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EVOCATION: Interview mit Gitarrist Marko Palmén

07.10.2010 | 15:17

Die Schweden präsentierten ihr kommendes Album in Hamburg - das wirft natürlich Fragen auf! Doch wir sprachen nicht nur über "Apocalyptic", sondern auch über die USA, die Apokalypse und das Musikgeschäft.

Nach der Listening-Session zum neuen EVOCATION-Album "Apocalyptic" stand uns Gitarrist Marko Palmén zum Interview zur Verfügung. Da interessiert uns zunächst natürlich, wie er selbst mit dem dritten Album seiner Band zufrieden ist. "Es ist immer ein Klischee. Ich meine, alle Bands sagen, dass das neue Album bisher das beste Album ist und die Lieder sind die besten. Wir sind sehr, sehr mit der Produktion und dem Sound zufrieden. Ich denke, wir haben wirklich gute Arbeit geleistet. Wir sind wirklich sehr, sehr zufrieden mit den Tracks. Ich denke, wir haben es geschafft, EVOCATION und Death Metal auf ein neues Niveau für uns zu bringen. Wir haben uns technisch weiterentwickelt und auch als Musiker und Songwriter. Wir sind äußerst zufrieden mit dem Album." Bei der Produktion des Schlagzeuges hatten sie Unterstützung von Roberto Langhi, der sonst bei IN FLAMES hinter den Reglern sitzt. "Er war mit uns einen Tag im Studio und hat einen wirklich guten Klang gefunden." Der Scheibe ist tatsächlich anzuhören, dass sich vor allem die Gitarristen technisch weiterentwickelt haben: Die Riffs sind schneller und melodischer, als noch auf "Dead Calm Chaos". "Ich glaube, du triffst es auf den Punkt. Es ist ein bisschen schneller, das haben wir absichtlich getan. Wir haben gesagt, bevor wir die Lieder für das Album geschrieben haben: 'Hey Jungs, für Album Drei sollten wir etwas wirklich Schnelles machen, aber trotzdem den wesentlichen EVOCATION-Klang behalten wie die Melodien und das noch weiter entwickeln." Allerdings klingen manche Lieder sehr stark nach schnelleren Versionen einiger Songs vom Vorgängeralbum. "Du hast wahrscheinlich Recht, denn als wir "Dead Calm Chaos" veröffentlicht haben, hatten wir bereits damit begonnen, am nächsten Album zu arbeiten. Wir mögen es nicht, auf unseren Hintern zu sitzen und nichts zu tun. Wenn wir nicht auf Tour sind oder aufnehmen, dann schreiben wir neue Songs. Aber jetzt bei der Realisierung dieses Album, da haben wir noch keine neuen Songs für Album Vier geschrieben, aber wir werden bald damit anfangen, denn nach dem Release werden wir einen Zeitraum von nichts haben, bis wir für dieses Album touren. Aber cool, dass es dich an "Dead Calm Chaos" erinnert. Ich denke, es ist ein natürlicher Schritt von "Dead Calm Chaos" zu diesem Album. "Apocalyptic" ist nicht etwas völlig anderes, es ist immer noch EVOCATION".

Während der Aufnahmen drehten die Schweden bereits einen Clip zum Opener 'Sweet Obsession'. Ein weiteres Video ist bereits geplant. "Wir werden es im Dezember drehen, wissen aber noch nicht zu welchem Lied. Wir werden sehen." Auch eine Tour ist natürlich schon in der Planphase. "In diesem Winter wird es eine Europa-Tournee geben. Wie sie verläuft und mit welchen Bands, wissen wir noch nicht. Vielleicht wird es auch eine US-Tour geben. Die Möglichkeit dazu ist nun viel größer, denn dieses Album wird in den USA und Kanada über Metal Blade Records veröffentlicht." Mit ihrem modernen Sound passen EVOCATION auch gut auf den amerikanischen Markt. "Glaubst du? Für einige europäische Bands läuft es wirklich gut in den USA. Manche Leute vergleichen uns mit AMON AMARTH und sie haben auch Erfolg dort. Obwohl ich glaube, dass wir sehr verschieden sind . Aber ich hoffe, es wird in den USA auch für uns gut laufen. US-Bands sind in der Regel sehr viel technischer. Ich denke an Bands wie DYING FETUS und CANNIBAL CORPSE, den Florida Death Metal. Und wir sind ein bisschen mehr Schwedisch. Schwedisch ist eher melodisch und nicht so auf Technik konzentriert." Mit jenen CANNIBAL CORPSE tourten EVOCATION bereits im vergangenen Jahr. Wie war es denn, sich mit dieser lebenden Legende die Bühne zu teilen? "Vor der Tour habe ich eigentlich nur schwedischen Death Metal gehört, weil mir der technische, amerikanische Death Metal noch nie besonders gefallen hat. Also vor der Tour habe ich nicht viel CANNIBAL CORPSE gehört. Ein paar Songs hier und da, aber ich war kein Fan. Aber nach der Tour und der Begegnung mit ihnen – wir sind mit ihnen für einen Monat getourt – muss ich sagen, dass ich jetzt ein bisschen Fan bin. Ich sehe jetzt ihre Stärken und was sie wirklich gut machen. Sie haben Elemente in ihren Songs, die mir wirklich gefallen. Mein Lieblingssong auf der Tour, den sie jeden Abend gespielt haben, ist 'Unleashing The Bloodthirsty'. Sie haben Riffs, die mich wirklich an alte BLACK SABBATH erinnern. Es war fantastisch! Sie sind so bodenständige Jungs und wir hatten eine wirklich gute Zeit mit ihnen, so war es ein großes, unvergessliches Erlebnismit ihnen auf Tour zu gehen." Bleiben wir noch ein bisschen in den USA. Dort gibt es eine Band, die sich ebenfalls EVOCATION nennt. "Ich habe von ihnen gehört, aber ich denke, jetzt haben sie eine Pause. Ich glaube nicht, dass sie noch existieren. Aber ich kenne die Band und habe mir ihre MySpace-Seite angesehen. Ich glaube, ich schrieb ihnen sogar eine Nachricht: 'Hallo EVOCATION von EVOCATION.'" Namensrechtliche Probleme gab es allerdings nicht. "Es gibt auch eine Berliner Band namens EVOCATION und eine in Mexiko, aber diese Bands haben keine CDs auf Plattenfirmen veröffentlicht, sie sind nur Demo-Bands. Wir sind die Einzigen, die etwas veröffentlicht haben." Der Name Evocation ist zurzeit beliebt wie nie. Man denke nur an das ELUVEITIE-Album "Evocation I". "Vergangenes Jahr auf dem Summer Breeze habe ich mich mit einem Mitarbeiter von Nuclear Blast unterhalten und wir scherzten ein bisschen herum. Da sagte er zu mir: 'Alle neuen Bands, die bei uns unterzeichnen, haben eine neue Klausel in ihrem Vertrag: Sie müssen eines ihrer Alben Evocation nennen.' Ihr werdet demnächst also noch mehr solcher Veröffentlichungen bei Nuclear Blast sehen!"

Zurück zum neuen Output "Apocalyptic". Was gibt es denn über das Cover zu sagen? "Es ist von einem polnischen Künstler namens Xaay gemacht. Er hat schon mit Bands wie BEHEMOTH, VADER und NILE gearbeitet. Ein wirklich cooler Typ! Wir sind wirklich beeindruckt von ihm. Als wir seine künstlerische Arbeit sahen, dachten wir gleich: 'Wow, er wäre für dieses Album perfekt.' Das Artwork ist in schwarz und weiß gehalten und es hat einen mittelalterlichen Touch. Ich denke, es passt auch sehr gut zum Albumtitel "Apocalyptic". Es ist ein bisschen biblisch. Er hat wirklich das Gefühl des Albums eingefangen." Religiös sind EVOCATION allerdings nicht, trotz der Faszination für die Apokalypse, die schon im Namen des Vorgängeralbums "Dead Calm Chaos" durchschien. "Das Thema faszinierte Menschen schon immer in allen Religionen und darüber hinaus. Ich meine das Ende der Welt und dass unsere eigene Existenz aufhört. Jeder beschäftigt sich irgendwann im Leben damit, vor allem, wenn eigene das Ende näher kommt." Bei einer schwedischen Band ist die Frage berechtigt, warum EVOCATION ausgerechnet Hamburg für ihre Listening-Session und ein Exklusiv-Konzert ausgesucht haben. Die Antwort ist ebenso logisch wie ernüchternd: "Das war die Idee unserer Promotion-Firma Sure Shot Works. Ich glaube, sie sind hier ansässig. Es war ihre Wahl. Wir sind aber sehr zufrieden damit. Es ist unsere erste Show in Hamburg und wir freuen uns sehr, unsere Fans und Leute aus Hamburg zu treffen."

Auch privat hört Marko Death Metal. "BLOODBATH ist ein Favorit von mir. Sowohl mit Mikael Akerfeldt als auch mit Peter Tägtgren. Ich denke, es ist egal, wer singt. Beide sind gute Sänger. Und alte ENTOMBED natürlich. Das "Left Hand Path"-Album ist wirklich ein großer Liebling von mir. Ich besaß sechs Kopien des Albums auf Vinyl. Und das nicht, weil ich ein Sammler bin, sondern weil sie sich alle abgenutzt haben. Ich spielte es so häufig, dass sie Kratzer bekamen und ich sie nicht mehr abspielen konnte. Als ich noch bei meinen Eltern wohnte, da spielte ich es eineinhalb Jahre lang und meine Mutter, die finnische Tango-Musik hört, kam einmal in mein Zimmer und sagte: 'Hey, Marko, dieses Album ist tatsächlich gut!' Also habe ich es sogar geschafft, sie dazu zu bekehren. Sonst höre ich noch BOLT THROWER, OPETH und ARCH ENEMY." Und was hält der Gitarrist vom wohl berühmtesten Death-Metal-Export seines Heimatlandes, IN FLAMES? "Ich denke, sie sind hervorragende Musiker und sie haben sich ihren Erfolg verdient. Jesper ist ein alter Freund von uns aus den frühen Neunzigern. Wir haben ihn seitdem nicht gesehen, aber ich denke, wenn wir uns wieder treffen würden, würden wir viel Spaß haben. Aber ich höre IN FLAMES nicht. Ihre Art von Musik, New Metal, ist nicht mein Fall." IN FLAMES gelten in Schweden also als New Metal? "New Metal oder Metalcore." Auch ein paar deutsche Death-Metal-Bands sind dem Schweden bekannt: "Ein Freund von mir aus Deutschland hat mir MORGOTH gezeigt. Mit OBSCURE waren wir mal auf Tour – das sind wirklich nette Jungs! Und FRAGMENTS OF UNBECOMING sind wirklich gut!"

Schwedischer Death Metal erfreut sich so großer Beliebtheit, dass es sogar ein Buch darüber gibt. Auch EVOCATION kommen in diesem Buch vor. "Ich habe es nicht komplett gelesen, aber die Abschnitte über unseren Teil Schwedens, die Szene und die Bands von hier. Ich mag es sehr. Es ist sehr gut und großartig geschrieben. Daniel Ekeroth hat sehr umfangreich dafür recherchiert. Ich habe ihn 2008 auf dem Party.San getroffen, dort spielte er mit seiner Band INSISION. Es war das erste Mal, dass ich ihn traf, und er sagte: 'Wow, EVOCATION! Bei Partys in den frühen Neunzigern habe ich immer zu meinen Freunden gesagt: 'Ruhe jetzt! Ich lege EVOCATION auf. Setzt euch hin und headbangt!'' Ihnen haben die Demos sehr gut gefallen. Es hat wirklich mein Herz erwärmt, das zu hören."

Ein ganz anderes Thema: Uns interessiert, was Marko vom Musikgeschäft hält. "Es gibt gute Menschen und es gibt schlechte Menschen, so wie in allen Geschäftsbereichen. Glücklicherweise arbeiten wir mit sehr guten Leuten. Unsere Label, unsere Vermittlungsagentur und unsere Promotion-Firma – das sind alles großartige Jungs! Wir haben wirklich Spaß bei der Arbeit mit ihnen. Aber das war nicht immer der Fall. Wir haben auch schon schlechte Menschen getroffen." Viele Bands und Plattenfirmen beklagen einen Rückgang der CD-Verkäufe und sprechen von einer Krise. Wie erleben EVOCATION die aktuelle Situation? "Ich glaube, das Musikgeschäft befindet sich in einem Umbruch. In fünf bis zehn Jahren wird alles anders aussehen. Ich habe vor Kurzem Spotify entdeckt. Das ist eine Art Online-Mediathek. Die haben acht Millionen Lieder auf ihrer Seite, die man sich als Stream anhören kann. Es gibt einen kostenlosen Service, bei dem man sich zwischen den Tracks ein bisschen Werbung anhören muss, und ein Abo, das ungefähr zehn Euro im Monat kostet und bei dem es keine Werbung gibt. Es ist auch über das Handy zugänglich. Zugang zu acht Millionen Liedern – so gut wie alles ist dort! Dadurch merke ich, dass ich keine Alben mehr zu Hause haben muss. Ich habe sie bei Spotify. Und ich habe zwei Kinder, die alles anfassen müssen, dabei geht Einiges kaputt. Wenn dann auf einer CD ein Kratzer ist, kann ich sie nicht mehr anhören. Was auf Spotify ist, kann nicht kaputt gehen, es sind digitale Dateien. Es ist nur ein wenig langweilig, dass es kein Booklet zu lesen gibt und so weiter, aber ich denke, dass das bald kommen wird. Dadurch merke ich, dass die Leute bald keine CDs mehr brauchen werden, weil sie Zugriff auf jegliche Alben im Internet haben." Den Powermetal.de-Lesern hat Marko auch noch etwas zu sagen: "Ich hoffe, wir sehen uns auf unserer Tour im Winter und bei vielen Festivals im Sommer. Vielen Dank für das Interview und vielen Dank an alle, die es gelesen haben!"

Redakteur:
Pia-Kim Schaper

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