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Gruppentherapie: DEVIN TOWNSEND - "Z²"

30.10.2014 | 21:56

Ziltoid, Captain Spectacular und War Princess entern den Thron des Oktober-Soundchecks und erzwingen eine Gruppentherapie. Welcome the army of Poozers!

Ziltoid - The Omnicient befördert Devin Townsend an die Spitze des Oktober-Soundchecks. Ziltoid diktiert der Bewertungscrew ihre Noten von der vierten Dimension aus. Zuerst bezirzt er uns mit der War Princess, lockt dann mit dem Captain Spectacular, doch wer nicht mitzieht, wird es mit dem Planet Smasher zu tun bekommen. Und ganz Widerstandsfähige wie Rüdiger (6 Punkte), bekommen das Volk der Poozers auf die Pelle gehetzt. Tja, es hätte auch Sex mit der War Princess sein können, Herr Stehle ("A rather grumpy creature, she lusts for power...", wenn das nicht Metal ist!). Für ein solches Erlebnis zücken manche schonmal die Höchstnote, andere zumindest die Hälfte der Höchstnote. Und wiederrum andere denken die ganze Zeit nur an Anneke van Giersbergen. Oder MANOWAR. Ach, lest doch einfach selber...






Ihr wollt wissen, warum ich hier die Höchstpunktzahl zücke? Nun, dieser Devin Townsend ist einfach genial, diese Scheiben sind einfach genial, diese Songs sind einfach genial. Als großer Fan der "Ziltoid"-Geschichte von 2007 stellten sich mir natürlich die Ohren auf, als HevyDevy seine neueste Doppel-Veröffentlichung ankündigte.

Widmen wir uns zunächst dem ersten Teil und eigentlichen "Epicloud"-Nachfolger des Devin'schen Rundumschlags "Sky Blue". Es entpuppt sich als ein unglaublich ausdrucksstarkes und homogenes Album, bei dem jede einzelne Note piekfein an die richtige Stelle gesetzt wurde. Die Epik und Atmosphäre überzeugt, und Gastsängerin Anneke van Giersbergen verleiht der Musik einen eleganten Touch. Auch die Melodien und Bombast-Einsätze passen zu den Arrangements wie die Faust aufs Auge. "Sky Blue" macht seinem Namen alle Ehre, ein Album zum Eintauchen, Träumen, Entspannen. Man kann dem inneren Kopfkino freien Lauf lassen, es ist eine sinnliche Massage für die Ohren und somit eine wahre Wohltat. Kollege Ehmke stellt es in seiner Rezension schon bestens dar: Stücke wie 'Universal Flame', 'Before We Die' und 'Rain City' sind einfach für die Ewigkeit geschrieben und entfalten im Laufe der Platte ihre Wohlfühl-Wirkung.
Im krassen Kontrast dazu lässt Devin Townsend im zweiten Teil "Dark Matters" sein Alien aus der vierten Dimension - Ziltoid The Omniscient - nach sieben Jahren wieder auferstehen.  Das spektakuläre Song-Arsenal erinnert von seinem Wesen her einem bombastischen, hochvirtuosen Opernauftritt, bei dem aber auch harte Gitarren nicht fehlen. Neben Ziltoid werden auch noch weitere interessante Charaktere im den Vordergrund gestellt und in eine unglaublich unterhaltsame Story integriert. "Dark Matters" hat jede Menge Ecken und Kanten und ist in jeder Hinsicht genau das, was man sich von einem "Ziltoid"-Nachfolger erhofft: Wahnsinn, Spannung und Entertainment pur. DEVIN TOWNSEND weiß eben, wie er seinen kleinen Liebling perfekt in Szene setzt und ihm Ausdruck verleiht.
"Sky Blue" und "Dark Matters" verdienen schon für sich genommen eine enorm hohe Bewertung, doch gerade in Kombination entfachen diese beiden Werke ihre gesamte Wirkung. Entspannung vs. Spannung, Simplizität vs. Komplexität, Bodenständigkeit vs. Alien-Geschichten vom anderen Stern. Einfach genial!

Note: 10/10
[Marcel Rapp]





Ach, du meine Nase, wo soll ich denn hier beginnen? Das sind ja mehr als zwanzig Song-Beiträge. Und dann noch unseren begeisterten Jakob, geradezu einen Euphorie-Ehmke im gebeugten Rücken sitzen (und was ist mit unserem Enthusiasmus-Rapp? T.B.). Dabei bin ich bereits nach drei gehörten Stücken der ersten CD platt, voll, zu oder überfahren. Massen von Tönen haben sich durch mich gewälzt, Frauen sangen, Männer brummten, es eiskristallte, es stürmte, es gefror und taute, es ploppte und konterte. Was nicht alles in Devin Townsend so drin steckt! Hymnen, Musik wie aus Werbespots, wenn bärtige Models im Hochgebirge Holzhütten andeutend in Segeltuch-Jacken zusammenzimmern, Musik, die das ZDF in seinen Sportgroßereignissen unter die stimmungsvollen Zusammenfassungen legt. Ha! - Da! 'Universal Flame' - der nächste Olympia-Song! Da fällt mir auf, dass ich selten so viel Hall und Echo in einem Album gehört habe, so vordergründig und festgeklebt ist der Produzentenfinger auf dem azurblauen Button "Weite". Der daneben heißt "Fläche" und ist lila, da hat der Devin draufgehauen, wenn es zu trocken, zu nicht-erhaben klang. Tja, erschlagen bin ich immer noch - wird ja nicht weniger - aber so etwas wie 'Before We Die' - das ist nicht mit meinem Gewissen vereinbar. Damit kann Mann oder Frau die Aida besteigen (keine Ferkeleien hier, ja? - R.S.). Da geht mir ein Stück zu weit Richtung Tralala. Auf dem zweiten Teil dieses Konzeptwerkes gibt es regelmäßig Erzählungen, die aus der Fantasy-Kiste kommen, oder? Hab ich nicht verstanden. Das erste Mal höre ich genauer bei 'Ziltoid Home' hin, weil es da mal etwas strikter und nicht so aufgeblasen zu Werke geht. Zumindest eine ganze Weile lang. Da geht der Refrain-Wechsel ja auch sehr in Ordnung. Habe ich "aufgeblasen" gesagt? Wollte ich nicht. Doch. Wollte ich.

Note: 5,0/10
[Mathias Freiesleben]





Oftmals kann ich den wirren Assoziationsketten von Kollege Freiesleben nur mit höchster Aufmerksamkeit, viel Fantasie und vor allem einer gewaltigen Portion Glück folgen. Im Falle von Devin Townsends neuem Doppeldecker erscheinen mir die Vergleiche jedoch nicht nur verständlich, sondern naheliegend - und absolut angebracht. Einzig mit der Bewertung gehe ich nicht d'accord. Da bin ich dann schon eher bei Herrn Rapp: "Sky Blue" ist nämlich absolutes Breitwand-Ohrenkino. Da tanzt der dicke Klang mit der hübschen Dame, welche des Meisters Intonationen wie eh und je zauberhaft unterstützt oder selbst veredelt. Mosh-Walzer-Kuschel-Disco, bloß ohne Walzer. Zwar ist das alles noch irgendwie ein Stück Metall, jedoch ein verdammt leicht zu biegendes. Vielleicht kleben auch die Hände anschließend ein wenig. Ich erwische mich selbst häufiger beim Augenschließen und (höchst unauffällig) federleicht durch die Straßen hopsen als beim Kopfnicken und Fremde aus der U-Bahn schubsen. Hört euch 'Sky Blue' an und ihr versteht. Im Gegensatz dazu ist "Dark Matters" für mich weniger ein richtiges Musik-Album als - wie Jakob in seinem Review passend sagt - ein Hörspiel oder Musical. Platten dieser Kategorie sucht man (mit Ausnahme von MANWOWARs "Gods Of War") ansonsten vergeblich in meinem Regal. Aber Devin Townsend ist anders. Devin Townsend ist besser. Devin Townsend hat Ziltoid. Die Story ist runder als die Erde (auf welcher "Dark Matters" übrigens im Wesentlichen spielt), abgefahrener als meine Fahrradreifen und zudem perfekt auf meine lachendes Gehirnareal zugeschnitten. Die musikalischen Nummern sind hier wunderbare Soundtracks. Wobei genau dies auch mein einziger Kritikpunkt an "Z²" ist: Auf "Dark Matters" könnten die Songs etwas mehr Haken und "Ich-stehe-für-mich!"-Potenzial haben. Vermutlich wurde beides im Sinne des Größeren geopfert. Unter dem berüchtigten Strich bleibt mir nichts übrig, als "8,5 + 8,5" zu schreiben, noch einen Strich zu machen und am Ende wieder "8,5" dort stehen zu haben. Der verschwiegene mathematische Zwischenschritt gilt als Eignungstest für "Z²". Viel Erfolg beim Lösen - die Belohnung lohnt sich!

Note: 8,5/10
[Oliver Paßgang]




Es ist eigentlich schon alles gesagt und jeder meiner Kollegen hat auch irgendwie recht. "Z²" ist Erlebnis-Kino. Beste Hochglanz-Popcorn-Unterhaltung für Fans, die auf Spektakel und Opulenz stehen. Wer Hobbits und Balrogs doof findet, wird auch den "Herrn der Ringe" aufgeblasen finden. Wer aber fasziniert ist, wie klein man sich neben einer kunterbunten, in allen Farben schillernden Breitwand fühlt, der ist bei "Z²" bestens aufgehoben. Ich bin für solche Musik bekanntlich sehr zu haben.
Und dennoch gibt es für mich ein paar Überraschungen. Die erste ist, dass so ein Bombast-Spektakel von Devin Townsend kommt. Bislang war das überhaupt nicht "mein" Künstler, ich habe seine Musik ja schon seit vielen Jahren nicht mehr verfolgt und eher als hart, laut und garstig in Erinnerung. Das ist "Z²" zu keiner Minute. Die zweite Überraschung ist, dass Anneke van Giersbergen hier singt. Das erklärt sich sicher aus Punkt eins, mangelnde Beschäftigung mit dem Künstler. Dann bekommt man so etwas eben nicht mit. Dritte Überraschung: Ich hätte Anneke van Giersbergen - eine meiner Lieblings-Gesangsdamen - niemals allein erkannt! Hier kommen wir sogleich zu Mathias' Punkt, nämlich "Weite" und "Fläche". Es stimmt, selten hatten Singstimmen so viel Hall und Effekt, nichtmal im Psychedelic Rock. So sehr ich auch hinhöre, ich finde Annekes charakteristisches Timbre nicht. Aber es ist mir egal. Es geht hier nicht um Feinheiten. Es geht um Opulenz. Um einen Großraum und das Füllen ebendieses Raums mit Klang. Möglichst viel, möglichst komplett. Funktioniert prima. I love it!

Note: 9,0/10
[Thomas Becker]


Ja, Thomas, wenn sie mal nur hart, laut und garstig wäre, die Platte. Metzelsupp statt Zuckerwatte. Eigentlich wollte ich ja den Nuhr geben und mangels Ahnung einfach mal die Klappe halten, aber wenn mir Kollege Becker im Intro schon verpasste Affären mit irgendwelchen Kriegerprinzessinen andichten will und meine knauserigen sechs Punkte zum Thema macht, dann will ich mich halt auch noch kurz äußern. Wo der Kollege Rapp nämlich mit Devy und Anneke auf rosa Wolken gen Horizont schippert, der Herr Paßgang sich dazu versteigt, das hier Gebotene gar besser als MANOWAR zu finden (was für ein Vergleich ist das überhaupt?) und unser Opulenz-Geometer Becker Flächen und Weiten mit Körperlängen vermisst, da bin ich leider ähnlich gelangweilt wie Bruder Mattes, der in Wattebäuschen zu ersaufen droht. Wenn ich zwei Stunden lang Sphärenklänge hören möchte, dann lege ich doch lieber die aktuelle HAWKWIND auf, weil die zum einen wenigstens zur Hälfte rockt, und weil da zum anderen charismatisch gesungen wird. Nicht falsch verstehen, Anneke van Giersbergen finde ich auf Alben wie "Mandylion" phantastisch und verzaubernd, nur - Thomas sagte es bereits - hört man die Charakteristik nicht, und auch Heavy Devy ist ein großartiger und vielseitiger Sänger. Aber dieses Easy-Listening-Geblubber auf "Z²" wirkt auf mich einfach ziellos, weichgespült und kantenfrei. Man wähnt sich in einem Fahrstuhl, der vom Toten Meer bis auf den Mount Everest geht und in dem Engel frohlocken und ihre Harfen zupfen, aber es fehlt schlicht und ergreifend der Engel Aloisius Hingerl, der hin und wieder mit einem zünftigen "'Lujah, sog i, zefix!" dazwischen fährt. Soll'a selba sauffa, sei Manna, der Devy!

Note: 6,0/10
[Rüdiger Stehle]

Mehr zu diesem Artikel:

Soundcheck 10/2014
Review von Jakob Ehmke

Redakteur:
Thomas Becker

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