HAMMERFALL: Interview mit Joacim Cans

05.03.2005 | 00:20

Mensch, wie die Zeit vergeht! Ich weiß noch, wie ich kurz vor dem Wacken Open Air 1997 erstmals von einer schwedischen Band namens HAMMERFALL gehört habe und dann wochenlang nur das geniale Debüt "Glory To The Brave" im CD-Player gehabt habe. Der Auftritt – übrigens der erste auf deutschem Boden und dann gleich vor vielen tausend Fans – auf besagtem Festival wurde zu einem unglaublichen Triumphzug der Band. Nun acht Jahre und vier Alben später klingelt ein zwar merklich gestresster, aber sehr freundlicher und zuvorkommender Joacim Cans (voc.) bei mir durch und stellt sich anlässlich der Veröffentlichung des neuen Albums "Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken" meinen investigativen Fragen über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von HAMMERFALL...

Martin:
Joacim, was ist anstrengender: ein voll gepackter Promo-Tag mit zahllosen Interviews, oder eine Headliner-Show mit HAMMERFALL?

Joacim:
Ich würde ganz klar sagen: Die Interviews... (lacht). Natürlich ist das sehr wichtig, aber ehrlich gesagt nach einer Weile... Ganz am Anfang einer Promo-Session ist man bis in die Haarspitzen motiviert, denn man hat ein neues Album am Start, und möchte alles tun, um es bestmöglich zu promoten. Aber am Ende des Tages, wenn man dann auch teilweise nur dreißig Sekunden hat bis das Telefon erneut klingelt. Aber was muss, das muss... (lacht)

Martin:
Das kann ich mir ansatzweise vorstellen. Sprechen wir über das neue Album "Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken". Ihr habt diesmal in Dänemark aufgenommen, richtig? Wie kam es dazu? Und wie war es denn überhaupt nach einer für eure Verhältnisse relativ langen Zeit wieder im Studio zu sein?

Joacim:
Nun, die Idee hinter der Wahl des Studios in Dänemark war einfach die, dass wir einen Ort gesucht haben, der weder zu nah, noch zu weit weg von unserer Heimat ist. Er sollte nicht zu nah sein, weil wir ohne Ablenkung von beispielsweise den alltäglichen Dingen sein wollten, die nun mal zu Hause anfallen. Die Konzentration sollte eben ganz und gar auf die eigentliche Arbeit gerichtet sein, und wir wollten nicht jeden Tag nach Hause können. Aber das Studio war dennoch nah genug, um hin und wieder mal ein Wochenende mit der Familie zu verbringen, was natürlich auch wichtig ist. Ich habe dann einfach im Internet geschaut, und habe schlicht und einfach die Worte "Studio" und "Dänemark" eingegeben und das war's. Wir haben uns schließlich mit unserem Produzenten Charlie Bauerfeind die Gegebenheiten vor Ort angeschaut. Wir fanden dort optimale Bedingungen. Als dann dort auch für Mahlzeiten und Unterkunft gesorgt war, haben wir dort aufgenommen. Viele Leute haben sich gewundert, weil dort bislang wenig Metal-Bands gearbeitet haben. Aber es kommt doch weniger auf das Studio an, sondern vielmehr, mit wem man arbeitet. Die ganze Studioarbeit war dann sehr nett und vor allem sehr entspannt.

Martin:
Durch Oscars Verletzung, die er sich bei einem Motorrad-Unfall zugezogen hat, kam es zu der nicht geplanten Verzögerung. Hat die Zwangspause irgendeinen Einfluss auf das Ergebnis gehabt?

Joacim:
Hmm... vielleicht in einem positiven Sinne. Wir hatten dadurch natürlich mehr Zeit an den Songs zu feilen, und vor allem um über die Vergangenheit nachzudenken. Denn seit wir touren, also ab der Zeit nach der ersten Platte, dreht sich eigentlich alles im Kreis. Wir machen eine Platte, promoten sie und gehen auf Tour, und nach einer kurzen Pause geht alles wieder von vorne los. Diese sechs Monate extra haben uns letztendlich nur gut getan, denke ich.

Martin:
Habt ihr denn nun einen verstärkten Druck gefühlt? Ich kann mir vorstellen, je mehr Erfolg man in der Vergangenheit hatte, umso stärker wird der Druck mit jeder neuen Platte...

Joacim:
Ja, Druck in gewissem Umfang ist ja immer da, das ist klar. Den legt man sich natürlich auch selber auf. In meinem Fall kommt es vor, das ich Gesangsharmonien schreibe, und dann beim ersten Mal, wenn ich sie höre, feststelle, dass ich mich nur wiederhole. Das ist ein wenig gefährlich. Dann muss man neu anfangen, und irgendwann ergibt sich eine Arbeitsweise wie aus einem Guss, und es passt einfach.

Martin:
Was war denn eigentlich der Grund 'Blood Bound' als Single auszukoppeln? Meiner Meinung nach gibt es auf dem Album noch ganz andere Titel, wie 'Hammer Of Justice' oder 'Born To Rule', die mindestens so gut geeignet wären. Ist euch die Entscheidung schwergefallen?

Joacim:
Nein, eigentlich überhaupt nicht. Schon als der Titel geschrieben wurde, war schnell klar, das er als Single in Frage kommt. Er ist heavy genug für die True-Metal-Fans und gleichzeitig sind Hookline und Melodie so stark, dass der Song sich auch in kommerzieller Sicht, also theoretisch für Radio und hoffentlich auch für's Fernsehen eignet. Nein, wir hatten noch nicht mal eine Diskussion darüber. Deine Meinung spricht natürlich für uns und die Qualität des gesamten Albums. (lacht)

Martin:
Ich verfolge eure Musik schon seit den frühen Anfängen. Euer Line-Up ist seit dem Debüt "Glory Of The Brave" (1997) ja mit einer Ausnahme absolut konstant. Was macht euer frühere Drummer Patrik, der nach der Tour zur zweiten Platte von Anders Johansson ersetzt wurde, heute? Habt ihr noch Kontakt?

Joacim:
Das Letzte, was ich von ihm gehört habe, ist, dass er sich beim Armdrücken den Arm gebrochen hat. [Ah, ja... - Anm. d. Verf.] Frag mich nicht, wie. Ich habe keine Ahnung. Er spielte nach HAMMERFALL in einer Band namens JUGGERNAUT und hat mehrere Demos aufgenommen, aber es passierte nicht wirklich viel. Ich denke, mittlerweile ist er auch nicht mehr dabei. Er tut jedenfalls nichts Ernsthaftes.

Martin:
Als ihr vor zwei Jahren in Hamburg gespielt habt, habe ich euren Bassisten Magnus für eine Radiosendung interviewt und ihn dabei auch gefragt, wie er euren ersten Wacken-Auftritt 1997, der ja praktisch der erste richtige und große Gig für HAMMERFALL überhaupt war, in Erinnerung hat. Er sagte, ihr wärt wahnsinnig nervös gewesen und auch spieltechnisch sei einiges schief gelaufen. Ich habe den Auftritt als grandios in Erinnerung...

Joacim:
Ich erinnere mich auch an eine unglaubliche Nervosität. Das war extrem. Wir hatten förmlich Angst vor dieser riesigen Bühne. Ich hatte so etwas ehrlich gesagt noch nie gesehen. Ich weiß noch, wie alle Leute vor der Bühne gejubelt haben. Als wir nur auf die Bühne gegangen sind, haben die Fans schon gesungen, das werde ich nie vergessen. Und ich möchte lieber keine Aufnahme dieses Gigs hören, denn ich denke, es hat vom spieltechnischen Aspekt her betrachtet nichts geklappt. Schön, dass es offensichtlich vielen Leuten gefallen hat, aber mit der Erfahrung, die wir heute haben... (lacht)

Martin:
Die nächste Frage liegt recht nahe, da Powermetal.de ein Online-Magazin ist. Wie stehst du allgemein zu Online-Magazinen?

Joachim:
Nun, gerade was News angeht, sind eure Magazine natürlich unschlagbar, aber ich persönlich lese ungern Online-Artikel. Für Interviews und Stories ziehe ich gedruckte Magazine meist vor. Ich bin da sehr old-fashioned, sorry... (lacht). Aber wir unterstützen euch, wo wir können.

Martin:
Okay, das ist sehr ehrlich und ehrt dich. Ihr spielt dieses Jahr u. a. auch auf dem fantastischen Sweden Rock Festival, also wieder auf einer sehr großen Bühne, vermutlich wieder vor sehr enthusiastischem Publikum, nur eben diesmal in eurer Heimat. Was können die Fans dort von euch erwarten?

Joacim:
Ja, im Prinzip dasselbe wie Fans überall auf der Welt. Wir geben auf der Bühne alles, und auch wenn es für uns natürlich schön ist, mal wieder zu Hause zu spielen, geben wir immer alles – egal wo wir spielen – und im Gegensatz zu unserem letzten Auftritt dort, haben wir diesmal die Möglichkeit die volle HAMMERFALL-Show aufzufahren. Und, hey, wir spielen unmittelbar vor ACCEPT! Das wir ein ganz spezieller Tag. Ein magischer Freitag... (lacht)

Martin:
Ich möchte noch kurz zu deinem großartigen Solo-Album "Beyond The Gates" aus dem letzten Jahr kommen. Hast du bereits Pläne für weitere Scheiben?

Joacim:
Ja, definitiv! Meine Plattenfirma hat schnell die Option auf ein weiteres Album gezogen, aber ich werde erst nach dem Sommer, vielleicht auch noch später, daran arbeiten können. Und wenn es auch zwei Jahre dauert, bis ein neues CANS-Album erscheint, so ist sicher: Es wird kommen!

Martin:
Gut, zunächst steht ja auch HAMMERFALL mit einem neuen und sehr starken Werk in den Startlöchern. Hast du abschließend noch etwas in Richtung unserer Leser, das du unbedingt loswerden möchtest?

Joacim:
Zunächst einmal möchte ich allen Fans danken, die uns über die Jahre unterstützt haben. Ohne sie wären wir nichts. Ich hoffe, das neue Album gefällt euch, und wir sehen uns alle auf den anstehenden Konzerten. Bis dahin: Stay Metal!

Martin:
Joacim, vielen Dank für das Interview und alles Gute für die anstehenden Aufgaben!

Redakteur:
Martin Stark

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