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D.A.D.: Interview mit Jesper Binzer

03.08.2006 | 15:14

D.A.D. dürften, nein, müssen jedem Rockfan ein Begriff sein. Dabei sei mal dahingestellt, wie man zur Band steht, da sie – wie die meisten außergewöhnlichen Bands – polarisieren. Mit ihrem mittlerweile zehnten Studioalbum "Scare Yourself" konnten sie durch die Bank gute Kritiken einheimsen, was aber auch an der Tatsache liegt, dass sich das dänische Quartett auf seine Rockroots besinnt hat. Fans vom '89er "No Fuel Left For The Pilgrims"-Machwerk und der '91er "Riskin' It All"-Scheiblette werden sich wie Bolle gefreut haben, denn soviel Spaß hat es schon lange nicht mehr gemacht den Jungs zuzuhören. Alle die gedacht haben, dass die sympathische Truppe zu "Soft Dogs" mutiert ist, mussten sich (zum Glück) eines Besseren belehren lassen.
Im Rahmen der Promotour von D.A.D. hatte ich das Vergnügen, Jesper Binzer, seines Zeichens Sänger und Songschreiber der Band, mit allerhand Fragen zum aktuellen Album zu löchern. Vorhang auf für D.A.D.!

Tolga:
Wie sind bei den bisherigen Interviews, die du geführt hast, die Reaktionen auf das neue Album ausgefallen?

Jesper:
Die Leute mögen das Album. Wir hatten ja das Gefühl, dass es besonders in Deutschland gut ankommt, was daran liegen könnte, dass es härter ausgefallen ist. Zu Hause in Dänemark waren wir uns ein bisschen unsicher, da es härter und rauer als gewohnt ausgefallen ist. Das liegt daran, dass wir in Dänemark einen gewissen Status genießen, da wir die größte Band dort sind. Erstaunlicherweise kommt es in Dänemark besser an, als wir gedacht haben. Es ist so wie's ist: Überall mögen die Leute das Album.

Tolga:
Ich hab in der Labelinfo gelesen, dass es zwei Jahre gedauert hat, das Album zu komponieren. Warum hat es so lang gedauert, da euer letztes Album "Soft Dogs" 2002 veröffentlicht wurde?

Jesper:
Der Hauptgrund liegt darin, dass wir viele Songs geschrieben haben. Viele davon haben wir in die Tonne gekloppt, was aber so auch nicht wirklich stimmt, da darunter einige B-Seiten und Bonustracks vorhanden waren. Die eigentliche Hauptintention lag darin, dass zum ersten Mal in der D.A.D.-Historie die Songs aus der selben Quelle kommen. Es war wichtig für uns, dass da z.B. kein Reggae-Song auf das Album kommt. Wir haben diesmal zehn bis zwölf Songs von der selben Band benötigt. In der Vergangenheit war's oft so, dass, nachdem die CD veröffentlicht wurde, wir uns gedacht haben: "Oh, das waren wir in keinster Art und Weise." Wir mussten etwas kreieren, was Bestand hat.

Tolga:
Würdest du mit meiner Meinung konform gehen, dass "Scare Yourself" alle Facetten von D.A.D. offenbart und warum sollten eure Fans sich selbst fürchten?

Jesper:
Ich denke nicht, dass die CD alle Facetten von D.A.D. widerspiegelt. Alle Alben zusammen demonstrieren D.A.D. von allen Seiten. Jetzt war die Zeit gekommen, nicht alle Seiten zu zeigen, sondern nur eine. In Dänemark sieht's so aus, dass wir im Radio und Fernsehen gespielt werden. Dort sind wir eine Mainstreamband. Die Musik war jedoch nie darauf angelegt, Mainstream zu sein. Auch in Dänemark sind wir "nur" eine Rockband. Wir mussten uns auf unsere Anfänge besinnen, wo wir noch eine Rockband waren und nicht halb Rock und halb Pop. Das war das Hauptziel dieses Albums. Wir mussten diese Seite zeigen, um das Licht wieder gerade zu rücken.

Tolga:
Ihr habt einen sehr eigenständigen Sound. Wie kreiert ihr diesen Sound?

Jesper:
Einer der Hauptgründe liegt darin, dass wir immer noch die selben drei Jungs sind, die die selbe Sache immer und immer wieder machen. Aber das ist nicht der eigentliche Grund. Jacob's Gitarrenspiel ist sehr eigenständig, meine Stimme hat einen bestimmten charismatischen Sound. Dabei kommt es nicht darauf an, welchen Stil wir spielen, da es sich immer wieder nach D.A.D. anhört. Wir sind so dankbar für diese Tatsache, dass wir versuchen jede Art von Musik zu schreiben, da wir wissen, das am Ende des Tages es sich wie ein D.A.D.-Song anhören wird. Auf diesem Album haben wir jedoch Wert darauf gelegt, den Fokus so auszurichten, dass es sich für unsere eigene Ohren wie eine Band anhört.

Tolga:
Um mal ein paar Vergleiche anzustellen: Der Song 'Scare Yourself' erinnert mich ein wenig an die HIVES, wohingegen 'Dirty Fairytale' einen HELLACOPTERS-Touch aufweisen kann. Bist du dabei der selben Meinung?

Jesper:
Ich denke, dass du über den schwedischen Einfluss geschrieben hast. Wir haben das Album in Schweden aufgenommen um uns von unserer täglichen Umwelt abzugrenzen, was sehr wichtig für uns war. Ich denke, den schwedischen Einfluss kann man heraushören. Wir haben uns bewusst an schwedische Bands orientiert, da diese mehr Rockorientiert sind und nicht so sehr auf den Mainstream schielen. Wir haben diesmal bewusst versucht aus dieser Mainstreamschiene auszubrechen. Dabei haben wir probiert uns auf unsere Roots zu besinnen und dabei Rock ohne jedwede Ironie zu spielen, wie wir's zuvor auf unseren CDs schon gemacht haben. Uns ging es darum, Kontinuität mit weniger Ironie zu verknüpfen.

Tolga:
Auf der anderen Seite sind da Stücke wie 'Lawrence Of Suburbia' oder 'Camping In Scandinavia', die mich an selige "No Fuel Left For The Pilgrims"-Zeiten erinnern. Wolltet ihr den alten Geist dieser Platte in diesen Songs wieder aufgreifen?

Jesper:
Was wir damit demonstrieren wollten war, wie wir als Livetruppe drauf sind. Hierfür gibt es eine Menge Gründe. Diese Songs haben wir live gespielt, lange bevor sie auf dem Album gelandet sind, was wir bei den "No Fuel..."-Songs ebenfalls so gehandhabt haben. Wir haben mehr von der Liveseite her gedacht und der Grund hierfür war der, dass wir sehr stolz über die Tatsache sind, eine Liveshow in unserem Kopf abgehen zu lassen und einfach die Intensität dieser in den Nummern vereint zu haben, wozu nicht allzu viele Bands im Stande sind. Wir sehen Alben nicht als großes Kunstwerk an. Was immer D.A.D. auch gemacht haben: Die Liveshow hatte immer eine sehr große Bedeutung, was heutzutage umso stärker der Fall ist.

Tolga:
Wo wir gerade bei Liveshows sind: Werdet ihr 'ne Tour spielen oder sind Festivals geplant?

Jesper:
Wir werden ein Festival im Norden Deutschlands spielen. Was eine richtige Tour angeht, so wird diese eher im September über die Bühne gehen. Das ist zumindest das, was das Management zu mir gesagt hat (lacht). Im September ist eine Deutschland- und Europatour geplant. Zumindest ist es das, was ich gehört habe.

Tolga:
Um auf das Album zurück zu kommen: Als ich 'Allright' die ersten paar Male gehört habe, fiel mir auf, dass es eine sehr frappierende Ähnlichkeit mit 'Be Yourself' von AUDIOSLAVE hat. Siehst du das genauso?

Jesper:
Ich kenne den Song 'Be Yourself' und mag ihn sehr.

Tolga:
Zumindest, was die Seele angeht.

Jesper:
Die Seele der Musik, über die ich spreche, ist die, dass, wenn du mit Rock aufwächst, dann findest du heraus, dass es einzig und allein um die Musik geht und keinen Trend oder eine Jugendkultur. Dabei kommst du zur Erkenntnis, dass du ein Bestandteil dieser Musik bist und sie mitgestaltet hast. Du bist viel freier dabei Dinge von dir preiszugeben und ich denke, dass AUDIOSLAVE diesen Part sehr gut und erfolgreich mit ihrem letzten Album ("Out Of Exile" - Anm. d. Verf.) umgesetzt haben. Das ist genau der Weg, den wir eingeschlagen wollten, dass wir mehr Wert auf die Texte und Gedichte gelegt haben, was mit der sogenannten "Rockkultur" überhaupt nichts zu tun hat. Das ist es letzten Endes, was die Sache so aufregend gestaltet und was ein Grund dafür ist, warum wir weitermachen: Der Raum, zu expandieren und zu experimentieren. Ich finde den Vergleich mit AUDIOSLAVE gut, denn ich mag den Song sehr, kann aber die Parallelen zu 'Allright' nicht raushören.

Tolga:
Stig (Petersen - Anm. d. Verf.), euer Bassist, schreibt zwar die ganzen Lyrics, aber kannst du mir etwas zu 'Lawrence Of Suburbia' und 'Camping In Scandinavia' erzählen, die beide über lustige Titel verfügen?

Jesper:
Das stimmt nicht ganz, denn natürlich schreiben wir alle zusammen die Texte, weshalb ich dir zu allen Songs etwas erzählen kann. 'Lawrence Of Suburbia' handelt davon, dass du ein Held in deinem eigenen Leben bist, um es auf den Punkt zu bringen. Das ist typisch D.A.D.: Wir haben lustige und ironische Songtitel, die aber wiederrum eine Bedeutung haben. Der ganze Song handelt davon, wie man in einem ganz normalen Leben versucht, zu überleben. Und das ist es letzten Endes, was ein Held braucht, um zu überleben.
'Camping In Scandinavia' kommt natürlich aus unserem tiefsten Herzen! Dabei geht es darum, wo wir herkommen und leben. Auf der einen Seite geht es um die ganze Festivalkultur, die in Skandinavien sehr groß ist. Auf der anderen Seite geht es in erster Linie darum, wie es es ist ein Skandinavier zu sein. Dabei spielen Melancholie und böser Wille eine sehr große Rolle und wie man mit diesen Umständen zurecht kommt. Natürlich sind es lustige Titel, was für D.A.D. ein sehr wichtiger Bestandteil ist, aber natürlich steckt in den Texten auch viel Herzblut.

Tolga:
Als ich das aktuelle Cover zum ersten Mal gesehen hab, hat es mich sehr stark an "No Fuel Left For The Pilgrims" und "Riskin' It All" erinnert. War die Covergestaltung ebenfalls ein Schritt zurück zu den Wurzeln?

Jesper:
Es liegt noch weiter zurück in den Wurzeln. Oder anders gesagt: Kennst du das RAMONES-Cover zu "Too Tough To Die" ('84er RAMONES-Album - Anm. d. Verf.)?

Tolga:
Nein.

Jesper:
Die RAMONES sind die Band, mit denen wir drei (Jesper, Stig und Jacob - Anm. d. Verf.) angefangen haben und wodurch wir zu dem wurden, was wir heute sind. Die RAMONES waren zu jeder Zeit ein großer Einfluss für uns. Nachdem Joey, Johnny und Dee Dee gestorben sind, war das Cover unser kleiner Tribut an die RAMONES: Mit dem Cover wollten wir den Fans zeigen, woher wir kommen.

Tolga:
Um beim Thema "Cover" zu bleiben: Du hast in einem Interview mal gesagt, dass das Foto auf dem "Simpatico"-Album ein echtes Foto aus Japan ist. Was ist der Hintergrund für dieses Foto und wie seid ihr da ran gekommen?

Jesper:
Torleif, der für unsere Videos und Cover zuständig ist, war in Japan, um zu filmen und Fotos aufzunehmen. Und da war plötzlich dieser sturzbetrunkene Kerl in der U-Bahnstation der ganz alleine mit seinem Regenschirm Golf gespielt hat. Daraufhin nahm Torleif seine Filmkamera raus und nahm das Ganze auf. Wir waren der Meinung, dass das so abgedreht ist, das wir's sogar in das Video mit reinnahmen.

Tolga:
Ihr habt ja in Form der "The Early Years"-Compilation 2000 eure alten Alben wiederveröffentlicht. War es als "Dankeschön" für eure Fans gedacht und habt ihr mit dem Disney-Konzern wegen eurem Song 'It's After Dark' Probleme bekommen?

Jesper:
Mit dem Song hatten wir keine Probleme. Mit dem Namen "Disneyland After Dark" hatten wir Probleme, und mussten uns daher in D.A.D. umbenennen. Natürlich hatte der Song nach dieser Aktion eine noch größere Bedeutung erlangt. Wir haben das aus dem Grund gemacht, weil wir das Label gewechselt haben und die etwas wiederveröffentlichen wollten. Für die Fans haben wir uns für eine Kooperation entschieden, weshalb wir natürlich stolz drauf sind und es hat auch noch eine Menge Spaß gemacht.

Tolga:
Bis auf den Drummer spielt ihr drei ja seit über zwanzig Jahren zusammen. Kann man sagen, dass ihr die dänische Version von SPINAL TAP seid?

Jesper:
(Lacht) Wir haben uns darüber auch lustig gemacht. Wir glauben an die Dreierkonstellation, denn die Art und Weise wie wir uns einbringen, ist schon sehr wichtig. Laust (Sonne - Anm. d. Verf.) bringt auf jeden Fall eine Menge Energie rein – er ist ja auch jünger – und ein sehr gut ausgebildeter Musiker. Aus dem Grund ist es gut, immer wieder neue Drummer in der Band zu haben.

Tolga:
Hast du irgendwelche Anekdoten oder bizarre Geschichten aus der Vergangenheit auf Lager?

Jesper:
(Lacht) Wo beginnen, wo aufhören? Für mich war es eine lange Achterbahnfahrt mit vielen lustigen Geschichten. Wir haben definitiv ein paar sehr dumme Sachen getan. In Verbindung mit D.A.D. hat niemand sein Leben verloren, was schon an ein Wunder grenzt! Das ist das Einzige, was ich dazu sagen kann.

Tolga:
Ich bin soweit mit meinen Fragen durch. Möchtest du noch was loswerden?

Jesper:
Wir sind sehr glücklich, dass das Album in Deutschland so gut ankommt. Eine Menge deutscher Fans besuchen unsere Website. Es ist sehr traurig, dass wir die Scheibe nicht früher in Deutschland veröffentlichen konnten. Dennoch bin ich sehr froh, dass wir im Rahmen unserer Tournee durch Europa in Deutschland halt machen werden.

Redakteur:
Tolga Karabagli

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