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GURD: Interview mit V.O.

16.08.2006 | 13:01

Neue Platte, neues Label, neues Glück. Diesem Motto musste sich GURD-Chef V.O. Pulver im Verlauf der mittlerweile knapp zwölfjährigen Bandkarriere notgedrungen schon mehrfach verschreiben. Auch "Bang!", das aktuelle Album des tapferen Schweizers, steht in dieser Tradition und bietet gewohnt hochwertigen Thrash Metal moderner Ausprägung, der erneut beweist, dass Bekanntheitsgrad und Verkaufszahlen völlig zu Unrecht in einem Missverhältnis zur Qualität stehen. Dass der Eidgenosse sein Ding trotzdem weiterhin durchziehen wird, was er von LORDIs Sieg beim Eurovision Song Contest hält und warum Techno-DJs Rhythmus-Probleme haben, teilte er uns bestens gelaunt mit.


Oliver:
Du hast die aktuelle Platte erneut zusammen mit deinem Bandkumpel Franky Winkelmann in eurem eigenen Studio aufgenommen. Seit dem letzten Album "Encounter" habt ihr euch noch mal enorm verbessert. Die Produktion ist um einiges fetter.

V.O.:
Auf jeden Fall! Durch die ganzen Sachen, die wir in der Zwischenzeit gemacht haben, haben wir sehr viel gelernt; das hinterlässt Spuren. Auch die Technik hat nicht vor uns Halt gemacht. Wir arbeiten jetzt halb analog und halb digital, und das bringt natürlich 'ne ganze Menge Vorteile mit sich. Ich kann mich jetzt auch stärker in die Produktion einbringen.

Oliver:
Fällt es dir manchmal schwer, dich zu motivieren, wenn du in deinem eigenen Studio sitzt und keinen Druck von außen hast?

V.O.:
Eigentlich nicht. Wir waren diesmal auch nicht konzentriert am Stück im Studio wie sonst, sondern haben mal das Schlagzeug aufgenommen, ein bisschen gewartet, dann den Bass und die Gitarren. Nachdem 'ne andere Band im Studio war, haben wir ein paar Wochen später auch mal bei einem Song den Bass neu eingespielt. Das Ganze ist ein wenig Patchwork geworden. Der Gesang und der Mix waren dann am Schluss ziemlich am Stück. Aber bis mal die ganzen Basics der Songs drin waren, hat es fast ein Dreivierteljahr gedauert (lacht).
Der Vorteil ist, dass man sich auch mal Sachen durch den Kopf gehen lassen kann, da man alle Zeit der Welt hat. Wir wollten uns diesmal keinen Druck auferlegen. Und wir wussten auch im Vorfeld nicht genau, wo die Platte rauskommen wird. Es hat sich also alles ganz gut getroffen.

Oliver:
Ist das Studio mittlerweile ein zweites Standbein für dich?

V.O.:
Ja, auf jeden Fall. Eigentlich wirft es mehr Kohle ab als die Band (lacht). Aber um davon die Familie zu ernähren, reicht's nicht. Wir wollen auch die Preise nicht so hoch machen, wie andere Studios das tun, weil wir wissen, dass die meisten Rockbands einfach keine Kohle haben. Es ist so, dass ich seit 'nem knappen Jahr mit meiner Frau getauscht habe. Ich habe aufgehört zu arbeiten und gucke auf die Kinder, bin sozusagen Hausfrau (lacht). Und meine Frau ist wieder arbeiten gegangen, weil sie das unbedingt wollte, nachdem sie die Kinder zur Welt gebracht hatte.

Oliver:
Ich finde, dass "Bang!" im Vergleich zu "Bedlam" oder "Encounter" sowohl eingängiger ist als auch die offensichtlicheren Hits an Bord hat.

V.O.:
Sehe ich auch so. Lustigerweise schreibt unser Neuzugang Patrick (Müller; g. – Anm. d. Verf.) typischere GURD-Songs als ich selbst. Ich habe die vor zehn Jahren geschrieben und kann davon nicht mehr (lacht). Das trifft sich ziemlich gut, weil ich mittlerweile eher für die Thrash-Sachen zuständig bin, und er bringt den alten Style ein. Manchmal musste ich sagen: "Das Riff ist jetzt aber eins zu eins wie auf der Platte, das müssen wir abändern." Aber da er auch schon lange GURD-Fan ist, passt das super. Er war auch schon mal als Nachfolger von Tommy (Baumgärtner – Anm. d. Verf.) im Gespräch, als der nach "Addicted" ausgestiegen ist. Damals war er allerdings extrem jung und hätte die Schule schmeißen müssen. Er wollte sie auch schmeißen, aber wir wollten nicht, weil ich finde, das geht dann doch schon ein bisschen zu weit. Marek (Felis; Bassist auf den ersten vier Alben – Anm. d. Verf.) hat das damals gemacht, und es hat ihn dann Jahre später einiges an Nerven gekostet, sich wieder in der Arbeitswelt zurechtzufinden. Mit der Musik reich zu werden oder davon zu leben, ist einfach sehr utopisch.

Oliver:
Auf der Platte gibt's schnelle Thrasher, typische GURD-Groover, 'ne fies schleppende Nummer wie 'Black Money' und sogar ein Akustikgitarrenzwischenspiel. War diese Vielfalt beabsichtigt oder hat sich das beim Komponieren ergeben?

V.O.:
'Ne Mischung aus beidem. Ich wollte unbedingt alle Sachen retrospektiv noch mal auf dieser Platte vereinen, obwohl wir das eigentlich bei jeder Platte versuchen. Am Anfang hatte ich 'The Grand Deception'; das ist schon zwei Jahre alt. Und ich hatte zuerst auch nur die extremeren Stücke und dachte schon: "Oje, das wird 'ne ganz komische GURD-Platte." (lacht) Aber als dann die Songs von Patrick dazu kamen und auch noch ein paar Groove-Sachen von mir, war klar, dass es doch 'ne gute Mischung ist. Wir haben allerdings Wert darauf gelegt, dass auch ein paar atypische Stücke draufkommen, wie die zwei Coverversionen, von denen nur eine auf die Platte gekommen ist (BLACK SABBATHs 'Children Of The Grave' – Anm. d. Verf.). Eigentlich waren die als Bonustracks gedacht, aber der Song mit Andre Grieder (spielte zusammen mit V.O. bei POLTERGEIST – Anm. d. Verf.) am Mikro hat der Plattenfirma so gut gefallen, dass sie den gleich mit auf die Scheibe gepackt hat. Dafür haben wir einen anderen Song von uns weggekickt.

Oliver:
Was war das zweite Cover, das ihr aufgenommen habt?

V.O.:
'The Chase Is Better Than The Catch' von MOTÖRHEAD. Da habe ich mich selber am Gesang versucht. Es ist witzig geworden, aber klingt mehr nach GURD als nach MOTÖRHEAD (lacht).

Oliver:
Gibt's die Nummer noch mal irgendwann zu hören?

V.O.:
Ich weiß nicht genau, was die Plattenfirma damit vorhat. Aber wenn die keine Verwendung dafür haben, werden wir es sicherlich entweder auf MySpace oder unsere Homepage stellen. Es wäre einfach zu schade, wenn es nur in der Schublade verschwinden würde. Auch den anderen überschüssigen Song, den wir haben, ein Doom-Song, könnte man da als Bonus draufpacken. Die Songs gehören eigentlich der Plattenfirma und schlussendlich entscheidet die, was damit gemacht wird.

Oliver:
In 'Spirit Of Rock' singst du die Zeile "We bless you with the spirit of rock." Was ist deiner Meinung nach der Spirit des Rock?

V.O.:
Der Spirit des Rock ist für mich: Einfach mal locker bleiben, nicht zu spießig sein, auch mal fünf gerade sein lassen und an 'nem Konzert Spaß haben. Für mich ist Rock Spaß. In der heutigen Welt gibt's zu viele Leute, die sehr anal durch die Gegend rennen. Es ist wie 'ne Metapher: Wenn du zu unserem Konzert kommst, bringen wir dir den 'Spirit of Rock'. Du hast 'ne gute Zeit, du kannst deine Frustration rauslassen. Es ist jetzt auch nicht so 'n ernst gemeinter Text (lacht).

Oliver:
So hatte ich ihn auch nicht aufgefasst.

V.O.:
Wir sind ja auch nicht so die poetischen Helden (lacht).

Oliver:
Das hast du jetzt gesagt.

V.O.:
Ich habe damit kein Problem. Die Texte machen schon Sinn, aber ich finde, es ist spannender, wenn ich nicht alles erkläre und die Leute selber Sachen reininterpretieren. Manchmal ist es sehr witzig, das anzuhören. Den erhobenen Zeigefinger oder Leute beim Namen nennen finde ich nicht so lustig. Obwohl: MINISTRY zum Beispiel dürfen das (lacht).

Oliver:
Kamen auf Grund von Andres Gesang bei 'Children Of The Grave' schon die ersten Fragen nach 'ner POLTERGEIST-Reunion?

V.O.:
Eigentlich gab's die Fragen auch vorher schon. Zum Teil ist die Sache deswegen auch entstanden. Vor allem in den letzten zwei Jahren wurde ich immer wieder gefragt, ob wir mal 'ne Reunion an den Start kriegen. Ich habe mit den Jungs gequatscht, und es war auch gar keine große Ablehnung da. Aber wir haben es in den zwei Jahren nicht einmal geschafft, zusammen zu proben. Irgendjemand hatte immer keine Zeit. Und bevor ich Druck mache und das auf Biegen und Brechen durchziehe, lasse ich es lieber sein.
Die Sache mit 'Children Of The Grave' war die, dass ich den Jungs vorgeschlagen habe, den Song schnell einzuproben. Wir haben den früher schon mit POLTERGEIST gespielt. Und die Idee war, Andre überfallartig dazu zu nötigen, ins Studio runterzurennen und den Song einzusingen. Und letztes Silvester hat es dann geklappt. Es war nach zwölf Uhr, und alle waren strunzedicht. Dann sind wir runter ins Studio und ich sagte: "Jetzt singst du 'Children Of The Grave' ein." Und er meinte: "Was? Das kenne ich doch gar nicht mehr." Aber es hat dann super geklappt. Er kommt auch manchmal als Merchandiser oder Roadie mit auf Tour, dann kann er den Song auch gleich live singen – nachdem er 'Warmachine' gesungen hat (das Cover ist auf "Bedlam" zu finden – Anm. d. Verf.), weil er auch 'n großer KISS-Fan ist.

Oliver:
Beschreibe doch mal bitte, warum Tony Iommi Gott ist.

V.O.:
Weil er aus wenigen Noten die monströsesten Riffs kreieren kann, die du einmal hörst und nie mehr vergisst, und das ist ein extrem seltenes Talent. Die meisten Leute meinen ja, ein gutes Riff müsse fünf Millionen Noten in zwei Sekunden enthalten. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich 'ne Zeit lang auch so drauf war (lacht). Mittlerweile bin ich ein bisschen älter geworden und finde, dass in der Einfachheit die Kraft liegt. Klar, es muss ein technischer Anspruch da sein, und der ist ja auch da. Es klingt zwar einfach, aber von der Rhythmik her sind die Iommi-Riffs meistens schon ziemlich anspruchsvoll: viele vorgezogene oder punktierte Noten. Und es klingt einfach unglaublich heavy, und er war der Erste, der das so zelebriert hat.

Oliver:
Wie viel Ausschuss produzieren du oder die Band während der Songwriting-Phase zu einer Platte?

V.O.:
In letzter Zeit ist es so, dass ich die Songs fast komplett selber schreibe und dann mit der Band zusammen probe. Und da gibt's schon viele angefangene Songs, die ich dann nicht weiterverfolge. Die Songs, die schlussendlich fertig gestellt und ausgearbeitet werden, landen aber auch immer auf 'ner Platte oder werden Bonustracks. Es gab zwar schon mal Songs, bei denen die Plattenfirma, damals Century Media, sagte: "Die Scheibe ist zu lang. Wir müssen zwei Tracks wegnehmen. Die nehmen wir für 'ne Japan-CD oder 'nen Re-Release." Aber bis auf zwei Coverversionen – einmal 'United Forces' von S.O.D. und KISS' 'Almost Human' – sind alle an die Öffentlichkeit gekommen. Ich weiß nicht mal, wo diese Songs sind (lacht).

Oliver:
Wenn man sich ansieht, mit wem ihr über die Jahre getourt seid, fällt auf, dass einige davon bereits den Löffel abgegeben haben. Bist du stolz darauf, dass GURD immer noch da sind?

V.O.:
Ja, auf jeden Fall. Obwohl: stolz? Eigentlich muss ich mich ja schämen, habe ich mir sagen lassen (lacht). Nach dem Motto: GURD ist 'ne geile Band, die Platte ist gut, aber das können wir nicht verkaufen. Ihr seid viel zu alt, die Band gibt's zu lange und hat's nie geschafft. Deswegen haben wir einen schweren Stand bei Händlern. Die Absagen der Plattenfirmen waren schon ziemlich desillusionierend; vor allem, wenn du mitkriegst, dass ALLE nur noch auf den neuesten Trend schielen. Es muss doch auch ein paar Leute geben, die was Beständiges machen. Aber schlussendlich haben wir dann doch Glück gehabt und einen guten Partner gefunden.

Oliver:
Dann bist du zuversichtlich, dass es mit Dockyard 1 reibungsloser läuft?

V.O.:
Ich hoffe es schwer. Wir haben jetzt für drei Platten unterschrieben, so weit ist alles gut. Gut, die haben noch nicht viel Kohle, aber das sind wir von den letzten zwei Firmen ja gewöhnt (lacht). Aber wichtig ist für mich, dass die Platte überall erhältlich ist; das hat bei der Live-Scheibe ("10 Years Of Addiction" (2005) – Anm. d. Verf.) und "Encounter" nicht so geklappt. Ich denke, dass Dockyard da sicher 'nen guten Job machen, da sie auch schon länger im Geschäft sind und wissen, wie man 'ne Platte promotet.

Oliver:
Hast du jemals darüber nachgedacht, die Gitarre für immer in die Ecke zu stellen?

V.O.:
Ja, 1998, als die Band auseinander brach – weniger, weil wir nicht den extremen Erfolg hatten, sondern weil das Leben irgendwie auseinander brach. Wir waren damals permanent auf Tour und im Studio. Dann sind alle ausgestiegen, und ich stand da: keine Band mehr, nur Schulden am Hals, die Freundin war auch abgehauen. Nach 'nem halben Jahr habe ich gemerkt, dass ich eh nicht ohne Musik leben kann, was ursprünglich auch der Gedanke hinter dem Bandnamen war, also "drug" rückwärts. Die Musik ist für mich 'ne Droge, und ich habe dann eingesehen, dass es irgendwie weitergehen muss. Jedes Jahr 'ne Platte zu machen und immer zu touren, muss ja nicht unbedingt sein, aber ab und zu mal auf 'ne Bühne zu gehen, sollte schon noch drinhängen.

Oliver:
Du hast bereits die Trendreiterei erwähnt. Denkst du, dass sich das während der letzten Jahre verschlimmert hat?

V.O.:
Es ist viel schlimmer geworden. Früher betraf das eher den Pop-Bereich, also das rein kommerzielle Musikbusiness, und mittlerweile hat das in allen Bereichen Fuß gefasst. Als ich angefangen habe, versuchten die meisten Labels, eine Band über drei, vier Platten aufzubauen. Heute werden mal eben zehn Newcomer-Bands, die gerade im Trend liegen, gesignt und an die Wand geklatscht, und man guckt, was übrig bleibt. Der Rest muss sehen, wo er bleibt, und das finde ich schon ziemlich schade. Ob die breite Masse wirklich den absoluten Geschmack hat, darüber lässt sich streiten, glaube ich.

Oliver:
Deine Frau ist genauso musikverrückt wie du. Funktioniert die Sache überhaupt nur so?

V.O.:
Es hilft auf jeden Fall. Ob es nur so funktioniert, wage ich mal zu bezweifeln. Auf der anderen Seite: Wenn die Frau überhaupt nichts für Musik übrig hat, dann wird's wahrscheinlich mit der Zeit schon haarig (lacht). Wenn es dann heißt: "Jetzt musst du schon wieder proben" oder "Ihr seid schon wieder unterwegs". Bei uns ist es so, dass ich auch noch mit meiner Frau zusammen 'ne Band habe (PULVER – Anm. d. Verf.), die wir gerade vorwärts bringen wollen. Und sie kennt ja das Ganze und kann mich auch unterstützen. Mühsam wird's, wenn man vielleicht abends mal auf ein Konzert will, da sie auch gerne mitgehen möchte. Man muss dann jedes Mal 'nen Babysitter organisieren (die beiden haben drei Kinder – Anm. d. Verf.), aber das klappt schon. Es ist auf jeden Fall 'ne Traumsituation.

Oliver:
Wer ist eigentlich der bangende Kollege auf dem Cover?

V.O.:
Das ist ein Kumpel von Patrick, der im letzten Moment eingesprungen ist. Wir hatten eigentlich einen Aufruf gemacht, dass die Leute Bang-Bilder einschicken sollten, und das Beste sollte es dann aufs Cover schaffen. Die Pics waren auch cool, aber keins war so richtig coverwürdig. Da haben wir uns entschlossen, die ganzen Einsendungen als Collage ins Booklet zu packen und schnell noch was mit 'nem Model und 'nem Profifotografen zu machen. Und das ist dann dabei rausgekommen. Ich habe schon gehört, es sei ein geiles Cover und auch es sei das beschissenste Cover aller Zeiten (lacht). Für mich muss es einfach Wiedererkennungswert haben, und das hat es zweifellos. Es hat ein bisschen was von THE EXPLOITED.

Oliver:
Du magst euer 1996er "D-Fect"-Album am wenigsten. Aber da gibt's auch noch "D-Fect – The Remixes". Was hältst du rückblickend von dem Ding?

V.O.:
Ach Gott! Kein Kommentar (lacht laut). Das Teil rauszubringen, war echt ein Fehler. Aber ich muss zu meiner Verteidigung sagen, wir wollten das eigentlich nicht über Century Media veröffentlichen. Unser damaliger Manager Michael Hediger kannte 'n Haufen DJs und hat mal angefragt, ob sie nicht Bock hätten, 'n Remix zu machen. Die haben sich dann auch extrem Mühe gegeben. Und er wollte das nur über sein kleines Label Lux.-Noise rausbringen und auf den Shows verticken. Aber Century Media hatten die Rechte an den Songs. Sie hörten sich das an und fanden es eigentlich nicht so toll. Und wir sagten dann, dass sie es einfach lassen sollen und dass wir es so rausbringen, woraufhin sie meinten: "Nee, nee, wir bringen das richtig raus." Zu der Zeit waren diese Remix-Scheiben gerade in, und so haben die das einfach rausgeknallt. Wir waren dann nicht sehr glücklich. Eigentlich wäre das nur so 'n Sammlerstück geworden, weil die Qualität nicht so war, dass man die CD überall hätte rausbringen sollen.

Oliver:
Die Metal-Elemente harmonieren auch überhaupt nicht mit den Computer-Beats.

V.O.:
Die haben das zu Hause am Computer zusammengebastelt, und damals war die Software auch noch nicht so weit. Und wenn der Mix scheiße ist, kannst du auch beim Mastering nicht mehr viel rausholen. Ein paar Versionen finde ich nicht schlecht, aber am besten finde ich eigentlich die von 'Get Up', die wir selber gemacht haben (lacht). Da waren wir in 'nem richtigen Studio, und wir wussten auch, wie das rhythmisch gemeint ist. Die DJs haben manchmal 'ne ganz andere Auffassung von Rhythmus und Songwriting (lacht). Das ist ansonsten eigentlich ganz interessant. Wenn ich mir die FEAR FACTORY- oder WHITE ZOMBIE-Remix-Scheibe anhöre, ist das schon ziemlich geil. Aber das ist auch 'ne andere Liga. Was soll's. Nicht zurückgucken. Davon wurden eh nur zwei- oder dreitausend gemacht, glaube ich. Die sind sie wahrscheinlich nicht mal losgeworden (lacht).
Die "D-Fect"-Platte an sich finde ich eigentlich schon nicht so schlecht. Da sind gute Songs drauf, aber auch welche, die ich so nicht mehr machen würde. Ich habe die Platte schon lange nicht mehr gehört (lacht). Den Thrash-Song, 'Human Existence', haben wir lange live gespielt, allerdings hat mich der damalige Drummer Tobi (Roth – Anm. d. Verf.) für den Song gehasst. Er hatte den nicht eingespielt und dann musste er plötzlich. Als alter Kiffer war ihm das viiiiel zu stressig (lacht). Aber jetzt macht er ja Poprock. Hast du DISGROOVE schon mal gehört?

Oliver:
Nee.

V.O.:
Das ist eher so die ALICE IN CHAINS/INCUBUS/NICKELBACK-Schiene – mit 'ner schönen Stimme, womit ich nicht dienen kann. Das ist so ein bisschen die Krux mit all meinen Ex-Mitgliedern; irgendwann hatten sie Bock auf melodiösen Gesang (lacht).

Oliver:
Und da musstest du abwinken.

V.O.:
Ich kann es halt nicht. Jeder Mensch hat seine Stärken und Schwächen. Ich kann wohl ab und zu mal 'ne kleine Melodie singen, aber 'ne richtige Heavy-Metal-Röhre kannst du bei mir vergessen. Ich habe halt schon eher 'n tieferes Organ. Gröhlen geht gut (lacht).
Auf der neuen Platte haben wir schon einige Songs, die für meine Begriffe recht melodiös geworden sind. Es ist also schon 'ne Steigerung da, aber um mich jetzt groß als Chris Cornell (AUDIOSLAVE-Sänger – Anm. d. Verf.) hinzustellen, dazu habe ich nicht die Eier (lacht).

Oliver:
Auf eurer Homepage habt ihr auf Grund von LORDIs Sieg beim Eurovision Song Contest auch die Korken knallen lassen. Feine Sache, oder?

V.O.:
Sensationell! Ich habe mich so gefreut (lacht). Wir haben das geguckt, und es war ja schon im Vorfeld 'n riesiges Brimborium um das Ganze. Und ich habe dann schon zu meiner Frau gesagt: "Guck mal, die werden auf jeden Fall gewinnen." Und sie sagte: "Ach, das kannst du vergessen. Das ist viel zu extrem, und bei der Stimmungsmache..." Und ich meinte: "Wenn alle, die 'n bisschen auf 'ne verzerrte Gitarre stehen, jetzt für die voten, dann werden die Erster." Und tatsächlich: Nach den ersten paar zwölf Punkten, wurde meine Frau immer bleicher im Gesicht und sagte: "Die gewinnen ja wirklich." Ich find's cool. Ich bin nicht der riesige LORDI-Fan, weil mir die Musik stellenweise schon ein bisschen zu stumpf ist – vielleicht ab und zu mal 'n Song, aber 'ne ganze Platte ertrage ich nicht. Aber die Masken sind 1a, ich bin alter KISS-Fan. Das war 'n ausgestreckter Mittelfinger für die ganzen scheiß Kommerztypen.

Oliver:
Abgesehen davon, dass LORDIs Sieg verdammt cool war: Ist es nicht ziemlich arm, dass viele Leute im Jahr 2006 wegen ein paar Horrormasken immer noch fast Amok laufen?

V.O.:
Die ganzen Vorurteile sind halt immer noch da. Wenn du langhaarig, glatzköpfig oder tätowiert bist und nur 'n bisschen nach Metal oder Hard Rock aussiehst, bist du gleich 'n Krimineller, 'n Bombenleger, 'n Asozialer. Ich erlebe das heute auch noch, wenn ich mit meinen Kids bei McDonald's sitze. Wenn sich mein Sohn beklagt, die anderen Kinder würden ihn scheiße behandeln, meinen die anderen Väter zu ihm: "Sag nix deinem Vater. Keiner will Stress mit deinem Vater." Solche Sachen. Dabei sitze ich nur da und esse meine Burger.

Oliver:
Au Backe! Du siehst doch überhaupt nicht wild aus.

V.O.:
Eben. Da kenne ich Schlimmere. Aber es reicht schon so (lacht). Ich denke, in ein, zwei Generationen sollte das eigentlich vorbei sein, hoffe ich.

Oliver:
Es wird Zeit.

V.O.:
Ja, eben. Wir sind ja auch Menschen. Nur weil wir äquivalent zu Leuten, die Horrorfilme gucken, Horrormusik hören, sind wir ja keine Monster (lacht).

Redakteur:
Oliver Schneider

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