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Gruppentherapie: KARNIVOOL - "Asymmetry"

25.07.2013 | 10:49

Herausfordernder Down-Under-Prog wütet in der Redatkion und hinterlässt nicht überall Freudentränen.

Von einer "70-minütigen Nerv-Orgie" bis zum "Album des Jahres", KARNIVOOLs neuer Streich "Asymmetry" löst in der Redaktion viele Emotionen aus. Der Chef ist äußerst angetan und verteilt in seiner Rezension glatte neun Punkte. Aber der Titel ist Programm, leicht verdaulich ist das neue Werk nicht geworden. Woran einige zu knacken hatten oder was für Jubelstürme sorgt, lest in unserer Gruppentherapie!

So ist das halt für den Vize: Man hat ein Post-it vom Chef am Monitor, dass er gerne möchte, dass man seine miese Note für diese ach so tolle Band für die Gruppentherapie begründet. Bloßstellerei ist das, jawohl, nichts anderes, denn es weiß ja jeder, dass ich froh bin, wenn man mich mit diesem anspruchsvollen und künstlerisch wertvollen transmetallischen Kram verschont. Was soll ich da groß schreiben? Dass schon nach zwei Minuten Intro der Kopf auf der Platte aufschlägt? Dass das loopige Schlagzeug mir eine äußerst unangenehme Gänsehaut verpasst und ich die trippigen Parts ohne Gitarren zum Davonlaufen finde? Dass die TOOL-Anleihen weniger Atmosphäre haben als beim Original und ich schon selbiges eher lauwarm finde? Dass ich den Gesang nölig und androgyn finde und beides nicht für positive Eigenschaften halte? Dass die Rhythmik mich die komplette Scheibe über so nervös macht wie eine Schmeißfliege, die 70 Minuten lang in der Neonlampe ausrastet? Dass die zu allem Überfluss im fünften Song plötzlich auch noch auftauchenden Screamo-Anfälle die Sache nicht besser machen? Wisst ihr alle eh schon? Gut. Habenseite? Ja, die gibt's überraschenderweise auch! Die Produktion hat eine recht hübsche Dynamik, der Sänger hat auch ein paar packende Momente, und die Band ist tatsächlich in der Lage, nicht nur zu plätschern, sondern auch mal ein bisschen heavy zu sein und die Keule ins Fäustchen zu nehmen, was für das Genre ja nicht allzu typisch ist. Die Band weiß genau was sie tut, macht das handwerklich perfekt und wird bei der Zielgruppe bestimmt voll einschlagen wie Bömbchen, wenn sie auf alternatives, progressives, vertracktes und atmosphärisches Geleier steht, das sich auch mal zu einem halben Doomriff versteigt. Zur Zielgruppe gehöre ich nur leider nicht einmal ansatzweise. Somit belegt dieser Beitrag nur meine, das Genre betreffende Ignoranz, zu mehr taugt er nicht. Danke für die Aufmerksamkeit, ich höre jetzt lieber HELVETETS PORT.

Note: 4,5/10
[Rüdiger Stehle]

 

"Asymmetry" müsste mir eigentlich gefallen. Ich habe auch versucht, das Album zu mögen, es ist mir aber bisher noch nicht wirklich gelungen. Warum? Nun, wenn das Album andersrum konzipiert wäre, würde mein Urteil wahrscheinlich besser ausfallen. 'The Refusal' lässt mich zwar zwischendurch aufhorchen, doch richtig los geht es für mich erst mit 'Eidolon'. Und fortan bin ich voll dabei, finde die verrückten Dissonanzen wunderschön, entdecke die Vielfalt des Gesangs und habe Freude an den Versuchen, die Eins im Groove zu finden. Doch die erste Hälfte ist "Asymmetry" irgendwie nur einfach da. Der Spannungsbogen wird viel zu schnell aufgegeben, der Gesang überzeugt nicht und die Dissonanzen sind nicht genial, sondern nerven einfach. Doch wie gesagt: 'Asymmetry' ist meine persönliche Einleitung zum Album. Warum das so ist, kann ich immer noch nicht ganz genau sagen, dass muss ich wohl zwischen "Asymmetry" und mir austragen. So verbleibe ich mit einer 6,5, die eigentlich mindestens eine 8,0 sein müsste.

Note: 6,5/10
[Jakob Ehmke]

 

Im Prinzip könnte ich in weiten Teilen copy/paste mit Jakobs Beitrag betreiben. Denn auch mir müsste das vorliegende Werk aus Down Under eigentlich gefallen. Ich habe jedenfalls fest damit gerechnet und "Asymmetry" vor Erscheinen als einen persönlichen Kandidaten auf den Titel "Album des Jahres" gehandelt, da ich durch die letzten beiden Alben ein wirklich großer Liebhaber der Band geworden bin. Und nun sitze ich hier, höre die neuesten Kreationen KARNIVOOLs zum x-ten Mal und schwanke zwischen Ernüchterung, leichter Freude und sogar einer kleinen Portion Gleichgültigkeit. Und Letzteres tut ziemlich weh. Das liegt primär, weshalb ich hier erneut mit obigem Kollegen konform gehe, an der ersten Hälfte des Albums. Es passiert gefühlt einfach zu wenig, was einen aufhorchen lässt. Im Gegensatz zu Rüdiger kann ich auch mit Beschaulichkeit etwas anfangen, aber diese gibt es hier in einer so queren Form, dass ich mich darin nicht fallen lassen kann. Der Albumtitel ist somit durchaus Programm. "Meine" KARNIVOOL, die mich zuletzt im CD-Spieler und auf den Brettern so begeistert haben, erkenne ich daher auch häufig gar nicht wieder. Wenn "Asymmetry" dann jedoch endlich mal auf den Punkt kommt ('Aeons', 'Eidolon'), bin ich direkt Feuer und Flamme. Wäre die gesamte Platte derartig, würde ich eineinhalb Punkte mehr vergeben - allerdings wird meine aufkeimende Euphorie zu häufig unmittelbar wieder im Keim erstickt. Da ich ursprünglich gehofft (und erwartet) hatte, zweieinhalb bis drei Zähöer mehr vergeben zu können, kann man hier schon von einer recht großen Enttäuschung sprechen. Vielleicht tut die Zeit hier noch ihre Wirkung. Ich wünsche es mir so sehr.

Note: 7,0/10
[Oliver Paßgang]

 

Im Gegensatz zum Kollegen Oliver kenne ich das bisherige Schaffen KARNIVOOLs nur oberflächlich und hatte im Vorfeld keine Erwartungen an das neue Album. Wenn ich die bisherigen Beiträge so lese, ist das vielleicht auch ganz gut so. Denn ich finde weder die Dissonanzen nervig, wie Jakob das tut, noch habe ich Referenzmaterial im Kopf, das bei mir die Wertung so verschlechtern würde wie bei Oliver. Ich konnte mich einfach in den Strudel einsaugen lassen, der da "Asymmetry" heißt. Zugegeben, es fiel mir schon leichter, mit einem Album warm zu werden. Aber bei KARNIVOOL hatte man dieses Mal eine ziemlich genaue Vorstellung von dem, was man auf die Platte packen wollte. Das Konzept der Gegensätze und Widersprüche muss einem in der Tat erstmal gefallen. Erstaunlicherweise läuft unserer Oldschool-Prog-Fraktion am besten rein, der ich mich bei KARNIVOOL absolut anschließen kann. Auch wenn ich nicht mit jedem Punkt auf "Asymmetry" einverstanden bin, ist es für mich ein kohärentes Album mit vielen Reizen. Schade bloß, dass es bei einigen von uns nicht genug Zeit gab, die Reize auch entfalten zu lassen.

Note: 8,0/10
[Nils Macher]

 

Interessant, wie unterschiedlich diese Scheibe wirkt. Das Vertrackte, Unzugängliche übt von Anfang an einen unwiderstehlichen Reiz auf mich aus, mich mit "Asymmetry" näher zu beschäftigen. Dazu die großartige Stimme, typisch für den Australoternative, mit aggressiven Ausbrüchen, jazzigen Einlagen, das Ganze begleitet von leichten Dissonanzen und fertig ist mein Monatshighlight. Dass man hinten hinaus etwas eingängiger wird, ist allerdings kein Makel, da die erste Hälfte den Hörer durchaus fordert. Da gehen wie alle d'accord. Trotzdem, müsste ich einen Lieblingssong des Albums wählen, würde er sicher weiter vorne stehen, auf Seite 1 sozusagen. Denn da empfinde ich die Gegensätze als noch spannender als hinten hinaus, aber großartig ist hier trotzdem alles. Das einzige, was ich auch anbringen würde, ist dass der Vorgänger sogar noch etwas besser ist, aber das mag sich mit der Zeit noch ändern, denn "Asymmetry" braucht vor allem das, Zeit. Und die biete der SC leider nicht immer in ausreichendem Maße.

Note: 9,0/10
[Frank Jaeger]

 

"Asymmetry" ist ein komplexes Progalbum geworden, das jedem, der gerne ein wenig mit der Musik arbeiten will, genügend Knobelaufgaben stellt. Doch mit dieser Einschätzung allein wird man dem Album noch nicht gerecht. Mann hätte denken können, dass die Fähigkeiten, Hits mit eingängigen Refrains zu schreiben, und damit das Tor zu größerem Publikum noch weiter zu öffnen, ausgebaut werden. Aber nein, KARNIVOOL verbrüdert sich auf "Asymmetry" mit anderen nerdigen Artgenossen wie AMPLIFIER ("The Octopus") oder OCEANSIZE ("Frames"). Damit meine ich nicht explizit die Musik, sondern die Attitüde und den Willen, ein monumentals, modernes und eigenständuges Prog-Epos zu schreiben. Der einzelne Song hat auf "Asymmetry" kaum mehr Gewicht, die Schwerkraft baut sich zwischen Intro 'Aum' und Outro 'Om' eher allmählich auf, versucht auf Wolken aus Sternenstaub zu entschweben und entlädt sich dann doch immer wieder in progressiven Kugelblitzen. Das ist einfach wahnsinnig geil und macht "Asymmetry" bislang zu meinem immer noch wachsenden Jahreshighlight. Die einzig überflüssigen Töne, lieber Peter, sind das corige Geschrei bei 'The Refusal', das weder zur Musik noch zur Stimme passt und damit eine zehn verhindert. Diese Note wäre aber sowieso zu rund für "Asymmetry".

Note: 9,5/10
[Thomas Becker]

 

Mehr zu diesem Album:

Soundcheck 06/13

Review von Peter Kubaschk

Redakteur:
Nils Macher

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