auf die Reise einlassen. Ansonsten sehen wir uns hoffentlich bald auf Konzerten inkl. Bierchen und geselligem Schnacken! Bis bald!

Redakteur:
Tobias Dahs

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