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CAFFERY, CHRIS: Interview mit Chris

13.04.2007 | 20:15

Er hat sich als Axeman von SAVATAGE einen Platz in der Hall Of Fame des Heavy Metal längst verdient, mit dem 1994 erschienenen DOCTOR BUTCHER-Album einen echten Underground-Klassiker eingespielt und als Mitglied vom TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA ein breiteres Publikum erreicht: CHRIS CAFFERY. Ganz besonders am Herzen liegen ihm aber seine Solo-Alben, auf denen er sich als Gitarrist und Songwriter nach Herzenslust austoben kann. Und von dieser Möglichkeit hat er auf seinem jüngsten Werk "Pins & Needles" auch wieder ausgiebig Gebrauch gemacht. Gesprächsstoff liefert die neue CD jedenfalls genug.


Martin:
Chris, nachdem ich deine neue Platte "Pins & Needles" zum ersten Mal gehört hatte, dachte ich: "Herr im Himmel, da ist aber verdammt viel abgedrehtes Zeug drauf!" Im Vergleich zu deinen vorherigen Scheiben sind die neuen Songs längst nicht mehr so eingängig, dafür aber extrem intensiv und voller verschiedenster Ideen, Einflüsse und schräger Details. Ich würde sagen, es ist dein bisher experimentellstes Album. Und ziemlich angepisst klingt es auch.

Chris:
Haha, ich verstehe gut, was du empfunden hast und mit deiner Beschreibung von "Pins & Needles" kann ich ganz gut leben. Da draußen gibt es heutzutage viel zu viele Bands, die exakt gleich klingen. Etwas ganz anderes versuchen, dazu braucht man eine eigene Vision und vor allem Mut zum Risiko. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass irgend jemand wirklich eine Solo-CD von einem dritten SAVATAGE-Mitglied braucht, die ebenfalls verdammt nach SAVATAGE klingt. Ich war auf der Suche nach einer echten Herausforderung, einem besonderen Kick. Ich wollte etwas Abgefahrenes und Anspruchsvolles mit jeder Menge Gitarren machen. Auf der Platte gibt es Songs, die enthalten nicht eine ganz offensichtliche, plakative Hookline, sondern acht oder neun ineinander verschachtelte. Es steckt jedenfalls sehr viel Arbeit in dem Album. Vielleicht ist es tatsächlich zuerst etwas verwirrend, aber ich hoffe, dass möglichst viele Leute genauer hinhören werden. Heute mit etwas Abstand bin ich ziemlich stolz auf "Pins & Needles".

Martin:
Ich finde es erstaunlich, wie "Pins & Needles" ganz verschiedene Eigenschaften vereint. Die Songs sind komplex und verspielt, aber gleichzeitig auch mächtig aggressiv und sehr emotional. Welche Gefühle trägt ein Mann in sich, der den Drang verspürt eine solche Platte zu machen, die vor Intensität in jeglicher Hinsicht fast die Boxen sprengt?

Chris:
Man könnte sagen, dieses Album ist eine Art musikalische Reinigung für mich. Es gab Zeiten, da habe ich mich an dem Glauben festgeklammert, alles sei 100% in Ordnung im SAVATAGE-Land und wir wären 2007 bestimmt auf einer großen Tour anlässlich des 25jährigen Bandjubiläums. Doch irgendwann kamen dann die Ahnungen, dass das niemals passieren würde. Diese Hängepartie zwischen Hoffen und Bangen hat mich echt fertig gemacht, ich habe all das viel zu nah an mich rangelassen und mich innerlich zu sehr aufgeregt. Also bin ich eines Tages aufgewacht und habe beschlossen, etwas mehr los zu lassen und das Hier und Jetzt zu genießen. Worüber sollte ich mir auch Sorgen machen. Mein Leben lief eigentlich super, meine Karriere entwickelte sich besser, als ich es mir jemals erhofft hatte. Es gab also keinen Grund, in Selbstmitleid zu versinken. Als ich das eingesehen hatte, setzte ich mich hin und schrieb die Songs für diese Platte, ziemlich heftiges, wildes Zeug, um meine im Grunde unnötige Frustration zu vertreiben und einfach eine Menge Spaß mit der Musik zu haben. Als ich ein Teenager war, hat mir Heavy Metal immer geholfen, meine Probleme zu überwinden und wieder besser drauf zu sein. Wenn ich einen beschissenen Tag gehabt hatte, legte ich einfach eine Metal-Platte auf und die Welt war wieder in Ordnung. Dieses Gefühl wollte ich einfangen. Zugleich wollte ich aber auch, dass die CD einen modernen Anstrich bekommt. Schau einfach nur in die Zeitung und du kriegst den Eindruck, dass die Welt mit jedem Tag unübersichtlicher und bedrohlicher wird. Diese Atmosphäre habe ich in einigen Songs versucht umzusetzen.

Martin:
Aber die Grundausrichtung vieler Songs unterscheidet sich nicht so wahnsinnig von älterem SAVATAGE-Stoff oder den DOCTOR BUTCHER-Songs damals. Dennoch ist schon klar heraus zu hören, dass du dich nicht an starre Schemata und Strukturen klammerst.

Chris:
Ja, das stimmt wohl. Wenn ich einen Song schreibe, wird er sich halt immer irgendwie nach CHRIS CAFFERY anhören. Aber im Studio habe ich schon versucht, alles was zu sehr nach den Achtzigern klingt zu eliminieren. Ich wollte einen anderen, direkteren, zeitgemäßeren Sound.

Martin:
Bei allem Respekt vor der technischen Brillanz mancher Stücke und dem Mut neue Wege zu beschreiten gefallen mir die etwas zugänglicheren und einfacher gestrickten Power-Nummern wie 'Pins & Needles', 'Chained' oder 'The Time' am besten. Sehr geil ist aber auch das rhythmisch verzwickte 'Sixty-Six'.

Chris:
Oh, das kann ich schon irgendwo nachvollziehen. Den Song 'Pins & Needles' mag ich sehr, weil er so wunderbar aggressiv ist. 'The Time' dagegen ist wie ein Kurzfilm, da passiert jede Menge, an dem Track habe ich lange gefeilt. Und 'Sixty-Six' ist wirklich etwas Besonderes, so etwas habe ich zumindest noch nirgendwo sonst gehört. 'Metal Eastern' ist auch so ein Song, ich kann mir nicht vorstellen, dass dir derartiges schon oft zu Ohren gekommen ist. Mir persönlich gefällt auch die Ballade 'Once Upon A Time' sehr, unter anderem weil mein Bruder bei der Nummer Schlagzeug spielt.

Martin:
Wo wir jetzt eh schon bei der Analyse der einzelnen Songs sind, muss ich dich unbedingt mal mit ein paar verrückten, spontanen Assoziationen konfrontieren, die ich hier und da hatte.

Chris:
Nur zu, ich bin gespannt!

Martin:
Die zentralen Refrains von "Sixty-Six" und "YGBFKM" erinnern mich an frühes FAITH NO MORE-Zeug oder gar Crossover-Bands wie MUCKY PUP.

Chris:
Oh, das ist in der Tat verrückt, aber auch nicht ganz abwegig. Das liegt wohl daran, dass der Gesang sehr rhythmusbetont ist.

Martin:
Da gibt es diese funky Riffs in 'Worms', bei denen musste ich total an SCATTERBRAIN denken.

Chris:
Cool! So habe ich das noch gar nicht gesehen, aber der Vergleich gefällt mir, ich mag SCATTERBRAIN!

Martin:
'Cross' hat ein paar Gesangslinien, die sehr nach "QUEEN goes Heavy Metal" klingen.

Chris:
Da ist was dran. QUEEN waren wohl die ersten, die mehrstimmige Gesänge und große Harmonien für Gesangslinien benutzt haben, die keine offensichtlichen Refrains waren, so wie ich es bei 'Cross' gemacht habe.

Martin:
'The Time' – ich kann mir nicht helfen, aber es spuken jedes Mal sofort die BEATLES in meinem Kopf herum.

Chris:
Kann ich sehr gut heraus hören, finde ich gut! Aber das ist nicht verwunderlich, denn die erste Platte, die ich je besessen habe, war von den BEATLES.

Martin:
'Metal Eastern' ist sehr lustig, irgendwie "SAVATAGE on acid" !?

Chris:
Hahaha, ein Menge Leute haben mich gefragt, auf welchen seltsamen Drogen ich denn war, als ich diesen Song geschrieben habe. Eigentlich bezieht sich die Frage aber meistens auf die ganze CD, wenn ich ehrlich bin...

Martin:
Nicht wenige Menschen, die sich für ein CHRIS CAFFERY-Album interessieren, sind vermutlich alte SAVATAGE-Fans. Hast du nicht Angst, dass "Pins & Needles" für diesen Teil deines Publikums einfach zu viel ist, zu durchgeknallt und zu wirr?

Chris:
Ach, die alten SAVATAGE-Fans wollen ein neues SAVATAGE-Album. Ich habe sehr stark den Eindruck, dass diese Leute von einer Solo-CD auch erwarten, dass sie anders klingt. Manch einer mag vielleicht nicht gleich mit dem Album warm werden, und wenn er nicht die Geduld hat, sich damit ein bisschen zu beschäftigen, wird er es dann wohl auch nicht mögen. Wenn ich aber eine Platte machen würde, die nach SAVATAGE klingt, würden mir genauso viele Leute genau das vorwerfen. So fucking what? Ich werde einfach weiterhin die Musik aufnehmen, die in meinem Kopf drin ist, werde machen, was mir Spaß macht und mich befriedigt. Schließlich will ich mich ja auch nicht im Kreis um mich selbst drehen, weder als Musiker noch als Mensch.

Martin:
Wie wird es denn nach "Pins & Needles" weiter gehen? Klar, erstmal wirst du ja mit Timo Kotipelto in Europa ein paar Gigs spielen, aber dann? Macht CHRIS CAFFERY hauptsächlich als Solo-Künstler weiter? Wird es doch noch ein weiteres SAVATAGE-Album geben? Oder vielleicht sogar eine neue DOCTOR BUTCHER-CD??

Chris:
Oh, ich würde sehr gerne wieder eine DOCTOR BUTCHER-Platte machen. Was SAVATAGE angeht, werde ich keine Prognose wagen, da kann man nur abwarten. Ich hoffe, dass vielleicht 2008 irgendwas passiert. Ich werde natürlich weiterhin meine eigenen Songs schreiben, und wenn ich genug gute zusammen habe, auch veröffentlichen. Außerdem werde ich weiterhin für das TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA tätig sein. Ah ja, und in diesem Jahr werde ich auch DORO auf Tour begleiten als Gitarrist. Du siehst, mir wird schon nicht langweilig!

Martin:
Als du damals bei SAVATAGE eingestiegen bist, warst du noch ein ziemlich junger Kerl. Ruhm und Erfolg kamen ganz schön schnell für dich. Inzwischen nimmst du Solo-Platten auf, die auch durchaus gekauft werden und verdienst gutes Geld mit TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA. Wie du selbst sagtest, CHRIS CAFFERY ist ein glücklicher Mann. Aber du hast bestimmt auch noch Träume, etwas, das du unbedingt noch tun willst in deiner Karriere!?

Chris:
Ja, ich bin zufrieden mit meinem Leben und mit dem, was ich bisher erreicht habe. Mit SAVATAGE habe ich schon viele meiner Träume verwirklichen können, ich habe in großen Hallen gespielt und mit Jon und Criss Oliva und Paul O'Neill zusammen arbeiten dürfen. Ohne diese großartigen Menschen und begnadeten Künstler wäre ich heute nicht der, der ich bin. Welche Träume habe ich also noch? Im Grunde möchte ich einfach weiterhin meine eigene Musik machen können. Das ist es, was ich liebe. Es gibt nicht Schöneres als einen neuen Song zu erschaffen. Außerdem würde ich sehr gerne besser klassische Gitarre spielen lernen. Ich finde den Gedanken faszinierend, einfach nur mit meiner Gitarre irgendwo hinzugehen und für die Leute zu spielen – oder meinetwegen auch für eine einzige Person. Und ich würde verdammt gerne eines Tages mal eine CD mit Ronnie James Dio machen!


Soweit die Statements von CHRIS CAFFERY, dem ich noch mal ausdrücklich danken möchte für das großartige Gespräch. Chris war einer der nettesten und interessantesten Interviewpartner, die ich in den letzten Jahren ins Kreuzverhör nehmen durfte. Ich denke, Chris zeigt sich hier wieder mal als vielschichtige, intelligente, realistische, herzliche und offene Persönlichkeit. Er gehört für mich zu den großen Charakteren der Metal-Szene. Er hat es einfach verdient, dass man sich intensiv mit seinem neuen Album auseinander setzt und es nicht oberflächlich als überambitioniert abtut, wie es in dem einen oder anderen großen Print-Magazin geschah. Diesen Damen und Herren fehlt es inzwischen offenbar an Respekt vor den Künstlern. Sicher ist "Pins & Needles" keine Platte für Otto Normalhörer, aber sie ist aufregend, schillernd bunt und von beeindruckender Musikalität. Daher mein Appell: Vergesst eingefahrene Hörgewohnheiten für einen Moment und gebt Chris und "Pins & Needles" eine echte Chance, es lohnt sich!

Redakteur:
Martin van der Laan

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