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ENDLESS SUMMERTIME FESTIVAL: Interview mit Marc Brandstetter

30.06.2007 | 09:57

"Endless Summertime Festival", das klingt nach Sonne, Sommer, Ferien und einer guten Zeit. Auch wenn das mit der Sonne in diesem Jahr mal wieder so eine Sache für sich ist, bietet besagte (übrigens von POWERMETAL.de präsentierte) Veranstaltung, die am 6. Juli 2007 - dem letzten Schultag vor den saarländischen Sommerferien - im Bosenbachstadion in St. Wedel steigt, ansonsten genau dieses: Die Kids können ihre guten Zeugnisse feiern oder die schlechten für einen Tag vergessen, die Ferien fangen gerade erst an, und der Sommer sowieso (das mit dem Wetter wird auch wieder besser, da bin ich mir sicher). Für die gute Zeit sorgen neben den hochkarätigen Acts LAY DOWN ROTTEN und DEW-SCENTED noch drei hoffnungsvolle regionale Bands, nämlich THE HAND OF GLORY, EPILOGUE und SLAVES TO THE MACHINE GODS.

Abgesehen vom musikalischen Cocktail in der Schnittmenge aus Death und Thrash Metal sowie Hard- und Metalcore überzeugt das Festival jedoch vor allem wegen seiner politischen Ausrichtung - "Laut werden gegen Rechts!" heißt die Devise. Die Veranstalter setzen ein deutliches Zeichen gegen jede Form von Fremdenhass, Rassismus und Gewalt - und kombinieren somit eine fette Party mit einer wichtigen Botschaft. Und das alles bei freiem Eintritt! Mit-Organisator Marc Brandstetter erzählt ein wenig über die Hintergründe.

Elke:
Ein "Umsonst-und-Draußen-Festival" ist immer eine feine Sache. Im Gegensatz zu anderen vergleichbaren Events kombiniert ihr den Spaß-Gedanken jedoch mit einer politischen Intention: "Laut werden gegen Rechts". Erzähl mal ein bisschen was über die Ursprünge der Idee.

Marc:
Die Ursprünge unseres Festivals gehen bis ins Jahr 2003 zurück - damals noch unter dem Namen "Rock gegen Rechts". Unser Ziel war es zum einen, den Schülerinnen und Schülern einen möglichst unterhaltsamen Start in die Sommerferien zu ermöglichen; gleichzeitig wollten wir aber auch auf das "Problem Rechtsextremismus" aufmerksam machen und die Gesellschaft noch weiter für diese Thematik sensibilisieren.

Elke:
Ausgerichtet wird das Konzert von der "Sozialistischen Jugend Deutschlands (SJD) - Die Falken". Was genau verbirgt sich dahinter? Welche anderen Aktionen werden von dort aus veranstaltet?

Marc:
Die Falken sind ein politischer Jugendverband, sogar der größte in Deutschland. Wir setzten uns für die Rechte von Kindern und Jugendlichen ein, organisieren Ferienfreizeiten, Ausflüge oder Kinderfeste. Und wie man schon an unserem Festivalmotto sehen kann, treten für Demokratie ein und erteilen Fremdenhass, Intoleranz und Gewalt eine klare Absage.

Elke:
Hattet ihr als Veranstalter bereits Erfahrungen mit anderen Events dieser Größenordnung, oder war die erste Ausgabe des "Endless Summertime Festivals" im Jahre 2006 für euch der berühmte Sprung ins kalte Wasser?

Marc:
Wir haben bereits einige Veranstaltungen organisiert, wobei das diesjährige Endless Summertime Festival sicherlich unser bis dato größtes Event darstellt.

Elke:
Der Name des Festivals hat so etwas hippie-mäßiges und passt auf den ersten Blick nicht ganz zum Inhalt der Veranstaltung. Steckt dahinter irgendein tieferer Sinn?

Marc:
Wie bereits erwähnt, sind wir seinerzeit unter dem Label "Rock gegen Rechts" gestartet. Allerdings haben wir schnell die Erfahrung gemacht, dass wir so nur ein ganz spezielles Publikum ziehen konnten. Mit dem neuen Namen ist es nun einfacher, auch Anhänger harter Klänge, die sich nicht direkt der Punk- oder Hardcore-Szene zuordnen, zu erreichen. Schließlich ist es unser Anspruch, möglichst viele Leute auf das Thema "Rechtsextremismus" aufmerksam zu machen und zu zeigen, dass jeder mit einer eigenen pfiffigen Idee etwas dagegen tun kann!

Elke:
Der letzte Schultag vor den Sommerferien, an dem das Festival stattfindet, zielt vermutlich insbesondere auf ein junges Publikum ab. Bekommt ihr von den Schulen Unterstützung für euer Projekt? Und wie hoch ist der Anteil an älteren Besuchern?

Marc:
Nein, von den Schulen bekommen wir keine direkte Unterstützung. Aber es gibt zahlreiche weitere Helfer, die uns vor Ort unter die Arme greifen. Sei es der lokale Musikladen, der uns die Backline zur Verfügung stellt, oder sei es insbesondere die Stadt St. Wendel, ohne deren Hilfe gerade im logistischen Bereich (Gelände, Bühne, Wasseranschluss) eine solche Veranstaltung nicht zu finanzieren wäre. Was den Anteil der älteren Besucher betrifft: Wir haben letztes Jahr zum ersten Mal am Nachmittag unsere erste Band auf die Bühne geschickt, nicht direkt nach Schulschluss. Dadurch konnten wir doch einige ältere Besucher ziehen, auch wenn der Anteil der Schülerinnen und Schüler nach wie vor überwiegt.

Elke:
Der Großteil des Billings scheint sich aus lokalen Bands zusammenzusetzen, die vermutlich für lau an jeder Steckdose auftreten würden. Wie holt ihr die größeren Acts - in diesem Jahr DEW-SCENTED und LAY DOWN ROTTEN - ins Boot? Wer finanziert das Ganze? Auch wenn die Hauptacts - wie ich annehme - keine Gage für ihr Engagement bekommen, so fallen sicher genügend Kosten an.

Marc:
Die Kosten sind so eine Sache. Wir finanzieren uns durch Beiträge der beteiligten Organisationen (neben den Falken noch beispielsweise das "Netzwerk für Demokratie und Courage", die "Jusos" oder die "DGB Jugend"), durch einen Zuschuss unserer Kreisstadt sowie durch Landesmittel, die jedoch - und das muss man so deutlich sagen - viel zu gering für eine solch wichtige Sache ausfallen. Deshalb haben wir auch jedes Jahr aufs Neue zu kämpfen, damit wir das Festival wieder schultern können. Es stimmt schon, die größeren Bands kommen uns finanziell entgegen, trotzdem bekommen sie natürlich Gage, auch wenn diese geringer ausfällt als im Normalfall. Lokale Bands bekommen bei uns zusätzlich eine faire Chance. Auch das gehört zu unserem Konzept, schließlich gibt es leider viel zu wenige Gelegenheiten, wo junge Nachwuchsbands ihre Livequalitäten unter Beweis stellen können. Diesen Weg werden wir auch in Zukunft gehen. Eben eine gesunde Mischung aus größeren und lokalen Bands.

Elke:
Wer legt die musikalische Ausrichtung des Festivals fest, dessen Schwerpunkt auf den Bereichen Punk/Hardcore/Metalcore/Death Metal liegt? Würdet ihr bei einem der nächsten Festivals auch z. B. einer Black-Metal-Band eine Chance geben?

Marc:
Die musikalische Ausrichtung spiegelt ganz einfach unseren privaten Musikgeschmack wider. Ich mag auch Black Metal, wir waren dieses Jahr sogar an einer größeren Black-Metal-Band aus Deutschland dran. Leider wollten sie nicht auf einer politischen Veranstaltung spielen, auch wenn sie dem Neonazismus eine klare Absage erteilen. Wenn wir 'ne coole Black-Metal-Band finden würden, natürlich, warum sollten sie keinen Gig bei uns bekommen?

Elke:
Wie waren die Besucherzahlen im vergangenen Jahr? Und mit wie vielen Menschen rechnet ihr in diesem Jahr?

Marc:
Letztes Jahr haben wir 600 Besucher gezählt. Da wir in diesem Jahr unsere Werbung - auch dank eurer Hilfe - deutlich verbessert haben sowie mit DEW-SCENTED und LAY DOWN ROTTEN zwei absolute Highlights des deutschen Metals engagieren konnten, hoffen wir auf 750 bis 800 Leute, sofern das Wetter mitspielt.

Elke:
Aktionen gegen Rechts setzen für mich irgendwie voraus, dass es diesbezüglich bereits Probleme in eurer Region gab. Dabei verbinde ich Rechtsextremismus eher mit den neuen Bundesländern als mit dem idyllischen Saarland. Eure Homepage spricht jedoch von allein 102 rechtsextremen Straftaten in eurem Bundesland im vergangen Jahr. Ohne diese Zahl klein reden zu wollen: Wie "rechts" schätzt ihr eure Region im Vergleich zum Rest der Republik ein?

Marc:
Ich glaube, es geht nicht darum wie "rechts" eine Region ist. Rechtsextremismus ist ein gesamtdeutsches, ja sogar ein gesamtgesellschaftliches Problem. Leider treten Neonazis, wie du richtig sagst, in den neuen Bundesländern zahlreicher auf als hier im Westen. Aber auch hier im Saarland gibt es eine aktive Kameradschaftsstruktur. Und bei den letzten Landtagswahlen vor drei Jahren erzielte die NPD vier Prozent der Stimmen, das beste Ergebnis der Partei in einem westdeutschen Bundesland seit 1968!

Elke:
Gab es im vergangenen Jahr Probleme mit Rechtsextremen auf dem Festival, die den Ablauf zu stören versuchten?

Marc:
Derartige Probleme hatten wir glücklicherweise bislang noch nicht. Dies mag auch daran liegen, dass unser Festival nicht nur von einem breiten gesellschaftlichen Bündnis getragen wird, sondern auch, dass wir sie immer als politische Demonstration anmelden und deshalb besondere Privilegien genießen.

Elke:
Neben dem Musikprogramm - das sicher die meisten Besucher anlockt - gibt es auf dem Festival auch zahlreiche Informationen zu Themen wie Rechtsextremismus, Neonazismus, Gewalt oder Migration. Wie waren bisher die Resonanzen der Besucher auf das Informationsangebot, die vermutlich eher der Bands wegen gekommen sind?

Marc:
Das Infoangebot wird wahrgenommen. Auch entsprechende Materialien finden den Weg in die Hände der Besucher. Allerdings steht, wie du sagst, die Musik im Vordergrund.

Elke:
Was wollt ihr langfristig mit dem Festival erreichen?

Marc:
Selbst wenn dies noch Zukunftsmusik sein sollte: Unser Ziel ist es, dass Festival bundesweit bekannt zu machen, im jährlichen Festivalkalender fest zu verankern, 'ne fette Party zu feiern (schließlich sind wir auch alle Fans) und nicht zuletzt ein deutliches Zeichen gegen Rechtsextremismus zu setzen!

Elke:
Wir von POWERMETAL.de haben seit kurzem die Aktion "Metaller gegen Hass und Gewalt" am Start. Wie groß schätzt ihr die Problematik innerhalb der Metal-Szene ein? Welche Möglichkeiten seht ihr, dem entgegenzuwirken?

Marc:
Wie ich bereits erwähnt habe, ist Rechtsextremismus ein gesamtgesellschaftliches Problem, damit ist unsere Szene natürlich auch nicht immun dagegen. Es scheint sogar, als würden Neonazis systematisch versuchen, den Metal zu unterwandern. Sieh dir nur die steigende Anzahl so genannter NS-Black-Metal-Bands an! Ich denke, solche Aktionen wie die eure oder unsere sind immens wichtig, auch was die Aufklärung betrifft. Denn noch immer laufen viel zu viele Metaller mit BURZUM- oder GRAVELAND-Shirts auf Konzerten 'rum ohne dass sie explizit wissen, welche menschenverachtende Ideologie von diesen Bands, auch durch ihre Musik, transportiert wird.

Elke:
Ich danke dir für das Interview und wünsche euch viel Erfolg mit dem "Endless Summertime Festival"! Falls du noch etwas los werden möchtest, nur zu!

Marc:
Zunächst möchten wir uns bei allen anderen Veranstaltern, Kooperationspartnern und den weiteren Helfern bedanken! Wir hoffen, dass das 2. Endless Summertime Festival ein voller Erfolg wird! Vielleicht kann sich der eine oder andere eurer Leser ja doch noch durchringen, selbst eine weitere Anreise in Kauf zu nehmen. Wir versprechen eine gelungene Veranstaltung, faire Preise für Essen und Getränke und nicht zuletzt LAY DOWN ROTTEN und DEW-SCENTED für lau! Wo gibt's das sonst noch?

Redakteur:
Elke Huber

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