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Gruppentherapie - KREATOR "Hordes Of Chaos"

10.01.2009 | 03:34

Waren sich die beiden Vorgänger-Alben für KREATOR-Verhältnisse sehr ähnlich, so ist dieses Mal doch eine merkliche Verschiebung der Präferenzen in Richtung alter Schule zu spüren. Doch scheinbar schaffen es die Essener trotzdem, auch ihre neueren Fans wieder zu packen.



Immerhin vier Jahre hat es gedauert, bis KREATOR dieser Tage mit "Hordes Of Chaos" das Nachfolgealbum des zackigen "Enemy Of God" herausbringen. Und die unkonventionelle Arbeitsweise hat sich gelohnt. Die Band nahm laut diverser Interviews das Album (abgesehen von den Leadgitarren und dem Gesang) live im Studio auf - eine Seltenheit in der heutigen Zeit.

"Hordes of Chaos" klingt lebhafter und aggressiver, aber zur selben Zeit auch ausgeklügelter als das Vorgängeralbum. Der Einstieg mit dem Doppelschlag 'Hordes Of Chaos' und dem etwas an SLAYER erinnernden 'Warcurse' gestaltet sich brachial und kompromisslos. Das im Mittelteil galoppierende 'Escalation' hat sich gewaschen, ebenso wie das ohrwurmverdächtige 'Radical Resistance', das neben Doublebass und fetten Riffs mit einem derart eingängigen Refrain um die Ecke kommt ("..People from the East, people from the West..."), dass man unweigerlich das Haupt rotieren lassen muss. Aber auch im Hinblick auf die Melodieführung hat "Hordes Of Chaos" etliches vorzuweisen. Bei 'The Afterborn' brilliert die Band mit feinfühligen Gitarrenleads bei gedämpftem Tempo, bis unerwartet aus dem Nichts eine fauchende und zur selben Zeit gar rockig anmutende Thrash-Eruption über den ahnungslosen Hörer hereinbricht. Verdammt stark! Mit dem raffinierten Thrasher 'Demon Prince' wird "Hordes Of Chaos" furios geschlossen, bietet diese Abschlussnummer doch die mit Abstand mörderischsten Riffs der Scheibe, aber auch einige der besten Gitarrenleads, gerade in der Endpassage.

Summa summarum ist "Hordes Of Chaos" eine ausgefeilte Thrash-Scheibe, die KREATOR in absoluter Topform präsentiert: knallhart, oftmals verspielt und ungemein kompakt. Ergo: Ein Pflichtkauf für qualitätsbewusste Thrasher!
[Martin Loga]

Mein Gott, war seinerzeit "Enemies Of God" eine geile Scheibe und war die Liveumsetzung nicht ebenfalls ein musikalischer wie visueller Schmaus für die Sinne? Eine Vollbedienung für Metaller jeglicher Art, die handgemachtes Edelmetall als das Non plus ultra der Musikszene schätzt? Ja! Dementsprechend extrem sind jetzt natürlich die Erwartungen an "Hordes Of Chaos". Obwohl noch nie etwas Schlechtes aus dem Hause KREATOR kam, und ich meine jetzt wirklich nie, haben sich die Ruhrpott-Thrasher die Messlatte mit "Enemies Of God" extrem hoch gelegt, da die Scheibe mehr als nur gekonnt den Bogen zwischen den Anfängen der Band bis zum Hier und Jetzt spannen konnte.

"Hordes Of Chaos"? Der Titeltrack bläst gleich mal alle Befürchtungen vom Tisch und zeigt KREATOR in Höchstform. Hooks ohne Ende, stürmische Drums und Twinleads soweit das Auge reicht. Und obendrauf ein Banger-Refrain, der die Innenräume dieser Welt heftig beanspruchen wird. In ähnliche Kerben schlagen 'War Curse' (hätte auch auf "Extreme Aggression" stehen können), 'Radical Resistance', das mit uralten Elementen genauso spielt wie mit der Moderne (hört den Refrain an!), 'Absolute Misanthropy', das gefährlich nah an die "Coma Of Souls"-Phase heranschnellt und 'Demon Prince' - knüppelhart und hypermelodisch! Dazu gesellen sich Referenzen an die experimentelle Zeit KREATORs, wie 'Destroy What Destroys You' (geile Nummer!) und 'To The Afterborn'. Der einzige wirklich schwere Brocken schimpft sich 'Amok Run', der in seiner Gesamtheit so extrem ist, wie kaum ein KREATOR-Track zuvor. So angepisst hat Mille noch nie gesungen! Der Sound ist selbstredend geil, die Konzeption stimmt, also kann man nur von einem weiteren Highlight sprechen. Gratulation!
[Alex Straka]


Zwei absolute Göttergaben waren die letzten beiden KREATOR-Alben. Stilistisch ging es zurück in die besten Zeiten dieser Thrash-Institution ("Extreme Aggression", "Coma Of Souls") und in Sachen Songwriting bretterten Mille und seine Mannen von einem Geniestreich zum nächsten. Je mehr Scheiben eine Band auf solchem Niveau abliefert, desto mehr teils furchtsame Fragen hat man an die folgende. Mit "Hordes Of Chaos" geben KREATOR prinzipiell die richtige Antwort in Form eines weiteren, stahlharten, mächtig brutalen Thrash-Gewitters, von dem sich Genre-Liebhaber mit höchstem Genuss die Birne abmontieren lassen werden. In Sachen roher, ungezügelter Energie und Durchschlagskraft haben die Jungs sogar noch ein paar Schaufeln drauf gelegt. Auf den ersten Blick also alles in bester Ordnung und die oberflächliche Betrachtung könnte hier schon zu Ende gehen. Schaut man aber etwas genauer hin, gibt es doch einige Veränderungen zu konstatieren, die Ästheten etwas schwer im Magen liegen dürften und dafür sorgen, dass "Hordes Of Chaos" für meine Begriffe doch nicht an "Violent Revolution" und "Enemy Of God" heran kommt. Zum einen orientieren sich die teils recht simplen Kompositionen an noch früheren Zeiten der Band-Geschichte, Mille selbst bringt das Schlagwort "Pleasure To Kill" ins Spiel. Verbunden wird dieses Back-To-The-Roots-Element mit Passagen, in denen auf einmal eher moderne Midtempo-Riffs auftauchen, man höre als Beispiel 'Escalation'. Dazu haben sich KREATOR von Moses Schneider einen sehr erdigen, ungeschliffenen Sound zurecht zimmern lassen. Schließlich fällt eine gewisse Neigung in Richtung Punk in den Hooklines und einigen Text-Phrasen ('Destroy What Destroys You', 'Radical Resistance') auf. Das ist alles nicht falsch oder schlecht, nur gefallen mir halt KREATOR in der differenzierteren, subtiler tötenden Fassung besser. Die Highlights sind für mich der Titelsong, das bereits erwähnte 'Radical Resistance' und der Rausschmeißer 'Demon Prince'.
[Martin van der Laan]

Experimente hatten sie angekündigt, unsere Ruhrpott-Thrasher. Sie wollten sich auf alte Tugenden besinnen und gemeinsam im Studio ein neues Album einspielen. So, wie es früher einmal gemacht wurde. Und das sogar mit der Unterstützung eines Produzenten, der bisher keine Erfahrungen im Bereich Heavy Metal gesammelt hat. Ich war gespannt, ob und wie dieses Experiment umgesetzt werden konnte. Und bereits die ersten Takte des Titel gebenden Openers überraschen mit Zweierlei: Melodien, wie man sie aus dem Hause KREATOR in dieser Form nicht gewohnt ist und einem Klangbild, das transparent, lebendig und frisch wirkt. Schön. Sehr schön sogar. Die Platte atmet mit großen Lungenflügeln zeitgemäßen Thrash Metal, der gleichzeitig seine altmodische Herkunft nicht verleugnet. Und wer bei dem Wort "Melodie" unwillkürlich an sanfte Klänge denkt, ist bei den Teutonen natürlich auf dem Holzweg. Noch immer dominiert eine unbändige Härte, die sich dieses Mal nur facettenreicher artikuliert. Ventor knüppelt sich abwechslungsreicher denn je durch die Riffgewitter und Mille setzt sein markantes Organ noch vielseitiger ein als sonst. Vor allem ist aber der Farbenreichtum der Kompositionen an sich unglaublich groß. Da hätten wir neben Abrisskommandos der Marke 'Warcurse' oder 'Escalation', den grandiosen Midtempo-Titel 'Destroy What Destroys You' (mit herrlicher 'Love Us Or Hate Us'-Parallele) und die melodische Hymne 'To The Afterborn', deren mehrstimmiger Chorus sicherlich bald aus etlichen Kehlen mitgesungen werden wird. Als wäre dies noch nicht genug, offeriert die Band mit 'Run Amok Run' den wohl atmosphärisch dichtesten Titel ihrer Historie. Allein der tiefe (!) Gesang während der akustischen Einleitung sorgt für Maulsperre - und weckt kurzfristige Erinnerungen an FIELDS OF THE NEPHILIM -, die sich im weiteren Verlauf des Titels auch nicht lösen wird, da man aufgrund Milles Geschrei mehrfach befürchtet, er würde komplett durchdrehen. Emotionen für Millionen.
[Holger Andrae]

Kann sich jemand etwas Schöneres vorstellen, als sich die Rübe nach all dem weihnachtlichen Gedöns mit einem fetten Thrashfetzen mal so richtig durchblasen zu lassen? Eben. KREATOR schicken sich mit ihrem mittlerweile zwölften Studioalbum "Hordes Of Chaos" dazu an, den Thrashhammer des Jahres zu veröffentlichen und legen die Messlatte für zukünftige Abrissbirnen bereits sehr hoch – so viel sei schon einmal verraten. Natürlich haben mich Mille & Konsorten seit meiner Kindheit musikalisch begleitet, obwohl ich nie ein richtiger Fan der Essener war. Trotzdem bekamen die Herrschaften meinen ganzen Respekt für ihre letzten beiden Scheiben, die das Quartett wieder komplett in der Szene etablierte. Und jetzt bläst mich "Hordes Of Chaos" einfach mal so eben vom Stuhl.

Überragend ist das mit vielen SLAYER-Zitaten gespickte 'Warcurse', das einer ansatzlosen Prügelattacke gleichkommt. Oder hört euch nur mal das Titelstück, das abschließende 'Demon Price', 'Escalation' oder 'Absolute Misanthropy' an. Mille ist gesanglich in Höchstform - aggressiv und nur selten nervig. Die Thrashriffs sitzen, die vielen Melodien sind cool und die Gitarrensoli von Sami mehr als nur blindes Geshredder. Wenn KREATOR im Anschluss ein bisschen den Fuß vom Gaspedal nehmen, verlieren sie zwar etwas von ihrer rohen Energie, beweisen aber auch in dieser Disziplin ein Gespür für Grooves und setzen sogar auf gesungene Passagen (cooler Anfang bei 'Amok Run' und überraschender Refrain bei 'To The Afterborn'). Die Produktion lebt und kracht an allen Ecken und Enden. Die Basis wurde live eingespielt, was man an gelegentlichen Ungenauigkeiten auch hört, lässt das Gesamtergebnis aber frisch und äußerst lebendig daherkommen. Von Colin Richardson letztendlich amtlich zusammengesetzt gehört "Hordes Of Chaos" zu den Vorzeigealben von natürlich klingenden Werken im neuen Jahrtausend. Kein innovatives Meisterwerk, dafür aber ein großartiges Thrashinferno vor dem Herrn.
[Chris Staubach]


Hui, ja Potzblitz, da rumpelts und rappelts aber gewaltig im Karton. Die meisten Chaoshorden verbreiten ihren zweifelhaften Charme ja nicht gerade durch einen unerwarteten geordneten Rückzug, sondern vielmehr durch die Flucht nach vorne - ganz genau wie die neue Platte der KREATORen um das Szene-Urgestein Mille Petrozza. Schon im ersten Song, 'Hordes of Chaos (A Necrologue For The Elite)' bekommen wir nicht nur zweistimmige Gitarren um die Ohren gehauen, nein, vielmehr geht's es mit einem ordentlichen Thrash-Time direkt und unverwandt zwischen die Augen des Hörenden. Eine wahre Freude stellen diese melodischen Hassbatzen dar, nicht nur weil hier
ordentlich geknüppelt wird, sondern weil der Knüppel mit Schläue und keinem tumben Hau-drauf geschwungen wird. Ebenso wie das direkt folgende 'Warcurse', das nach 20 Sekunden sein wahres Gesicht zeigt und ohne Kompromisse auf die Überholspur wechselt. Doch dem ganzen subtil schizophrenen Charakter des Albums entsprechend, ist auch hier intelligentes Riffing eingesetzt, werden stimmige Arrangements aneinandergereiht und das Prinzip modernen melodischen Thrash Metals in Bestform zelebriert.

Als einer derjenigen, die sich wieder besseren Wissens und nicht zuletzt aufgrund eines gewissen Handicaps beim Alter zuerst die "Outcast" besorgt haben, konnte ich das KREATOR-Bashing der Neunziger aufgrund der stilistischen Grunderneuerungen nie subjektiv sondern lediglich aus der Geschichte heraus nachvollziehen. Und obwohl ich zumindest das oben genannte Album nach wie vor echt nicht schlecht finde, freut mich diese ungestüme Jugendlichkeit, diese kompromisslose back-to-the-roots-Einstellung der letzten KREATOR-Alben umso mehr. Immerhin gibt mir das als jungem Hörer die Chance, KREATOR in einer ursprünglicheren Form kennenzulernen. Das in Verbindung mit modernen musikalischen Ansätzen, welche die Band immer wieder auf spannende Art mit klassischen Elementen verbindet, macht "Hordes Of Chaos" rein subjektiv zu einem richtig coolen Album. Im Allgemeinen wird es die Fans kaum enttäuschen. Nicht nur wegen der hohen Bandbreite an coolen Songs und interessanten Ideen, sondern vor allem auch wegen der angesprochenen ungestümen Aggression, die zu jeder Sekunde aus den Boxen gespuckt wird.

[Julian Rohrer]

Vier Jahre haben die Herren um Mille Petrozza gebraucht, um den Nachfolger zum völlig zu Recht abgefeierten "Enemy Of God" einzuzimmern, und wie einige der Kollegen an dieser Stelle bereits festgestellt haben, hat sich das Warten tatsächlich gelohnt. "Hordes Of Chaos" kickt von der ersten bis zur letzten Sekunde ganz gewaltig in den Allerwertesten und stellt in seiner Gesamtheit in der Tat so etwas wie eine Verknüpfung aus "Pleasure To Kill" und "Enemy Of God" dar. Auffällig ist dabei, dass sich Mille und Co. anno 2009 insgesamt etwas melodischer zeigen, zumindest wenn man das Augenmerk auf die an allen Ecken und Enden aufblitzenden mitreißenden Gitarren-Leads legt. Trotzdem ist "Hordes Of Chaos" sicherlich nicht softer als der Vorgänger ausgefallen, auf mich wirken gerade der starke Titeltrack, das rockende 'Escalation' und der Rauswerfer 'Demon Prince' in keiner Weise kompromissbereiter als "Enemy Of God". Sehr gut wissen auch das hasserfüllte 'Amok Run' sowie das ein wenig an "Endorama" erinnernde 'To The Afterborn' zu gefallen, wobei ich aber gerade bei letztgenanntem Titel hinzufügen muss, dass "Endorama" für mich eine der besten KREATOR-Scheiben überhaupt war (ich weiß, mit der Meinung steh ich relativ allein da). Insgesamt findet man auf "Hordes Of Chaos" aber keine Ausfälle, die Songs sind durchweg gut gelungen. Der Sound der Platte zeigt sich recht organisch und insgesamt sehr gut abgemischt. Mir persönlich gefällt das Mixing sehr gut, scheinbar scheinen sich die von Kollege Loga aufgezählten Maßnahmen tatsächlich ausgezahlt zu haben.

Zusammenfassend stellt "Hordes Of Chaos" die logische Weiterentwicklung des großartigen "Enemy Of God" dar und schafft es tatsächlich, neuere und ältere Qualitätsmerkmale der Ruhrpott-Thrasher zu vereinen. KREATOR legen mit "Hordes Of Chaos" einen starken Start ins noch neue Jahr 2009 hin, bleibt nur zu hoffen, dass die Jungs um Mille auch live überzeugen können. Aber seien wir mal ehrlich, wer, der KREATOR jemals live gesehen hat, würde daran schon zweifeln?
[Hagen Kempf]

War für mich "Violent Revolution" noch sowas wie DIE Thrash-Offenbarung des dritten Jahrtausends und das vermutlich beste Genre-Album seit 1991, so hat mich deren Nachfolger trotz seines nach wie vor sehr hohen Niveaus ein wenig enttäuscht. Wo sich die gewalttätige Revolution noch wochenlang in Dauerrotation befand, hatte es der Gottesfeind schwer, in den ersten paar Wochen überhaupt auf zehn Durchläufe zu kommen. Warum? Nun, es lag wohl daran, dass letzteres Album zwar stark, aber auch sehr vorhersehbar war. Die Essener gingen auf Nummer Sicher und haben "Violent Revolution Part II" eingespielt, was für eine innovative Band wie KREATOR, die sich über all die Jahre immer wieder neu erfunden hatte, einfach zu wenig war. Außerdem war auch die sterile Produktion etwas, das es erschwerte, sich mit dem Album zu identifizieren.

Nun liegt genau vier Jahre später der Nachfolger vor, und die Musiker haben sich etwas einfallen lassen. Etwas womit ohne die entsprechenden Vorankündigen die wenigsten gerechnet hätten. Dementsprechend auch etwas, das die Massen spalten wird. Die Produktion klingt wieder erdiger und lebendiger, das Album ist nicht so technoid und kalt gehalten, wie sein Vorgänger. Auch Meister Mille singt dezent anders als sonst. Er klingt ein bisschen jünger und hysterischer. Während der Großteil der Stücke in bester KREATOR-Manier voll auf die Zwölf geht und mit schneidenden Riffs und herrlich giftigem Ventor-Drumming gesegnet ist, haben die Jungs auch nicht vergessen, durch melodischere Momente wie etwa beim tollen 'Amok Run' oder Tempodrosselungen wie bei 'Destroy What Destroys You' für die essentiellen Farbtupfer zu sorgen. Zuletzt empfinde ich es als Segen, dass die Scheibe dem Hörer mit knappen vierzig Minuten Spielzeit und vorwiegend knackigen, kurzen, prägnanten Stücken die Chance gibt, sich intensiv mit jedem Detail zu befassen, statt von einer Stunde Riffgewitter erschlagen zu werden. Es bleibt eine frische, oft recht punkige Scheibe, die allerdings kompositorisch nicht so glatt reinläuft, dass nach den ersten Hördurchläufen schon die Hits feststehen. Das ging bei eingen älteren Werke einfacher. Hier wird der Langzeittest zeigen, ob sich der eine oder andere Song noch zum Livehit mausern kann oder nicht. So oder so: Es ist spannend, sich "Hordes Of Chaos" zu stellen.
[Rüdiger Stehle]

Ein neues KREATOR-Album wirft vor allem zwei Fragen auf: Zum einen, hat das Album genauso einen mächtigen Bums wie "Enemy Of God", und die Frage nach eventuellen Innovationen, man erinnere sich an "Endorama". Das letztere kann man grob gesehen verneinen. Denn "Hordes Of Chaos" kehrt eher zu den Wurzeln zurück und haut in die punkmetallische Kerbe, die schon vor mehr als zwei Dekaden zu bedenklichen Waldschäden geführt hat. Traditionell? Ja. Old School? Ja. Die ersten drei Song sind schöne Abrissbirnen mit kleinen Unterschieden, der Opener und Titelsong vielseitig, der zweite Song 'War Curse' rasend schnell, der dritte 'Escalation' Thrash mit Melodie und etwas langsamer. Aber dann wird es schon etwas anders mit einem balladesken Teil. Man merkt, dass die Band ihren Thrash diesmal trotz aller "Back To The Roots"-Attitüde mit mehr Gefühl angerührt hat und der Melodieanteil, den man auf "Enemy Of God" schon spüren konnte, deutlich nach oben gegangen ist, so dass Teile von 'Demon Prince' und 'To The Afterborn' schon fast powermetallisch daherkommen. Dabei werden sie nach einigen Durchläufen zu absoluten Highlights des Albums. Auch 'Amok Run' mit dezenten MEGADETH-Reminiszenzen ist anders und hebt das Album ab von "Enemy Of God". Damit balanciert KREATOR auf dem Grat zwischen heftigem Thrash und stark melodischen Einflüssen, was sicher nicht jedem Altfan schmecken wird. Zumal der Sound die zeitgemäße Brutalität des Vorgängern deutlich vermissen lässt, wodurch die Melodien prominent ins Auge, äh, Ohr stechen. Dies ist ein Album, das mit jeder weiteren Umdrehung wächst und sicher keinen Makel in der Historie der Band darstellen wird. Leider ist es mit unter 40 Minuten viel zu schnell vorbei, und da ich mich ertappt habe, immer wieder auf "Play" zu drücken, darf ich wohl sagen: Gut gemacht, Herr Petrozza.
[Frank Jaeger]

Zugegeben, abgesehen von einigen wenigen, unumgänglichen Evergreens, fand ich erst mit dem Vorgänger "Enemy Of God" richtig Zugang zu den Essener Urgesteinen. Und deshalb bin ich auch einer der wenigen in dieser Runde mit der Meinung, dass KREATOR die Melodien hier eine Ecke zurück geschraubt haben. Was aber mitnichten etwas Schlechtes sein muss: Schließlich schafft das mehr Platz für jede Menge Tritte ins Fressbrett, vornehmlich in 'Warcurse', 'Destroy What Destroys You' und 'Absolute Misanthropy'. Und es ist doch immer etwas Feines, wenn altgediente Gruppen noch wissen, wie Reihenweise Granaten gezündet werden. Auf der anderen Seite führen Nummern wie der brillante Titelsong, 'Escalation', 'Radical Resistance' und vor allem 'To The Afterborn' die Linie des Vorgängers fort und warten mit einem ganzen Stapel geiler Melodien, doppelläufigen Gitarrenbögen und Tempowechseln auf. Und wer noch eben mal so einen Rausschmeißer wie 'Demon Prince' aus dem Ärmel schüttelt, hat sowieso alles richtig gemacht. Über allem schwebt wie immer die raue Stimme des stets präsenten Mille Petrozza – und ob sich der geneigte Hörer daran stört, dass der Frontman auch schon subtiler zu Werke ging statt ausgelutschte Botschaften wie "macht kaputt, was euch kaputt macht" zu schmettern, ist sicher jedem selbst überlassen. Angesichts nämlich eines absoluten Nackenbrechers, mit dem KREATOR unterstreichen, dass sie eine absolute Macht sind, wenn's um erdigen Thrash geht. Und wer jetzt schon das Bild eines breitbeinigen Milles in Lederhose, umgeben von schwarzen Rauchschwaden, vor dem inneren Auge hat, der bekommt hier genau den richtigen Soundtrack dazu geliefert.
[Carsten Praeg]

Selten klangen KREATOR so hart, aber auch so melodisch wie auf "Hordes Of Chaos". Gleich der Opener und Titeltrack ist eine Abrissbirne vor dem Herrn und braucht sich nicht hinter Klassikern wie 'Extreme Aggression", 'Enemy Of God' oder 'Violent Revolution' zu verstecken. Des Weiteren hat Mille selten seine Vocals so aggressiv ins Mikro gebrüllt wie auf diesem Output. Überdies erinnert das Werk von der Aggressivität her an SLAYERs "God Hates Us All"-Langrille. Als Beweis hierfür kann 'War Curse' herhalten. Was die melodische Seite angeht, so ist 'Amok Run' ein eindrucksvoller Beleg. Da zeigt Mille sehr gut, dass er auch gefühlsvolle Gesangsharmonien meistern kann ohne an Glaubwürdikeit zu verlieren. Apropos SLAYER: Ventors Drumspiel kann sich allemal mit dem von Drumgott Dave Lombardo messen, wofür 'Escalation' eindrucksvoll Pate steht. Der Rio Reiser-Pfaden wird bei 'Destroy What Destroys You' zumindest lyrisch aufgeknüpft, ansonsten hat das Stück nicht viel mit den TON, STEINE, SCHERBEN am Hut, sondern ist ein klassisches Thrash-Metal-Stück. Ein absoluter Überflieger ist der Rausschmeißer 'Demon Prince', der mit genialen Soli und Riffs aufwarten kann.

Am Sound gibt's überhaupt nichts zu rütteln. Fast hat man den Glauben, dass die Band es sich im heimischen Wohnzimmer gemütlich gemacht hat, um den Rundling runterzurotzen. Was die Soli angeht, so hat sich Sami Yli-Sirniö auf seiner dritten Studioscheiblette voll in die Band integriert. Wirkten die Soli auf den beiden Vorgängern ein bisschen entrückt, so klingen sie hier – sofern sie zum Einsatz kommen – wie aus einem Guss. Es hat sich definitiv gelohnt die Basictracks live einzuzocken.

Wer mit einer Mischung aus dem Bandklassiker "Extreme Aggression" und SLAYERs "God Hates Us All" was anfangen kann, ist genauso wie jeder andere KREATOR-Fan mit der Scheibe gut bedient. Das Jahr ist zwar noch jung, aber die Messlatte die die Essener Thrash-Metal-Schmiede gelegt hat, ist verdammt hoch.
[Tolga Karabagli]

Zu "Hordes Of Chaos" gibt es desweiteren eine Rezension von Peter Kubaschk.



Redakteur:
Rüdiger Stehle
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