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DESPAIRATION: Interview mit Sascha Blach

01.01.1970 | 01:00

Passend zum trüben Wetter haben DESPAIRATION mit "Music For The Night" ein melancholisch-schönes Konzeptalbum am Start. Wie eine Symbiose aus DAVID BOWIE und PINK FLOYD in den Siebzigerjahren, so hört sich das Album an. Neben einem liebevoll gestaltetem Booklet und einer interessanten Story, bietet die CD verträumt-melancholische Musik zum Entspannen auf hohem Niveau. Sänger Sascha Blach erklärt noch mal in seinen eigenen Worten das Konzept von "Musik For The Night" und gibt sogar einen Ausblick auf das nächste Album, was zur Zeit in Arbeit ist.

Tolga:
Hi Sascha! Wenn man sich die Texte so durchliest, merkt man, wie viel Arbeit hinter eurer aktuellen Scheibe steckt. Wann hattest du die Idee zu diesem Konzeptalbum und wie lange hat es insgesamt gedauert, bis ihr es realisieren konntet?

Sascha:
Die Idee eines Konzeptalbums geisterte schon länger in unseren Hirnen herum, ehe wir uns für "Music For The Night" endlich dazu entschließen konnten, es auch in die Tat umzusetzen. Der erste konkrete Anhaltspunkt war "Ulysses" von James Joyce, das ich im Rahmen meines Studiums gelesen hatte, und das als eine Art Blaupause diente. Der Roman erzählt auf knapp 1.000 Seiten die Geschichte des Leopold Bloom an nur einem Tag in Dublin am 16. Juni 1904. Entsprechend wollten wir ebenfalls in 18 Kapiteln die Geschichte einer denkwürdigen Nacht erzählen, haben den Handlungsort jedoch auf die geistige Ebene verlagert und dem Ganzen einen spirituellen Anstrich verpasst. Letztendlich sind die Parallelen zu "Ulysses" also nur noch struktureller Natur, denn auf der Handlungsebene sind kaum Gemeinsamkeiten zu finden.

Tolga:
Ich bin zwar in meiner Review kurz auf die Story von eurer aktuellen Scheibe "Music For The Night" eingegangen, doch beschreib mal bitte in deinen eigenen Worten das Konzept und die Vorgeschichte des Albums.

Sascha:
Ausgangspunkt ist der Song 'Melissa Kissed The Sky' auf unserem letzten Album "Songs Of Love And Redemption", wo wir dem Protagonisten das erste Mal als Erzähler begegnen. Er muss den Tod seiner Geliebten Melissa verkraften und sein sehnlichster Wunsch ist es, ihr nachzusterben. Zu Beginn von "Music Night The Night" treffen wir ihn am Grab der Geliebten wieder, wo er schließlich in einen Zustand zwischen Trance und Traum verfällt und zu einer nächtliche Reise durch die eigene Phantasie aufbricht, wobei der physische Körper ruht. "Music For The Night" zeichnet diese kathartische Reise nach, unterstreicht sie und ist natürlich das erzählende Medium. Unterwegs begegnet Elias den verschiedensten Wesen und Impressionen, die allesamt seinen Blickwinkel auf das Sein verändern und ihn immer näher in die Tiefen seines Selbst führen, wo er schließlich Melissa begegnet und eine Art Läuterung erfährt.

Tolga:
Die Story bietet sich perfekt für eine Umsetzung auf einer Bühne oder in Form eines Films an. Ist dahingehend was geplant?

Sascha:
Nein, bisher nicht. Wir werden live zunächst einmal nur die härteren Stücke des Albums spielen, weil wir nicht sicher sind, ob man den Leuten so viel Aufmerksamkeit abverlangen kann, dass sie auch die ruhigen Stücke geduldig verfolgen. Denn live ist es ja eher wichtig, Energie zu vermitteln, während die stillen Momente wohl eher fürs heimische Wohnzimmer gedacht sind. Es wäre aber durchaus eine interessante Sache, wenn wir im Rahmen von einem exklusiven Konzert die komplette "Music For The Night" Geschichte mit den Gastmusikern darbieten könnten. Wir haben dies durchaus im Hinterkopf, aber das ist natürlich mit einem enormen organisatorischen Aufwand verbunden, so dass ich nicht versprechen kann, ob es tatsächlich klappt. Interessant wäre natürlich auch eine filmische Umsetzung, also quasi ein Videoclip zu jedem Song, in dem die Story auch visuell umgesetzt wird. Noch mehr reizt mich allerdings eine Niederschrift der Story in Roman-Format. Leider fehlt mir dafür die Zeit.

Tolga:
Was den Gesang als auch die musikalische Umsetzung angeht, so kann förmlich den Schmerz heraushören, der Elias auf der Brust liegt. Wie viel von Elias steckt in dir selbst und wie viel Autobiografisches wurde in der Story verarbeitet?

Sascha:
Autobiographisches ist sicher niemals gänzlich herauszuhalten, wenn man einen Text schreibt und auch in "Music For The Night" sind meine Gedanken und meine Weltanschauung eingeflossen. Aber ich möchte doch betonen, dass Elias und ich nicht gleichzusetzen sind, sondern Elias ein fiktiver Charakter ist, der jeder sein kann, wie es auch im Booklet steht. Er ist einfach eine Figur, der diese Reise durch die Psyche stellvertretend für den Hörer antritt, es dem Hörer aber offen lässt, die eigenen Erfahrungen, Ansichten und Emotionen in die Geschichte hinein zu interpretieren. Wichtig ist uns, dass wir Fragen aufwerfen und die Nachdenklichkeit der Menschen ankurbeln, denn "Music For The Night" kreist vor allem um philosophische und weltanschauliche Themen, die jeden betreffen.

Tolga:
Deine Stimme hat eine große Ähnlichkeit mit der von DAVID BOWIE. Siehst du das genauso und welche Sänger bewunderst du?

Sascha:
Ich habe mich nie viel mit DAVID BOWIE beschäftigt und besitze keines seiner Alben. Ich habe mich selber gewundert, dass dieser Vergleich nun so häufig kommt. Aber ich denke eher nicht, dass ich wie Mr. Bowie klinge, vielleicht gibt es geringfügige Parallelen, aber die dürfte es zu zig anderen Sängern ebenso geben. Auf den Vorgängeralben habe ich noch etwas tiefer gesungen, da waren die Leute recht schnell mit Vergleichen in Richtung Pete Steele, Andrew Eldritch oder Sven Friedrich bei der Hand... nun also eben David Bowie...
Sänger, die ich bewundere, gibt es eigentlich nicht. Ich mag Tori Amos und Björk für ihre ausdrucksvollen Gesänge, kann beide aber schon auf Grund anatomischer Gegebenheiten schlecht kopieren. ;-) Ansonsten mag ich vor allem klare, tiefe Stimmen am liebsten, sowohl was männliche als auch weibliche Gesänge angeht. Und all jene, die meinen tiefen Gesang auf der aktuellen CD vermissen, kann ich schon mal auf das nächste Album vertrösten, da wird die Mischung wieder ausgewogener!

Tolga:
Ich hab in meinem Review geschrieben, dass dies das Album ist, das entstanden wäre, wenn DAVID BOWIE und PINK FLOYD in den Siebzigern das Studio geentert hatten! Wie würdest du das Album für jemanden umschreiben, der es noch nie gehört hat?

Sascha:
Der Vergleich ehrt uns natürlich, denn mit PINK FLOYD in einem Satz genannt zu werden, ist doch schon mal was. ;-) Wir lieben diese Band definitiv, aber ich denke, wir haben dennoch unseren eigenen Stil und vermeiden es bewusst, uns allzu offensichtlich von anderen Bands beeinflussen zu lassen. Jeder mag an den verschiedensten Ecken von "Music For The Night" die unterschiedlichsten Vergleiche finden, aber ich denke, dass ist dann spätestens beim nachfolgenden Song wieder hinfällig, da jedes Stück seinen eigenen Charakter hat und das Attribut Abwechslung doch sehr groß geschrieben wird.
Was eine eigene Umschreibung angeht, ist es glaube ich unmöglich, die Scheibe in eine Schublade einzuordnen, aber gerade das war uns wichtig. Wir sehen uns lieber als Wandler zwischen den Welten und streifen dabei die unterschiedlichsten Stilistiken wie Jazz, Klassik, Gothic, Elektronik oder Pop. Die Grundlage ist jedoch stets melancholischer Dark Rock, der mit viel Leidenschaft und Willen zur Innovation umgesetzt wird. Und ich denke, auch wenn das Album etwas Zeit braucht, gibt es innerhalb der 80 Minuten doch für die unterschiedlichsten Geschmäcker etwas zu entdecken und spätestens beim zweiten Durchlauf gehen dann auch die zahlreichen Melodien ins Ohr und verweilen dort eine Weile.

Tolga:
Das Pianostück ‘Nuit En Enfer’ könnte auch glatt von CHOPIN stammen. Was bedeutet der Titel und wie seid ihr auf die Idee gekommen ein reines Piano-Instrumental aufzunehmen? (Frage nur deshalb nach dem Titel, da ich des Französischen nicht so mächtig bin.)

Sascha:
Der Titel lehnt sich an die Gedichtsammlung "Une Saison En Enfer" von Arthur Rimbaud an, der einen nicht unerheblichen Einfluss auf manche Texte hatte. Der Titel bedeutet "Eine Nacht in der Hölle" und in dem Instrumental geht es darum, wie Elias ein letztes Mal in die eigene innere Hölle zurückkehrt, um seine angestaubten, engstirnigen Denkweisen entgültig zu besiegen. Das Instrumental beschreibt gewissermaßen den nächtlichen Abstieg und ist als eine Art Programm-Musik zu verstehen. Unser Pianist Christian, der das Stück kreiert hat, freut sich sicher über den Chopin-Vergleich, inwieweit dies beabsichtigt war, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis.

Tolga:
Werdet ihr demnächst auf Tour gehen und wenn ja, werdet ihr "Music For The Night" komplett spielen?

Sascha:
Wie gesagt, die Idee, das Album am Stück zu spielen, ist reizvoll, aber es bedarf intensiver Planungen, so dass ich nicht sicher bin, ob es machbar ist. Aber wir werden auf jeden Fall wieder live unterwegs sein und auch einige Stücke von "Music For The Night" zum Besten geben. Los geht es Anfang Dezember. Dann werden wir auf eine Mini-Tour mit THE VISION BLEAK gehen und ich denke, dass nächstes Jahr noch eine ganze Reihe Konzerte folgen werden. Unsere Homepage http://www.despairation.de hält euch auf dem Laufenden.

Tolga:
Wenn ihr es komplett spielt, kann man dann auch damit rechnen, dass ihr die Story zum Teil auch mit Schauspielern umsetzt?

Sascha:
Nein, das macht keinen Sinn, da "Music For The Night" gänzlich auf der Ebene der Phantasie spielt und eine Umsetzung auf körperlicher Ebene dem sogar widersprechen würde. Eher kann ich mir vorstellen, eine Umsetzung auf der Bühne mit surrealen Videoprojektionen zu untermalen.

Tolga:
Wie sehen bisher die Verkaufszahlen von "Music For The Night" aus und was für Zukunftspläne schweben euch vor?

Sascha:
Da die CD gerade erst erschienen ist bzw. in Deutschland sogar erst ab dem 22. November im Fachhandel erhältlich ist, kann ich zu den Verkaufszahlen gar nichts sagen.
Zukunftspläne gibt es indes schon, denn wir befinden uns wieder inmitten der Arbeiten zum Nachfolger, der am besten schon nächstes Jahr erscheinen soll. Es wird ebenfalls ein Konzeptalbum und musikalisch mal wieder etwas anders. Mehr möchte ich dazu noch nicht verraten. Des Weiteren arbeitet unser Gitarrist Martin fleißig an einigen Nebenprojekten, die hoffentlich demnächst das Licht der Welt erblicken können und von meiner anderen Band TRANSIT POETRY wird es nächstes Jahr auch den zweiten Longplayer geben, so dass es genug zu tun gibt. ;-)

Tolga:
Habt ihr noch etwas, was euch auf dem Herzen liegt und ihr euren Fans noch mitteilen wollt?

Sascha:
Wir freuen uns natürlich über jeden, der durch dieses Interview auf uns neugierig geworden ist und laden alle ein, sich auf unser Webseite http://www.despairation.de weitere Infos durchzulesen. Dort gibt es auch ein paar Soundsamples sowie das Stück 'Song Of The Nightingale' als kompletten Download for free. Des Weiteren freuen wir uns über jegliche Arten von Echos auf unser Tun sowie zahlreiche Konzertbesuche. Dir Tolga, danke für dieses Interview!

Redakteur:
Tolga Karabagli

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