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HELL: Interview mit Andy Sneap

22.05.2011 | 21:09

Es kommt nicht oft vor, dass eine Band knapp 30 Jahre nach Release der einzigen Single ihr erstes offizielles Album veröffentlicht und man den Eindruck hat, dass die Metalgemeinde sehnlichst darauf gewartet hat. HELL heißt das Phänomen, bei dem exakt dies passiert. Metaller, die schon seit der NWoBHM dabei sind, erzählen Legendengeschichten, fast jede Band hat sich plötzlich von HELL inspirieren lassen und überhaupt waren sie schon immer kult. Für Starproduzent Andy Sneap ist sogar ein Traum wahr geworden, war er doch schon im Teenager-Alter Fan der Band und hat jetzt nicht nur "Human Remains" produziert, sondern ist auch fester Gitarrist der Band. Grund genug, um ihn ans Telefon zu holen.

Platz drei im Soundcheck von POWERMETAL.de, überragende Kritiken und echte Lobhudeleien aller Orten, Andy Sneap klingt extrem zufrieden. "Ja, das Feedback auf die Platte bisher ist überwältigend und zeigt, dass wir offensichtlich vieles richtig gemacht haben. Für uns ist das immer noch erstaunlich, denn ursprünglich wollten wir nur endlich mal, dass die tollen Songs mit einer vernünftigen Produktion veröffentlicht werden und wir eine gute Zeit haben." Dabei ist auch Andy ein bisschen davon überrascht, welcher Einfluss und welche Größe HELL plötzlich zugesprochen werden. "Das ist Wahnsinn, oder? Wenn man ganz ehrlich ist, muss man aber sagen, dass da viel Legendenbildung bei ist und eine Menge stille Post gespielt wurde. In der Mitte der Achtziger waren HELL eine Band, die lokal über etwas Bekanntheit verfügte, aber darüberhinaus nur die wenigsten kannten. Ich meine, damals hatten die meisten nicht einmal ein Faxgerät, an Internet war gar nicht zu denken. Wenn man also keine Plattenfirma und keinen Vertrieb hatte, hatte man auch keine Chance bekannt zu werden. Damals war ein Plattenvertrag noch ein echtes Gütesiegel. Von daher wird da heute schon etwas übertrieben.", gibt Andy offen zu. Er allerdings stand auch schon damals in der ersten Reihe bei den legendären Konzerten. "Natürlich stand ich dort, denn die Jungs waren ja meine Freunde und David (Halliday, verstorbener Sänger und Gitarrist der Band - PK) sogar mein Gitarrenlehrer. Und auch wenn außerhalb von Nottingham nicht viele Menschen HELL kannten, haben sie doch immer alles sehr professionell gemacht. Die Live-Shows waren spektakulär mit den Pyros und dem okkulten Image."

Entsprechend war der Einstieg bei HELL für Andy Sneap gleichermaßen Kindheitstraum und Reise in die eigene Vergangenheit. "Absolut. Ich fühle mich auch wieder viel jünger.", lacht der sympathische Brite. "Es ist unglaublich, wie viel man mit der Musik aus der eigenen Jugend verbinden kann. Am krassesten war es beim Shooting des Videos mit all dem Rauch. Der Geruch des Rauchs hat mich direkt ins Jahr 1983 zurückgebracht und ich glaube, dass es auch vielen Fans da draußen so gehen wird. Die Musik ist für einige die Musik ihrer Jugend und sie werden viele Erinnerungen damit verknüpfen." Vielleicht ist das der Grund, warum vor allem Herren im Alter von 40+ beim Hören von "Human Remains" komplett ausrasten. Das angesprochene Video zu 'On Earth As It Is In Hell' zeigt zudem, dass man das okkulte Image, mit dem sich die Band umgibt, nicht allzu ernst nehmen sollte. "Du hast Recht, das ist schon ein wenig mit einem Augenzwinkern versehen.", erzählt Andy. "Im Grunde machen wir exakt das, was die Jungs schon in den Achtzigern gemacht haben. Das einzige, was sich geändert hat, ist das Alter der Bandmitglieder. Aber wir wollen mit unserer Musik ja auch unterhalten und den Leuten eine gute Zeit bieten. Unsere Form des Okkultismus hat nichts mit dem zu tun, was einige Norweger in den Neunzigern gemacht haben. Wir werden sicher keine Kirchen niederbrennen.", lacht Andy.


Wie Andy oben bereits erzählt hat, war das Ziel ursprünglich, dass das Album, welches bereits seit 1987 fertig geschrieben ist und nur wegen der Pleite des damaligen Labels Mausoleum Records nicht veröffentlicht wurde, endlich mit einer ordentlichen Produktion veröffentlicht wird. Klar, dass Andy da selbst Hand anlegt. Und ebenso klar, dass die Produktion in den Ohren einiger Altraditionalisten viel zu modern ist. "Ich finde, dass wir mit HELL einen guten Mittelweg eingeschlagen haben. Auf der einen Seite ist die Produktion natürlich schon zeitgemäß, andererseits ist sie sehr transparent und man kann alles exakt heraushören. Aber ganz ehrlich, das liegt viel weniger daran wie ich arbeite, sondern daran wie diese Bands spielen. ACCEPT und HELL gehen ganz anders an die ihre Musik heran als es ARCH ENEMY oder DIMMU BORGIR tun. Die Art wie da Schlagzeug oder Gitarre gespielt werden, die Art wie Songs geschrieben werden, das kann man gar nicht vergleichen. Es ist ja nicht so, dass ich Bands wie DIMMU BORGIR oder ARCH ENEMY vorgebe, wie sie zu klingen haben. Diese Bands wissen ganz genau, was sie wollen und ich liefere ihnen dieses Ergebnis. Aber seien wir mal ganz ehrlich: klänge ein Album von DIMMU BORGIR so wie die neue ACCEPT würde das doch nicht funktionieren. Mit all dem Doublebass und den schnellen Riffs muss man andere Schwerpunkte bei der Produktion legen. Dadurch klingt es eben steriler, kälter, mechanischer. Es ist also nicht so, dass all diese Bands einfach nur meinen typischen Sound haben, sondern in erster Linie den Sound, den sie haben wollen und der für diese Musik auch notwendig ist.", stellt Andy klar und fügt hinzu: "Davon abgesehen möchte doch kein vernünftiger Mensch mehr eine Produktion wie in den Achtzigern. Wenn wir ganz ehrlich sind, klingen die meisten Produktionen aus dieser Zeit einfach scheiße. Wirklich gute Produktionen konnten sich nur die großen Bands leisten, weil die unglaublich teuer waren. Geld für einen Martin Birch (legendärer Produzent aus den Siebzigern und Achtzigern, der u. a. für DEEP PURPLE, RAINBOW, BLACK SABBATH & IRON MAIDEN gearbeitet hat - PK) hatten damals halt nicht allzu viele Bands. Ich finde es auch nicht gut, wenn Bands auch von der Produktion her so klingen wollen wie aus den Achtzigern. Das ist mir zu retro und ich wollte auch ganz bewusst nicht, dass "Human Remains" wie ein verstaubtes Relikt aus dieser Zeit klingt. Wer das hören möchte, kann sich ja die Demos auf der zweiten CD anhören.", lacht Andy und hat schlicht Recht damit.


Doch sieht Andy auch einen deutlichen Trend weg von diesen sterilen Produktionen. "Die Fans scheinen langsam aber sicher davon gelangweilt zu sein. Ich meine, ich bin gelangweilt davon und habe in letzter Zeit diverse Angebote abgelehnt, weil ich darauf einfach keine große Lust mehr habe. Vor allem bei vielen amerikanischen Bands muss es immer nur noch schneller, noch härter, noch brutaler sein. Es wird einfach kein Wert mehr auf die Songs gelegt, es gibt kaum noch echte Melodien und Hooks. Ich denke, das erkennen auch die Fans mehr und mehr. Wenn ich einfach nur so für mich im Auto oder zu Hause Musik höre, ist es meist eine Scheibe aus den Achtzigern. Den neuen Kram höre ich fast gar nicht mehr.", erzählt Andy, um dann auf die Musikindustrie in ihrer Gesamtheit zu sprechen zu kommen: "Wenn man sieht, wie sich die Musikindustrie in den letzten 20 Jahren verändert hat, ist das beinahe beängstigend. Man muss sich vorstellen, dass eine kleine Band wie SABBAT (in der Andy Sneap Gitarrist war - PK) 50 - 60.000 Einheiten von ihren Alben verkauft hat. Und niemand würde behaupten, dass SABBAT eine große Band waren. Heute würden viele Bands dafür töten. Mit dem ganzen Downloading und den vielen anderen Möglichkeiten, die die Kids heute haben, kauft halt fast niemand mehr physische Produkte wie Vinyl oder CDs. Die Plattenfirmen und Bands verdienen fast kein Geld mehr mit Alben, sondern nur noch mit Merchandise und Tourgagen. Bands veröffentlichen Platten nur noch, um auf Tour zu gehen und die Label wollen deshalb auch nur noch diese 360°-Deals, wo sie an allem, was die Band einnimmt, mitverdienen. Bands und Plattenfirmen werden sich für die Zukunft etwas überlegen müssen, damit nicht nur noch Sammler wie du und ich ihre Produkte kaufen." Sie könnten damit anfangen, weniger Musik zu veröffentlichen und Qualität wieder Quantität vorziehen. "Ja, 4.200 Metalalben in einem Jahr sind wahrscheinlich einfach zu viel. Diese Zahl wurde zumindest letztes Jahr auf einer Konferenz, auf der ich war, genannt. Das ist schon Wahnsinn.", erzählt Andy.

Und doch wollen auch Andy & HELL einen Stück vom Kuchen abhaben, wie die geplanten Touraktivitäten belegen. "Wir spielen jetzt auf diversen Festivals wie dem Metalfest, dem Tuska und vielen anderen und schauen gerade, was für ein Package für uns möglich ist, um auf eine Clubtour zu gehen." Dabei hat die Truppe schon durchaus hohe Ansprüche und Erwartungen. "Wir haben gerade einen Platz auf einem Package, das im September startet, abgelehnt, weil wir dort an zweiter Stelle für rund 30 Minuten spielen sollten und ich muss ganz ehrlich sagen, dass wir über diesen Punkt hinaus sind. Wir wollen schon in größeren Hallen vor ein paar mehr Leuten spielen und den Leuten etwas bieten können, weshalb auch die Festival-Gigs so gut für uns sind, weil wir dort vor ordentlich vielen Leuten spielen können. Ich habe keine Lust, wie mit SABBAT vor 20 Jahren, in Hallen, die 1.500 Leute fassen vor 100 Nasen zu spielen. Da haben wir schon klare Vorstellungen." Bleibt fraglich, ob es dann geeignete Packages und Hallen gibt. Geeignete Bands gibt es auf jeden Fall. "MERCYFUL FATE wäre natürlich ein Traum, aber von den neuen Bands könnte ich mir GHOST gut vorstellen. Mal sehen, ob in diese Richtung etwas geht. Ich denke an eine Tour mit zwei weiteren Bands. Diese großen Touren mit fünf oder sechs Bands mag ich nicht besonders.", erklärt Andy. Abwarten, auf welchen Bühnen und vor wie vielen Leuten sich HELL schließlich präsentieren dürfen.


Immerhin hat man mit Nuclear Blast das größte Metallabel der Welt im Rücken. Es war im gleichen Maße offensichtlich wie überraschend, dass HELL schließlich dort unterschrieben haben. Offensichtlich wegen der Kontakte, die Andy Sneap hat, überraschend, weil HELL trotz allem nicht gerade eine große Band sind. "Es war auch so, dass Markus (Staiger, Chef von NB - PK) uns erst abgelehnt hat, weil das Roster des Labels einfach zu voll war. Das war aber gar nicht so schlimm, weil wir auch noch wirklich gute Angebote von Century Media, Candlelight und anderen Labels hatten, aber da rief mich wenig später Jaap (Wagemaker, A&R von NB - PK) an und sagte, dass wir nirgends unterschreiben sollten, denn es gäbe doch Platz für uns. Es gab dann fast eine Art Wettbieten und das hat sich natürlich sehr gut angefühlt, denn wir wussten, dass wir mit unserem Album etwas richtig gemacht haben. Letztendlich lagen wir sogar über dem, was ich mir ursprünglich vorgestellt habe.", freut sich Andy. Qualität hat eben ihren Preis.

Eine Zukunft gibt es für HELL auch. Denn auf "Human Remains" sind noch längst nicht alle Songs aus alten Tagen verbraucht. "Genau, wir haben noch wirklich gute Songs, die wir auf jeden Fall noch veröffentlichen werden. Das nächste Album wird dann eine Mischung aus alten und brandneuen Songs, an denen Kevin (Bower, Gitarrist & Songwriter - PK) bereits arbeitet. Man wird von HELL also auch in Zukunft noch hören." Wir sind gespannt.

Redakteur:
Peter Kubaschk
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