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CAVALERA CONSPIRACY: Interview mit Igor und Max Cavalera

18.04.2008 | 12:55

15 Minuten sind nicht viel Zeit. Nicht genug Zeit, wenn man den beiden Menschen gegenübersteht, die die eigene Musikwelt maßgeblich beeinflussten. Nicht genug Zeit, um einen Fragenkatalog abzuarbeiten, der die Größe von zehn "Rolling Stone"-Jahrgängen hat. Nicht genug Zeit, um Zweifel auszuräumen und Hoffnungen zu bestätigen. Nicht genug Zeit, um einen Blick hinter die Kulisse zu erhaschen, der klärt was bisher im Verborgenen lag.
Doch genug Zeit, um wenigstens ein paar Fragen zu stellen, die euch interessieren dürften.

Michael:
Wie kam die Reunion zustande?

Iggor:
Es war erst einmal eine familiäre Sache. Ich wollte erst einmal einfach nur wieder mit Max zusammen sein, einfach als Familie, weißt du? Als das geschafft war, kam die Musik von alleine. Ich wurde von Max eingeladen das hier, die CONSPIRACY, mit ihm zusammen zu machen. Aber zu allererst mussten wir als Familie wieder zusammenkommen, das war mein Hauptanliegen. Der ganze geschäftliche Kram war erst einmal kein Thema. Und ich denke, dass eine Menge von Menschen überrascht sind, dass wir einfach so wieder zusammen sind, aber es war einfach so, dass das meiste von statten ging ohne dass jemand davon wusste, außerhalb der Öffentlichkeit. "It was not a media thing, it was not I went there and called a magazine to be there with me like HERE, I'M BACK WITH MY BROTHER, 'twas nothing like that." Das ist der Grund, warum es für gewisse Leute zu schnell scheint, aber das ist es nicht. All diese Jahre war es einfach eine Hoffnung.

Max:
Ich kann es selbst nicht glauben. Wir haben 2006 zusammen gespielt, das ist jetzt mehr als zwei Jahre her, das scheint nicht so viel Zeit zu sein, aber es ist genau das.

Iggor:
Time flies, man!

Max:
Ich meine, was haben wir mittlerweile alles geschafft? Wir haben ein Album aufgenommen, ein Video gedreht, und das nächste Mal wenn wir uns sehen, werden wir auf Tour sein. Es geht einfach alles so verdammt schnell. Es geht so verdammt schnell, aber es ist ... "like the backboost of a bassdrum" ... ich bin so verdammt glücklich. Ich bin genau dort wo ich sein will, und ich bin sehr froh darüber hier mit ihm zu sein.

Michael:
Besonders für dich, du bist beinahe so lange mit SOULFLY unterwegs wie zuvor mit SEPULTURA, hast beinahe 20 Alben raus gebracht. Wie war es von der musikalischen Seite her wieder mit Igor zusammen zu arbeiten?

Max:
Es war wie ein Geschenk der Musik, der Brüderlichkeit und Freundschaftlichkeit! Du hättest mich irgendetwas fragen können, genau dies wäre es gewesen, was ich mir gewünscht hätte. Auf einem unbewussten Weg haben wir mir mit der CONSPIRACY einen Wunsch erfüllt. Nichts auf der Welt könnte mir dies hier ersetzen. Weißt du, wir haben mit diesem Telefonat angefangen, einfach um wieder Brüder sein zu können, und dann hat sich das Ganze ausgeweitet, um wieder ein Album zusammen aufzunehmen, und es war ein großartiges Gefühl. Nicht nur weil er einer der besten Drummer der Welt ist, sondern auch weil er mein Bruder ist, und weil es der absolute Beweis ist, dass wir all diese Bosheit und Streitigkeiten überwältigt haben. Ein großartiges Gefühl.

Iggor:
Ich denke, dieses Album ist wirklich über "Attitude", die Einstellung von mir zum Beispiel um Max wieder anzurufen um mit ihm zusammen sein zu können, und seine Einstellung mich anzurufen und mich zu dieser Sache einzuladen. Es macht dieses Ding besonders, wie Max schon sagte, wir haben alle bestimmte Rollen gespielt um das hier zu ermöglichen. Das ist einfach verdammt cool, weil du von bestimmten Leuten einfach nicht erwartest, dass sie bestimmte Dinge für dich tun, so musst du manchmal einfach aufstehen und es selbst machen.

Michael:
Als du SEPULTURA verlassen hast, wurde gesagt, dass all dies nicht mehr Teil von dir ist. Die Musik, das Touren. Jetzt bist du wieder in Europa und gibst Interviews, planst eine Tour mit deinem Bruder, wie passt das zusammen?

Iggor:
Naja, ich hab meine Meinung gegenüber dem Touren nicht geändert. Es ist einfach sehr hart für mich, auf Tour und von der Familie getrennt zu sein, von meinen fünf Kindern. Ich werde es einfach versuchen, und das war es, was mich für diese Sache entbrannt hat, zusammen mit meiner Familie zu sein WÄHREND ich toure. Das war etwas, was ich mit SEPULTURA nicht hatte, ich war einfach eine lange Zeit alleine auf Tour, ich werde das nicht noch einmal machen, ich will das nur noch mit meiner Familie machen. Und mit Max ist es einfach ein großer Teil dieser Sache, ich habe meine Frau und meine Kinder bei mir, und das ist genau das was ich will.

Michael:
Nun, wo wir bei euren Familien sind: Max ist dafür bekannt seinen gesamten Clan mit auf Tour zu nehmen. Er war oft mit seinem eigenen Sohn auf der Bühne, und nun ist er es wieder mit seinem Bruder. Wollt ihr also eure gesamte Familie mit auf Tour nehmen?

Max:
Ich bin dabei meine Großmutter zu überreden.

Michael:
Wollt ihr also eure Familien zusammenbringen um eine große Cavalera-Tour zu machen?

Iggor:
Nun, ich bin sehr davon beeinflusst davon, wie Max die ganze Sache handhabt. Mein jüngster Sohn Antonio ist mit uns in Europa, aber er musste in Frankreich bleiben. Es ist einfach toll zu sehen, dass dies möglich ist. Es wird eine Erfahrung für die Kinder sein, die sie zu schätzen wissen werden, denn es sind vollkommen neue Dinge, ein Flugzeug zu besteigen und über den halben Erdball zu fliegen.

Michael:
Zurück zum Musikalischen. Ich habe eure Platte gehört und ehrlich gesagt: Sie hat mich nicht wirklich überrascht. Das was mich allerdings überrascht hat, war, dass ihr weniger experimentell und abwechslungsreich zur Sache geht als jemals zuvor in eurer Musikerkarriere. Was war die oberste Priorität, was das Ziel, das ihr erreichen wolltet?

Iggor:
Nun, in meinem Fall, wenn ich die Drums spiele, dann will ich es so einfach und direkt wie möglich halten. Ich habe so viele Experimente mit den Drums und der Percussion gewagt, dass ich mich dieses Mal fordern will, es so einfach wie möglich zu halten, und das ist manchmal verdammt hart. Es war manchmal einfach so, als ich die Riffs hörte, habe ich gedacht, die brauchen nicht mehr Drums. Die brauchen weniger! Damit sie wirklich effektiv sein können. Wenn ich mir jetzt das Album anhöre, denke ich mir: Mann, das war eine gute Entscheidung!

Max:
Dieses Album hat musikalisch gesehen das Prinzip "weniger ist mehr", im Gegensatz zu "besser zu viel als zu wenig". Die Leute denken, dass es einfach war dieses Album zusammen zu bauen, aber das war es nicht! Es mag eine einfache Struktur haben, aber die Leute wissen nicht, wie schwer es war die richtige zu finden. Es ging darum das persönliche Feuer einzusetzen, dass es sich vollkommen auf diesem Album wiederfindet. Das größte Problem bei der CONSPIRACY war es, Einfachheit zu finden. Es war verdammt hart, eigentlich war es härter dieses Album aufzunehmen, als es je ein SOULFLY-Album war. Der Effekt ist bombastisch. Die Scheibe ist explosiv. Es ist großartig, und ich liebe es. Wir hatten die Vereinbarung gemacht, dass wir eine explosive Platte aufnehmen würden, und das mussten wir liefern.

Iggor:
Naja, so viele Reaktionen hatten wir noch nicht. Das Album ist schließlich noch nicht draußen. Aber die, die wir hatten, waren großartig. Natürlich waren viele dabei, die einfach nur sehen wollten, wie wir beide wieder zusammen spielen. Ich liebe dieses Album und bin verdammt stolz darauf, und ich freue mich darüber, wenn es den Leuten gefällt, aber natürlich kann es nicht allen gefallen. Aber deswegen sind wir auch nicht hier.

Michael:
Ihr beide seid nun mehr als 25 Jahre im Musikbusiness unterwegs.

Max:
25 Jahre alt, meinst du wohl. (lacht)

Michael:
Oh ja, sicher. Also, wie seht ihr eure musikalische Karriere im Rückblick?

Max:
ZUSAMMEN war es bisher einfach eine großartige Zeit. Wenn man das jetzt zusammenfasst, von der "Bestial Devastation" bis zur CONSPIRACY, das ist verdammt viel Musik, verdammt viele Alben, und vor allem verdammt viele Stile. Death Metal, Thrash, HardCore, Experimental, Etho, Gypsy-Musik, Elektronika, ich meine ... Brasilien ... ich muss sagen, ich bin mit diesem Leben gesegnet. "Amazing life of music". Es gibt viele ältere Musiker, die länger aktiv sind. Aber die können nicht sagen, dass die das ausprobiert haben, was ich in meinem Leben getan habe. "No limits" sage ich nur. Du machst Death Metal, und auf einmal nimmst du ein Album mit den Stämmen auf (dem Stamm der Xavantes während der "Roots"-Sessions - Anm. d. Verf.), dann machst du was Elektronisches. Ich bin einfach sehr stolz darauf. Wir zeigen den Leuten, dass es cool ist extrem zu sein, aber dass man das sein kann ohne engstirnig zu sein.

Michael:
Warum nennst du dich jetzt eigentlich Iggor mit Doppel-G?

Iggor:
Naja, meine Mutter ist sehr spirituell veranlagt. Nun, wie sagt man noch?

Max:
Ah, Igor ist ein ehrbarer Verbrecher. Deshalb das Doppel-G!

Iggor:
Hah! Nein, meine Mutter ist sehr abergläubisch. Eines Tages meinte sie einfach zu mir: "Du solltest deinen Namen ändern." Meine Mutter ist wie eine Schwester für mich, wir sprechen sehr freundschaftlich miteinander, haben aber auch keine Geheimnisse in unserem Leben. Sie hat uns einfach verstanden und sie hat mich darum gebeten, und ich hab es für sie gemacht. Es ist nicht so, dass ich jetzt total verrückt danach gewesen wäre, aber ich bin einfach ein guter Sohn.

Max:
Ich bin immer noch der Meinung, das Fax-Gerät hat einfach einen Fehler gemacht. Naja, es ist einfach nicht so wie "The artist formerly known as Prince", das ist einfach nur scheiße. Das wäre so als würde er sich jetzt "Ham" nennen. "Ham and cheese, und dass mich ja niemand mehr Igor nennt!" Im Endeffekt wäre es so, als würde ich mich jetzt Nürburg nennen.

Michael:
Wie schaut es aus, ihr beide seid seit so vielen Jahren aktiv, habt mit so vielen Musikern zusammengearbeitet. Gibt es eigentlich noch irgendetwas, das ihr erreichen wollt, für euch als Musiker? Einen Musiker, eine Band, einen Künstler, mit dem ihr was zusammen machen wollt?

Iggor:
Darüber könnten wir uns noch stundenlang unterhalten. Das kann ich nicht zählen, und ich glaube, es gibt keinen Musiker auf der Welt mit dem ich nichts machen würde. Es ist nicht so als würden wir sagen: Den laden wir ein, den nicht. Wir setzen da keine Grenzen, wir hatten Undergroundbands aus Brasilien mit im Boot, wir haben Songs mit Jello Biafra gemacht als noch keine Sau wusste, wer das überhaupt war. Es läuft einfach, nonstop. Ich habe soviel dadurch gelernt mit anderen Musikern zu arbeiten. Und das will ich nicht missen.

Max:
Es gibt da wirklich keine Grenzen, ich meine, ich habe Songs mit meinen Kindern aufgenommen. Es gibt wirklich keinen Musiker, den ich nicht mit ins Studio nehmen würde. Aber wir haben Zeit. Viel Zeit.

Michael:
Wenn du schon so einen Haufen Projekte am Laufen hast, was ist eigentlich mit NAILBOMB? Behältst du es im Kopf oder braucht man sich da keine Hoffnungen mehr machen?

Max:
Also, man kann sich natürlich anstrengen etwas wieder zu beleben, was längst tot ist, Voodoo machen und so 'nen Kram. Dinge, die man eigentlich ruhen lassen sollte. Ich denke nicht, dass man gewisse Dinge aus der Vergangenheit zurückholen kann.

Michael:
Gilt das auch für SEPULTURA?

Max:
Wer weiß?

Redakteur:
Michael Kulueke

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