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ENSLAVED: Interview mit Ivar Bjørnson

14.12.2008 | 15:30

Von PINK FLOYD, Golfbällen und Sheep-Napping.

Vor dem ENSLAVED-Gig im Steinbruch-Theater in Darmstadt hatte ich die Möglichkeit, Gitarrist Ivar Bjørnson ausgiebig zum neuen Album "Vertebrae" zu löchern. Hier also das Ergebnis.

Hagen:
Okay, dann mal los. Zuerst einmal, wie geht es dir?

Ivar:
Super, danke der Nachfrage.

Hagen:
Läuft die Tour gut bisher?

Ivar:
Absolut! Wir sind heute genau einen Monat auf Tour und haben noch sechzehn Shows übrig. Wir werden kurz vor Weihnachten heimkommen.

Hagen:
Ah, okay. Also, natürlich das Wichtigste zuerst: "Vertebrae". Ich möchte alles über dieses Album wissen, also erzähl uns doch bitte davon.

Ivar:
Wir haben 2007 angefangen für das Album zu schreiben, direkt als wir von der Tour zu "Ruun" heimkamen. Wir haben nie in unserer Karriere soviel getourt wie nach "Ruun". Wir hatten so etwas wie einen inneren Druck in der Band, dass wir endlich mit dem Schreiben des neuen Albums anfangen wollten. So war das bisher nie, bisher konnten wir immer schreiben, wenn wir Lust darauf hatten. Diesmal mussten wir wegen des Tourens warten und warten und warten, bis wir unsere Ideen verwirklichen konnten. Daher war es fast das einfachste Album für uns, da wir, als wir angefangen haben, schon furchtbar viele Ideen zusammen hatten. Wir waren absolut bereit und inspiriert, als wir das Songwriting angegangen sind. Wir haben aber relativ lange gebraucht, bis alles geschrieben war, und auch das Aufnehmen hat lange gedauert. Zwischendurch ist noch das ein oder andere passiert, so haben wir zum Beispiel die Plattenfirma gewechselt. Irgendwie war das paradox, es war die Scheibe, die für uns am einfachsten zu schreiben war, aber wir hatten die meisten Probleme, sie verkaufsfertig ins Regal zu stellen. Aber wir hatten auch Glück, wir waren in einem wirklich guten Studio und wir hatten wirklich tolle Leute, die mit uns zusammengearbeitet haben.

Hagen:
Verstehe.

Ivar:
Als es dann endlich fertig war, als wir auf das zurückblicken konnten, was wir geleistet haben, da hatten wir wirklich das Gefühl, es ist das Beste, was wir je erreicht haben. Ich würde sagen, wir haben bisher schon ein paar wirklich gute experimentelle Alben gemacht, aber ich glaube, wir haben es noch nicht geschafft, so eine Synthese aus allem, was uns definiert aufzunehmen, wie es uns mit "Vertebrae" gelungen ist. Wir sind total mit dem Sound zufrieden, er klingt so organisch und echt und er repräsentiert wirklich den Geist der ganzen Band.

Hagen:
Ich mag "Vertebrae" wirklich sehr, Gratulation zu dieser tollen Scheibe!

Ivar:
Danke schön!

Hagen:
Der Titel des Albums ist der lateinische Name für Wirbel im Rückgrat, warum habt ihr die Platte so genannt?

Ivar:
Wir haben früh angefangen, einige der Lyrics für "Vertebrae" zu schreiben und das meiste der Musik ist einfach rundherum entstanden und uns hat ein Titel gefehlt. Auf "Ruun" und teilweise auch auf "Isa" hatten wir erst ein Konzept und haben dann auf diesem Konzept aufgebaut, diesmal war es genau umgekehrt. Wir haben auf alles geschaut, was wir aufgenommen hatten, und wollten ein einzelnes Wort, das gut alles miteinander zusammenfasst, ähnlich eines Themas für das Album. Die Scheibe hat viel mit Individualismus zu tun, mit Stärke, mit der Kombination aus dem, was uralt und primitiv ist in Hinblick auf die Evolution und die Entwicklung des menschlichen Potenzials. Als wir dann über das Wort "Vertebrae" gestolpert sind, hatten wir das Gefühl, dass dieses Wort genau das Symbol ist, das wir brauchten. Wirbel sind so etwas wie der allererste Baustein in einem menschlichen Organismus, sie halten alles zusammen. Sie sind simpel aber trotzdem grundlegend. Denn obwohl sie so einfach sind, leiten sie alle Information im Körper weiter und sind essentiell für das Überleben des Organismus. Wir mögen den Titel und die Symbolik sehr.

Hagen:
Ich persönlich finde auch, dass "Vertebrae" ein guter Titel für das Album ist. Ich habe das so empfunden, dass die Songs zusammen das Rückgrat formen und jeder Titel in exakt dieser Reihenfolge ein Teil dieses großen Ganzen ist. So ungefähr habe ich das interpretiert.

Ivar:
Da liegst du im Wesentlichen schon richtig, das sehen wir ähnlich.

Hagen:
Wie waren die Reaktionen der Presse und der Fans?

Ivar:
Überwältigend. Wir hatten niemals so gute Rückmeldungen zu einer Scheibe bisher. Und wir waren sogar ein wenig überrascht, dass so viele der traditionelleren Magazine aus der Black-Metal-Szene die Scheibe auch gut bewertet haben. Ich glaube, sie erkennen die Wurzeln ENSLAVEDs und merken, dass sie immer noch irgendwie präsent sind. Auch ist uns aufgefallen, dass viele Leute überrascht sind, wenn sie das Album hören, da sie normalerweise keinen Black Metal hören und von uns erwarten, dass wir völlig andere Musik machen. Ich glaube, es ist zwar eine langsame aber dafür eine umfassende Verlagerung, die all diejenigen, die sich immer noch wünschen, dass wir wieder die Musik aus 1995 spielen, realisieren lässt, dass wir niemals an diesen Punkt zurückkehren werden. Zur selben Zeit merken aber immer mehr Menschen außerhalb der Szene, dass wir eben nicht den stereotypen Black-Metal-Sound haben.

Hagen:
Du hast es bereits angesprochen, wo denkst du, wird die zukünftige Entwicklung ENSLAVEDs hingehen?

Ivar:
Wir wissen, dass "Vertebrae" bereits außerhalb der Szene einige Wellen geschlagen hat. Wir werden hoffentlich die Möglichkeit bekommen, einige größere Bands zu supporten. Bisher haben wir in Europa und auch den USA nur in kleineren Clubs gespielt. Das ist schön und gut, aber wir würden mit unserer Musik gerne mehr Menschen erreichen, die Menschen, die von uns "schon mal gehört" haben, aber sich nie die Mühe gemacht haben, mal bei uns reinzuhören. Wir wollen, dass sich mehr Menschen eine Meinung über unsere Musik bilden können, nicht nur Fans innerhalb der Black-Metal-Szene.

Hagen:
Wer war denn alles am Songwriting beteiligt?

Ivar:
Ich habe die komplette Musik geschrieben. Als nächstes bespreche ich mich mit den beiden Sängern, denn wenn plötzlich Gesang in die Musik kommt, klingt alles völlig anders, so dass wir manchmal neu arrangieren müssen. Grutle und ich schreiben dann die Lyrics zusammen.

Hagen:
Alles klar. So, nun zu etwas anderem. Vor ein paar Jahren hab ich gelesen, dass ihr ein Schaf "gestohlen" habt. Ich weiß, es war nicht wirklich gestohlen, ihr habt es dann wieder zurückgegeben. Magst du mir ein bisschen was dazu erzählen?

Ivar:
(lacht) Klar, mach ich. Es gab bei uns eine Diskussion über das Downloaden von Musik. Unser Problem damit war einfach, dass der Sachverhalt viel zu schwarz oder weiß dargestellt wurde. Auf der einen Seite hast du die reichen Plattenfirmen und Musiker, die im Fernsehen darüber heulen, dass sie sich keinen neuen Sportwagen kaufen können. Dann hast du auf der anderen Seite Webbetreiber wie Piratebay, die sagen, man darf alles stehlen, Copyrights sind ein Unding unserer Gesellschaft. Wir haben das Schaf gestohlen, um die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken, und unseren Standpunkt in dieser ganzen Debatte zu beschreiben. Es gibt einfach so viele Leute in den Graustufen zwischen diesen Extremen, die denken, das Herunterladen aus dem Internet ist eine gute Sache. Aber gleichzeitig ist es glaube ich nötig, mit den Kids und den Leuten in Kontakt zu treten, um ihnen klarzumachen, dass es Bands wie ENSLAVED nicht mehr geben wird, wenn jeder alles nur noch downloaded. Ich würde mal sagen, das betrifft kleinere Bands als uns bis hin zu den größeren Black-Metal-Bands. Du wirst immer Bands wie METALLICA haben, die, wenn sie es wollen würden, 200 Euro für ein Konzert verlangen können und die Leute würden trotzdem hingehen. Auf der anderen Seite sind die kleinen Bands, deren Mitglieder arbeiten gehen müssen und deren Musik sich teilweise noch nicht einmal selbst trägt. Aber ich denke, das Bewusstsein in Bezug auf diese Problematik hat sich schon etwas geändert in den letzten Jahren.

Hagen:
Also denkst du, die Aktion hat etwas gebracht?

Ivar:
Ja, ich denke schon, auch wenn es natürlich nur ein kleiner Beitrag war. Ich glaube es war gut, dass es die Leute zum Lachen gebracht hat. Die Diskussion (in Norwegen) wurde nicht mehr so ernst geführt, wie es vorher war. Wir haben beobachtet, dass viele Leute angefangen haben in den Foren zu diskutieren und den Standpunkt vertreten, dass downloaden okay ist, aber wenn man die Musik mag, soll man sich die Originalplatten kaufen. Das haben wir vorher nicht so empfunden, und diese Entwicklung ist eigentlich positiv, damals hat niemand vom Kaufen gesprochen. Was mir auch auffiel, ist, dass viele Leute das neue Album runtergeladen haben, sich aber dann die Vinyls kaufen. Wir haben nie so viele Vinyls verkauft wie auf dieser Tournee.

Hagen:
Habt ihr irgendwelche Konsequenzen von Seiten der Staatsmacht erfahren müssen?

Ivar:
Nein, glücklicherweise nicht. Aber ein Farmer sah den Bericht im Fernsehen und fing an, unseren Keyboarder mit Todesdrohungen zu bombardieren. Der ist nämlich aus einer berühmten Farmer-Stadt in Norwegen, und dort haben sie wohl gedacht, dass wir das Schaf geholt haben, um es zu foltern und zu töten.

Hagen:
Und der Besitzer war nicht angepisst?

Ivar:
Nein überhaupt nicht, der hatte das Gefühl, das war eine gute Sache. Allerdings war der auch ein Hippie in den Siebzigern, daher sah er das auch nicht so eng, glaube ich.

Hagen:
Hast du was dagegen, wenn ich dir ein paar persönliche Fragen stelle?

Ivar:
Nein, mach!

Hagen:
Die erste ist schwer, was sind deine drei liebsten Platten aller Zeiten?

Ivar:
Oh, das ist gar nicht so schwer! Damit ich die nicht vergesse, hab ich mir die nämlich auf meinen Arm tätowieren lassen (zieht den Ärmel hoch). Da haben wir hier einmal PINK FLOYD – "Dark Side Of The Moon".

Hagen:
Wow, tolle Scheibe!

Ivar:
Als nächstes "Twilight Of The Gods" von BATHORY.

Hagen:
Okay.

Ivar:
Und "Red" von KING CRIMSON.

Hagen:
Alles klar. Das war einfach. Den anderen Jungs, die ich das gefragt habe, zum Beispiel Flo Mounier von CRYPTOPSY, fiel das nicht so leicht. Flo hat ungefähr zehn Minuten gebraucht, um die Frage zu beantworten.

Ivar:
Oh. Naja, es hätte schon sein können, dass ich bei zwei Scheiben gezögert hätte. Aber PINK FLOYD ist immer in der Top drei.

Carsten:
Wie lang hast du das PINK FLOYD-Tattoo denn schon?

Ivar:
Seit sechs Jahren. Mein Vater hat, als ich elf war, sämtliche Schallplatten ausgemistet, aber mir hat er die komplette PINK FLOYD-Sammlung vermacht. Und das war so was wie meine erste Sucht, ich konnte einfach nicht aufhören, PINK FLOYD zu hören.

Hagen:
PINK FLOYD ist allgemein ein großer Einfluss für dich, oder?

Ivar:
Ja, das stimmt schon. Diese Band ist auch das einzige Hobby, das ich so habe. Ich mach mir nichts aus Fußball, ich bin kein großer Fan von AC/DC oder IRON MAIDEN oder so was. Aber von PINK FLOYD habe ich Brillen, Bettzeug, Fotos, Biografien, alles. Wenn ich nen Golfball mit einem PINK FLOYD-Logo irgendwo finde, dann kauf ich den, auch wenn ich Golf nicht mag.

Hagen:
Nächste Frage. Gibt es einen Sänger oder eine Band, mit der du gerne mal zusammen gespielt hättest? Ich denke mal PINK FLOYD, oder?

Ivar:
Oh, ich weiß nicht, das ist wie eine andere Welt, das ist zu heilig für mich. Hmm, vielleicht mit Frank Zappa. Weil wenn ich mit ihm spielen hätte dürfen, das würde heißen, ich bin ein richtig guter Gitarrist.

Hagen:
Welche bereits tote Person würdest du gern mal auf ein Bier treffen?

Ivar:
Gute Frage, ich denke Aleister Crowley.

Hagen:
Oh. Warum?

Ivar:
Ich in fasziniert von der Vielschichtigkeit dieses Typen, der mit Opiaten und anderen psychoaktiven Drogen experimentiert hat, der Freeclimbing betrieben hat und der ein hervorragender Läufer war. Er war weder Sportler, noch Junkie, er war einfach ein Mix aus allem. Er hat einfach jede extreme Seite des Menschseins ausgekostet. Ich denke auch, dass Crowleys Philosphie für bescheuerte Ansichten missbraucht worden ist, aber auf der andern Seite würde er wohl darüber lachen, wenn man ihn heute fragen würde. Zum Beispiel bin ich mir sicher, dass er über die Black-Metal-Szene lachen würde. Er hat gesagt, man soll tun was man will, aber er fand auch Liebe unheimlich wichtig. Er würde auch darüber lachen, dass man ihn als den bösesten Mann der Welt bezeichnet hat. Ich persönlich denke, dass er viel mehr ein Humanist in der menschlichen Geschichte war, als böse. Er hat das System herausgefordert, aber er hat den Menschen an sich immer geachtet. Für die normalen Menschen hat ihn das wohl zu einem gefährlichen Menschen gemacht.

Hagen:
Okay, das kann ich nachvollziehen. Sooo ... danke für das Interview. Magst du noch was sagen?

Ivar:
Erstmal danke an alle, die zu unseren Shows kommen. Wir sind halb durch in Deutschland, aber den Rest der Woche auch noch hier. Es ist schön, hier zu sein. Auch ein Danke an alle, die "Vertebrae" gekauft haben, wer es noch nicht hat, sollte der Scheibe wenigstens eine Chance geben.

Hagen:
Definitiv sollten sie das! Ich wünsch dir alles Gute für die Show gleich, bis bald mal!

Ivar:
Danke schön!

Redakteur:
Hagen Kempf

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