EDGUY: Interview mit Dirk Sauer

28.08.2011 | 18:08

"Age Of The Joker heißt der aktuelle Zapfenstreich unserer Gute-Laune-Experten von EDGUY. Wir sprachen mit Dirk Sauer, seines Zeichens Gitarrist des Quintetts, in einem netten Plausch über die neuste Veröffentlichung, Touraktivitäten und anderen, kunterbunten Sachen.

Hey Dirk, schonmal vielen Dank für deine Zeit. Wie geht es dir denn zu Zeit? Alles im Lot im EDGUY-Camp?

Hallo! Uns geht es im Moment recht gut. Die Aufnahmen zum neuen Album sind abgeschlossen und darüber sind wir mehr als glücklich.

 

Wie fühlt sich das neue Album an? Mittlerweile ist es euer neuntes Studioalbum und seit dem letzten Album "Tinnitus Sanctus" hat sich doch ein wenig getan, oder?

Ja klar, in dieser Zeit haben wir sehr viel getourt und hatten zudem noch die SCORPIONS-Tour in Deutschland. Eigentlich war es nicht geplant, so viele Shows noch zu spielen, aber das ist eben eine Sache, die man sich nicht entgehen lässt. Es war eine große Ehre, im Vorprogramm der SCORPIONS zu touren. Da sagt man natürlich nicht "Nein". Dies bedeutete allerdings, dass wir die Albumpläne ein klein wenig zurückgeschoben haben, aber ansonsten war es eine runde Sache und darum war es auch spannend zu sehen, was im Proberaum passiert. Damit haben wir letztes Jahr im Spätsommer angefangen, die Texte entstanden relativ zügig und nachdem Tobi das kleine Break mit AVANTASIA hatte, enterten wir das Studio. Das hat alles relativ stressfrei funktioniert, was ein gutes Zeichen dafür ist, dass die Chemie innerhalb der Band stimmt und dass man die Energie, die man auf der Bühne aufsaugt, auch auf die Platte pressen kann.

Du hast gerade eure Studioarbeit erwähnt und bei einer Kapelle wie EDGUY gibt es sicherlich die eine oder andere, lustige Anekdote, die man zum Besten geben kann, oder?

Du, ganz ehrlich, im Laufe der Zeit entspannt sich die Arbeit im Studio ein wenig. Man versucht, viel intensiver zu arbeiten. Als wir damals noch in Fulda aufgenommen haben, war es eine tolle Sache, mit fünf Leuten den ganzen Tag im Studio abzuhängen. Das hatte auch den Vorteil, dass man einfach nach Hause fahren konnte, wenn man keine Lust mehr hatte und den anderen die Arbeit überlassen. Das gestaltet sich jetzt etwas schwieriger, da wir nun in Wolfsburg und Hannover aufnahmen, soll heißen, dass jeder dann ins Studio kam, wenn er wirklich gebraucht wurde. Wir drei von der Saitenfraktion waren eigentlich immer gemeinsam dort und wenn entweder Gitarre oder Bass aufgenommen wurde, konnte eben nicht der Gesang zusätzlich aufgenommen werden. Somit gab es diesmal keine wirklich lustige Anekdote.

 

Auf der "Superheroes"-EP habt ihr alle Instrumente mehr oder minder zeitgleich aufgenommen. Also habt ihr bei der jetzigen Platte wieder alle Instrumente einzeln abgearbeitet?

Ja, wir haben es damals einfach mal ausprobiert, nur bei diesem Male gab es einige Stellen, die noch nicht hundertprozentig fertig arrangiert waren. Somit hätten wir, wenn wir alles wieder gemeinsam aufgenommen hätten, eine Vorproduktion machen müssen und das wäre zeitlich, wie auch finanziell ein großer Aufwand gewesen. Allerdings haben wir diesmal die Rhythmusgitarren zusammen aufgenommen und dies bringt einen ähnlichen Effekt, als wenn man es mit der gesamten Band macht.

 

"Age Of The Joker" heißt also das neue Album. Wer ist auf den Titel überhaupt gekommen?

Auf den Titel kamen wir, als wir das Coverartwork vorab zu sehen bekamen. Also kam erst das Cover und dann der Titel. Ich hab es auch persönlich gestaltet, haha. Nein, natürlich nicht. Wir hatten ja seit "Mandrake"-Zeiten den Joker im Gebrauch und wir dachten, dass es wieder an der richtigen Zeit ist, ihn erscheinen zu lassen. Dann haben wir im Internet ganz unverbindlich nach Joker-Bildern geschaut und stießen auf einen amerikanischen Künstler. Den haben wir dann gefragt, ob er Bock hätte, ein Plattencover zu machen und lustigerweise hat er dies noch nie in seinem Leben gemacht. Wir waren jedoch von seiner Art und Weise der Kunst total fasziniert, woraufhin er uns einfach einige Bleistiftskizzen zukommen ließ, die uns auf Anhieb gut gefielen. Und über diese Umwege kamen wir eben auf den Titel der Platte.

Uns kam es sehr entgegen, dass alles derart stressfrei und einfach verlief und uns das Endprodukt in dieser Art und Weise so zusagt. Es ist schon schwer, bei einem Format von 12x12cm ein Motiv zu finden, was einen förmlich anspringt, aber ich denke, das ist uns hiermit relativ gut gelungen.

Da hast du Recht. Zumal es euch bei den vergangenen Scheiben auch stets gelungen ist, Cover herzustellen, die zu der Gesamtsituation der Platte bestens passen.

Von der Stimmung her passt es einfach perfekt zur Musik.

 

Und wie lief die Produktion ab? Ähnlich stressfrei wie die Geschichte mit dem Artwork?

Naja, stressfrei nicht unbedingt. Ein wenig Druck und Stress braucht man ja bei der Produktion auch, das spornt natürlich auch ein wenig an. Natürlich kann es hin und wieder auch ein paar Tage länger dauern, als zunächst geplant, aber im Grunde lief alles relativ locker.

 

Bevor ich dich auf das neue Album anspreche, möchte ich einen kurzen Schwenk auf eure baldige Tour machen. Im Gepäck habt ihr KOTTAK. Kannst du uns etwas mehr über die Tour bzw. den Support sagen?

Ja, das ist eine amerikanische Band. Dahinter steckt der Trommler der SCORPIONS, James Kottak. Dies entstand auch aus der gemeinsamen Tour mit den SCORPIONS. Es ist eine Rock-Punk-Mischung, die sich ziemlich cool anhört. Irgendwann kamen wir auf das Thema und er meinte, dass er dieses Jahr noch eine neue Platte mache und so kam eben alles zusammen.

 

Ich bin sehr drauf gespannt. Wenn sie gut zu EDGUY passt…

Also es ist ne coole Party-Mucke. Es ist eine schwer zu beschreibende Mischung aus Ami-Rock und Ami-Punk, die der Kottak richtig gut umsetzt und damit auch gute Laune macht. Die Truppe ist sehr unterhaltsam. Es gibt eben sehr viele Vorgruppen, die nur da sind, um als Vorgruppe zu dienen und die musikalisch nicht so ganz in den Rahmen passen und die der Zuschauer wiederum bisweilen etwas langweilig finden könnte. Ich denke, dass KOTTAK eine gute Wahl ist. Zudem werden wir auf ein bis zwei andere Vorgruppen zurückgreifen, die wir bei einigen Shows dabei haben werden. Die eine davon heißt FULLFORCE, uralte Bekannte von uns, die uns auf manchen Deutschlandshows supporten werden. Die zweite Gruppe darf ich noch nicht nennen, da noch nichts unter Dach und Fach ist. Es wird aber definitiv gefallen.

 

Ihr hattet in der Vergangenheit ja immer Gruppen dabei, die mächtig Laune machten. Beispielsweise 2004, als euch SABATON und DRAGONFORCE unterstützten.

SABATON ist ein geiles Beispiel, da sie eine der wenigen Bands sind, die binnen weniger Jahre einen riesigen Schritt gemacht haben und damals war es, glaube ich, die erste Europatour, die sie miterlebten und diese Chance haben sie perfekt genutzt und umgesetzt.

Das ist wohl wahr. Kommen wir einmal zu eurem neuen, insgesamt neunten Output. Besonders 'Nobody's Hero' und 'The Arcane Guild' sind zwei Stücke, die auf Anhieb gefallen und zünden. Stammen alle Stücke von Tobi (Sammet – MR)?

Ja, alle Stücke stammen vom Tobi. Es steht außer Frage, dass er ein richtig guter Songwriter ist. Zwar hat jeder so seine Ideen und manche schaffen es aufs Album und andere wiederum nicht, aber im Endeffekt hat der Tobi alles geschrieben.

 

Gibt es denn speziell für dich einen Song, der es dir enorm angetan hat?

Puh, das ist schwierig zu sagen. Wenn man im Studio ist, dann hört man sich die einzelnen Stücke unfassbar oft an, sodass hin und wieder auch eine kleine Pause gut tut. Wenn man die CD fertig und mit Booklet in der Hand hat, macht es auch mehr Spaß, die neue Platte zu hören, anstatt immer einzelne Schnipsel im Studio oder beim Mastering mitzubekommen. So werden sich meine Favoriten im Laufe der Zeit auch noch mal ändern. Im Moment ist es so, dass 'Robin Hood' und 'Pandora's Box' meine Lieblinge sind, wobei ich mir 'Fire On The Downline' live sehr geil vorstellen kann. Das wird sicherlich ein Live-Kracher.

 

Klar wollt ihr euer neues Album soweit wie möglich promoten. Aber hast du schon eine ungefähre Ahnung, wie die Setliste auf eurer Tour aussehen wird?

Darüber haben wir uns noch keine konkreten Gedanken gemacht. Je mehr Alben man veröffentlicht, desto komplizierter gestaltet sich die Songauswahl. Ich denke mal, dass wir einige Songs vom neuen Album spielen werden und sich der Rest aus einem bunten Strauß vergangener Tage ergeben wird, wobei wir manche Songs einfach spielen müssen.

 

Beispielsweise 'King Of Fools', meine erste Begegnung mit euch. Ich halte auch nach wie vor "Hellfire Club" für euer bestes Album.

Ja, aber du hast doch jetzt das Neue. Das ist das Beste.

 

Das musst du jetzt sagen.

Das sagt man eben immer, haha. Aber 'King Of Fools' muss ebenso gebracht werden wie 'Superheroes', 'Ministry Of Saints' und beim Rest muss man eben schauen, da man auch keine vier Stunden am Stück spielen kann. Es wird für die Tour allerdings ne gute Auswahl vorhanden sein.

 

Hand aufs Herz. Gibt es derweil ein oder mehrere Stücke, die du einfach nicht mehr spielen kannst, weil du sie langsam satt hast?

Puh, es gibt so einige, die man einfach unglaublich oft live spielt und irgendwann reicht's, haha. Da fallen mir jetzt beispielsweise Stücke aus unseren alten Tagen ein. 'Babylon' haben wir mindestens 400 Mal live gespielt und dann ist es auch eine gelungene Abwechslung, wenn man es mal nicht spielt. Auf der anderen Seite kommt man nicht drum rum, wenn es die Leute unbedingt hören wollen. Das ist genauso wie bei DEEP PURPLE, wenn in jedem Plattenladen das Riff zu 'Smoke On The Water' gespielt wird. Sie kommen aber nicht drum rum, es live zu präsentieren. So werden AC/DC auch immer 'Back In Black' spielen müssen oder 'Highway To Hell'. Ich kann da die Bands gut verstehen, wenn sie sagen, dass sie einmal etwas anderes spielen wollen. Jedoch sind es eben diese Songs, die die Bands groß gemacht haben. Hätten wir damals solche Stücke wie eben 'Babylon' nicht geschrieben, wären wir jetzt nicht da, wo wir nun sind.

Zumal mit all euren Platten der Bekanntheitsgrad immer weiter stieg.

Richtig, das sieht man auch an der Zuschauermenge bei Konzerten. Ich bin guter Dinge, dass auch diese Tour ein Erfolg wird. Die Resonanzen sind bisher richtig gut und wir schafften es bisher, dass bei jeder Tour ein paar Leute mehr kamen. Genauso gut sind die Resonanzen zur neuen Platte.

 

Es ist typisch EDGUY, dachte ich beim ersten Durchlauf. Langsam entferntet ihr euch vom Power Metal, da ihr in der Vergangenheit auch immer besondere Stücke hattet. Auf der "Rocket Ride" war es beispielsweise 'Trinidad'. Das machte für mich auch immer das Besondere an EDGUY aus.

Ja, ich denke, dass wir seit der "Rocket Ride" unsere richtige Identität gefunden haben. Ich fand es eigentlich immer behämmert, wenn man in diese Schubladen gesteckt wurde. Natürlich gibt es Bands, die es genau so zelebrieren und immer das Gleiche machen. Als wir damals die Power-Metal-Welle "lostraten", wurde der Markt von sog. "Nachahmern" überschwemmt und das macht das Ganze ein wenig unattraktiv. Es war eben eine Nische, die zwischenzeitlich einmal weg war, und außer EDGUY, HAMMERFALL und HELLOWEEN, die schon früher da waren, gab es nicht wirklich viele Bands in diesem Sektor. Man will eben nicht die ganze Zeit auf der Stelle treten und sich musikalisch auch weiter entwickeln. Mit der Zeit wird dieselbe Prozedur irgendwann langweilig. Darum finde ich es auch gut, wenn man mal über den Tellerrand hinaus blicken und sich ein wenig aus dem Fenster lehnen kann und einmal Sachen ausprobiert, die nicht gerade nach Schema F laufen. Wenn man immer auf der Stelle tritt, fängt man mit der Zeit an zu schludern und darunter leidet auch die Qualität. So kann man sich selbst und den Fans auch ein wenig Abwechslung bieten. Und die eigene Identität funktioniert auch ganz gut und wenn wir so weiter machen, läuft auch in der Zukunft alles bestens. So können wir auch hinter der Mucke stehen und tun dies auch mit 110%.

Wenn man von der neuen Platte ein Stück wie 'Pandora’s Box' nimmt, dann ist dies ein gutes Beispiel. Wir haben zuvor noch nie mit solchen Gitarren gearbeitet, wodurch der Song eine Art Country-Flair bekommt und sich bestens auf der Platte behaupten kann.

 

Das, was euch ausmacht. Auf der einen Seite dieses gewisse Untypische für ein bestimmtes Genre, aber auf der anderen das Typische für eine Band.

Eben. Wir sind eben keine 20 mehr und das Ganze muss für uns auch noch interessant sein. Schließlich muss es ehrlich sein und das geht nur, wenn wir das machen können, worauf wir auch Lust haben. Dieses Schubladen-Denken kam in den letzten zehn, zwanzig Jahren auf und damals war es uns egal. So bin ich bei der neuen Platte gespannt, was bei uns als Genre-Bezeichnung steht.

 

Spontan würde ich sagen: 80er-Jahre Rock/Metal

Haha. Power Metal mit vielen 70er und 80er, County-usw-Einflüssen. Ein bunter Haufen der letzten zwanzig, dreißig Jahre. Mit elektrisch verstärkten Gitarren arbeiten wir auch, haha.

 

Eine passende Bezeichnung. Mit meinen Fragen wäre ich dann auch am Ende und bedanke mich rechtherzlich für deine geopferte Zeit und dafür, dass du mir Rede und Antwort standest. Möchtest du unseren Lesern und euren Fans noch etwas auf den Weg geben?

Kein Problem, jederzeit wieder. Ja, ihr müsst euch auf jeden Fall das neue EDGUY-Album anhören. Das Highlight des ganzen Jahres, vielleicht auch des Jahrhunderts, man weiß es nicht, es kommen ja noch einige Jahre, haha. Hört es euch definitiv an und wenn es euch auch gefällt, dann kauft es und kommt auf die Tour. Die sollte man definitiv nicht verpassen. Ein bunter Strauß an Unterhaltung erwartet euch. Es ist praktisch das "große Fest der Volksmusik", nur in "cool". Für coole Leute mit 'ner coolen Band.

Redakteur:
Marcel Rapp

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