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Diskografie-Check: NIGHTWISH

28.05.2021 | 16:54

Nachdem wir uns in Sachen kontroverser Wechsel am Mikrofon bereits mit den Brasilianern SEPULTURA warm gemacht haben, schrauben wir dieses Mal passend zum 25-jährigen Jubiläum der Symphonic-Metal-Titanen NIGHTWISH den Schwierigkeitsgrad in dieser Hinsicht noch einmal nach oben. Immerhin hat die Truppe um Songwriter und Mastermind Tuomas Holopainen gleich zwei Sängerinnen unter teilweise recht dubiosen und kuriosen Umständen ausgetauscht und damit einige Fans vor den Kopf gestoßen. So werden viele sicher noch der Hochphase mit Frontfrau Tarja Turunen nachtrauern, mit der das Quintett um die Jahrtausendwende herum praktisch im Alleingang das Genre des Symphonic Metal zu neuen Höhenflügen führte, während andere die beiden Alben mit Anette Olzon am Mikrofon oder die Stimme der aktuellen Frontfrau Floor Jansen bevorzugen werden. Aber welches ist denn nun die beste Stimme in NIGHTWISHs Geschichte und welche hat das beste Album der Finnen eingesungen? All das klären wir in den folgenden Zeilen.

9. Angels Fall First

Los geht es dabei direkt mit einer Überraschung, denn normalerweise stehen Debütalben in unserer Redaktion immer ganz hoch im Kurs. Nicht so jedoch im Falle von NIGHTWISH und ihrem Erstling "Angels Fall First", der praktisch durchgehend bei allen Kollegen und Kolleginnen auf dem letzten Platz landet und nur Nils, Hanne und Jonathan verhindern mit dem drittletzten und vorletzten Platz das komplette Desaster für die Scheibe aus dem Jahr 1997. Bei genauerem Blick kommt das schwache Abschneiden des Erstlings dann aber doch nicht mehr so überraschend, denn selbt Holopainen gab in einigen Interviews zu Protokoll, dass er sich für den Silberling ein wenig schämt. So waren die ursprünglichen sieben Songs, die Holopainen während seiner Zeit beim finnischen Militär schrieb, nur als Demo gedacht, mit dem Labels auf die Band aufmerksam gemacht werden sollten. Spinefarm hielt die Platte jedoch für perfekt und veröffentlichte die Songs ohne einen Remix oder eine Neuaufnahme, was sogar dazu führte, dass Holopainens private Adresse auf der CD-Hülle entsprechend der eingesendeten Demo-CD abgedruckt wurde. Angesichts dieser Geschichte dürfte es niemanden wundern, dass die insgesamt zwölf Tracks (wobei vier Nummern gemeinsam das "Lappi (Lapland)"-Epos ergeben) noch eine sehr rohe und ungeschliffene Version des späteren NIGHTWISH-Sounds präsentieren. Dennoch sind mit Holopainens präsenten Keyboards, die bereits hier einen Hang zur orchestralen Epik aufweisen, den simplen, aber effektiven Riffs von Gitarrist Emppu Vuorinen und natürlich Tarjas einmaliger Opernstimme alle Zutaten vorhanden, die später das Fundament für das Genre des Symphonic Metals bilden sollten. Das Songwriting wirkt dafür noch stellenweise etwas holprig und ungeschliffen, auch wenn in Songs wie 'Elvenpath' oder 'Beauty And The Beast' bereits das unglaubliche Songwriting-Talent von Holopainen ganz klar herauszuhören ist. Leider ist der Gesang des Keyboarders, der hier noch den männlichen Gegenpart zu Tarjas Stimme übernimmt, bei weitem nicht so überzeugend, weshalb Holopainen diese Rolle auch später an Basser Marko Hietala abtreten sollte. Schlussendlich leidet das Album ebenfalls unter der etwas hölzernen Produktion, bei der ich dem Bandkopf zustimmen muss: Hier hätte ein professioneller Mix sicher noch einiges rausholen können. So hat "Angels Fall First" schlussendlich durchaus seine Momente, landet in unserer Abrechnung aber völlig korrekt auf dem letzten Platz.

8. Human. :II: Nature.

Nicht minder überraschend als die vorherige Positionierung dürfte für einige auch die Einordnung des aktuellen NIGHTWISH-Langdrehers "Human. :II: Nature." auf der vorletzten Position daherkommen, immerhin war der Nachfolger des extrem erfolgreichen "Endless Forms Most Beautiful" mit viel Spannung erwartet worden. Und auch die erste Single 'Noise' klang vielversprechend, präsentierte die Band hier doch einen typischen Rocker mit hymnischem Chorus, der so auch auf dem Vorgänger hätte stehen können. Die zweite Auskopplung 'Harvest' sorgte da mit akustischer Ausrichtung und einem deutlich präsenteren Troy Donockley am Leadgesang schon für deutlich mehr Fragezeichen, konnte aber in der Tradition eines Songs wie 'The Islander' noch als "typisch NIGHTWISH" verbucht werden. Damit war es das aber auch mit den klassischen Trademarks, denn ansonsten bietet das als Doppel-CD veröffentlichte Album zwar viele bekannte Stilmittel, vermischt diese allerdings angeleitet durch das Konzept rund um die Natur und den Menschen in vollkommen neuer Art und Weise. Herausfordernd ist daher wohl das Adjektiv, das ich am ehesten mit "Human. :II: Nature." in Verbindung bringen würde. Wie bei vielen ähnlich komplexen Langspielern von anderen Bands, zündet die Scheibe für mich aber auch nach vielen Durchläufen nicht wirklich. Eine verzwickte Situation, denn eigentlich gehen Musik und Texte hier eine wunderbare Symbiose ein, die durchaus die von Holopainen beabsichtigten Emotionen und Bilder transportiert, nur bleiben eben neben den bereits erwähnten Songs keine echten Highlights im Gedächtnis hängen, die den Hörer auch über die Spielzeit der Platte hinaus begleiten würden. Im Falle von NIGHTWISH, die einem ansonsten gerne mal Ohrwürmer für die nächsten Tage einpflanzen, ist das schon sehr gewöhnungsbedürftig. Dass die zweite CD mit 'All The Works Of Nature Which Adorn The World' nur aus einem überlangen und primär vom Orchester getragenen Song besteht, macht die Sache natürlich nicht einfacher. In Sachen Komposition ist die Nummer dabei auch wieder über jeglichen Zweifel erhaben, hätte nur in meinen Ohren besser zu Holopainens Nebenprojekt AURI gepasst statt zu seiner Hauptband. Die Redaktion teilt übrigens weitgehend meine Einschätzung und sortiert "Human. :II: Nature." geschlossen auf den hinteren drei Plätzen ein, weshalb Hannes Platz 5 und eine Nennung auf Rang 6 durch Nils die Ehre der Scheibe nicht mehr retten können. So bleibt der aktuelle Langspieler eine kompositorisch und konzeptuell gelungene Angelegenheit, die nur im Sinne eines klassischen NIGHTWISH-Albums einfach nicht so funktionieren will und damit nicht so recht in die mit Highlights gespickte Diskografie passt.

7. Imaginaerum

Wo wir schon gerade von Wagnissen und Konzeptalben sprechen, ist der Sprung zu "Imaginaerum" nicht besonders weit, immerhin ist dieses Projekt mit seiner musikalischen Umsetzung als Album und zugehörigem Film bisher wohl das ambitionierteste Vorhaben in der Bandgeschichte gewesen. Im Gegensatz zur vorherigen Platzierung ist die Meinung der Redaktion hier auch sehr gespalten. So sieht Marcel die Scheibe etwa als Krone des NIGHTWISH-Katalogs an und auch Jonathan und Stefan lassen Plätze auf dem Podest springen, während Hanne und Nils die Platte aus dem Jahr 2011 mit dem letzten Rang abstrafen. Ich persönlich lande mit meiner Wertung irgendwo zwischen diesen beiden Polen und kann daher beide Seiten verstehen. So teilt "Imaginaerum" mit "Human. :II: Nature." das Problem, dass die Musik oftmals als reines Vehikel für die textliche Story fungieren muss und daher Songs wie 'Slow, Love, Slow', 'The Crow, The Owl And The Dove' oder 'Turn Loose The Mermaids' als eigenständige Tracks nicht wirklich gut funktionieren. Ebenso will das doomige 'Rest Calm' mit seinem PARADISE LOST-Vibe nicht so recht in den Kontext des übrigen Albums passen. Diesen "Ausfällen" stehen allerdings auch einige waschechte Hits gegenüber, die sich auch losgelöst aus dem Konzept des Albums vor keinem Song der NIGHTWISH-Diskografie verstecken müssen. 'Storytime' ist ein kompakter Hit mit großartigem Refrain und fantastischem Mittelteil, 'Song To Myself' ist ein herrliches Epos mit über dreizehn Minuten Spielzeit und 'Last Ride Of The Day' ist so eine eingängige Nummer, dass sie sogar als Titelsong der Eishockey-Weltmeisterschaft im Jahr 2012 (die in Finnland und Schweden ausgetragen wurde) fungieren durfte. Nicht minder beeindruckend ist das überraschend harte 'Ghost River', das von Marko Hietalas herrlichen Gesangseinlagen lebt, während 'I Want My Tears Back' in meinen Ohren sogar einer der besten Songs der Finnen ist. Insbesondere der damals noch als Gast fungierende Troy Donockley liefert hier mit seinen Pipes einen wunderbar folkigen Farbtupfer. Übrigens passt auch Anette Olzon, die ja oftmals berechtigte Kritik für ihre recht schwache Darbietung der Songs aus der Tarja-Ära kassierte, mit ihrer Stimme hier perfekt ins musikalische Gesamtbild, das den Symphonic Metal der Finnen um einen durchaus hörbaren Musical-Einschlag erweitert. So ist es am Ende ganz klar eine Geschmacksfrage, wo das ambitionierte "Imaginaerum" in der persönlichen Liste landet und dadurch ist es auch gerechtfertigt, dass die Scheibe nur knapp hinter den nächsten beiden Alben über die Ziellinie gekommen ist.

6. Dark Passion Play

Am Ende trennt die beiden Alben der Phase mit Anette Olzon am Mikrofon nämlich nur ein Punkt, der schlussendlich dafür sorgt, dass "Dark Passion Play" die Nase vorne hat. Ganz nachvollziehen kann ich die schwache Einordnung der Olzon-Jahre nicht, denn für mich persönlich öffnete sich mit dieser Scheibe erst so richtig der NIGHTWISH-Kosmos, den mir zuvor Tarjas Stimme, der ich bei aller unbestrittenen gesanglichen Klasse nicht länger als zwei oder drei Songs am Stück zuhören konnte, etwas madig gemacht hatte. Hinzu kommt, dass der Einstand von Olzon bei den Finnen dank des starken Longtracks 'The Poet And The Pendulum' und dem überraschend kantigen 'Bye Bye Beautiful', das Marko wieder einmal mit einem überragenden Gesangsbeitrag abrundet, mehr als vielversprechend beginnt. 'Amaranth' muss sich im Anschluss vor dem Übersong 'Nemo' des Vorgängers "Once" nicht verstecken, während das rockige 'Cadence Of Her Last Breath' und 'Master Passion Greed' mit großen Hooklines glänzen können. Zugegeben, danach verabschiedet sich das sechste Album der Bandgeschichte mit 'Eva', 'Whoever Brings The Night' und 'For The Heart I Once Had' in die Belanglosigkeit und liefert drei schwache Füller. Dafür entschädigt der Schlussspurt aber allemal, der mit dem wunderbar folkigen 'The Islander' und dem Melodie-Feuerwerk 'Last Of The Wilds' beginnt und schließlich vom tollen '7 Days To The Wolves' über die Ziellinie gebracht wird. Warum also landet die Scheibe dann bei Pia, Nils, Frank und Hanne nur auf den letzten drei Plätzen? Ich würde schätzen, dass es am doch recht harschen "Stilwechsel" liegt, den NIGHTWISH angeführt vom Wechsel am Mikrofon 2007 einleitet. Der überbordende Bombast von "Once" weicht dabei deutlich rockigeren Songs, die deutlich mehr auf die Stimme von Anette ausgelegt sind, die zwar wie Tarja auch im Sopran singt, durch ihr Belting (so wird die Gesangstechnik genannt) aber einen deutlich stärkeren Pop-Einschlag einbringt als Tarjas klassischer Operngesang. Die Ehre der Platte retten daher schlussendlich Marcel, Jonathan und meine Wenigkeit, indem wir allesamt Plätze auf dem Podium vergeben.

5. Wishmaster

Weiter geht es auf dem fünften Rang mit dem ersten "richtigen" Album mit Tarja am Mikrofon, wenn wir an dieser Stelle einmal "Angels Fall First" als quasi-Demo außen vor lassen. Getroffen hat es dabei den dritten Langspieler "Wishmaster" aus dem Jahr 2000, der eigentlich NIGHTWISH zu dieser Zeit den Durchbruch in ihrem Heimatland und auch im Rest der Welt bescherte. War "Oceanborn" mit seinen schnellen und vom Power Metal beeinflussten Kompositionen zwar schon als großer Erfolg zu verbuchen, holt der Kurswechsel hin zu atmosphärischeren und langsameren Songs auf dem dritten Streich der Finnen nun noch mehr Fans ins Boot und so landet der Silberling auch erstmalig auf der Spitzenposition der finnischen Charts. Gleichzeitig liefert der von Tero Kinnunen produzierte Silberling einige Fan-Favoriten, die auch Jahre später noch gerne gesehene Gäste in der Setliste vieler Konzerten sind. So bezeichnet selbst Holopainen das großartige 'Dead Boy's Poem' gerne als die Mutter aller NIGHTWISH-Songs, während 'Come Cover Me' eher ein oft sträflich übersehener und selten auf der Bühne gespielter Track ist. Gleiches gilt für das epische und von bissigen Gitarren nach vorne getriebene 'The Kinslayer', während der getragene Opener 'She Is My Sin' eigentlich in allen Phasen der Bandgeschichte ein fester Bestandteil eines NIGHTWISH-Konzerts war und noch immer ist. Vergessen darf man da natürlich auch den Titeltrack nicht, immerhin darf 'Wishmaster' getrost als absoluter Klassiker bezeichnet werden, der perfekt Power-Metal-Einflüsse und symphonische Epik verheiratet und von einem wunderbaren Gitarren-Mittelteil gekrönt wird. Neben diesen Highlights liefert die Scheibe aber auch gerade in der Mitte der Spielzeit ein paar Durchhänger ab, die sich nicht unbedingt im Langzeitgedächtnis festbeißen. Gerade 'Crownless' oder 'Bare Grace Misery' fallen mir hier ein. Pia, Nils, Frank und Erika sehen die Scheibe dennoch auf dem Treppchen, auch wenn keiner der Vier "Wishmaster" auf Platz 1 setzt. Bei der übrigen Redaktion rangiert die Scheibe dann auch eher im unauffälligen Mittelfeld, was mein persönliches Fazit unterstreicht: "Wishmaster" hat einige grandiose Hits zu bieten, aber um wirklich mit den Sternstunden des Bandkatalogs mitzuhalten, fehlt dem Songmaterial insgesamt einfach die Konstanz. Und damit geht Platz 5 in der Endabrechnung durchaus in Ordnung.

4. Oceanborn

Der Vorgänger "Oceanborn" hingegen scheitert nur um Haaresbreite am Treppchen, was vor allem Franks, Tommys, Marcels und meiner eigenen Einsortierung des zweiten Albums der Bandgeschichte auf in den untersten vier Rängen zu "verdanken" ist. Dem gegenüber stehen sogar drei Nennungen auf dem ersten Platz, denn Hanne, Timo und Erika sehen den Zweitling ganz klar als Krönung der Diskografie an. Und auch wenn ich selbst die Meinung nicht teile, kann ich den Standpunkt der Kollegen durchaus nachvollziehen, denn dank des treibenden und ganz klar vom Power Metal der Landsmänner STRATOVARIUS beeinflussten Materials ist die Scheibe im Kontext der übrigen Veröffentlichungen eine wohltuend frische Brise. Die insgesamt elf Kompositionen ('Sleeping Sun' wurde für die weltweite Veröffentlichung später hinzugefügt und wird daher hier mitgewertet) strotzen dabei nur so vor Gitarren-Leads, feinen Keyboard-Linien und ganz im allgemeinen Kreativität, was nicht zuletzt auch im Entstehungsprozess der Scheibe begründet liegt. So gibt Holopainen zu Protokoll, dass sich die Band bei ihrer ersten Produktion in einem großen Studio wie ein Kind im Süßwarenladen fühlte und mit ihren Experimenten die Grenzen des Machbaren auslotete. Die Spielfreude springt den Hörer entsprechend auch beim Opener 'Stargazers' schon direkt an, der sich nach vertracktem Beginn zu einem wahren Melodie-Feuerwerk enwickelt und in meinen Ohren eigentlich zu jeder NIGHTWISH-Show gehören müsste! 'Gethsemane' spielt im Anschluss mit Neo-Klassik-Anleihen, die sich vor allem in der Melodieführung bemerkbar machen, bevor 'Devil & The Deep Dark Ocean' wieder befeuert von Keyboard und Gitarre einen Power-Metal-Knaller zündet. An den hart mit Effekten bearbeiteten "Sprechgesang" werde ich mich aber wohl nie so recht gewöhnen, wirkt er doch irgendwie fehl am Platz. 'Sacrament Of Wilderness' überzeugt dafür im Anschluss wieder auf ganzer Linie, während 'Passion And The Opera' nicht nur mit sehr ungewohntem Songaufbau, sondern auch mit dem vielleicht besten Gitarren-Riff der Bandgeschichte eine wohltuende Abwechslung liefert. In meinen Ohren ist das weitere Songmaterial danach aber nicht mehr ganz so zwingend wie der starke Beginn, wobei das getragene und bereits erwähnte 'Sleeping Sun' die Ausnahme bildet. Immerhin war dieser Song lange Jahre auch ein gern gesehener Gast in der Setlist der Finnen. Unter dem Strich geht damit die Platzierung für "Oceanborn" dennoch vollkommen in Ordnung, immerhin landet die Scheibe sogar in verschiedenen Abstimmungen über die Jahre hinweg in den Top 20 der besten Power-Metal-Alben, auch wenn die Meinungen in unserer Redaktion durchaus gespalten sind.

3. Endless Forms Most Beautiful

Wo wir von gespaltenen Meinungen sprechen: "Endless Forms Most Beautiful" landet zwar in der Endabrechnung knapp vor "Oceanborn" und damit auf dem Treppchen, doch auch hier gehen die Meinungen zum ersten Album nach dem Wechsel von Anette Olzon hin zur aktuellen Sängerin Floor Jansen weit auseinander. Ganz besonders brachte dabei Jonathan während der Abstimmung seine Abneigung gegen die Platte aus dem Jahr 2015 zum Ausdruck und bezeichnete sie sogar als "Grabstein der Band". Ebenso haben Pia und Stefan nicht besonders viel für das Konzepalbum übrig, das sich in großen Teilen mit Darwin, der Evolutionstheorie und den Wundern unseres Planeten beschäftigt. Und so sehr ich sonst auch Verständnis für die Kollegen habe, hören wir doch im Falle von "Endless Forms Most Beautiful" offensichtlich verschiedene Alben. Für mich bringt der Silberling, der erstmalig auch Kai Hahto am Schlagzeug und Troy Donockley an den Pipes und Gesang als neue Bandmitglieder vorstellt, den Schnitt der beiden vorherigen Phasen perfekt auf den Punkt. So kehrt der Bombast und teilweise Power-Metal-Einschlag der Tarja-Jahre wieder zurück, während auch die etwas poppigeren Ohrwürmer des Vorgängers weiterhin ihren Platz im NIGHTWISH-Sound finden. Mit Floor Jansen, die hier ebenfalls ihren Einstand gibt, haben die Finnen dabei endlich die perfekte Sängerin gefunden, die bei den Konzerten sowohl Tarjas, als auch Anettes Songs singen kann und auf der Platte mit einigen Growls und einer ganz anderen Herangehensweise an Gesangsharmonien noch einmal ganz neue Farbe mit einbringt. Mit 'Shudder Before The Beautiful' kehrt dabei ein wenig der Sound der "Wishmaster"-Jahre zurück, während 'Weak Fantasy' eine ganz neue Härte präsentiert, die der Titeltrack mit dem bekannten Orchester-Bombast verheiratet. 'Alpenglow' (allein der Pitch-Wechsel in der Mitte des letzten Refrains ist zum Niederknien), 'Edema Ruh' und die Single 'Elan' setzten hingegen direkt dort an, wo zuvor 'Storytime' und 'Amaranth' aufgehört haben und kleben mit ihren tollen Melodien sofort im Ohr. Das Kronjuwel ist aber ganz klar das epochale 'The Greatest Show On Earth', das in über 24 Minuten die Geschichte unseres Planeten gekonnt vertont und damit das grundlegende Evolutionsthema wieder aufgreift. Dass mit Richard Dawkins sogar mein liebster Biologe und Religionskritiker einen Gastauftritt hat und meine liebste Passage aus Darwins "Die Entstehung der Arten" vorträgt, die auch für den Albumtitel Pate stand, ist da schlussendlich nur die Kirsche auf dieser perfekten Symphonic-Metal-Torte. Ihr hört es, für mich ist "Endless Forms Most Beautiful" die Krönung der NIGHTWISH-Schöpfung und Kollege Frank sieht das ebenso. Dennoch langt es am Ende nur zu Platz 3, doch welches Album hat die Nase am Ende vorne?

2. Once

Nun, das Erfolgsalbum "Once" ist es nicht geworden. Dabei hatte die Scheibe lange die Nase vorne und ist bis heute das erfolgreichste Album der Bandgeschichte, das NIGHTWISH 2004 endgültig weltweit in die erste Metal-Liga katapultierte. Doch nicht nur das, auch im Mainstream hielten die Finnen mit der Hitsingle 'Nemo' Einzug und so hörte man anno 2004 diesen Song sogar aus den Kopfhörern verschiedener Freunde und Klassenkameraden dröhnen, die ansonsten so überhaupt nichts mit Metal am Hut hatten. Kein Wunder also, dass die Scheibe auch in der Redaktion drei erste Plätze (bei Pia, Jonathan und Tommy) und zwei Silbermedaillen (Hanne und Timo) einstreicht. Kritikpunkte am Songmaterial zu finden, ist aber auch wirklich nahezu unmöglich. So beginnt die Platte mit dem epochalen 'Dark Chest Of Wonders' schon stark, bevor das wunderbare 'Wish I Had An Angel'-Duett zwischen Tarja und Marko den ersten Überhit der Platte abliefert. Wo wir gerade von Überhits sprechen, das bereits erwähnte 'Nemo' muss ich wohl niemandem, der NIGHTWISH kennt, mehr schmackhaft machen. Doch nicht nur melodische Überhits können die Finnen anno 2004, in 'Romanticide' und 'Planet Hell' geht die Truppe auch überraschend hart zur Sache, ohne dabei die nötigen Hooklines vermissen zu lassen. Die Perle der Scheibe ist dennoch das grandiose, ja ich würde sagen überragende 'Ghost Love Score', das von epischem Orchester-Bombast bis hin zum ruhigen Mittelteil alles darbietet, was NIGHTWISH über die Jahre zu so einer faszinierenden Band gemacht hat. Wenn Holopainen 'Dead Boy's Poem' für die Quintessenz der Band hält, so ist es für mich 'Ghost Love Score', das den Sound der Finnen perfekt auf den Punkt bringt. Ein Jahrhundertsong! So ist es auch nur folgerichtig, dass die Scheibe nie niederiger als auf dem fünften Platz gelandet ist in allen abgegebenen Listen. Ja, "Once" gehört zu den Meilensteinen der letzten zwanzig Metal-Jahre und hat den Symphonic Metal eigenhändig als feste Größe in der Landschaft unseres geliebten Genres etabliert.

1. Century Child

Doch bei allem Lob ist es am Ende nicht "Once", das den Sieg einstreicht, sondern der direkte Vorgänger "Century Child". Dabei wird die Platte nur von Nils und Stefan als Platz 1 genannt, landet aber auch nur insgesamt dreimal außerhalb der Podestplätze, wobei Marcel mit seinem Rang 7 den einzigen echten Tiefpunkt markiert. Durchgehende Begeisterung also für den vierten Silberling der Bandgeschichte, der den Finnen nach dem bereits sehr erfolgreichen "Wishmaster" endlich auch zum ganz großen kommerziellen Durchbruch verhalf. Einen großen Anteil daran hat mit Sicherheit auch die Verpflichtung von Marko Hietala als neuem Bassisten, der nicht nur tiefe Töne am Viersaiter beisteuert, sondern mit seinem kantigen Gesang auch einen Gegenpol zu Tarjas klassisch ausgebildeter Stimme einbringt. Perfekt in Szene gesetzt wird die gesangliche Power, die NIGHTWISH nach diesem Line-up-Wechsel aufweisen kann, im Cover von Andrew Lloyd Webbers 'Phantom Of The Opera', das für mich insbesondere dank Markos grandioser Stimme die ultimative Version dieses Klassikers der Musical-Geschichte liefert. Doch auch bei den Eigenkompositionen wird das Wechselspiel der beiden Gesangsstimmen etwa im Knaller 'Dead To The World' mehr als gewinnbringend eingesetzt. Und auch wenn er nicht im Vordergrund agiert, ergänzt Markos Stimme im Chorgesang Tarjas Sopran perfekt und verpasst so den mehrstimmigen Passagen in 'Slaying The Dreamer' oder dem Epos 'Beauty Of The Beast' ganz neuen Druck. Zusätzlich hat Holopainen anno 2002 bereits seine Handschrift als Songwriter verfeinert und zaubert mit der Ballade 'Ever Dream', dem großartigen Ohrwurm 'Bless The Child' und dem bombastischen 'End Of All Hope' einige absolute Überhits aus dem Ärmel. Mir persönlich geben dagegen im hinteren Drittel 'Forever Yours' und 'Feel For You' nicht ganz so viel, weshalb die Platte bei mir auch nur die Silbermedaille einstreicht. Dennoch kann ich das Gesamtergebnis unseres Diskografie-Checks problemlos unterschreiben. "Century Child" präsentiert Symphonic Metal wie er klingen muss und katapultierte NIGHTWISH Anfang des neuen Jahrtausends vollkommen zu Recht an die Spitze dieses "neuen" Genres. Ein absoluter Meilenstein der Metalgeschichte!

Und damit sind wir auch schon am Ende unserer Reise durch 25 Jahre NIGHTWISH angekommen. Stimmt ihr mit unserer Wertung überein? Wen haltet ihr für die beste Frontfrau der Finnen? Diskutiert mit uns in unserem Forum, denn wir freuen uns auf eure Meinungen. Natürlich könnt ihr den ganz persönlichen Blick von Pia, Marcel und mir auch wieder in einer Folge unseres Podcasts Pommesgabel nachhören, die wir diesem Diskografie-Check gewidmet haben.

Pia-Kim Schaper:

1. Once
2. Century Child
3. Wishmaster
4. Oceanborn
5. Imaginaerum
6. Endless Forms Most Beautiful
7. Dark Passion Play
8. Human :II: Nature
9. Angels Fall First
Marcel Rapp:

1. Imaginaerum
2. Endless Forms Most Beautiful
3. Dark Passion Play
4. Once
5. Wishmaster
6. Oceanborn
7. Century Child
8. Human :II: Nature
9. Angels Fall First
Jonathan Walzer:

1. Once
2. Dark Passion Play
3. Imaginaerum
4. Century Child
5. Oceanborn
6. Wishmaster
7. Angels Fall First
8. Human :II: Nature
9. Endless Forms Most Beautiful
Nils Macher:

1. Century Child
2. Wishmaster
3. Endless Forms Most Beautiful
4. Oceanborn
5. Once
6. Human :II: Nature
7. Dark Passion Play
8. Angels Fall First
9. Imaginaerum
Frank Jäger:

1. Endless Forms Most Beautiful
2. Century Child
3. Wishmaster
4. Once
5. Imaginaerum
6. Oceanborn
7. Human :II: Nature
8. Dark Passion Play
9. Angels Fall First
Erika Becker:

1. Oceanborn
2. Century Child
3. Wishmaster
4. Once
5. Endless Forms Most Beautiful
6. Dark Passion Play
7. Imaginaerum
8. Human :II: Nature
9. Angles Fall First
Stefan Rosenthal:

1. Century Child
2. Imaginaerum
3. Oceanborn
4. Once
5. Dark Passion Play
6. Endless Forms Most Beautiful
7. Wishmaster
8. Human :II: Nature
9. Angels Fall First
Tommy Schmelz:

1. Once
2. Century Child
3. Endless Forms Most Beautiful
4. Dark Passion Play
5. Imaginaerum
6. Wishmaster
7. Oceanborn
8. Human :II: Nature
9. Angels Fall First
Hannelore Hämmer:

1. Oceanborn
2. Once
3. Endless Forms Most Beautiful
4. Century Child
5. Human :II: Nature
6. Wishmaster
7. Angels Fall First
8. Dark Passion Play
9. Imaginaerum
Timo Reiser:

1. Oceanborn
2. Once
3. Century Child
4. Dark Passion Play
5. Wishmaster
6. Endless Forms Most Beautiful
7. Imaginaerum
8. Human :II: Nature
9. Angels Fall First
Tobias Dahs:

1. Endless Forms Most Beautiful
2. Century Child
3. Dark Passion Play
4. Once
5. Imaginaerum
6. Wishmaster
7. Oceanborn
8. Human :II: Nature
9. Angels Fall First

Redakteur:
Tobias Dahs

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