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ELUVEITIE: Natur, Tour, Fleisch und Blut

06.02.2010 | 10:55

Schlag auf Schlag. Kaum ist ein Jahr rum, schon steht das nächste Album der Schweizer Folk-Death-Metal-Bank an. Wir haben uns Chrigel geschnappt...

Es ist einfach faszinierend. Wie ein Sturm fegen die Schweizer von ELUVEITIE seit dem Jahr 2006 über die Welt. Kaum vier Jahre nach ihrer Gründung 2004 stand das Debüt "Slania" an, nun erscheint mit "Everything Remains As It Never Was" das vierte Studioalbum.

Wie steht es im Hause ELUVEITIE? Alles gut soweit? "Klar, es fühlt sich immer gut an, danke", versichert CHRIGEL. "Auch wenn ich persönlich es jedes Mal etwas bereue, wenn die Zeit im Studio jeweils schon wieder vorbei ist. Denn was gibt es Schöneres (okay, abgesehen vom Touren), als im Studio zu sein und ein neues Album zu erarbeiten? Derweil sind wir voll beschäftigt, den Release vorzubereiten und das neue Album live zu präsentieren, worauf wir uns total freuen." Im Jahr 2009 veröffentlichte die Band ein erfolgreiches, weil ungewöhnliches Album: "Evocation I - The Arcane Dominion" war ein reines Folk-Album. Ein netter Ausflug, doch "natürlich waren wir spitz drauf, wieder ein Metal-Album einzuspielen. Aber ein Folk-Album hat genau so seinen Reiz. Letztlich macht's wohl nicht mal so nen riesen Unterschied. Ich meine, beides ist unsere Musik."


Der konzeptionelle Hintergrund ist es sehr wichtig für die Band, wie Bandkopf Chrigel erklärt: "Das Album beinhaltet im Großen und Ganzen eine Art Sammlung von Erzählungen aus dem antiken Gallien: Einzelschicksale, Geschichten verschiedener Stämme und ihrer Kriege, historische Ereignisse und auch Sagen und Mythen, wie sie sich uns durch die Jahrhunderte hindurch überliefert haben. Jedoch versuchten wir, die 'menschlichen' und emotionellen Aspekte davon zu fokussieren - in dem Bewusstsein, dass es letztlich immer einzelne Persönlichkeiten sind, die hinter solchen historischen Ereignissen stehen und die letztlich 'Geschichte schreiben'. Trockener, kalter Geschichtsmaterie wird hier Leben eingehaucht und 'Fleisch und Blut' verliehen." Dennoch gibt sich Chrigel nicht der Illusion hin, alles wissen zu können: "Ebenso gingen wir durchaus auch mit einem kritischen Blick und hinterfragend an die Auseinandersetzung mit dieser historischen Materie heran, im Bewusstsein, dass man über vieles davon auf ewig lediglich spekulieren kann. Ich denke, wenn man sich mit Geschichte (insbesondere mit Ur- und Frühgeschichte) auseinandersetzt, muss man sich immer bewusst bleiben, dass man zwar wohl sehr viel über eine vergangene Kultur lernen und wissen kann, aber dass letztlich doch niemand jemals wirklich mit Bestimmtheit sagen kann, was damals genau wie war. Denn niemand von heute lebte damals und dachte, fühlte und lebte, was die Menschen damals dachten, fühlten und lebten. Solcherlei Überlegungen entsprang übrigens auch der Ursprung der Albumtitel."

 


Wenn eine Band derart viel tourt wie ELUVEITIE (mittlerweile hat es die Band gar bis in die USA getrieben), stellt sich die Frage nach Heimweh natürlich recht schnell. Da ist es interessant, wenn das Cover durch eine Hütte dominiert wird. Ist das ein bisschen Ausdruck der Sehnsucht nach Heimat? "So hab ich das nun noch nie angeschaut", lacht Chrigel, um dann nachdenklicher hinterherzuschieben: "Nun ja, vielleicht? Obwohl wir es schon sehr lieben, 'on the road' zu sein." Da ELUVEITIE sich vielfach mit der Natur auseinandersetzen, drängt sich die Frage nach einer favorisierten Jahreszeit auf - zumal die letzten Alben alle im Winter erschienen. "Coole Frage! Gar nicht so einfach zu beantworten", überlegt Chrigel. "Nun, unsre letzten paar Releases erschienen ja immer im ersten Jahresquartal und wurden demzufolge meistens irgendwann in der zweiten Jahreshälfte aufgenommen und produziert. Aber das war nie eine bewusste Entscheidung, sondern hat sich jeweils einfach so ergeben. Aber wie auch immer, als am Inspirierendsten empfinde ich den Herbst. Aber natürlich hat jede Jahreszeit ihre Reize. Ich mag auch den Winter, die Zeit des Schnees, des Holzspaltens und Feuermachens. Wenn die Frühlingsmonate vorbeigehen und es wieder warm wird, vermisse ich das Geräusch des im Ofen prasselnden Feuers und den Geruch von Ruß, der über die Wintermonate unser Haus erfüllt, jeweils schon fast. Genauso schön ist es dann aber, das Leben in der Natur langsam wieder aus dem Winterschlummer erwachen zu sehen. Ich denke, jede Jahreszeit hat ihre inspirierenden Seiten."


Aufgrund der Naturverbundenheit der Band - auch wenn es nicht um Messages geht, wie Chrigel im letzten Interview mit POWERMETAL.de erklärte - muss es für den Bandleader schwer sein, ein Scheitern wie das der Konferenz von Kopenhagen einfach so hinzunehmen, oder? "Schwer zu sagen", überlegt Chrigel. "Eigentlich weiß ich nicht mal wirklich, was ich davon halten soll. Vielleicht ist es manchmal ein Gefühl der Ohnmacht. Letzten Endes habe ich den Eindruck, dass wir Menschen des 'aufgeklärten Zeitalters' immer wieder (und immer noch) ein verzerrtes Bild von uns selbst haben. Wir betrachten uns selbst als etwas Spezielles, was losgekoppelt ist vom Rest der Natur und völlig autonom und ohne Rücksicht agieren darf - was meiner Meinung nach recht irrational ist. Wir sind ein Teil der Natur und leben in einer Symbiose mit jedem andern Bestandteil davon, nur merken wir das nicht immer oder vergessen es sehr leicht. Würden andere - ich sage mal - 'Mitglieder' der Natur, beispielsweise die Bäume oder die gesamte Vegetation, ähnlich aus ihren gegebenen Zyklen ausbrechen und ohne Rücksicht auf alles andere Leben handeln, so würden wir die Folgen sehr drastisch zu spüren kriegen und unsanft auf den Boden der Realität zurückgeholt werden. Aber wie auch immer, das Beruhigende daran ist, dass die Natur Zeit hat. Sie kann mit praktisch allem umgehen, ist flexibel und wird mit Problemen wie z.B. dem schmarotzerhaften Verhalten der neuzeitlichen Menschen durchaus fertig. Auch wenn das (aus menschlicher Sicht) langfristig drastische oder gar existenzbedrohende Folgen für die Menschen bedeuten mag. Insofern sollten wir uns vielleicht eher um uns selbst Sorgen machen, als um die restliche Natur."


Aufgrund des vielfältigen Einsatzes verschiedenster Instrumente, ist die Wahl des Studios für ein erfolgreiches Album essentiel, wie Chrigel erklärt: "Aufgenommen haben wir das Album einerseits in den Schweizer Newsound Studios von Tommy Vetterli (CORONER, KREATOR). Es war für uns das erste Mal, aber ich hoffe, nicht das letzte Mal. Die Zusammenarbeit mit Tommy war großartig. Er ist nicht nur ein toller, liebenswerter Kerl und ein völlig der Musik ergebenes Arbeitstier. Nachdem wir nun bei ihm aufgenommen haben, muss ich nun auch sagen, dass er weltweit wohl einer der besten und fähigsten Engineers ist und in der Metal-Welt meiner Meinung nach auch nicht genügend als solcher anerkannt und honoriert wird! Zum andern haben wir die Folk-Instrumente wieder im Liechtensteiner Devils Studio (Drehleier und Fiddle) und in meinem kleinen Heimstudio (Dudelsäcke, Whistles, Mandola etc.) aufgenommen."


Bei jedem neuen Album stellt sich natürlich die Frage, was sich zum Vorgänger verändert hat. "Grundsätzlich denke ich, dass "Everything Remains..." dort weiterfährt, wo "Slania" endete", führt der sympathische Schweizer aus. "Und eben, es ist wohl ein Weiterfahren - wir haben uns als Band in den letzten zwei Jahren durch unzählige Liveshows entwickelt und sind gereift. Das Ergebnis davon ist auf "Everything Remains..." zu hören. Der vermehrte Einsatz von weiblichen Gesängen kam eigentlich sehr spontan und intuitiv zustande. Das ist wahrscheinlich eine Spur, die "Evocation I" bei uns hinterlassen hat, haha! Wir sind sehr zufrieden damit, es gibt unserer Musik ein noch breiteres Klangspektrum." Daran anschließend stellt sich gleich die Frage, warum Anna nicht häufiger screamt, obwohl das doch ein derartiger Gänsehautmoment ist? "Eigentlich hast du die Antwort auf die Frage gleich selbst gegeben. Annas räudiger Schrei in 'Quoth The Raven' ist wirklich ein Gänsehautmoment, und das ist er eben genau, weil er etwas Besonderes auf dem Album ist, etwas, das nur ein einziges Mal (und genau an der richtigen Stelle) vorkommt. Würden wir ihre Screams in nahezu jedem Song einsetzen, wäre das zwar wohl schon geil, aber wir würden damit das Besondere und das Überraschende nehmen. Zudem soll so was natürlich auch zu einem Song, zu einem Part und auch zum lyrischen Inhalt passen. Und das tut es bei 'Quoth The Raven' - Annas Stimme repräsentiert hier die Stimme des Rabens der Anderswelt und ihr Schrei ist der Schrei dieses 'Totenrabens', der kommt, um die Verstorbenen zu holen und zur 'verborgenen Insel' zu geleiten, wie uns das die keltische Mythologie schildert."

 

Diesem schönen Schlusswort ist lediglich noch der Hinweis auf kommende Tourpläne und ein kleiner Gruß an die Leser hinzuzufügen: "So, wie die Pläne momentan ausschauen, wird unser vor uns liegendes Jahr 2010 primär aus Tourneen bestehen. Fast rund um den Globus. Ich danke dir für das Interview und Dank an alle Leser für ihr Interesse!"

Redakteur:
Julian Rohrer

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