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Gruppentherapie: CANNIBAL CORPSE - "Evisceration Plague"

30.01.2009 | 08:34

CANNIBAL CORPSE haben mit "Evisceration Plague" bereits ihr elftes Studioalbum eingetrümmert, was folgende Fragen aufwirft: Veränderungen oder Kontinuität? Schiere Gewalt oder Köpfchen? Wir haben die neue Schlachtplatte der Kannibalen auf Gedeih und Gedärm hin einem ausgiebigem Hörtest unterzogen.




CANNIBAL CORPSE waren immer eine Band der Extreme. Seit dem legendären Debüt-Album "Eaten Back To Life" steht dieser liebliche Name für ultrabrutales Gebolze auf höchstem Niveau mit viehischem Geröchel und madenzerfressener Splatter-Thematik. Ganz nebenbei gehört die Truppe um die verbliebenen Gründungsmitglieder Alex Webster und Paul Mazurkiewicz zu den kommerziell erfolgreichsten Death-Metal-Bands aller Zeiten. Nachdem CANNIBAL CORPSE um die Jahrtausendwende auf Alben wie "Gallery Of Suicide" oder "Gore Obsessed" einige Abnutzungserscheinungen zu zeigen schienen, fand die Truppe zuletzt auf "The Wretched Spawn" und vor allem "Kill", das die Rückkehr des göttlichen Rob Barrett an der Gitarre markierte, zu alter Stärke und Intensität zurück. "Evisceration Plague" haut nun in dieselbe Kerbe wie sein Vorgänger. Welch ein entzückendes Massaker, meine Herren!  Messerscharfe Gitarren drücken dich erst in den Sessel und zersägen dir dann genüsslich den Schädel, während sich die Rhythmusgruppe mit traumhafter Sicherheit zwischen atemberaubenden Blast-Attacken und fetten Monster-Grooves hin und her bewegt. Das ist eben das Tolle an den allermeisten CANNIBAL CORPSE-Platten: Hier wird nicht nur möglichst wild drauf los geknüppelt, sondern mit Sinn und Verstand gerädert, ausgeweidet und gevierteilt. George "Corpsegrinder" Fisher klingt dabei immer noch so, als würde er zum Frühstück jeden Morgen kleine Kinder mit rostigen Nägeln verspeisen. Geformt und strukturiert wird dieses Inferno durch tödlich präzise Breaks – kurze, geschickt platzierte, drohend grollende Ruhepausen, die das folgende Gemetzel nur noch apokalyptischer wirken lassen. Gnadenlos an die Wand nagelnde Killer-Tracks wie 'Scalding Hail' oder 'Evidence In The Furnace' trennen die wahren Todesblei-Zombies von den Schwiegermutter-Recht-Gebern im Wolfspelz. Aaaaarrrgghhhhh!!!!!
[Martin van der Laan]


So. Da steh ich nun, als eiserner Verfechter der reinen schwedischen Lehre, und darf mich mit den von mir stets geachteten aber niemals geliebten Kannibalen aus Florida befassen. Als Experte gehe ich dabei sicher nicht durch, ist die bisher einzige CANNIBAL CORPSE, die es in meine Sammlung geschafft hat, doch die perinatale Metzelei aus dem Jahre 1991. Die bot mir seinerzeit zu viel gurgeliges Geröchel und zu viel konturloses Geprügel, weshalb ich folgerichtig meine Death-Metal-Heimat an der schwedischen Ostküste fand. Doch nun ist mit "Evisceration Plague" endlich die Zeit gekommen, meine Haltung zu einer der führenden Bands des American Ways of Death Metal zu überprüfen. Und siehe da, die Überprüfung führt zur erfolgreichen Revision: Heute kann ich mit CANNIBAL CORPSE weit mehr anfangen als früher. Dass die Jungs sich spätestens mit dem Eintritt George Fishers um nachvollziehbarere Strukturen und auch um Vocals bemüht haben, welche die Texte wenigstens erahnen lassen, war mir in den letzten fünfzehn Jahren durch etliche Hörproben und Live-Begegnungen natürlich nicht entgangen, dass sich die Band allerdings mittlerweile so griffig und abwechslungsreich präsentiert, wie dies auf der neuen Langspielplatte der Fall ist, das habe ich nicht erwartet. All das auch noch, ohne die kompromisslose Härte zu verlieren. Ganz egal, ob die Band im vorherrschenden schnellen Bereich abgeht und dabei messerscharfe Blastbeats und Doublebass-Attacken fährt, ob sie beispielsweise beim starken Titelstück das Tempo mächtig drosselt, oder ob sie im gnadenlosen Midtempo brachial klingende Riffs und ratterndes Schlagwerk vom Stapel lässt: Alles sitzt perfekt und es hat trotz der extremen Ausrichtung und Stiltreue enorm viel eigenständigen Charakter. Natürlich taugen die CC-Songs auch 2009 mehr, um sich gepflegt die Rübe abschrauben zu lassen als zum Mitschmettern eingängiger Brüll-Refrains, doch es muss ja auch etwas bleiben, was die Schweden definitiv besser können als die Amis, oder? Tolle Scheibe, die mich grad ernsthaft erwägen lässt, mir die CC-Diskographie rückwärts zu erarbeiten.
[Rüdiger Stehle]


Was soll man über die US-Kannibalen noch großartig schreiben? Wo CANNIBAL CORPSE drauf steht, ist auch schlichtweg CANNIBAL CORPSE drin. Das war schon immer so. Vielleicht mit kleinen Ausnahmen wie dem Vorgänger "Kill", auf dem 'The Discipline Of Revenge' oder 'Infinite Misery' etwas mehr Wiedererkennungswert besaßen als das übliche Gebolze. Ansonsten müssen ungeübte Hörer danach aber mit der Lupe suchen. Denn auch auf dem neuen Album "Evisceration Plague" geben die Kannibalen genau so Gas, wie man es von ihnen erwartet: Mit Blastbeats ohne Ende, aufgedrehtem Drumsound, ein wenig verstecktem Gefrickel, quietschenden Gitarrensoli und obenauf des Corpsegrinders abgrundtiefes Gegrunze. Hier und da wird der Fuß mal kurz vom Gaspedal genommen, aber selbst zähfließendere Songs wie 'A Cauldron Of Hate' oder der Titelsong 'Evisceration Plague' kommen nicht ohne Doublebass-Attacken aus. Experimente brauchen die Fans nicht zu fürchten, auch technische Death-Metal-Ansätze finden sich nur versprenkelt wie etwa in 'Priests Of Sodom' oder 'To Decompose'. Was nicht bedeuten soll, dass die geneigten Lauscher nicht jederzeit die Fingerpräzision der Saitenfraktion heraushören können. Währenddessen rasen 'Carnivorous Swarm' oder 'Skewered From Ear To Eye' dermaßen ins Fressbrett, dass man sich jetzt schon drauf freuen darf, wie George "Corpsegrinder" Fisher dazu auf der Bühne zum Propeller ansetzt. Der Fan bekommt genau das, was er an CANNIBAL CORPSE liebt: Kompromisslose Härte. Da werden auch in Zukunft keine Gefangenen gemacht!
[Carsten Praeg]



Ja, sie sind schon eine Institution. Eine Institution und das Aushängeschild einer ganzen musikalischen Sparte. Kann eine solche Dampfwalze also etwas anderes als zumindest grundsolides abliefern? Nein, wahrscheinlich nicht. Und genau das ist hier geschehen: Kein Fehlgriff, aber das entschiedene Stehenbleiben bei musikalischen Konventionen, die ich so schon von CANNIBAL CORPSE kenne und die mich einfach nicht überzeugen können. Dabei sind die Songs wie immer brachial und direkt ins Auge des Hörenden abgeschossen. Groovende Parts werden mit ultraschnellen Minimal-Melodien kontrastiert und das Geschwindigkeitssprektrum von schleppend dramatisch bis High-Speed-Highway wird durchaus gekonnt gefühlt. Aber nichts anderes erwarte ich von den Herren, das ist ja die Grundlage, von der wir hier reden. Aber was kommt danach? Eine undifferenzierte Produktion, Gitarrenläufe, die viel zu schwammig aus den Boxen schallen und in Zusammenarbeit mit dem Bass in einem trüben, tiefen und völlig undurchsichtigen Meer herumwabern, was ordentlich auf Kosten der Brutalität geht. Lediglich bei den Soli erhebt sich die Gitarre dankenswerter Weise über den musikalischen Eintopf und verbreitet so etwas wie Klarheit.

Mit der Konsequenz eines stoischen Zombie-Esels werden originelle Ideen in den Sand gesetzt, das aufblitzen kreativer Energie verpufft im Universum der Belanglosigkeit. Dadurch rauscht das Album direkt an meinen Ohren vorbei - Dynamik, die da ein wenig Haltepunkt sein könnte, vermisst das untote Hirn völlig. Selbst wenn die Kannibalen versuchen, ein harmonisches Riffing aufzubauen, scheitern sie an ihrem eigenen Knochen-Korsett und führen den Exkurs wie bei 'Beheading And Burning' durch das Unvermögen, die Sache konsequent auszuarbeiten, ad absurdum. Für mich steht das Album zu sehr im Kontext des kannibalischen Backkatalogs und stellt ein wenig den Anspruch von CANNIBAL CORPSE auf den Thron des extremen, technischen Death Metals in Frage. Denn wie ein originelles und kreatives Death Metal-Album der neuen Schule umgesetzt werden kann, haben z. B. GOJIRA im Jahr 2008 mit "The Way Of All Flesh" gezeigt. Und ironischerweise sind jetzt genau jene Musiker auf der Überholspur, die sich früher stark vom Sound der Amis haben beeinflussen lassen. Der Witz: Für Fans der Kannibalen ist das Album mit Sicherheit eine coole Scheibe. Für mich als Beobachter dieser Sparte allenfalls der grundsolide Versuch, seine Position zu behaupten – der Status quo um die Herrschaft über den Death Metal hat sich aber mit Sicherheit zu Ungunsten von CANNIBAL CORPSE verändert.
[Julian Rohrer]


Yeah, das neue Jahr startet für den Liebhaber extremer Musik ja wirklich vorzüglich! Hat der Hartwurst-Gourmet vor ein paar Wochen ein wunderbar nahrhaftes Mahl namens "Hordes Of Chaos" von KREATOR vorgesetzt bekommen, wird nun im zweiten Gang ein rohes und bluttriefendes Stück Fleisch aus Florida serviert. Die Rede ist natürlich von der neuen Langrille der Death-Metal-Urgesteine CANNIBAL CORPSE, die auf den Titel "Evisceration Plague" hört. Und auch 2009 zeigen sich die Herren um den Corpsegrinder alles andere als kompromissbereit, CANNIBAL CORPSE sägen, zerstückeln, vernichten, verbrennen und schänden in altbekannter Manier - und glücklicherweise auch auf gewohnt hohem Niveau wie üblich. "Evisceration Plague" hat alles, was auch die vorherigen Kannibalen-Platten ausgemacht hat: Rücksichtslose Härte, abgrundtief böse Vocals, an Raserei grenzendes Drumming und natürlich die typischen Gitarrenfrickeleien, die den US-Todesblei eben vom skandinavischen unterscheiden.

Bei aller Euphorie ist es aber auch nötig, die Fakten im Auge zu behalten. Was der durchschnittliche CANNIBAL CORPSE Liebhaber an den Amis zu schätzen weiß, ist nun mal auch das, was diejenigen, die mit der Musik der Jungs nichts anfangen können, als Hauptkritik anmerken. Da wäre zum Beispiel die durch hohe technische Anteile und durch das verschachtelte Riffing bedingte schwer zu durchschauende Songstruktur. CANNIBAL CORPSE verlangen seit jeher dem Hörer einiges ab, auch auf "Evisceration Plague" hat sich dahingehend nichts geändert. Wie bei Musik in solch extremem Fahrwasser üblich, wächst die Platte mit der Zeit, wobei die "Lernkurve" hier exponentiell ansteigend zu zeichnen wäre. Der Silberling wird definitiv nicht mit zwei oder drei Durchläufen zünden können, bei jemandem, der in die Musik der US-Deather nur mal reinhören möchte sowieso nicht. Nach einer Weile fällt es einem aber immer leichter, die Songs zu sezieren und nachzuvollziehen, man darf sich lediglich von den anfänglichen Schwierigkeiten nicht abschrecken lassen. Hat man diese Arbeit investiert wird man auf "Evisceration Plague" aber auch reich belohnt, die Platte fördert Perlen zu Tage, die locker mit den Heldentaten der Neunziger wie "Tomb Of The Mutilated", "Bloodthirst" oder "The Bleeding" mithalten können. beispielsweise das starke 'Scalding Hail', das mich ein wenig an 'Dead Human Collection' erinnert. Richtig gut weiß auch das von purer Raserei bestimmte 'Carnivorous Swarm' zu gefallen.

Zusammenfassend ist "Evisceration Plague" eine typische CANNIBAL CORPSE Platte. Wir finden keine Überraschungen, aber auch keine Enttäuschungen. Die Scheibe geht kompromisslos ins Fressbrett und macht definitiv keine Gefangenen. Wer genug investiert, um die verzwickte Songstruktur der Kannibalen zu durchschauen, wird mit der aktuellen Scheibe der Jungs viel Freude haben.
[Hagen Kempf]

Redakteur:
Martin Loga

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