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Gruppentherapie: ANATHEMA - "Distant Satellites"

08.06.2014 | 00:17

Die Gruppentherapie zum Mai-Sieger offenbart trotz des Soundcheck-Triumphs ANATHEMAs zwiespältige Reaktionen. Es formieren sich zwei Fraktionen, die um die Deutungshoheit ringen.

Warum wird eine Band, die mittlerweile so weit von metallischen Klängen entfernt ist, Soundchecksieger? Und wird diese Wahl vom Rest der Redaktion getragen? In der Tat sorgt dieser Sieger innerhalb der Redaktion auch für einiges Murren, und es formiert sich in dieser Gruppentherapie eine Opposition zum Soundcheck-Team, der die transmetallischen Schwärmereien der britischen Artrocker etwas zu dick aufgetragen sind. Und es gibt den Kollegen Martin van der Laan, der "die allgemeine Begeisterung für diese Musik nicht im geringsten nachvollziehen kann" und dem "jeglicher Zugang zu diesem entrückten melancholischen Geplätscher fehlt." Da mit diesem Satz aus seiner Sicht jedoch bereits alles gesagt ist, können wir uns nun getrost ins Getümmel stürzen. Denn die Soundchecker schlagen diese Revolution am Ende blutig nieder. Und so kommt doch noch eine Prise Metal in "Distant Satellites"...


Die Gebrüder Cavanagh schlafen in ihrem Piano. Wenn sie schlecht geschlafen, geträumt haben - und das kommt vermutlich häufiger vor - strecken sie die zitternden Finder aus und tippen die frischen Träume in die Tasten. Ab und zu sind Alpträume dabei. So kommt es zu all den bekümmerten Kompositionen, die sich auf all den ANATHEMA-Alben aneinanderreihen. Wann schien denn das letzte Mal die Sonne aus einer von ihnen? Ich kann mich nicht erinnern. Aber: Gerade höre ich Lee Douglas bei 'Ariel' zu, und ich bekomme wieder eine Gänsehaut - so ineinander verschmelzend sich hier Frauen- wie Männerstimme wieder gemeinsam erreichen, so schummrig wieder das Gitarrensolo zaghaften Tribut fordert - und das alles über einer hypnotischen Klavierlinie. Ich habe die letzten Alben der Band nicht mehr so mit dem begierigen Nachdruck verfolgt wie zu Zeiten von "Alternative 4" oder "Judgement" und so auch eine gewisse Gelangweiltheit bei mir wahrgenommen. Da kommt diese heutige Generalüberprüfung der Brüder Cavanagh gerade recht. Und dann auch noch Soundcheck-Sieger? Soll ich die Lorbeeren jetzt auch noch gießen? Ich tue es. Und zwar guten Gewissens. Ich bin bisher davon ausgegangen, dass meine ANATHEMA-Phase in den Mittzwanzigern geblieben ist. Als alles noch in relativer Unordnung, alles möglich war und so vieles nicht zum Leben dazugehören sollte. Ja, ich habe meine monatelange melancholische, sensationelle Euphorie auch dort gelassen. Aber die Stücke des Albums "Distant Satellites" sind sich wieder einig darin, die Weite des Himmels, des Kosmos und des Einzelnen einzusaugen. Gut, das unvermeidliche Pathos, welches Songs wie 'Anathema' fast unerträglich übertrieben auftürmen, ist für mich jetzt nicht immer übersetzbar, aber wenn die Cavanagh-Bruderschaft und Anhang mich in den richtigen Momenten erwischen, dann fühle ich mich selbst als Teil großartiger musikalischer Momente. "Distant Satellites" ist mein persönliches befriedigendes ANATHEMA-Reset - und Beiträge wie das modernistische 'You're Not Alone' zeigen, wie vielseitig die Melancholiker immer noch sind. Seele und Melodien.

Note: 7,5/10

[Mathias Freiesleben]

Ach, ach! Es braucht doch einen längeren Atem, um auf dem neuen Werk von ANATHEMA ein paar Sternschnuppen zu entdecken. Ähnlich wie den Kollegen Mathias haben mich die letzten Veröffentlichungen der Briten eher gelangweilt. Ich gebe zu, ich bin in der Vergangenheit stehen geblieben. Im CD-Regal hat immer noch das Album "Judgement" einen Ehrenplatz, welches zuweilen mit verträumter Rückwärtsgewandtheit in unserem Haushalt eingelegt wird. "Distant Satellites" entlockt mir allenfalls das Prädikat "ganz nett". Die zehn Titel plätschern dahin und eignen sich nach meinem Empfinden gut als Hintergrundmusik. Die überwiegend melancholische Grundstimmung der Songs macht dabei einen der positiven Reize der Scheibe aus. Leider setzt sie sich nicht bei allen Kompositionen durch. So ist mir 'Ariel' zu seicht und 'Dusk (Dark Is Descending)' klingt mir zu sehr nach beliebigem Radio-Pop.
Aber ich wollte ja auch Sternschnuppen entdeckt haben. Eine davon ist das sphärisch dahinschwebende 'Firelight', das mich - scheinbar völlig unaufregend - kaum erklärbar in seinen Bann zieht. Wenn auch der sich anschließende Titelsong des Albums, 'Distant Satellites', wie eine Fortsetzung dessen erscheint, ist der Bann für mich dabei leider schon wieder gebrochen und einer freundlichen Gleichgültigkeit gewichen - ganz nett eben. Die Krone des insgesamt eher meditativ dahin kriechenden Albums ist für mich das von Mathias als modernistisch bezeichnete 'You're Not Alone'. Eigentlich bin ich für derartige Experimente in der Regel nicht zu haben, aber hier kommt mal Bewegung in das einschläfernde Fahrwasser.
Ach, ach! So recht will ich dann aber doch nicht warm werden mit dem wenige Momente der Faszination aufbietenden Gesamtwerk. Es ist mir wohl schlicht zu langweilig.

Note: 6,5/10
[Erika Becker]


Es kann noch so oft von einschläferndem Tralala gefaselt werden, das ist egal, denn diese Band ist mir eine Herzensangelegenheit. Ich lasse nichts auf ANATHEMA kommen und zähle die vier Alben von 1998 bis 2003 ("Alternative 4", "Judgement", "A Fine Day To Exit" und "A Natural Disaster") zum Besten, was in diesem Bereich jemals erschienen ist. Bei den darauffolgenden Werken "We're Here..." und "Weather Systems" stellte ich zwar eine gewisse Gewöhnung fest, jedoch auf hohem Niveau, denn die tollen Momente überwogen deutlich und sorgten somit immer noch für eine eindrückliche, nachhaltige Wirkung dieser beiden Scheiben. Über "Distant Satellites" kann ich dies so nicht mehr sagen, hier ist das vorherrschende Gefühl schon eher mit Ermüdung zu umschreiben. Wie schon auf dem Vorgänger wird der großartigste, berührendste Song (hier: 'The Lost Song') gleich am Anfang in zwei "Parts" und auf über 10 epischen Minuten so richtig ausgewalzt. Was danach folgt, ist zwar irgendwo typisch ANATHEMA, aber ohne die prickelnden Spitzen, ohne die eruptiven Steigerungen, die den Hörer so in ihren Bann ziehen können. Es ist zu viel schwelgerisches Gleiten, alles fließt gleichförmig dahin, es fehlt schlicht an Akzentuierung und Kontrastierung. So hat es was von Selbst-Klischeebedienung, dass das erste gesungene Wort des Albums "Tonigh-igh-ight" ist. 'You're Not Alone' ist da tatsächlich erfrischend anders, aber das ist zu wenig, um dem Album einen wirklich packenden Charakter zugestehen zu können. Klar, auch Songs wie der Titeltrack oder 'Anathema' kommen mit ergreifenden Melodien daher (das können die Cavanaghs einfach), doch wenn ich bei letzterem die Textzeile "I loved you" in dieser schmachtenden Manier höre, denke ich bei mir: "Muss das jetzt schon wieder sein?" Muss ein Album von solch begabten Musikern wirklich so vorhersehbar sein? Seien wir ehrlich, bei Band XY wäre mir das immer noch locker 8,5-9 Punkte wert; angesichts der fantastischen ANATHEMA-Werke in der Hinterhand und vor allem im Hinterkopf können hier jedoch nicht mehr als 7 Punkte zu Buche schlagen. Dies steht bei uns für ein "gutes Album, dem der letzte Kick fehlt". Und das kommt bei ANATHEMA schon einer mittleren Enttäuschung gleich.

Note: 7,0/10

[Stephan Voigtländer]


Genau da unterscheiden sich unsere Auffassungen, lieber Stephan. Allerdings nicht in musikalischer Hinsicht. Die brillanten über zehn Minuten des Opener-Doppels 'The Lost Song' sind so dramatisch, mitreißend und berührend, wie ich es beinahe nur ANATHEMA zutraue. Zumal der etwas später folgende dritte Teil fast genauso toll ist. Der beste Teil des Albums? Ja. Auf reinem 10er-Niveau. Danach wird es etwas weniger aufregend, aber kaum weniger emotional. Das sind wir natürlich von der Band gewohnt, so dass wir möglicherweise den einen oder anderen Vergleich heranziehen. Da gibt es, in der Tat, Beispiele, bei denen die Band sogar noch besser war. Auf Albumdistanz würde ich aber nur zwei sofort nennen wollen. Da stimmen wir doch wohl noch weitgehend überein. [Nö, wie du oben nachlesen kannst. - SV] Dass du dem Album vorwirfst, eben wie ANATHEMA zu klingen, ist nachvollziehbar bei der Anzahl an Veröffentlichungen der Band, aber ich finde, Experimente wie 'You're Not Alone' und 'Firelight' genügen. Du würdest diesem Album ohne dass ANATHEMA draufstünde, locker 9 Punkte geben? Siehst du, da liegt nämlich der Unterschied. Ich möchte die Band nicht bestrafen, weil sie mir schon einmal ein Zehneralbum geschenkt hat. Deswegen tue ich es einfach und genieße das Werk als einzelnes. Ohne Bandkontextmalus. Tolles Album.

Note: 9,0/10

[Frank Jaeger]


So, liebe Leute, das Album ist Soundchecksieger geworden, und ich möchte euch als einer, der meint, diese Musik zu "verstehen", jetzt mal erklären, warum ich hier lange gar mit der Höchstnote gerungen habe. Zunächst einmal ist es für mich völlig unverständlich, weshalb ich oben so oft die Worte "langweilig" und "einschläfernd" lesen muss, höre ich doch gleichzeitig den formidablen Opener 'The Lost Song'. Was für ein cooler und bei genauerer Analyse auch gekonnt komplexer Drumbeat das ist! Und dann dieser herzzerreißende Duett-Gesang darüber, faszinierender kann doch Art Rock gar nicht sein? Und es bleibt auch danach auf Anschlag genial. Klar, die Musik ist ruhig und getragen, doch ist dies nicht die große Kunst der Komposition, solche Musik konstant hochklassig zu präsentieren? Glaubt denen da vorne nicht, glaubt eher der geschmackssicheren Soundcheck-Crew, ANATHEMA kann das! Schon jetzt geht mir das Herz auf beim Gedanken an eine lauschige Nacht beim kommenden Night Of The Prog-Festival, und ich freue mich darauf, tief berührt in Songs wie 'Ariel' oder dem göttlichen wie tieftraurigen 'Anathema' zu schwelgen. Vincent Cavanaghs Gesangsmelodien werden im Übrigen mit jedem Album besser, die ganze Band steht gerade in der Blütezeit ihrer Kreativität. Vincent sagte einst im Eclipsed zu "We're Here Because We're Here", dieses Album sei erst der Anfang, zu vergleichen mit einem Schmetterling, der seinem Kokon entschlüpft. Auf "Distant Satellites" entfaltet er nun seine prächtigen Flügel und zeigt seine glänzenden schwarz-roten Schwingen. "Judgement" und "Alternative 4" in allen Ehren, aber das ist Vergangenheit, und die Gegenwart ist schillernder, bombastischer, schwelgerischer, größer. Und anders. Ich will auch kein Zurück. Vorwärts dreht sich die Welt.
So komme ich sogleich auch zum besten Teil des Albums. Denn was ab 'You're Not Alone' abgeht, ist ein formidable Vorschau auf eine neue, zukünftige Richtung von ANATHEMA, eine Stilöffnung, die ich sehr begrüßen werde, sollte sie so weitergeführt werden. Denn der Name RADIOHEAD schimmert nun leuchtend durch die Kompositionen der Cavanagh-Brüder, und die Art und Weise, wie auf einmal elektronische Spielereien in die ANATHEMA-Schwelgereien integriert werden, ist deutlich von den Art-Rock-Vordenkern inspiriert und dabei genial wie eigenständig umgesetzt. Das abschließende 'Take Shelter' könnte dann fast schon ein Track von der neuen 65DAYSOFSTATIC ("Wild Lights") sein und macht Lust auf mehr solchen Stoff.
Ach so, warum gab es eigentlich keine Zehn von mir? Nun, kurz vor Notenschluss kam ein weiteres britisches Kunstwerk rein, das tatsächlich noch besser als "Distant Satellites" ist. Sie heißt Calla. Viel Spaß beim Suchen.

Note: 9,5/10

[Thomas Becker]


Ja, der Kollege Becker und seine Euphorieschübe. Nicht, dass er bei seiner messerscharfen Analyse falsch liegen würde, aber für mich sind es die abschließende Stilöffnung und der bedrohlich-schillernde Name RADIOHEAD, die dazu führen, dass "Distant Satellites" bei mir am Schluss ein wenig abfällt. RADIOHEAD ist RADIOHEAD und soll das bitte als einzige Band auch bleiben. Dann kann man das viel besser umgehen. Davor aber bieten die Cavanaghs, die Douglas' (mit Sängerin Lee & Drummer John mittlerweile auch im Plural) und Neu-Keyboarder Daniel Cardoso das, wofür man die Liverpooler schätzt: Traumhaft verträumte Songs, die zum Schweben und Schwelgen einladen. Insgesamt deutlich positiver als noch zu Zeiten der unerreichten "Alternative 4" oder "A Natural Disaster", aber immer noch mit dem typischen Schuss Melancholie versehen, der ANATHEMA seit 16 Jahren einzigartig macht. Fans können hier also ruhigen Gewissens zugreifen.

Note: 8,5/10
[Peter Kubaschk]

Redakteur:
Thomas Becker

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