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CRADLE OF FILTH: Interview mit Paul Allender

22.11.2010 | 07:54

Es gibt kaum eine Band, die im Metal-Bereich so polarisiert wie CRADLE OF FILTH. Von den einen als Poser verschrien, feiern die Fans der Band ihre Helden umso stärker.

Mit "Darkly, Darkly, Venus Aversa" bringen Frontmann Dani Filth und seine Mitstreiter ihren langerwarteten neuen Longplayer auf den Markt. Gitarrist Paul Allender erzählt etwas mehr über das Album, die Band und das Leben allgemein.

Der Saitenzupfer, der in den USA lebt, fing mit 14 Jahren an, Gitarre zu spielen. Große Vorbilder waren damals IRON MAIDEN. Doch natürlich dreht sich das Gespräch nicht um die Vergangenheit, sondern vor allem um die Gegenwart und das neue Album. Paul fasst die Geschichte von "Darkly, Darkly, Venus Aversa" zusammen: "Die Hauptperson des Konzeptalbums ist Lilith. Eigentlich erzählt das Album ihre Geschichte, ihre Gedanken und ihre Welt. Es ist sehr düster und erotisch," Mehr will er nicht sagen aus Angst, zuviel zu verraten. Statt dessen erzählt er lieber etwas über den Aufnahmeprozess: "Ich persönlich war etwa einen Monat im Studio, um die Gitarrenparts aufzunehmen und auch mit den Orchestrationen und Soundeffekten zu arbeiten. Der gesamte Prozess dauerte etwa 4 Monate, aber das ist nur die Studiozeit, die Demos existierten bereits zu dem Zeitpunkt. Vorher hat es natürlich noch einige Monate gedauert, um alles zu schreiben, und dieses Mal haben wir auch wirklich richtige Demos aufgenommen, mit Gesang und allem. Normalerweise habe ich ein ziemliches Problem wenn ich schreibe, denn ich mache die Lieder sehr oft zu bombastisch, es hört sich dann wie eine Symphonie an und muss im Studio wieder vereinfacht werden. Die Demos sind also ziemlich überladen." Viele Fans schätzen aber ja besonders den Bombast-Anteil der Stücke und würden diese Demos mit Sicherheit gerne hören. Paul lacht: "Es wird einige Demos auf der Special Edition geben, und die hören sich wirklich total anders an."

Der neue Longplayer ist nicht wie gewohnt unter dem Schirm von Roadrunner Records entstanden, statt dessen wechselte die Band zu Peaceville. "Es war ein guter Schritt", sagt der Gitarrist, "um noch einmal auf die Special Edition zu sprechen zu kommen: es wird auch eine Edition mit einem Buch geben. Das ist der absolute Wahnsinn, es hat 72Seiten, 3CDs und eine DVD. Wir hätten so etwas nie mit Roadrunner machen können, sie hätten nicht das Geld investiert. Das Buch ist wirklich geil, es enthält viele Fotos aus dem Studio und so. Und sie haben das Albumcover in ein Hologram verwandelt, es sieht unglaublich aus!" CRADLE OF FILTH war schon immer eine Band, die sehr visuell daherkommt, auch dieses Mal spricht das Albumcover Bände: "Um ehrlich zu sein, habe ich nicht viel mit dem Artwork zu tun, das ist eher Dans Fachgebiet", gibt Paul zu. "Ich bin zwar auch visuell kreativ, aber mein Stil ist total anders", fügt er hinzu, "ich glaube nicht, dass es funktionieren würde, wenn ich das Artwork gestalten würde." Das ist also eine Herausforderung, die Paul bisher noch nicht annehmen will, wie schaut es denn mit Herausforderungen auf dem aktuellen Album aus? "Das Spielen an sich ist jedes Mal wieder eine Herausforderung", so Paul mit breitem Grinsen, "ich schreibe ständig Sachen, die ich eigentlich gar nicht spielen kann. Aber dann übe ich und übe ich und irgendwann geht es." An Texte wagt sich der Gitarrist allerdings nicht: "Singen und Texte und der ganze Kram interessiert mich eigentlich überhaupt nicht. Ich wurde zwar schon oft gefragt, ob ich nicht vielleicht ein Side-Projekt mit eigenen Lyrics machen möchte, aber alle bisherigen Angebote in der Richtung hörten sich irgendwie wie CRADLE OF FILTH an, und das ist ja nicht der Sinn der Sache." Verständlich, außerdem ist der gute Mann ja auch so schon genug beschäftigt und plaudert etwas über die Video-Single des Albums: "Es ist der Song 'Forgive Me Father', ein sehr straighter Track. Das Video dazu haben wir in einer Kirche in London gedreht, dort wurden auch bereits schon einige Filme gedreht. Wir filmten in der Gruft, es hatte eine sehr coole Atmosphäre. Für mich persönlich hat das Video auch sehr viel mit dem Text des Songs zu tun, natürlich nicht 1:1, aber es gibt starke Verbindungen." CRADLE OF FILTH kann bereits auf einige grandiose Videos zurückblicken, hat Paul denn einen Favoriten? Er überlegt kurz: "Ich kann ganz ehrlich sagen, dass das neue Video tatsächlich auch mein Lieblingsvideo von uns ist. Wir haben bereits mit dem gleichen Regisseur gearbeitet, aber mit diesem Video hat er sich selbst übertroffen, es fängt die Atmosphäre perfekt ein. Ansonsten mag ich auch das Video zu 'Her Ghost In The Fog'. Allerdings würde ich wirklich gerne einmal ein Video zu einem richtig extremen Track drehen, nicht wie jetzt immer zu dem kommerziellsten der Platte. Es wäre so cool, wenigstens ein Mal den härtesten und schnellsten Song zu nehmen und dann ein Video dazu zu drehen. Vor 10 Jahren oder so wäre das gar nicht möglich gewesen, aber jetzt gibt es YouTube und die ganzen anderen Plattformen, wo man auch so ein Video zeigen könnte."

Was bei CRADLE OF FILTH auffällt, ist der Fakt, dass die letzten Alben alle Konzept-Alben waren. Kann man sich überhaupt noch vorstellen, ein Album zu kreieren bei dem die Songs nicht miteinander verbunden sind? "Ja, klar, das nächste Album", kommt es wie aus der Pistole geschossen. Doch dann fügt Paul lachend hinzu: "Das hat Dan nach dem Vorgängeralbum auch gesagt, und nun ist es wieder ein Konzept-Album geworden. Für mich persönlich ist es so: wenn ich schreibe, dann denke ich nicht an irgendein Konzept oder so, ich schreibe Songs die auch alleine stehen können. Doch dann kommt Dan und macht daraus ein Konzept." Das breite Grinsen des Gitarristen verrät, dass er nichts dagegen hat. "Es funktioniert schließlich auch", so Paul. Fans wissen aber, dass persönliche Sachen innerhalb der Band nicht immer so funktionierten, immerhin verließ Paul für vier Jahre die Combo, kehrte dann aber zurück. Was hatte sich in der Zwischenzeit verändert? "Um ehrlich zu sein nichts. Aber natürlich waren wir alle ein wenig erwachsener geworden, das hat nichts geschadet. Als ich zurück kam, gab es zuerst eine etwas komische Atmosphäre zwischen mir und den anderen Gitarristen. Sie fühlten sich nicht direkt bedroht, glaube ich, aber es war einfach trotzdem etwas seltsam. Allerdings muss ich sagen, dass ich nach meiner Rückkehr der Band beigebracht habe, richtig profimäßig zu arbeiten, das war wirklich so. Vorher haben wir nie richtige Demos oder so gemacht, und jetzt wissen alle immer, wie ein Song sich anhören wird mit allen Instrumenten. Seitdem ist die Band viel produktiver. Und wir müssen noch nicht mal ins Studio gehen für die Demos, jeder kann daheim etwas aufnehmen, das schicken wir uns dann per Mail. Wenn wir uns dann in unserem Probenraum zusammenfinden, kennt jeder bereits die Songs. Es ist eine tolle Arbeitsweise und spart sogar Geld. Außerdem fühlt man sich tatsächlich so als ob man etwas arbeiten würde." Aber zurück zu den Konzepten, welche Geschichten könnten denn noch erzählt werden? Vielleicht auch etwas aus moderneren Zeiten? "Nein, das glaube ich nicht. Das würde nicht funktionieren", so Paul bestimmt, "unsere ganze Band-Atmospähre baut auf einer gewissen Mystik auf, die in Geschichten aus der heutigen Zeit einfach keinen Platz hat. Von daher konzentrieren wir uns lieber auf Geschichten aus dem 16.Jahrhundert und so." Die Geschichten, die die Band erzählt, basieren oft auf realen Persönlichkeiten. manchmal geht es um Personen, die der Otto-Normalverbraucher wahrscheinlich ansonsten nie kennenlernen würde. Dennoch würdigen die wenigsten Kritiker dieses fast schon bildenden Aspekt der Band, konzentrieren sich statt dessen auf die Provokationen. Verärgert ein solches Verhalten Paul? Der hat natürlich sogleich eine schlagkräftige Antwort parat: "Wenn Leute nur an der Oberfläche kratzen, ohne tiefer zu graben, und dann gleich einen Scheiß erzählen, verdienen sie es sowieso nicht, CRADLE OF FILTH zu hören! Aber zum Glück gibt es auch viele Leute, die sich wirklich mit der Musik und den Texten beschäftigen und dann merken, dass wir etwas zu sagen haben. Unsere Geschichten basieren meist auf historischen Figuren und Erieignissen, ich persönlich finde das sehr spannend." Trotzdem hat die Band natürlich ein sehr starkes Image, das auch nach außen getragen wird. Wie wichtig ist es in der heutigen Zeit für eine Band ein Image zu haben? Paul sieht die Sache sehr realistisch: "Man muss eins haben! Gar keine Frage. Es gibt so viele Bands, und man muss irgendwie herausstechen. Alle sagen immer, es geht nur um die Musik, aber wenn du deine Musik wirklich pushen willst, dann musst du etwas mehr bieten als nur coole Mucke. Guck dir doch viele Death-Metal-Bands an, die sind alle total austauschbar, weil sie nichts Eigenes repräsentieren. Ich glaube, ein Grund, warum es uns schon seit fast 20 Jahren gibt und wir noch immer erfolgreich sind, ist unser Image. Natürlich ist auch die Musik geil, aber wir haben auch unsere eigene atmosphärische Welt geschaffen, in der man abtauchen kann." Ein wichtiger Faktor dieser Welt ist auch die visuelle Umsetzung auf der Bühne, wo auch Paul seine Finger mit im Spiel hat: "Ich kümmere mich um alle Animationen und dergleichen. Außerdem setzte ich mich immer mit unserem Lichtmann zusammen und gemeinsan arbeiten wir an dem Konzept. Mir ist es sehr wichtig, dass die Show gut wirkt. Wir arbeiten nun am Konzept für die kommende Tour. Wir werden zuerst in Südamerika und den USA touren, dann aber natürlich auch nach Europa kommen. Ich glaube, im April. Aber jedenfalls wird die Bühne geil sein. Sehr auf Lilith zugeschnitten, also sehr düster und dramatisch."

Ein Markenzeichen der Band ist die Theatralik, sowohl in der Musik als auch in der Performance selber. Gibt es Pläne, die Musik einmal im großen Rahmen auf die Bühne zu bringen, Orchester und Schauspieler inklusive? Paul zeigt sich begeistert: "Ja, das würden wir alle total toll finden. Aber leider ist das ja nicht so einfach, man müsste eine geeignete Locatiion finden, die auch einen gewissen Charme hat. Außerdem wären die Kosten enorm, man müsste die Schauspieler bezahlen, das Bühnenbild und alles was sonst noch so hinzukommt. Es würde auch viel zu lange dauern, so etwas auf die Beine zu stellen, mit richtigen Choreographien und so. In der Zwischenzeit hätten wir wahrscheinlich schon wieder das nächste Album draußen. Toll wäre es aber trotzdem." Wie schaut es denn mt Filmmusik aus? Wäre das etwas, das Paul interessieren könnte, hätte er die Zeit zu Verfügung? "Ja, eigentlich schon", antwortet er etwas zögerlich, "es ist zwar kein großer Traum von mir, aber warum nicht. Es wäre zum Beispiel klasse, Musik zu einem Tim-Burton-Film zu komponieren." Viele Texte der Band sind inspiriert von Horrorfilmen, Paul outet sich bei seinen Lieblingsfilmen als echter Oldschooler: "Ich finde 'American Werewolf in Paris' toll und generell alle älteren Horrofilme aus dem 70ern und 80ern. Den neuen Kram mag ich nicht, es gibt zu viele Effekte. Die alten Filme lassen mehr Raum für die eigene Vorstellungskraft und sind dadurch viel gruseliger."

Einer der bekanntesten CRADLE OF FILTH Songs ist 'Nymphetamine', das Duett mit LIV KRISTINE. Auch wenn die Band nun ebenfalls von weiblichen Background Vocals unterstützt wird, so bleibt die Frage, ob man sich ein richtiges Duett noch einmal vorstellen könnte. Paul gibt sich offen: "Klar, warum auch nicht? Es war sogar bei diesem Album im Gespräch, ein Duett mit einer jungen Dame einer Folk-Metal-Band zu machen. Allerdings habe ich ihren Namen vergessen. Naja, aber es hat ja sowieso nicht geklappt. Für die Backgrounds haben wir dann einfach die Frau unseren Produzenten genommen. Sie konnte es mit Dan aufnehmen." Klar, ein Frontmann wie Dani Filth ist ja auch eine Erscheinung für sich. Wirft sich die Frage auf, ob er auch als Bandleader angesehen wird oder ob eher Demokratie herrscht. Paul klärt auf: "Nein, wir sehen ihn nicht als eine Art Diktator oder so, und so führt er sich auch nicht auf. Aber natürlich schreibt er die Texte, also hat er schon einen bestimmten Status. Wir hatten ja bereits einige Wechsel im Line-Up, und es hat sich nicht allzu viel verändert. Allerdings sind Dan und ich die Wurzeln der Band, wenn einer von uns die Band verlassen würde, dann würde sich das Gesicht und die Atmosphäre von CRADLE OF FILTH drastisch ändern." Lachend fügt er hinzu: "Aber ich plane nicht, irgendwoanders hinzugehen. Die Band ist mein Leben!"

Redakteur:
Ricarda Schwoebel

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