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Gruppentherapie: ISVIND - "Gud"

11.07.2015 | 17:19

Nach 15 Jahren Dornröschenschlaf ist mit dem norwegischen Abrisskommando ISVIND seit 2011 wieder im Zweijahrestakt zu rechnen, auch heuer wieder mit starker Platzierung.

Dass das vierte Studioalben der eiswindigen Gesellen aus dem hohen Norden bei einem in der Wolle schwarz gefärbten Nordwurzler wie mir in der Einzelrezension zum wiederholten Male die vollen Punkte einstreicht, das mag für viele von euch nicht allzu überraschend kommen. Wenn die neue ISVIND-Scheibe aber zudem in einem Soundcheck, dessen Team in diesem Monat nicht allzu schwarzmetallisch besetzt ist, aufs Stockerl schneit, obwohl die Band ihren archaisch-norwegischen Wurzeln rundum treu bleibt, dann ist das schon ein genaueres Nachfragen wert, weshalb ihr hier ein paar Antworten des Kollegiums findet, die euch erklären, warum sie gerade bei dieser Band auf den schwarzen Pfad gefunden haben, und warum selbst die Plüschhasen und Modernohren hier nicht zu weniger als siebeneinhalb Punkten greifen. [RS]


Ende Mai/Anfang Juli: Die Tage werden länger, die Gräser grüner, die Vögel lauter, die Sonne wärmer. Während kunterbunte Happy-Metal-Melodien und unbekümmerte Hardrock-Perlen für dieses Szenario wohl am geeignetesten wären, greift die schwarzmetallische Front in diesen Wochen zu "Gud", dem neuen Brocken der Norweger von ISVIND. Nachdem das Unterfangen "Black Metal" bei Goblin und seinen Kumpanen im letzten Jahrzehnt ins Stocken geriet, rollt die Maschinerie seit "Intet Lever" wieder auf Hochtouren. So steigerte sich die Truppe aus Oslo seitdem stetig, bis nun mit “Gud“ ihr bis dato bestes Werk den Frühsommer anschwärzt. Die 90er-Jahre lassen jedenfalls düstere Grüße da, ISVIND macht seiner norwegischen Heimat alle Ehre und schubst den Hörer in ein bedrückendes, tiefgründiges Tal voller Finsternis und Bosheit. Vom beginnenden 'Flommen' an wird eine tolle Atmosphäre aufgebaut, die sich vor jener von vor zwei Dekaden nicht zu verstecken braucht. Zwar scheint nach 'Spiret' die Sonne wieder etwas heller und langsam zwitschern auch die Vögel wieder, doch zumindest für gewisse Zeit lässt "Gud" den inneren Dämon von der Leine. Ich will euch nicht den Sommer vermiesen, doch mit einer Veröffentlichung im tristen November hätte ISVIND nah an der Höchstpunktzahl gekratzt.

Note: 8,5/10
[Marcel Rapp]


Meine Affinität zu Black Metal im Allgemeinen ist nicht besonders hoch, aber ISVIND gehören seit jeher zu den Bands dieses Genres, die mir sehr gefallen. Das ist umso erstaunlicher in Anbetracht der Tatsache, dass die Osloer eine doch eher rohe und urtümliche Variante der Schwarzkunst spielen - so auch auf "Gud". Letztlich ist die Begründung aber gar nicht so spektakulär, denn ISVIND vermeidet einfach die Klangfarben und Stilmittel, die bei vielen anderen Panda-Truppen eben den entscheidenden Meter über meine Schmerzgrenze hinaus gehen. "Gud" ist dunkel und böse, aber das Teil kann eben auch amtlich rocken, man lausche einem Song wie 'Dåren'. Die Gitarrenwände klingen nicht nach kaputtem Rasenmäher, sondern sind angenehm differenziert, durchaus abwechslungsreich und für BM-Verhältnisse von fast schon wohlig warmem Klang. Der bedrohlich grollende und knurrende Gesang passt hervorragend ins Bild und klingt eben nicht so keif-kreischig wie eine Gabel, die auf Alu-Campinggeschirr rumkratzt. Und das Allerwichtigste: ISVIND streut immer wieder genau im richtigen Moment melancholisch-melodische Elemente ein, wie die sehr schöne weibliche Stimme im Opener 'Flommen' oder besonders raffiniert in den Strophen von 'Giften'. Auch wenn BM-Experten bei diesem Vergleich vermutlich wegrennen werden, aber ähnliche Stärken sorgen dafür, dass ich eine Band wie IMMORTAL so sehr schätze. Beide Daumen hoch für ISVIND und ein erneut exzellentes Album!

Note: 8,5/10
[Martin van der Laan]


Wie lesend ich vernahm, beelzebubt ISVIND bereits seit 1993 durch eisige Nordhöhen. Und kommt alle Jahre mit größerem Abstand mal mit einem Album um die spitzbergischen Ecken. Da steig ich ein und eine Damenstimme flötet mir entgegen. "Oh, experimenteller als so manch anderer Corpse-Paint-Verband...", denke ich noch so bei mir und dann geht das Gewitter los. Was ich am Black Metal immer zu schätzen gelernt habe, ist die Kompromisslosigkeit der zumeist skandinavischen Schwärzlinge. Anderserseits liegt dort zumeist auch die Robbe im Packeis festgefroren: Viele Black-Metal-Geschichten werden auf Länge immer öder. Bei diesem ISVIND bemerke ich jedoch ein gewisses Interesse, dass sich auf meine Stimmung schlägt. Ödnis herrscht nur auf der Albumverpackung. Eine unterkühlte Stimmung wechselt mit schönen Riffvariationen, dabei kann man sich aber auch jederzeit auf die Stakkato-Krake an den Drums verlassen. 'Tronen' zum Beispiel hat einen famosen Endpart, der so ziemlich alles aus den knarzigen Gitarren herauskratzt. Dass die Norweger bei ihrer knochigen Heimatsprache bleiben, ist konsequent stilecht und zu begrüßen. Der Versuch, eine der Soundlawinen besonders hervorzuheben, verfällt, da das Album als gesamter Monolith erst so richtig wirkt. Und wenn ich als einer, den das Gift des Black Metal nur in besonderen Momenten streift, ein ganzes "Gud" am Stück hören kann, dann ist das für mich ein Zeichen für gelungene Extremmusik.

Note: 7,5/10
[Mathias Freiesleben]


Die Kollegen haben schon alles Wichtige ganz richtig dargestellt. Auch bei mir ist es diese punkige, gar dunkelthronsche Note, welche mich hier so richtig antörnt. 'Ordet' auf die Ohren und der Schnee ist in exakt 4:22 Minuten weggeschüppt - nur damit die Einfahrt anschließend zufrieren kann. Ja, auch im Hochsommer. Probiert es aus. Aber zurück zu "Gud": Die Kunst ISVINDs hierdrauf ist es, das Primitive und Rohe so unglaublich spannend klingen zu lassen. Dass es dazu keinerlei neuer Elemente bedarf, die das "Post"-Attribut zur Folge hätten, finde ich richtig stark. Wunderbar gibt es hier auf die Dreizehn, aber nicht aus einem konstruierten Hass gegen irgendwas oder irgendwen, sondern dem archaischen Gefühl heraus, das man genau mit dieser Intensität durch die weißen Wälder zu stapfen hat. Klanglich ist "Gud" zudem fantastisch inszeniert: fantastisch rau, aber auch fantastisch differenziert. ISVIND präsentiert hier schon ein verdammt rundes Ding im geradlinigen, ehrlichen Black Metal mit Herz und was von der Seele halt noch so übrig ist. Punktabzug gibt es bei mir nur für den etwas zu ähnlichen Fluß der Songs und aufgrund des Wissens um den minimal besseren Vorgänger.
PS: Und jetzt aber mal im Ernst, Leute: Drei Beiträge mit durchweg guten Noten und keiner benutzt den Albumtitel für ein Wortspiel? Na "Gud", dann werde ich mir diese Blöße natürlich auch nicht geben.

Note: 7,5/10
[Oliver Paßgang]


Wow! Selten geht mir reinrassiger Metal so gut rein, wie bei ISVIND. Aber norwegischer Black Metal ist mir irgendwie auch ein heiliger Stil geworden, obwohl ich auch hier weit weg vom Allesgutfinder bin. Vor allem "punkig" und "räudig" verknüpft sich bei mir immer mit schlimmer Musik. ISVIND verbreitet aber niemals diese widerliche "wir sind schlecht und auch noch stolz drauf"-Attitüde. ISVINDs rasend schnelle Musik verbirgt wie schon auf "Daumyra" einen Wirbelsturm an Melodien. Und man hört alles, sogar die Basslinien! Sind diese Grundvorraussetzungen gegeben, kann mich JEDE Musik mitreißen. Und Gründe, warum ISVIND dies tut, haben alle Kollegen schon genannt. Die Musik kennt keine Kompromisse, lässt auch einfach mal los und alle Energie frei, hält die norwegische Flagge hoch und bringt - auch wenn sie das vielleicht gar nicht will - auf ganz natürliche Weise das Gletschereis zum Schmelzen. Komischerweise kam ich mit "Daumyra" noch etwas schneller klar und musste "Gud" etwas öfter drehen, bis es Knulz gemacht hat. Doch dann wirkt die Musik wie ein Wasserfall-Bad bei 35 Grad Hitze. Wahnsinnig erfrischend!

Note: 8,0/10
[Thomas Becker]

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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