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GURD: Interview mit V.O. Pulver

13.02.2009 | 12:26

Ein sehr ausführliches Interview mit Bandchef V.O. Pulver über viele Höhen und Tiefen der GURD-Historie und natürlich das bärenstarke neue Album.

Mann, bin ich geplättet. Ich meine, ich habe alle Scheiben der Schweizer GURD in meinem Schrank stehen und verfolge ihre Karriere recht interessiert, doch fehlte mir bisher immer so der absolut letzte Kick. Diese Leistungsexplosion mit dem aktuellen Album "Your Drug Of Choice" hätte ich V.O. Pulver und seinen Mannen wahrlich nicht unbedingt zugetraut. Da wurde das Tempo deutlich angezogen, fette Riffs werden abgefeuert, der Gesang steht endlich weiter im Vordergrund und die Produktion lässt es an allen Ecken und Enden mächtig krachen. Daher schnappte ich mir den Bandkopf, um mit ihm ein wenig die gegenwärtige Lage, aber auch die Vergangenheit noch einmal zu durchleuchten. Herausgekommen ist eine ausführliche Reise mit vielen Höhen und Tiefen. Nehmt euch eine Tasse Tee, lehnt euch zurück und taucht ein in mehr als fünfzehn Jahre GURD. Der Gitarrist, Sänger und Produzent wirkt sichtlich stolz ob der tollen Kritiken, kann trotzdem eine gewisse Zurückhaltung und Nüchternheit nicht ganz ablegen - und das liegt nicht an der fetten Erkältung, die er sich gerade eingefangen hatte.

V.O.:
Es gab im Laufe der Jahre schon auch einige Verrisse, aber glücklicherweise haben die positiven Kritiken bisher immer überwogen. Speziell am Anfang gab es sehr gute Besprechungen und Platzierungen. Trotzdem hatten wir nicht den Erfolg, den uns alle prophezeit haben. Von daher stumpft man vielleicht etwas ab. Es ist schön und Balsam für die Seele, aber schlussendlich ändert es wahrscheinlich nichts daran, ob es Leute gut finden oder nicht.

Chris:
Wie wichtig sind denn Kritiken oder Interviews dann noch?

V.O.:
Sie sind immer noch wichtig, damit die Leute überhaupt mitbekommen, dass es etwas Neues gibt. Es findet sicherlich eine gewisse Vorselektion statt. Ob es aber nun daran liegt, oder am Zusammenbruch der Musikindustrie oder an der allgemeinen Wirtschaftslage, dass man nichts mehr verkauft? Keine Ahnung.

Chris:
Gibt es denn eigentlich auch Kritik bei Interviews, oder bestehen diese eigentlich nur aus Lobhudeleien?

V.O.:
Es ist erstaunlicherweise sehr differenziert. Umso mehr ein Magazin aus der Metal-Szene kommt, desto intelligenter sind auch die Fragen. Wenn du aber mit einem Mainstream-Magazin oder einer Zeitung sprichst, merkt man schon, dass die Leute von der Musik eigentlich keinen Plan haben. Ich komme ja aus der Schweiz und bin da schon fast so eine Art D- oder E-Promi (lacht), daher bekomme ich auch ab und an mal eine Anfrage einer lokalen Zeitung.

Chris:
Gut, kommen wir mal zum neuen Album. Ihr seid deutlich härter geworden.

V.O.:
Stimmt. Das liegt daran, dass wir im Vergleich zu früheren Besetzungen mittlerweile alle, außer dem Drummer, extrem auf diese Mucke abfahren. Das war früher eher immer ein Kampf, weil ich der einzig richtige Metalhead war. Schon damals wollte ich den einen oder anderen schnelleren Song machen, aber der damalige Drummer hat sich immer dagegen gewehrt. Unser jetziger Drummer war am Anfang auch nicht ganz so glücklich über die neue Ausrichtung, aber hat sich mittlerweile damit arrangiert und auch Spaß daran gefunden. Es ist natürlich auch viel anstrengender für ihn als für uns. Wir wollten aber schon bewusst eine Ecke härter werden. Es geht allen Bands mit den Verkäufen nicht mehr so gut, es sei denn, sie sind total etabliert und selbst da ist es nicht mehr wie früher. Wenn wir es also eh primär nur noch für uns machen, dann können wir auch gleich die Musik machen, die uns allen eigentlich am meisten am Herzen liegt. Das ist einfach Thrash Metal. Es gibt jetzt Stücke auf der neuen Scheibe, so schnelle Songs habe ich noch nie gespielt - noch nicht mal mit POLTERGEIST.

Chris:
Würdest du GURD jetzt als reinrassige Thrashband bezeichnen?

V.O.:
Das ist jetzt eine Definitionsfrage. Für meinen Begriff auf jeden Fall. Wenn man unter Thrash aber nur langhaarige, nietenbehangene Patronengurtträger versteht, dann sind wir sicher keine Thrashband. Wenn man es von der Musik her sieht, auf jeden Fall. Da streiten sich aber die Leute. Umso jünger sie sind, desto mehr Vorurteile und Scheuklappen haben sie. Schlussendlich sind wir eine Metalband und haben auch genügend andere Einflüsse. Die Gitarrenarbeit und der Gesang sind aber natürlich schon extrem vom Thrash beeinflusst.

Chris:
Apropos Gesang. Auf der neuen Platte habt ihr ihn endlich mal weiter in den Vordergrund geschoben, was der Scheibe sehr gut tut. Woher der plötzliche Mut?

V.O.:
Ich habe mich mal überreden lassen (lacht). Ich selber habe, wie jeder Mensch, mit seiner eigenen Stimme ein bisschen Mühe, wenn sie so präsent ist. Durch meine Arbeit im Studio ist mir aber über die Jahre natürlich schon bewusst geworden, dass der Gesang einfach das Wichtigste für die meisten Leute ist. Die Musik steht und fällt damit. Wenn du sie immer irgendwie versteckst, läufst du Gefahr, dass die Leute finden, dass du eine schwache Stimme hast oder sie nicht so richtig wahrnehmen. Ich denke auch, dass ich auf dieser Platte genug Abwechslungsreichtum habe einfließen lassen können und auch Experimente durchziehen konnte, die ich so vorher nicht gemacht hätte. Das wollte ich dann auch im richtigen Licht darstellen.

Chris:
Hattest du vielleicht sogar heimlich Gesangsunterricht?

V.O.:
Nein, eigentlich nicht. Ich habe mich diesmal selbst alleine aufgenommen, ohne dass jemand anderes mit im Studio war. Dann ist die Hemmschwelle natürlich nicht ganz so groß, auch mal Sachen auszuprobieren, die man bis dahin noch nicht gemacht hat. Und man sich dann auch darin verbeißt, bis es wirklich sitzt. Live ist das dann trotzdem noch eine zwiespältige Sache (lacht). Wenn man so viel rumschreit, ist die Stimme sehr schnell angegriffen. Das geht aber einem Haufen Bands so. Es gibt nur wirklich sehr wenige Sänger, die perfekt zwischen den Stilen wechseln können, ohne dass es groß auffällt. Wir werden sehen, wie es live funktioniert (lacht) - gerade wenn ich so angegriffen bin wie jetzt.

Chris:
Positiv auffällig sind auch die vielen geilen Einstiegs-Metalriffs. Woher kommen die so plötzlich?

V.O.:
Die stammen größtenteils alle von Patrick. Das scheint sein spezieller Einfluss zu sein. Meine Riffs sind ja auch Metalriffs, aber er legt mehr Wert darauf, eine geile Eröffnung zu einem Song zu machen. Finde ich auch ziemlich geil. Muss ich mich in Zukunft wohl mehr ranhalten.

Chris:
Auf "Your Drug Of Choice" haben sich ja auch einige Gastmusiker verewigt. Klär uns doch mal auf.

V.O.:
Nun, Schmier von DESTRUCTION ist auf 'Seven Starz' und 'Stuck In A Box' zu hören. Ich habe ja schon auf diversen seiner Platten Soli gespielt und mitgegröhlt. Da war es längst an der Zeit, dass Schmier auch mal was macht. Früher hat er zwar auch schon ab und an mal ein paar Backings eingesungen, aber so eine eigene Strophe war bisher noch nicht drin. Diesmal hat es zeitlich einfach gut gepasst. Bei 'Once For All' spielt der Gitarrist von der Southern-Rock-Band meines Schwiegervaters ein Solo (Mark Elliot von THE FORCE - Chris). Sie waren zu dieser Zeit gerade bei uns im Studio und haben ihre dritte Platte aufgenommen, auf der ich ein Gastsolo gespielt habe. Somit war klar, dass im Gegenzug dieser geile Gitarrist auch ein Solo bei uns spielen musste. Auf 'Beneath The Sea' ist meine holde Frau am Flüstern. Bei 'Madness Reigns' ist unser ex-Gitarrist und Sänger Tommy B. (jetzt UNDERTOW) zu hören - er singt da auch eine kurze Passage. Noch ein Solo von Tommy ist auf 'Refused' und 'Let Me Die In Dignity', glaube ich zumindest. Das hat sich in all den Monaten, in denen wir die Scheibe aufgenommen und wieder ruhen haben lassen, einfach meist so ergeben. Ach ja, Freddy von ZATOKREV ist auch noch zu hören. Der hat so unmenschliche Schreie drauf und kann trotzdem sehr gut klar singen. Bei 'Madness Reigns' habe ich in den melodiösen Passagen im Duett mit ihm gesungen (lacht).

Chris:
Diese Gastmusiker werden im Info zur neuen Scheibe ziemlich hervorgehoben. Warum legst du da jetzt einen so besonderen Wert drauf?

V.O.:
Ich bin ja jetzt auch die Plattenfirma und muss halt irgendwas schreiben in den Infos (lacht). Schmier ist aber der einzige Name, der wahrscheinlich wirklich was bewirkt. Die anderen Leute sind eher nicht so bekannt. Vielleicht noch unser ex-Gitarrist, bei denen, die uns noch von früher her kennen. Diese Gastbeiträge sind mehr so eine Art Freundschaftsgeste. Wir hatten schon immer ein paar Leute, die etwas zu unseren Alben beigesteuert haben. Diesmal wollten wir das eben auch mal ein bisschen hervorheben. Schmier hat ja mal mit DESTRUCTION die vereinigte "creme-de-la-creme" der Metalszene angekarrt, das wäre mir aber zu stressig. Bei meiner zweiten Band PULVER sind wir jedoch schon am schauen, wer vielleicht ein paar Gastsoli beisteuern könnte. Da sind dann auch schon ein paar internationale Namen mit im Gespräch.

Chris:
Meinst du wirklich, dass diese Art von Namedropping letztendlich etwas bringt?

V.O.:
Ich habe kürzlich erst eine Kritik gelesen, wo sinngemäß drinstand, es ist immer schön einen Mann wie Schmier dabei zu haben, aber ob das jetzt wirklich hilft, die Verkäufe anzuheben, sei zu bezweifeln. (lacht)

Chris:
Was ist die Droge deiner Wahl? ("Your Drug Of Choice")

V.O.:
Für uns ist es die Musik. Die Grundaussage geht dahin, dass mir in unserer Gesellschaft niemand erzählen kann, dass er frei von Süchten sei. Jeder ist süchtig oder abhängig nach oder von etwas. Fernsehgucken, Fresssucht, Sexsucht, Spielsucht, Sportsucht, Reden, Musik oder die illegalen Substanzen, die wir auch schön auf dem Cover dargestellt haben. Ich beispielsweise könnte ohne Musik nicht leben. Diese Utopie nach einer suchtfreien Gesellschaft, die kann ich einfach nicht ernst nehmen. Die Grundessenz sollte sein, dass man alle Dinge in Maßen genießen kann. Man sollte irgendwelche Sachen nicht so verbissen verteufeln, nur weil einige wenige Individuen das nicht im Griff haben. Das ist so ein bisschen meine Einstellung.

Chris:
Ist das eigentlich deine Frau auf dem Cover?

V.O.:
Nein, das ist nicht meine Frau. Das ist ein Model. Ich habe sie zwar nie im Realleben gesehen, aber sie soll hübsch sein.

Chris:
Deine Frau oder das Model?

V.O.:
(lacht) Meine Frau ist natürlich hübsch und sie habe ich auch schon im Realleben gesehen (lacht). Ich hatte nur die Idee, dass ich gerne eine Frau mit zwei schönen großen Augen (lacht) und einem Bauchladen mit ein paar suchtfördernden Substanzen drauf haben möchte. Das wurde von Sandro Kloppstein in einer Nacht- und Nebelaktion genau so umgesetzt, wie ich mir das im Kopf vorgestellt hatte. Der Typ ist ein Designer und Filmemacher hier in der Schweiz, der auch schon Promofotos für uns gemacht hat und ein guter Kumpel ist. Ursprünglich wollte ich eigentlich ein Foto oder eine Autogrammkarte von uns mit drauf haben, damit ein bisschen der Bezug "süchtig sein nach unserer Musik" zu erkennen ist. Als ich dann aber das "Addicted"-Cover gesehen habe, dachte ich, das passt natürlich noch perfekter.

Chris:
Ihr habt mit 'Cold Gin' bereits den zweiten KISS-Song offiziell gecovert (mit 'Almost Human' schlummert sogar noch ein dritter Song der New Yorker irgendwo in einer Schublade). Seid ihr etwa der Meinung, die Herren hätten noch nicht genug Kohle?

V.O.:
Wie, die kriegen Kohle (lacht)? Ich glaube, auf diese paar Cent können sie locker verzichten. Ich finde mittlerweile einige Dinge, die die Herren jetzt machen, auch komisch. Trotzdem gibt es nichts daran zu rütteln, dass ich ohne diese Band niemals angefangen hätte, Musik zu machen. Ich habe immer noch Spaß, die alten Sachen zu hören. Und es geht nicht nur mir so, sondern auch Tschibu und Franky. Als wir darüber geredet haben, ob wir nicht mal wieder ein Cover machen sollten, kam halt 'Cold Gin' auf, weil er noch immer einer meiner Lieblingssongs ist. Ein Ace-Frehley-Song eben, noch immer mein Lieblings-KISS (lacht). Wenn solche Coversachen überhaupt etwas bewirken, dann doch mit einem Song dieser Band. Es gibt so viele KISS-Fans, die vielleicht mal hören möchten, wie so ein Song von uns interpretiert klingt. Eventuell verkaufen wir ja dadurch mal ein paar Platten.

Chris:
Er klingt jetzt extrem originalgetreu. Habt ihr nicht mal darüber nachgedacht, den Song komplett zu entfremden? Daraus vielleicht einen Thrashsong zu machen?

V.O.:
Wir haben schon versucht, so nah wie möglich am Original zu bleiben und uns sogar gestritten, ob wir jetzt die Live- oder die Studioversion als Vorlage nehmen. Da wir aber Fans sind, ist es uns anscheinend irgendwie zu heilig, es zu entfremden. Wir haben mal "The Chase Is Better Than The Catch" von MOTÖRHEAD aufgenommen, der schon ziemlich anders klang. So wie Lemmy singen, kann halt nur er. Und auch die Gitarrenarbeit klingt deutlich heavier, wenn man es runterstimmt und ein paar Anschläge mit einbringt. Es wäre vielleicht schon mal witzig, dann müsste man aber einen Song aus einem anderen Metier nehmen.

Chris:
Ist denn die Wahl des Coversongs eine demokratische Entscheidung?

V.O.:
Eigentlich schon. Ich meine, Pat ist jetzt unser Nesthäkchen und wenn er etwas anschleppen würde, wäre es für uns wahrscheinlich einfach zu wenig alt (lacht). Wir haben aber schon einmal gedacht, wenn wir jetzt alle Coversongs zusammenfassen würden, hätten wir schon eine komplette EP oder sogar ein Album zusammen. Vielleicht gibt es ja mal eine Bonus-CD, wo alle Songs drauf sind. Müsste man aber die rechtliche Situation abklären, da die Aufnahmen natürlich immer den alten Plattenfirmen gehören.

Chris:
Da ihr 'Cold Gin' als Bonus-Song deklariert, gibt es unterschiedliche Versionen eures Albums?

V.O.:
Nein, noch nicht (lacht). Wenn wir mal Millionäre sind, können wir schauen, wie wir die Leute noch mehr schröpfen können (lacht). Wir waren zuerst nicht sicher, ob wir ihn aufs Album nehmen wollen oder nicht. Es ist aber wirklich eine Unart geworden, dass jede Platte nach einem Jahr noch einmal mit Bonus-Songs rauskommt. Ich finde das eine Frechheit gegenüber den Fans, die von Anfang an die Platte kaufen. Eigentlich sollten die einen Vorteil bekommen. Normalerweise sollte man eine abgespeckte Version später rausbringen, die aber dann natürlich keiner mehr kaufen würde. Damit schießt man sich natürlich selbst in den Fuß. Andererseits kauft aber ja eh keiner mehr Platten.

Chris:
Hey, ihr habt gerade eine saustarke Scheibe auf den Markt gebracht. Jetzt sei mal nicht ganz so pessimistisch.

V.O.:
Ich habe gerade einen nicht kleinen Anteil meiner Ersparnisse in diese Platte gesteckt und sehe irgendwie trotzdem schwarz. Es ist eigentlich die dümmste Zeit, um eine Plattenfirma zu gründen. Aber was soll's. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt, oder?

Chris:
Stimmt genau. Aber warum habt ihr eigentlich eine eigene Plattenfirma gegründet? Immerhin hattet ihr doch bei Dockyard1 einen Vertrag über drei Scheiben unterschrieben, oder?

V.O.:
Wir hatten eine Scheibe fix und zwei Optionen. Sie haben sich wegen der Optionen aber nie gerührt. Hätte ich bei ihnen angeklopft, wäre es vielleicht kein Thema gewesen. Ehrlich gesagt, war ich aber auch nicht so wahnsinnig zufrieden. Sie haben zwar schön brav die Platten in die Läden gebracht, aber von der Werbung, die sie mir versprochen hatten, haben sie nicht mal 10% eingehalten. Und dann frage ich mich schon, warum bezahle ich die Produktion selbst, muss dann später die fertige CD der Plattenfirma für 8 EUR abkaufen, nur um sie weiterverkaufen zu können, wenn dann keine Werbung passiert. Ich habe jetzt mit meinen bescheidenen Mitteln schon mehr Interviews und Werbung am Start als in diesen zwei Jahren.

Chris:
Unbestritten kostet so ein Schritt unglaublich viel Energie. Wo hast du diese Reserven noch gebunkert gehabt?

V.O.:
Na ja, es hat schon geholfen, dass wir alle so stolz auf diese Platte sind. Man kann eben auch mit wenig Mitteln viel erreichen, wenn man dahinter steht und sich Mühe gibt. Ich schreibe auch für ein Heft Kritiken, da geht es mir selbst ja auch auf den Senkel, wenn ich eine Voice-Over-Promo bekomme oder wenn sie auf 99 Tracks aufgeteilt ist. Manchmal bekommst du sogar eine gebrannte CD aus I-Tunes und sollst dann eine vernünftige Kritik schreiben. Was soll das?

Chris:
Die Downloadproblematik kannst du aber nicht wegdiskutieren.

V.O.:
Klar gibt es die. Das merken wir wahrscheinlich noch mehr als andere Bands, weil wir eh noch nie viel verkauft haben. Wenn du sogar nur noch einen prozentualen Anteil davon verkaufst, weil allgemein alles den Bach runtergeht, dann sind halt die Bands in unserer Größenordnung noch mehr im Arsch. Was willst du dagegen machen? Die Platte wird so oder so an dem Tag, an dem sie rauskommt, im Netz sein (früher! - Chris). Man kann einfach nur hoffen, dass die Leute, vor allem die jüngeren, schnallen, wenn sie alles nur herunterladen, wird es bald nur noch die großen Sachen geben und die wirklich interessanten Neuigkeiten eben nicht mehr, weil die Qualität stagniert. Ich gehöre noch zu der Generation, wenn ich etwas geil finde, kaufe ich mir die Platte. Musik auf Konserve ist zu einer Wegwerfware geworden. Live-Musik geht noch, aber auch da ist eine totale Übersättigung vorhanden. Und die Preise gehen dafür in diesem Sektor in astronomische Höhen. Ich weiß nicht, wo das noch enden soll.

Chris:
Ist da eine reguläre Plattenfirma überhaupt noch ratsam?

V.O.:
Wenn sie wirklich etwas macht und eine vernünftige Promotion-Maschinerie am Start hat, ist das schon wichtig. Gerade für unbekannte Bands. Auf der anderen Seite, mit diesen Absatzzahlen, die man als Durchschnittsband noch absetzt, kann man auch als Plattenfirma keine großen Sprünge mehr machen. Da muss man am Ende auch schauen, dass man wenigstens seine eigenen Unkosten deckt. Das ist schon bitter.

Chris:
Ihr geht mit der eigenen Plattenfirma auch ein enormes finanzielles Risiko ein. Da müssen an bestimmten Ecken und Enden bestimmt auch Abstriche gemacht werden. Was muss bei euch unter den Tisch fallen?

V.O.:
Video war noch ein Thema, aber das können wir uns im Moment nicht leisten. Der Typ, der das Cover gemacht hat, hat eben auch eine Videofirma. Mit ihm habe ich jetzt abgesprochen, dass wir was machen, wenn er mal ein bisschen Zeit hat und wir eine coole Idee, die sich für wenig Kohle umsetzen lässt. Ein Video zu machen, das auch Viva/MTV-kompatibel ist, das kann man sich als kleine Band aber nicht mehr leisten. Außer die Idee ist so witzig und einfach umzusetzen, dass es dann trotzdem gesendet wird. Dann muss aber meistens auch die Musik etwas massenkompatibler sein. Ich habe diesmal immerhin ein bisschen Werbung in Magazinen geschaltet, von denen ich wusste, dass sie dann auch einen Bericht bringen. Ich habe auch gute Rabatte bekommen, weil ich viele Leute noch von früher kenne. Aber ob ich das noch einmal machen werde, steht in den Sternen. Außerdem schauen wir, dass wir wieder einmal eine Tour mit PRO-PAIN hinbekommen. Das ist wahrscheinlich das Einzige, was wir uns leisten können.

Chris:
Du bist ja jetzt als Musiker und vor allem als Produzent kein Unbekannter mehr in der Szene. Gibt es denn nicht eine gewisse Solidarität untereinander? Ich denke da beispielsweise nur an DESTRUCTION.

V.O.:
So richtig solidarisch nicht. Vielleicht kriegt man aber einen so guten Preis, den man letztendlich mit dem Merch wieder reinholt. Bei PRO-PAIN geht es in diese Richtung. DESTRUCTION war schon mehrfach ein Thema, aber wir hatten eigentlich nie eine Platte am Start, die härtetechnisch einen Sinn gemacht hätte. Mit der neuen Scheibe wäre es jetzt vielleicht sogar möglich, aber auch Schmier hat eher die Schnauze voll vom Touren in den hiesigen Breitengraden. Wir sind auch alle nicht mehr die jungen Hüpfer, haben alle irgendwelche Verpflichtungen. Da kann man nicht einfach mal einen Monat weg sein und dann noch Schulden dabei machen. Die Zeiten sind vorbei.

Chris:
Du sprichst gerade die Verpflichtungen an. Wie bekommt man denn das Musizieren und das Business zeitlich unter einen Hut? Da spreche ich noch nicht mal von den familiären Aufgaben.

V.O.:
Das frage ich mich auch schon lange (lacht). Habe mittlerweile ein Studio, eine Plattenfirma, zwei Bands und eine Familie. Bei der Plattenfirma schaue ich jetzt einfach mal, weil es eigentlich eher so aus der Not heraus geboren ist. Bei PULVER wollten wir keine Plattenfirma haben, die uns ewig auf Tour schicken will. Wir wollten einfach nur die Platte machen, um sie dann bei den Konzerten verkaufen zu können. Bei der neuen GURD-Platte habe ich einfach mal in die Runde geworfen, ob wir bei Dockyard1 bleiben oder das nicht doch mal selbst machen wollen. Sie wollten es endlich alle mal probieren. Wir hatten schon ein paar Mal einen Anlauf gestartet und es letztendlich doch nie gemacht.

Chris:
Ist deine Frau ebenfalls bei der Plattenfirma involviert?

V.O.:
Nein, sie muss ja hundert Prozent arbeiten. Sie ist Lehrerin und hat schon genug Stress, die Band PULVER mit unter einen Hut zu bekommen. Sie hilft mir natürlich schon, wenn ich mal wieder einen Text habe, der richtig gut geschrieben sein muss. Das kann sie als Deutschlehrerin natürlich perfekt.

Chris:
Mit den Norddeutschen "Twilight" habt ihr einen relativ kleinen Vertrieb. Da dürften größere Sprünge auch nicht unbedingt möglich sein, oder?

V.O.:
Ich weiß nicht, ob er so klein ist. Mmh. Ich sehe immer mehr, wie viele Platten über die rauskommen. Es ist jetzt nicht einer der großen Vertriebe wie EMI, Sony, SPV oder Soulfood, aber auf der anderen Seite ist Thomas, der Chef, ein alter GURD-Fan. Wichtig ist eigentlich nur, dass die Platte in die Läden kommt. In Deutschland ist das sicher gewährleistet. In den anderen Ländern? Keine Ahnung. Die Industrie sollte sich mal bewusst werden, dass diese böse, böse Musik gar nicht so schlimm ist, und dass man damit durchaus Kohle verdienen kann. Und dass es auch ein sehr dankbares Publikum ist.

Chris:
Kommen wir mal wieder kurz zurück zum neuen Album. Seit ihr in deinem Studio aufnehmt, waren die Produktionen immer amtlich. Trotzdem habt ihr euch auch in dieser Hinsicht auf "Your Drug Of Choice" noch einmal gesteigert. Alles klingt irgendwie ruppiger. Habt ihr vielleicht sogar die Musik live eingespielt?

V.O.:
Die "Basic Tracks" haben wir live eingespielt, wobei die Gitarren und der Bass noch einmal ersetzt wurden. Wir haben aber insgesamt viel mehr "First Takes" stehen lassen. Auch beim Gesang. Fast alle Songs haben noch Parts, die ich ursprünglich als Demo eingesungen habe, was eigentlich nur zum Text- oder Melodieausprobieren gedacht war. Der Plan war eigentlich, wenn die gesamte Instrumentalfraktion drauf ist, dass ich den Gesang noch einmal komplett neu aufnehme. Ich habe mir am Ende aber alles durchgehört und fand, dass ich nur ganz wenige Stellen wirklich unbedingt noch einmal machen wollte. Es hätte nur schlechter werden können. Vielleicht kommt daher ein bisschen diese Rohheit. Es ist halt mein Job und ich finde, dass ich mit jeder Produktion wachse. Ich arbeite an meinen Fähigkeiten, habe auch immer besseres Equipment und weiß auch immer mehr, wie ich die Sachen besser einsetzen kann. Mir gefällt diese Produktion auch mit Abstand am besten, weil sie sehr differenziert ist, aber trotzdem nicht zu klinisch klingt. Ich denke aber, die nächste wird sogar noch ein bisschen besser klingen (lacht).

Chris:
Nehmt ihr noch immer analog auf oder mittlerweile doch mit Pro-Tools?

V.O.:
Mit Cubase. Ich bin nicht so ein Pro-Tools-Fan. Die ganzen Sequenzer nehmen sich eh nicht mehr so viel. Es ist eigentlich egal, mit was man arbeitet. Es hieß ja früher immer, Pro-Tools sei Studiostandard. Die Leute, die ich kenne, die mit Pro-Tools arbeiten, haben aber genau die gleichen Probleme wie ich. Natürlich habe auch ich Probleme mit Cubase, aber wenn man dann weiß, wie man die Fehler umgehen kann, ist alles wieder in Ordnung (lacht). Die Bandmaschine steht immer noch da, aber die letzte Produktion mit ihr war die "Bang!" (letztes GURD-Album - Chris). Da haben wir die Hälfte auf Band aufgenommen und die andere Hälfte direkt auf die Festplatte. Anschließend habe ich wirklich Spur für Spur verglichen und hörte auch tatsächlich einen kleinen Unterschied. Nach zwei Jahren könnte ich dir aber jetzt nicht mehr sagen, welche Songs zuerst auf Band waren und welche nicht. Der Unterschied ist mittlerweile wirklich extrem klein geworden.

Chris:
Gibt es denn noch Produzenten, bei denen selbst du weich werden und den Produzentenjob bei GURD freiwillig aus der Hand geben würdest?

V.O.:
Terry Date ist nach wie vor ein Highlight. Andy Sneap könnte ich ebenfalls etwas abgewinnen, seit er nicht mehr ganz so steril produziert. Colin Richardson wäre bestimmt auch was. Selbst einen Michael Wagner würde ich gerne mal ausprobieren. Das sind aber alles Sachen, die kann man sich gar nicht leisten, wenn man halt in diesen Regionen arbeitet wie wir. Auch ein Tue Madsen wäre bestimmt mal einen Versuch wert. Der macht richtig geile Sachen.

Chris:
Ich würde dir jetzt mal gerne ein paar Thesen in Bezug auf eure Bandgeschichte an den Kopf schmeißen, zu denen du bitte Stellung beziehst. Beispielsweise, dass ihr mit eurem zweiten Album "Addicted" bewusst auf den damals angesagten Crossover-Zug aufgesprungen seid.

V.O.:
Falsch. Eigentlich ist das Debüt unser hiphopigstes Album (lacht). Es war halt die Zeit des Crossover und wir wurden überall als "Jump-Metal-Band" vermarktet. Ich fand selbst den Unterschied zwischen POLTERGEIST und GURD nie so gravierend. Die Geschwindigkeit war einfach anders und mein Gesang ist natürlich nicht so wie der von André. Ich hatte aber eher das Gefühl, dass wir bewusst in diese Crossover-Richtung geschrieben wurden. Darum haben wir auf den Nachfolgealben auch absichtlich immer mehr Metal eingebaut.

Chris:
Trotzdem habt ihr mit "Addicted" und dem nachfolgenden "D-Fect", das meiner Meinung nach ein Abklatsch des Vorgängers ist, die Welle haarscharf verpasst?

V.O.:
Mmh, na ja, okay, richtig. Die Welle ging schon noch weiter, aber man muss halt auch eine Portion Glück haben. Am meisten verkauft haben wir aber nicht von der "Addicted", sondern von der "D-Fect", obwohl sie meiner Meinung nach die schwächsten Songs enthält, die ich geschrieben habe. Das größte Problem bei der "D-Fect" war, dass Tommy ausgestiegen ist, der sich bei der "Addicted" zu einem gleichwertigen Songwriting-Partner entwickelt hatte. Dann waren wir auch viel auf Tour und die dritte Platte ist letztendlich zwischen Tür und Angel entstanden. Mir gefällt auch die Produktion nicht. Das war das erste Mal, dass wir einen richtigen Produzenten hatten, der uns eben wirklich reingeredet hat. Damit hatte speziell ich ziemlich Mühe. Obwohl ich Waldemar (Sorychta - Chris) sehr gerne habe, hatte er aber eine komplett andere Vorstellung von der Musik. Was wir geil fanden, fand er beispielsweise zum Kotzen. Das kann ja keine gute Basis für eine gute Zusammenarbeit sein. Die Plattenfirma wollte aber unbedingt, dass wir dort mit ihm aufnehmen, obwohl uns von Anfang an klar war, dass es ziemlich teuer werden würde. Ursprünglich wollten wir eigentlich wieder zurück zum Rudi, der die ersten beiden Scheiben gemacht hat. Er hatte aber zu der Zeit gerade kein Studio, weil er am Umbauen war.

Chris:
Mit "Down The Drain" seid ihr bewusst härter geworden, um den damals angesagten MACHINE-HEAD-Zug zu erwischen.

V.O.:
Schwer zu sagen, aber wenn du das so siehst (lacht). Das lag bestimmt auch daran, dass wir zu Thomas Skogsberg nach Schweden gegangen sind, der eher ein Death-Metal-Produzent ist. Wir wollten schon bewusst eine Ecke härter klingen und haben auch die Gitarren noch einmal einen halben Ton runtergestimmt. Von der Härte her kann ich dir also beipflichten, aber das mit der Welle? Ich habe das nicht so im Griff, wann jetzt eine Welle seinen Höhepunkt hat, oder wann nicht. Wir haben uns aber nie extra einem Trend angebiedert, sondern einfach nur die Musik gemacht, die wir selbst hören und geil finden. Vielleicht hatten wir aber tatsächlich immer das Pech, dass wir gerade knapp zu spät kamen. Bei der "Encounter" war es ganz schlimm, weil die Musik damals überhaupt nicht mehr angesagt war, obwohl wir schon thrashiger waren. Es ist auch immer die Frage, wie stark eine Platte promotet wird. Bei "Down The Drain" war klar, dass wir von einer A- auf eine C-Band runtergestuft wurden. Die "D-Fect" hatte sich nach all dem Promoaufwand nicht so verkauft wie es sich die Plattenfirma vorgestellt hatte. Es wurde überhaupt nichts mehr gemacht - weder Werbung noch Toursupport. Das war zu der Zeit, als PRO-PAIN uns trotzdem mit auf Tour genommen und uns sogar noch etwas dafür gezahlt haben. Da merkten wir zum ersten Mal, dass man sich nicht so sehr auf Plattenfirmen verlassen sollte.

Chris:
Mit eurer letzten Scheibe "Bang!" wolltet ihr bewusst wieder zurück zu den Wurzeln und eure beiden Facetten miteinander verbinden.

V.O.:
Ja, das stimmt. Der Grundgedanke war eigentlich, dass wir eine Platte machen wollten, die alle vorherigen Scheiben miteinander vereint. Ob es uns gelungen ist, weiß ich nicht. Ich schreibe einfach Songs und kann es auch nicht unbedingt steuern, was am Ende dabei herauskommt. Bin wahrscheinlich zu wenig berechnend in dieser Beziehung.

Chris:
Eure musikalisch beste Entscheidung bisher war, ein eigenes Studio zu bauen.

V.O.:
Es war zumindest die stresssparendste Entscheidung. Wenn man ein eigenes Studio hat, kann man auch mal Songs ruhen lassen, schiebt eine andere Produktion dazwischen und kann sich dann wieder den Sachen widmen, die man nicht ganz so gut fand. Man muss trotzdem immer aufpassen, dass man es nicht übertreibt und ewig daran herumbastelt und die Platte totmacht. Das war meiner Meinung nach eben bei der "Encounter" der Fall. Da haben wir insgesamt zwei Monate daran rumgebastelt und letztendlich klingt sie doch nicht so gut, wie sie eigentlich hätte klingen sollen. Es sind zwar ein paar richtig geile Songs drauf, aber auch ein paar Durchhänger, die so nicht hätten sein müssen.

Chris:
Noch einmal was anderes. Ihr habt bisher immer irgendwelche Abkürzungen oder Kosenamen für euch benutzt. Nur auf dem letzten Album standen plötzlich komplette Namen. Wolltet ihr plötzlich erwachsen und seriös wirken?

V.O.:
Das habe ich die Leute auch gefragt, als sie mir ihre Listen geschickt haben (lacht). In der Schweiz hat jeder einen Spitznamen, und unser Drummer beispielsweise heißt nun mal "Tschibu". Ich heiße ja auch nicht "V.O." von Geburt an. Wenn sie es aber so wollen, muss ich das natürlich respektieren. Bei Pat war das jetzt so: Er heißt Patrick Müller, ein Allerweltsname. Als er sich bei der GEMA angemeldet hat, kam der Spruch, wir haben schon fünfundzwanzig Patrick Müller, ob er da nicht irgendetwas zur Unterscheidung hätte. Sein zweiter Name ist Marlon. So kam er jetzt zur Platte an und meinte, er würde jetzt nicht mehr Pat Müller, sondern Pat Marlon heißen. Da habe ich erst einmal eine Viertelstunde gelacht. Aber wenn er das so will, schreiben wir das so drauf. Es ist ein bisschen albern, aber wenn irgendwann auf einer GURD-Platte Otto Pulver draufsteht, weißt du Bescheid.

Chris:
Kein Interview mit dir ohne eine Frage zu POLTERGEIST. Ist es nicht etwas frustrierend, solltest du eventuell doch deine alte Band für nur eine Show reformieren, dass du eventuell sogar damit mehr Geld verdienen könntest als mit den ganzen Shows von GURD in einem Jahr?

V.O.:
Nein, ich glaube nicht, dass da so viel Geld bei rauskommen würde. Du hast Recht, ich werde jetzt die ganze Zeit auf eine POLTERGEIST-Reunion angesprochen, aber auch auf CARRION, meine erste Band. Das ist echt ein Wahn. Jede kleine Band, die es irgendwann mal zu ein bisschen Ruhm geschafft hat, muss sich jetzt reformieren. Aber warum haben wir uns damals aufgelöst? Weil kein Arsch uns sehen oder unsere Platten kaufen wollte! Wo waren denn die Leute damals? Vielleicht spielt man zwei, drei coole Shows und macht eine Platte, die ein bisschen läuft, aber das war es dann auch schon wieder. Dafür mir den ganzen Stress antun? Wir haben einmal tatsächlich einen Versuch gestartet. Da hatten wir eine Anfrage vom "Bang Your Head" mit einer coolen Auftrittszeit und einer amtlichen Gage. Daraufhin habe ich Kontakt zu ein paar ex-Leuten aufgenommen. Wir haben uns darauf geeinigt, mal ein paar Proben zu machen und zu schauen, wie es läuft. Wenn es einigermaßen Spaß machen würde, ziehen wir es durch. In zwei Jahren haben wir es aber nicht ein einziges Mal geschafft, zu proben, weil immer irgendjemand keine Zeit hatte. Soll ich dem jetzt noch nachrennen? Mir die ganzen Soli wieder draufschaffen? Nein, danke! Ich habe genug andere Sachen um die Ohren. Allerdings habe ich jetzt erst kürzlich mit André in einer guten Feierlaune beschlossen, wenn ich Zeit im Studio habe und noch ein paar Songs oder Riffs rumliegen, dass wir einfach ohne Stress ein paar Songs zusammen machen. Wenn es eine ganze Platte gibt, machen wir die Platte, aber nichts mit großartigen Reunionshows. Er hat auch ein Leben und ich glaube echt nicht, dass es dann so erfolgreich wird, dass wir davon leben könnten.

Chris:
Ein Interview im Januar kann natürlich nicht ohne eine Frage nach deinen musikalischen Höhepunkten aus dem Jahr 2008 ablaufen.

V.O.:
Das ist im heutigen I-Pod-Zeitalter und dem Shuffle-Modus echt schwer. Da hört man fast keine kompletten Platten mehr. Ich hätte auch nicht gedacht, dass die KISS-Show im letzten Jahr so geil wird. Da bin ich mit meinem achtjährigen Sohn hingegangen und muss sagen, so tight habe ich KISS noch nie gesehen. Die neue AC/DC muss ich auch noch nennen. Außerdem ist die PULVER-Platte endlich fertig geworden. Da habe ich drei Jahre daran herumgeschraubt. Es ist einfach mal schön, nur Gitarre zu spielen und mit seiner Frau Musik zu machen.

Chris:
Hast du eigentlich mittlerweile ein komplettes Familienimperium gegründet? Demnächst sind deine Kinder noch für die Covergestaltung zuständig.

V.O.:
Das nicht, aber sie haben schon eine eigene MySpace-Seite, auf der sie Songs singen. Wir wollen auch schon länger ein paar Songs mehr machen und eventuell sogar eine Platte herausbringen. Wird sich wahrscheinlich auch nicht groß verkaufen, aber immerhin können sie sagen, sie haben schon eine Platte draußen.

Chris:
Irgendwann spielt ihr wohl alle gemeinsam in einer Band.

V.O.:
Das wäre ein Traum für die Zukunft. Wenn ich nicht mehr richtig schreien kann, weil ich zu alt bin, nur noch auf einem Barhocker rumsitze und ein bisschen klimpere. Ich denke aber, meine Kinder haben keinen Bock, mit so alten Säcken in der Band zu spielen (lacht).

Chris:
Wie sieht es aus mit der neuen METALLICA? Höhepunkt 2008?

V.O.:
Von den Songs her ja, von der Performance her eher nein - speziell wenn ich Lars Ulrich höre. Ich fand den früher einen richtig geilen Schlagzeuger, kann ihn mir mittlerweile aber nicht mehr geben. Wenn jemand schon so untight spielt, dann sollte man ihn nicht so in den Vordergrund mischen. Und das Fiasko mit dem Mastering, der Übersteuerung, das kann ich auch nicht nachvollziehen. Bei der Kohle, die da in das Ganze gesteckt wird, finde ich das eigentlich eine Frechheit. Ich habe mich extrem auf die Platte gefreut und finde auch gewisse Riffs extrem geil, überhaupt die gesamte Richtung. Ich hoffe einfach mal, dass die nächste Platte dann auch vernünftig klingt und das Drumming ein bisschen korrigiert wird (lacht).

Chris:
Wie sieht es mit den Enttäuschungen 2008 aus?

V.O.:
Der FC Basel ist schon wieder nicht Meister geworden (lacht). Obwohl die sind ja Meister geworden (lacht), denn bei uns ist das immer so überlappend. Es gibt einen Wintermeister und im Frühling geht es weiter. Und da haben sie es jetzt wegen einem einzigen Punkt nicht geschafft.

Chris:
Okay, V.O. Vielen Dank für das ausführliche und sehr interessante Interview. Ich wünsche dir und der Band alles Gute mit der neuen Scheibe, denn sie ist wirklich der Hammer geworden. Liegt dir noch etwas auf dem Herzen, möchtest du noch etwas loswerden?

V.O.:
Wenn ihr könnt, hört euch einfach die Platte an. Solltet ihr sie gut finden, bitte, bitte, unterstützt uns und kauft euch die Platte, damit wir auch weiterhin Sachen machen können. Wenn es letztendlich nur noch ein Minusgeschäft ist, weiß ich nicht, wie lange wir das noch durchziehen. Vielleicht machen wir dann nur noch alle fünf Jahre mal etwas und stellen das nur noch zum Download bereit. Es ist halt schon ein mächtiger Aufwand eine Platte zu pressen, herauszubringen und das Ding zu bewerben. Wenn ich jedoch immer nur drauflege, lassen wir das lieber sein. Ich hoffe jetzt mal drauf, dass es immer noch genug Leute gibt, die uns geil finden und uns unterstützen wollen. Ich hoffe, ich sehe diese Leute dann auch auf Tour. Vielleicht bringen uns ja die einen oder anderen Leute auch ein bisschen ins Gespräch, damit wir vielleicht mal wieder auf einem geilen Festival spielen können. Das letzte größere Festival war "Summer-Breeze 2002", aber seitdem blocken sie alle ab, wenn wir anfragen. Wir sind halt eben nicht mehr wichtig. Das Thema ist durch, altertümliche Musik. Jetzt hoffen wir mal, dass die ganzen guten Kritiken mal etwas bewirken. Einmal (lacht). Wir sind auf jeden Fall für alle Schandtaten bereit.

Redakteur:
Chris Staubach

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