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CRADLE OF FILTH: Interview mit Adrian Erlandsson

01.03.2005 | 00:43

Ein knappes Jahr nach dem Release ihres noch aktuellen Albums "Nymphetamine" sind CRADLE OF FILTH nun doch noch nach Europa gekommen, nachdem die ersten Versuche, den alten Kontinent zu beackern, gescheitert sind. Außerdem nutzt die Band diese Gelegenheit, um den umstrittenen Re-Release eben jenen Albums zu pushen, wobei die Band jedoch nicht hinter der Veröffentlichungspolitik des Labels steht. Das behauptet jedenfalls Schlagzeuger Adrian Erlandsson, der mir vor der Show im Kölner E-Werk Rede und Antwort stand.

Björn:
Ihr habt die Tour vor einer Woche gestartet. Was habt ihr bisher so erlebt?

Adrian:
Wir sind in Griechenland gewesen, was wirklich sehr cool war, weil wir dort auch Sightseeing betrieben haben. Weiterhin haben wir in Belgien und Holland gespielt.

Björn:
Ihr seid also mit dem Verlauf der Tour bis dato zufrieden?

Adrian:
Ja, auf jeden Fall. Wir haben eine sehr spezielle Bühnenshow dabei, und jetzt, nachdem wir uns langsam warm gespielt haben, steht auch die endgültige Setlist für die Konzerte.

Björn:
Eure letzte Scheibe ist ja schon vor fast einem Jahr auf den Markt gekommen. Ist es da nicht ein bisschen spät, jetzt erst auf Tour zu gehen?

Adrian:
Ich denke schon. Die eigentliche Idee war, im letzten Jahr in Europa zu spielen. Es war eine Tour mit TYPE 0 NEGATIVE geplant, aber sie haben kurzfristig abgesagt und ließen uns mit den ganzen Konzertdaten zurück. Wir hatten sehr große Hallen gebucht, doch ohne TYPE 0 NEGATIVE hätten wir das nicht durchziehen können. Dann hatten wir ein Angebot von MTV2, die "Headbanger's Ball"-Tour in Amerika als Headliner zu bestreiten, weswegen wir erst in den Staaten spielten und jetzt erst hier touren.

Björn:
Glaubst du, dass es mittlerweile nötig ist, mit einem solchen Package unterwegs zu sein, sprich mit Bands wie TYPE O NEGATIVE oder eben MOONSPELL?

Adrian:
Ich denke, dass es sehr wichtig ist, den Fans etwas für ihr Geld zu bieten. Ich weiß ja nicht, wie viel man in Europa für ein Konzert bezahlt...

Björn:
Eine Menge...

Adrian:
Ja, es ist eine Menge Geld, deshalb wollen wir, dass die Leute eine gute Zeit haben und so viele Bands wie nur möglich sehen. Ich hätte es lieber gesehen, wenn THE HAUNTED vom Beginn der Tour an dabei gewesen wären. Momentan touren sie noch in England, doch in Wien werden sie dann zu uns stoßen.

Björn:
Ist es eigentlich kein Risiko, jetzt im Februar auf Tour zu gehen, wo doch eine ganze Reihe anderer bekannter Bands in Europa unterwegs sind?

Adrian:
Ja, ist es, haha! Unser großer Vorteil ist, dass wir seit über zwei Jahren nicht mehr in Europa gespielt haben. Wir sind bei einigen Festivals aufgetreten, aber hatten eben keine richtige Tour.

Björn:
Eure neue Scheibe ist ja im letzten Jahr via Roadrunner Records veröffentlicht worden. Ihr seid dafür wieder zu einem Indie-Label zurückgekehrt, nachdem ihr für "Damnation And A Day" bei Sony untergekommen wart. Was ist da schief gelaufen?

Adrian:
Sony ist eine gute Plattenfirma, wenn man Millionen Platten verkauft. Mit einer kleinen Band ist es jedoch hoffnungslos. Die Organisation ist dermaßen groß, und dabei an die richtigen Leute zu geraten, ist einfach unmöglich. Sie stellen permanent neue Leute ein, und zu der Zeit als wir den Deal unterschrieben haben, war man noch Feuer und Flamme. Als wir die Platte jedoch dann veröffentlichten, war der Mann, der eigentlich für uns verantwortlich war, gar nicht mehr beim Label beschäftigt bzw. mit anderen Sachen zu Gange.

Björn:
Wusstet ihr nicht schon im Voraus, dass sie wahrscheinlich nicht viel Ahnung von extremer Musik haben?

Adrian:
Sie hatten viele sehr gute Ideen, doch die Leute, die das Sagen hatten, interessierte das nicht. Das Beispiel mit dem Typen, der uns unter Vertrag genommen hat, passt da sehr gut. Er versprach uns, dass er uns in Amerika voranbringen wird, und das war auch der Hauptgrund für uns, dort zu unterschrieben. Wir wollten einen echten Schub auf dem amerikanischen Markt erfahren. Beim Album-Release war er nicht mehr für uns verantwortlich, und diese Frau, die sich dann um uns kümmerte, hatte überhaupt keine Ahnung von CRADLE OF FILTH. Die Organisation bei einem Major bringt nur Probleme mit sich und wir hatten dort absolut keine Priorität, weil wir nicht so viel Kohle einbrachten wie Mariah Carey.

Björn:
Meiner Meinung nach sind die neuen Sachen auch wieder härter. War das eine Reaktion auf den Deal mit Sony?

Adrian:
Vielleicht, aber das war nicht die Intention. Als wir an neuen Songs arbeiteten, waren wir ja noch bei Sony unter Vertrag. Hm, vielleicht hätte ich das jetzt nicht sagen sollen, haha! Daher denke ich nicht, dass der Sony-Deal damit etwas zu tun hatte. Ich denke eher, dass es eine Reaktion auf das letzte Album "Damnation And A Day" ist. Es war sehr cool, was wir zu der Zeit mit dem Orchester gemacht haben, doch dieses Mal waren wir uns alle einig darüber, dass wir wieder ein Gitarren orientiertes Album haben wollen. Außerdem haben wir die neue Scheibe live aufgenommen, alle haben gleichzeitig gespielt, während es auf den vorangegangenen Releases immer so war, dass ich zunächst die Drums eingespielt habe und der Rest dann Stück für Stück hinzugefügt wurde.

Björn:
Die Platte hat in der europäischen Presse sehr gute Reaktionen bekommen. Wie wichtig sind euch Meinungen seitens der Presse?

Adrian:
Oh, wir hatten auch einen Haufen schlechter Reviews, aber auch sehr gute Reviews. Ich versuche, nicht so viel über solche Sachen nachzudenken und nicht so viele Reviews zu lesen, sondern beschränke mich auf das, was ich von der Musik halte. Ich schaue lieber voraus und überlege, was wir mit der Band als nächstes tun können. Wir können ja nicht jeden zufrieden stellen. Als erstes müssen wir mit dem Material zufrieden sein, und dann hoffen wir, dass es den Fans und Kritikern auch gefällt.

Björn:
Ich vermute mal, dass sich in den nächsten Tagen auch einige negative Stimmen auftun werden, weil die Scheibe nun mit einigen Bonusstücken neu veröffentlicht wird. Sicherlich werden gerade diejenigen, die sich die Scheibe sofort gekauft haben, nicht sonderlich begeistert sein.

Adrian:
Falls ich die Wahl hätte, würde ich die Special Edition zur gleichen Zeit herausbringen. Was passierte, ist, dass wir ins Studio gegangen sind und bereit waren, alle Stücke aufzunehmen. Doch wir hatten eine Deadline, und als uns die Zeit davon lief, mussten wir uns auf die Sachen konzentrieren, die auf der eigentlichen Platte erscheinen sollten. Es war einfach keine Zeit mehr, die zusätzlichen Sachen aufzunehmen. Irgendwann später, sprich kurz bevor wir auf Tour gegangen sind, haben wir die übrigen Stücke dann in einem anderen Studio fertig gestellt. Ich würde es aber ganz klar lieber sehen, wenn beide Scheiben zur gleichen Zeit auf den Markt gekommen wären, damit die Fans eine Auswahl gehabt hätten.

Björn:
Könnte man dann die zusätzlichen Stücke nicht separat veröffentlichen?

Adrian:
Das lag vornehmlich an der Plattenfirma. Wir hätten natürlich die Wahl, eine EP herauszubringen, aber für die Labels ist es überhaupt nicht interessant, solche Dinge zu verwirklichen, weil EPs sich schlecht verkaufen.

Björn:
Auch wenn du jetzt kein Gründungsmitglied bist, so solltest du die Intention der Band von Anfang an ja kennen. Glaubst du, dass Dani sich anfangs hätte träumen lassen, neun Platten aufzunehmen und auf den Markt zu bringen?

Adrian:
Ich glaube nicht, haha. Zu der Zeit spielte ich noch bei AT THE GATES, und wir haben eine gemeinsame Tour mit CRADLE OF FILTH als Support gemacht. ANATHEMA waren damals Headliner. Ich befürchte, dass sie damals absolut keinen Plan hatten und nur auf das Ziel, nach der Show betrunken zu sein, hinarbeiteten, haha. Dani ist ein Mann mit einer starken Motivation und sehr guten Ideen, was die Sache über die Jahre am Leben gehalten hat.

Björn:
War das finale Besäufnis wirklich die einzige Motivation?

Adrian:
Ich denke schon, dass sie auch zu der Zeit schon sehr starke Ideen hatten und wussten, was sie wollten. Und diese Ideen gibt es ja auch heute noch, denn als Band arbeiten wir mit großer Leidenschaft an neuen Sachen. Dieses Gefühl hatte ich schon immer, seitdem ich 1999 zur Band gestoßen bin.

Björn:
Ganz am Anfang haben die Leute das Konzept von CRADLE OF FILTH nicht so richtig verstanden, und ich erinnere mich an die Leute, welche herzlich über die Band gelacht haben. Ist es aus heutiger Sicht nicht eine Genugtuung, gerade diesen Leuten zu beweisen, dass weitaus mehr hinter der Band steckte und auch weiterhin steckt?

Adrian:
Schwere Frage, haha! Ich höre selber von vielen Freunden, dass sie die Musik stark finden aber nicht mit der Stimme klarkommen. Es gibt aber natürlich Leute, die mit CRADLE OF FILTH nichts anfangen können. Da kann ich nun mal nichts dran ändern, aber wir werden weiterhin das tun, was wir tun wollen und uns da nicht hereinreden lassen.

Björn:
Ihr seid zweifelsohne die erfolgreichste und größte Black-Metal-Band überhaupt. Wie fühlt ihr euch dabei?

Adrian:
Ich denke, das ist cool, haha! Das ist etwas, wovon wir als Teenager immer geträumt haben, und ich bin sehr glücklich und zufrieden, dass ich die Möglichkeit habe, um die Welt zu reisen und an den verschiedensten Orten zu spielen. Wir haben sehr hart dafür gearbeitet, es ist also nichts, dass wir für selbstverständlich halten. Viele Leute mögen vielleicht denken, dass wir kompletten Sell-Out betrieben haben. Aber weißt du, wir haben eine Menge Zeit für diese Band geopfert und das ist das Resultat daraus.

Björn:
Ich habe gelesen, dass es schon bald ein neues Album geben wird. Was kannst du mir hierzu sagen?

Adrian:
Wir haben fünf grobe Songideen. Im Juli wollen wir wieder ins Studio gehen und die Scheibe dann nächstes Jahr im Februar oder März veröffentlichen.

Björn:
Wird Dave dann auch wieder mit an Bord sein?

Adrian:
Ich hoffe es! Wenn ich zurückblicke, dann hatten wir eine sehr gute Zeit zusammen, und er ist ein sehr guter Bassist. Es ist sehr traurig, zu sehen, dass er gegangen ist, und ich hoffe inständig, dass er zurückkehren wird.

Björn:
Warum ist er überhaupt gegangen?

Adrian:
Für längere Touraktivitäten braucht man eine sehr spezielle Einstellung und ich denke, dass er diesen Part von sich verloren hat. Als wir "Damnation And A Day" herausbrachten, spielten wir 108 Konzerte und waren für fast 30 Wochen von zu Hause weg. Es wird wirklich schwierig, wenn du mit dem Kopf nicht mehr richtig bei der Sache bist. Dave wollte einfach eine Auszeit nehmen und etwas anderes tun, doch ich hoffe, dass er den Willen in sich selbst wiederentdeckt und zurückkehrt – aber momentan sieht es so aus, als wenn das nicht passieren würde.

Björn:
Dann lass uns noch einmal kurz die nahe Zukunft anschneiden. Was wollt ihr im Jahre 2005 mit der Band erreichen?

Adrian:
Ich würde gerne mehr touren und in diesem Sinne auf eine größere Tour aufspringen könnten. Es sieht so aus, als wäre das für uns ein großes Problem, denn Bands wie SLAYER oder SLIPKNOT wollen uns anscheinend nicht mitnehmen. Wenn wir aber stetig als Headliner unterwegs sind, ist es schwer, ein neues Publikum zu erreichen, aber so etwas wäre sehr cool.
Ansonsten werden wir uns auf den Songwriting-Prozess für das neue Album konzentrieren und hoffentlich dieses Jahr noch eine DVD aufnehmen, für die wir die letzte Show der Tour in Paris mitschneiden werden. Wir müssen die Sache nur am Laufen halten.

Björn:
Werden wir CRADLE OF FILTH auf den Sommerfestivals sehen?

Adrian:
Dieses Jahr? Hm, ich bin nicht sicher, das hängt davon ab, wie wir mit dem neuen Album vorankommen. Wenn wir genügend Ideen haben, dann vielleicht, aber sollten wir mit den ersten Ideen nicht zufrieden sein, dann müssen wir erst mal weiterarbeiten, haha!

Björn:
Hast du sonst noch etwas zu sagen?

Adrian:
Ich hoffe, dass ihr nicht zu sauer wegen dieser Geschichte mit der Special Edition seid, haha. Die Special Edition beinhaltet einige sehr coole Tracks. Und ihr solltet natürlich alle zu unseren Shows kommen, denn wir werden dort viele Songs spielen, welche die Band noch nie zuvor in Europa gespielt hat. Wir haben also eine Menge zu bieten.

Björn:
Nun, davon werde ich mich ja gleich überzeugen können.

Adrian:
Ach ja, haha! Ich wünsche dir viel Spaß!

Redakteur:
Björn Backes

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