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Gruppentherapie: HATCHET - "Fear Beyond Lunacy"

19.11.2015 | 11:33

HATCHET war weiten Teilen der Redaktion scheinbar bis vor Kurzem so gar kein Begriff, konnte aber dank extrem homogener Noten dennoch in unserem sonst so buntgescheckten Soundcheck den zweiten Platz (punktgleich mit RAMs "Svbversvm") einheimsen. Heile Welt also? Lest selbst:

Nicht so einfach, dem, was unser lieber Holg in seinem Review geschrieben hat, inhaltlich noch etwas hinzuzufügen. HATCHET spielt old-school Thrash Metal mit oft angenehm-melodischen Gitarren und einem giftigen Sänger. Der Sound ist professionell: druckvoll, trocken und klar. Somit sind alle Voraussetzungen geschaffen, sowohl dem alten Kauz von 1985 als auch dem jungen Thrash-Hüpfer von 2015 zu gefallen. Allerdings: Ich bin nur in den seltensten Fällen Thrasher, leider auch nicht bei HATCHET. Ich werde der Musik jetzt jedoch nicht vorwerfen, dass sie ist, wie sie ist, weil sie offenbar so ist, wie sie sein soll. Und mir gefallen viele der filigranen Leads von HATCHET auch sehr gut, aber vor allem dieser EXODUS-mäßige Genre-Gesang ist für mich, wie bei vielen anderen Thrash-Combos, zu stimm- und damit zu farblos. Ohrwürmer bleiben da leider nicht hängen. Und nach einer Dreiviertelstunde Riff-Salve an Riff-Salve und High-Speed-Hoppeldrumming bin ich auch ein wenig ermüdet. Weil einfach die Überraschung fehlt. Die Musik ist zu vielen Regeln hörig, folgt diesen zwar mit Fleiß und Akribie (Strebertum?), wirkt aber dadurch insgesamt fast brav. Was SLAYER dazu sagen würde?

Note: 6,5/10
[Thomas Becker]

Ihr sucht deftige Klänge zum kommenden Fest der Liebe? Anstatt jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, zollt ihr lieber Bay-Area-Legenden wie EXODUS oder DEATH ANGEL Tribut und schüttelt fleißig eure Matte? Die Thrash-Metal-Renaissance habt ihr mit sehr viel Freude vernommen und euch Bands wie HAVOK, FUELED BY FIRE, WARBRINGER und BONDED BY BLOOD anlachen können? Warum habt ihr dann noch nicht "Fear Beyond Lunacy" im Regal stehen? Kinder, Kinder. Wer 2013 schon "Dawn Of The End" mochte, wird auch vom aktuellen HATCHET-Album in den Bann gezogen werden. Mit einigen richtigen Krachern im Gepäck ('Living In Extinction', 'Dead And Gone'), amtlichen Abrissbirnen ('Lethal Injustice', 'Tearing Into Hell') und dem einen oder anderen, mehr als gelungenen Ausrufezeichen ('In Fear We Trust') machen die Bay-Area-Thrasher auch 2015 sehr viel richtig und sitzen einmal mehr in der ersten Reihe, wenn es um die Frage nach der Thronfolge geht. Zwar müssen wir uns diese aktuell noch nicht stellen, doch es ist gut zu wissen, dass uns auch in zehn, zwanzig Jahren neue Thrash-Kost nicht ausgehen wird.

Note: 8,5/10
[Marcel Rapp]


Was wohl SLAYER zur neuen HATCHET sagen würde? Falls den Herren über die Jahre nicht der Sinn für guten Thrash abhanden gekommen sein sollte, würde die Antwort auf diese Frage des Kollegen Becker wohl "Sehr gut gemacht, Jungs!" lauten. Denn HATCHET versteht es einfach, den klassischen Thrash so spritzig und energiegeladen zu spielen, wie es die jungen Wilden des Thrash-Revivals taten, aber mit dem kreativen Songwriting, das die Originale in den 80ern auszeichnete. Dazu gibt es wieder verdammt coole Gitarrensoli und Riffs zu hören, die in diesem Genre ganz klar zur Spitze gehören, und einen angenehm hohen, wütenden Sänger. Das ist Thrash, wie er sein soll und dafür gibt's die entsprechende Note. HATCHET? Find ich gut!

Note: 8,5/10
[Raphael Päbst]

An sich kann man Holgs Worten nicht viel hinzufügen, außer eventuell nach einer Erklärung zu suchen, warum die Jungs erst jetzt so richtig durchstarten. Dabei hätten die Burschen aus der Bay Area die besten Vorrausetzungen mitgebracht um schon mit ihrem Debüt "Awaiting Evil" durch die Decke zu gehen, unter anderem, weil HATCHET einen fulminanten (wenn auch in dieser Zeit noch ein wenig holprig-rumpligen) Mix zu kredenzen wusste. Obendrein wäre ihnen auch noch ihre Herkunft in Sachen Authentizität zugute gekommen, dennoch wurde es nichts mit einem Durchmarsch, sondern schon recht bald nach dieser Veröffentlichung merkwürdig still. Mit ein Grund für die Untätigkeit in den letzten Jahren dürfte die offenbar sehr schwierige Personalsituation gewesen sein: Von der Original-Besetzung ist einzig Julz Ramos mit von der Part(y)ie, während die Anzahl der Ex-Bandmitglieder in Summe inzwischen im zweistelligen Bereich liegt. Doch die Band hat nicht aufgegeben, scheint es jetzt so richtig wissen zu wollen und kredenzt ein fett produziertes Thrash-Metal-Brett, das von Anfang an durch filigranes, technisch versiertes, aber dennoch punktgenaues, genickbrechendes Riffing besticht. Experimente? Innovation? Fehlanzeige. Das alles hat HATCHET noch immer nicht nötig. Wozu auch, diese Jungs wissen ganz genau, was der Fan erwartet, wenn sich eine Band aus der Bay Area mit Thrash Metal vorstellt. Weitere Fragen? Wohl kaum, oder?

8,5 von 10
[Walter Scheurer]


Mehr zu diesem Album:

Review von Holger Andrae.
Soundcheck 10/2015

Redakteur:
Simon Volz

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