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BONEHOUSE: Interview mit Philipp Wolter

27.07.2005 | 19:12

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich dieses Interview schon einige Tage in meiner elektronischen Schublade liegen habe, aber bis dato noch nicht zur Bearbeitung gekommen bin. Gleich vorweg, dieses Versäumnis meinerseits stellt mit Sicherheit keine Wertung gegenüber der Band oder deren Outputs dar, ganz im Gegenteil. BONEHOUSE konnten mich live, wie auch auf all ihren Longplayern stets mehr als überzeugen. Da stellt auch Langrille Nummer vier "The Fuse Is Lit" keine Ausnahme dar. Ohne Kompromisse, ohne Punkt und Komma ziehen die Nordlichter ihren eingeschlagenen Weg durch...
Genug geschwallt, jetzt ist Szeneurgestein und Mikromonster Philipp an der Reihe. Anschnallen und festhalten...

Oliver:
Servus Philipp, alles klar im BONEHOUSE-Lager?

Philipp:
Moin moin – yeah, auf jeden Fall! Wo ich das Inti hier gerade beantworte, stehen wir kurz vor einer Tour durch Frankreich. Das ist natürlich immer motivierend, auch wenn es mit 14 Gigs in 15 Tagen mal wieder ganz schön heavy wird. Da gilt es vorher ordentlich die Stimme abzuhärten und zu trainieren. Ich hör dazu immer ein, zwei Platten von uns pro Tag durch und brüll dazu in ein Kissen, damit die Nachbarn nicht denken, dass hier gerade jemand abgestochen wird!

Oliver:
Wie sind die Kritiken zur neuen Scheibe "The Fuse Is Lit" so ausgefallen? Was ärgert dich am meisten an negativen Kritiken, wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass ihr für dieses Hammerwerk nichts Schlechtes zu hören bekommen habt!?

Philipp:
Sind wirklich ziemlich gut ausgefallen, das freut einen schon nach der ganzen Mühe. Ich habe gar kein Problem damit, wenn jemand uns nicht mag, denn wir machen ja auch keine massenkompatible Musik. Was einen ärgert, sind lieblose Rezis, wo klar wird, dass der Schreiber sich nicht wirklich mit der Platte beschäftigt hat. Da soll er / sie dann lieber aufs nächste Heft warten und die Deadline sausen lassen. Ich schreib ja auch für Fanzines und würde nie eine Platte rezensieren, die ich nicht mindestens fünfmal ordentlich durchgehört habe. Die Rezis, die uns bekannt sind, landen übrigens irgendwann auch unserer Seite (wenn unser Webmaster dann doch mal updatet).

Oliver:
O.k. dann beleuchten wir euer neues Machwerk mal genauer. 'Bill Gates Is The Antichrist' - kommt es öfters vor, dass euch die Kisten abschmieren und du zu solchen Statements genötigt bist?

Philipp:
Har har, eigentlich hatte ich mit meiner Kiste immer Glück, aber der Titel bezieht sich natürlich mit einem Augenzwinkern auf die nahezu unheimliche Macht und Monopolstellung dieses Menschen. Er ist nun mal der reichste Mann der Welt und wer weiß, wie weit seine Tentakel wirklich reichen? Vielleicht sind irgendwo alle Informationen auch über dein Persönlichkeitsprofil gespeichert und olle Bill wartet nur darauf sich irgendwann deinen Arsch zu schnappen... (Anm. d. Verf. – lieber nicht!).

Oliver:
'Young, Fast, Iranian' ... cooler Song und 'ne geile Aussage, wenn ich's richtig verstanden habe. Egal ob Europäer, Amis oder Iraner - alle verfolgen irgendwelche Ziele (die einen Profit (Öl), die anderen das Paradies) mit allen Mitteln. Egal was, von allem haltet ihr wenig ... hab ich das richtig verstanden? Wie stehst du den zur Wiederwahl von Mr. W. Bush und seiner Politik? Warum glaubst du, wurde er wiedergewählt? Sind die Amis so blöd oder hatte er in den vier Jahren genug Zeit seine Manipulationstaktik zu verfeinern?

Philipp:
Haste genau richtig verstanden. Im Original ist der Song ja von den F.U.'s, aber der war etwas platt ironisch auf radikale Moslems gemünzt und konnte als patriotisch oder zumindest einseitig anti-islamistisch verstanden werden, daher haben wir die dritte Strophe ergänzt und den Amis sowie uns Europäern genau so einen übern Latz gezogen. Ist natürlich völlig krank, dass dieses Arschloch gewählt wurde ("wiedergewählt" stimmt ja nicht ganz, der hat ja erst jetzt wirklich ein legales Mandat)! Aber jedes Volk wählt sich den Führer, den es verdient. Es gab starke Gegenstimmen, aber letztendlich hat sich der Gegenkandidat John Kerry auch als nicht überzeugend genug herausgestellt. Und dann glauben viele Amis an Bush, auch wenn es für uns schwer verständlich erscheint. So ein kleiner Krieg hier und da, das lenkt schon von den wirklichen Interessen ab - MACHT, ÖL und GELD...

Oliver:
'The Capitalists Are Fucking Our Mother Earth That's Why We're Calling Them Motherfuckers' - der genialste Titel überhaupt und der Wechselgesang im Song ist einfach der Hammer. Wer ist die weibliche Stimme und evtl. noch ein paar Worte zum Titelhintergrund? Wer hatte die Idee zu dem Titel?

Philipp:
Yeah, noch mal Danke. Das ist Tati, die schon bei LOST WORLD und TOURETTE SYNDROME gesungen hat. Beide Bands gibt es leider nicht mehr, aber von LOST WORLD gibt es zwei geniale LP's und eine Do-7". Die Idee zum Titel hatte ich und als der Text fertig war mit dem Refrain "all you sisters and you brothers", wussten wir, dass da noch unbedingt eine krasse Frauenstimme mit dazu muss. Denn es sollten sich alle – egal welchen Alters oder Geschlechts – am Kampf gegen die Mörder unseres Planeten beteiligen. Schon LOST WORLD sangen: CAPITALISM IS THE DISEASE! Deshalb passte Tati schon am besten, denn ihre Texte hatten immer viel Kapitalismuskritik. Außerdem hat sie eine Mörderröhre und wir hatten uns schon vorher bei einem gemeinsamen Gig mit TOURETTE SYNDROME gut mit ihr verstanden.

Oliver:
Und wo wir schon bei einzelnen Songs der Scheibe sind: 'Instant Punk'. Darin geht's wohl um die "Modeerscheinung" Punk zu sein. Äußerlichkeiten haben mit Punk-Attitude nichts zu tun, oder!? Was macht für dich aus ein Punk zu sein? Wie definierst du den angesprochenen "Old Shepherd"?

Philipp:
Einerseits ist es genau dieses Thema, Punk als Mode, andererseits geht es auch um so alte Szenehasen, die meinen, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen und könnten herablassend auf jüngere Freaks herabblicken. Ist doch geil, wenn auch neue Leute dazukommen, das hält die ganze Chose doch frisch!
Punk heißt Intelligenz, hat mal jemand gesagt und das finde ich eigentlich treffend. Jedenfalls aktiv werden, sich kritisch mit Zuständen auseinandersetzen, das Maul aufmachen, in Bands oder Fanzines oder sonst wo seine Meinung sagen. Damit will ich übrigens nicht sagen, dass dafür ein gewisser Bildungsstandard nötig ist! Es wäre ein elitärer Anspruch Leute auszuschließen, die auf Grund Herkunft, sozialer Umstände usw. keine Chance hatten, sich mehr Bildung anzueignen. Das kann ruhig mal so ein hingeschmiertes Zine ohne Punkt und Komma sein, Hauptsache bei den Inhalten kommt etwas rüber.

Oliver:
Ich persönlich bin eigentlich kein Lyriktyp, d.h. ich zieh mir Text in den wenigsten Fällen rein ... geht mit Sicherheit vielen ähnlich!? Ärgert dich diese Art von "Ignoranz", schließlich ignoriert man ja deine "Babies"?

Philipp:
Ach, das muss jeder selber wissen. Aber wir spielen ja oft live und da reibe ich es den Leuten schon so eindringlich um die schmierigen Backen, bis auch der größte Asi kapiert hat, worum es geht, hähä. Außerdem versuche ich unsere Titel schon so eindeutig und gleichzeitig interessant wie möglich zu formulieren, dass man einerseits ahnt, was das Thema ist, andererseits vielleicht doch neugierig wird, was denn nun genau drinsteht (z.B. bei 'Bill Gates Is The Antichrist' oder 'The Capitalists Are Fucking Our Mother Earth That's Why We're Calling Them Motherfuckers')! Das sind ja schon Aussagen in sich.

Oliver:
"Trigger? Pro-Tools? Da können die Kieler nur hysterisch kichern..." (Auszug aus dem aktuellen Bandinfo). Was ist so schlimm an neuen Studio-Technologien? Warum ist das nix für BONEHOUSE?

Philipp:
Äh, wir wissen gar nicht, was das genau ist... Also, das mag für Bands was sein, die kleine Rockopern à la BLIND GUARDIAN produzieren oder so maschinell wie RAMMSTEIN klingen. Aber unsere Musik soll ja möglichst direkt und livemäßig rüberkommen. Wir könnten auch z.B. gar nicht auf Klick spielen, das wäre viel zu exakt und würde unseren Songs den Schub nehmen. Bei uns mag ich gerade dieses Gefühl, dass die Band "auf der Flucht ist", sich quasi selbst überschlägt. Das entsteht aber nur, wenn der Drummer ein wenig vorprescht. Diese totale Exaktheit und Perfektion würde die Seele unserer Musik zerstören.

Oliver:
BONEHOUSE ist eine Band, die in kleineren Clubs spielen (als Headliner) und auch in größeren Hallen oder bei Open Airs Events (dann als Support). Was ist für dich reizvoller und warum?

Philipp:
Generell die kleinen Clubs, weil man da näher an den Leuten ist. Da siehst du die Gesichter und kannst besser kommunizieren. Am liebsten sind mir besetzte Häuser und autonome Zentren, wo gleich eine klasse Atmosphäre herrscht und man sich halt wohl fühlt. Bei Open Airs mag ich aber die Frischluft, die einem Power gibt, länger durchzuhalten. Wenn es so verqualmt und megaheiß ist, geht das enorm auf die Kondition.

Oliver:
Wo würde BONEHOUSE momentan stehen, wenn von euch alle Vollzeit-Mucker wären? Ist der Beruf Profi-Mucker etwas erstrebenswertes oder muss Musik für dich ein Ausgleich zum restlichen Leben sein? Bei eurem Lebenswandel auf Tour würdet ihr als Profi-Mucker eh bald die Segel streichen. Sorry, konnte ich mir nicht verkneifen (die Frankreich-Tourstory ist einfach zu göttlich)...

Philipp:
Sicherlich wären wir viel bekannter, wenn wir ausschließlich für die Band existieren würden. Aber das will niemand bei uns. Nee, dieses Tourleben ist für ein, zwei Wochen der Hammer, aber als Lebensinhalt doch zu ärmlich. Sorry, will keinen Profimusiker beleidigen, aber du hast doch keine sozialen Kontakte mehr, kaum noch richtige Freundschaften (ist ja jetzt schon mit unserem Status schwer!), ein verarmtes kulturelles und politisches Leben, wenn du ständig unterwegs bist. Außerdem hast du recht, der Körper würde eh bald kollabieren. Ich glaube auch nicht, dass unsere Musik davon profitieren würde, denn in die legen wir ja all unsere Alltagserfahrungen. Das restliche Leben macht zwar nicht immer so viel Spaß wie die Band, aber für uns ist es doch notwendig.
Ein professioneller Musiker muss sich zudem unzähligen Zwängen unterwerfen. Die Musik entsteht plötzlich unter ganz anderen Gesichtspunkten und daran sind schon viele geile Bands kaputt gegangen. Das heißt jetzt aber nicht, dass uns die Band nicht wichtig wäre! Von wegen, die steht ganz oben und wenn ich mich zwischen Band und z.B. Beruf / Arbeit entscheiden müsste, hätte der Job keine Chance.

Oliver:
Ihr seid eine Band, die sich über die Jahre kontinuierlich aus dem Underground heraus entwickelt hat und nach oben gearbeitet hat. Das verdient in der heutigen Zeit großen Respekt. Was waren auf diesem Weg wichtige Stationen und was sind Dinge, die ihr noch erreichen wollt?

Philipp:
Danke. Wir haben eigentlich immer nur weitergemacht. Das wird heute oft unterschätzt, dass man als Band einfach am Ball bleiben muss um sich zu entwickeln und um so viele Kontakte zu knüpfen, dass man auch mal im Ausland touren kann. Wichtige Stationen waren in der Hinsicht alle Platten, gerade die Longplayer "Dogbite", "Steamroller", "Onward To Mayhem" und jetzt "The Fuse Is Lit" sowie die Touren mit SMOKE BLOW, RAWSIDE und die vielen Wochenendkonzis. Ich denke, dass wir gerne mal in Ländern wie Brasilien, Japan oder England spielen wollen. Da bestehen überall Kontakte und von daher glaube ich, dass dieses Ziel nicht unrealistisch ist. Außerdem haben wir unser Potenzial noch nicht ausgeschöpft, das fühle ich ganz stark. Ist zwar immer subjektiv, aber ich glaube, dass die beste BONEHOUSE-Platte noch kommt!

Oliver:
BONEHOUSE sind an der Livefront schon immer sehr aktiv gewesen und das seit gut elf Jahren. Kannst du dich eigentlich noch an spezielle Gigs erinnern? Welche Shows sind für dich in alle den Jahren so die Erinnerungswürdigsten geblieben / geworden?

Philipp:
Mittlerweile sind es schon zwölf Jahre – 1993 haben wir losgelegt. Puh, da gibt es so viele spezielle Gigs. Ungewöhnliche Orte wie Bauwagenplätze, besonders liebevoll zurechtgemachte Squats oder auch besonders hässliche Läden bleiben natürlich hängen. Schön und erinnerungsträchtig war es z.B. im KuZeB Bremgarten, Le Wagon in St. Brieuc, Köpi Berlin, Kneipe Hemsbünde, Conne Island Leipzig, Hafenstr. HH, Lobuschstr. HH, Fettecke Berlin, Stumpf Hannover, AJZ Bielefeld und und und. Manchmal liegt es an besonders netten Leuten, krassen Ereignissen oder Hammerbands, mit denen man gespielt hat, dass man ein Konzi nie vergisst. Derbe war's auf jeden Fall letztes Mal in Frankreich, wo wir mitten in der Nacht um 5 Uhr vor 600 Leuten gespielt haben und ich mir auf der Bühne irgendwie den Kopp eingestoßen habe, geblutet habe wie ein Schwein und die Wunde noch nach dem Gig in einem Krankenhaus genäht werden musste. Oder irgendwie geil auch so ein Konzi vor höchstens 40 Leuten in so einem Winzladen in Suhl, sind alle abgegangen wie Sau und nachher noch geschlossen zu uns zum Feiern auffe Jugendherberge gekommen, wo wir einquartiert waren. Ha, da gäbe es jetzt unzählige Geschichten zu erzählen, vieles steht in Tourtagebüchern auf unserer Seite.

Oliver:
Was geht dir durch den Kopf, wenn du eure eigenen Scheiben nach längerer Zeit mal wieder auflegst bzw. einlegst? Abgesehen von dem, was man bei der Frage immer zu hören bekommt: "hier hätten wir dieses und dort jenes ändern sollen, müssen, können..."?

Philipp:
Ich lege die Platten eigentlich ganz gern von Zeit zu Zeit mal auf und kann damit ganz gut leben. Die Phase des Herumkrittelns ist bei mir immer nur kurz nach den Aufnahmen. Da denke ich immer, dass ich es noch viel besser hätte machen können (bei den anderen habe ich nie was zu mäkeln). Aber nach einer gewissen Zeit lege ich diese Gedanken ab und akzeptiere die jeweilige Platte als Abbild der Schaffensperiode, in der wir uns als Band halt befanden. Man kann eh nix mehr ändern, also weiter zur nächsten Attacke. Ich glaube, manche Bands können sich da ganz verrückt machen, wenn sie darüber nachdenken, was man alles noch anders hätte machen können...

Oliver:
Jede Band hat ja, was das Songwriting angeht, ihren eigenen Stil. Wie muss ich mir die Entstehung eines BONEHOUSE-Songs vorstellen? Ihr seid ja gerade wieder dabei neue Songs zu schreiben...

Philipp:
Das geschieht ganz klassisch: Unser Gitarrist Späthi schleppt ein Riff an, wir probieren verschiedene Rhythmen und Geschwindigkeiten dazu, durch Jammen entstehen weitere Passagen, ich singe erst mal so Phantomzeilen ohne textlichen Sinn um die optimale Gesangslinie zu finden und ganz zum Schluss schreibe ich den Text. Klar, manchmal läuft es anders, und wir beginnen mit einer Basslinie oder einem Beat oder jemand anders schreibt mal einen Text (z.B. Späthi 'Demolition Frequency' auf "The Fuse Is Lit"), aber das ist so der Verlauf in der Regel.

Oliver:
Was geht dir am MusikBiz am meisten gegen den Strich?

Philipp:
Na ja, müsste ich von der Band leben, wäre ich wahrscheinlich von vielen Dingen genervt. Aber da wir blutige Amateure aus Leidenschaft sind, gehen mir alle Abzocker am Arsch vorbei. Wir haben ja auch kaum Leute, denen wir irgendetwas vorwerfen können, was sie falsch gemacht hätten. Wir haben kein Management, keine Promo-Agentur, keinen professionellen Booker und unser Label ist ein Ein-Mann-Betrieb. Und so soll es sein, so macht das Spaß!

Oliver:
"Lokale Support Bands" - notwendiges Übel oder Bereicherung? Warum?

Philipp:
Find ich oft gut! Denn lokale Bands sind oft geil und ansonsten hätte man nie von ihnen gehört. Es kann natürlich nerven, wenn ein Veranstalter es übertreibt und zu viele Bands aufs Billing packt, man dann irgendwann spät nachts zockt, wenn alle öffentlichen Verkehrsbetriebe ihre Tätigkeit eingestellt haben und kaum noch jemand da ist. Obwohl auch das seinen Reiz hat – ich liebe die schlimmstmögliche Auftrittszeit mittlerweile. Früher habe ich mir da mehr Gedanken drüber gemacht, ob wohl noch Leute da bleiben, heute gehört es zu meinen Punkrock-Idealen, vor kleinen Crowds zu zocken. Sind oft die besten Gigs, wo alle Schranken fallen. Und das ist es doch, was Underground ausmacht – dass man aus Leidenschaft zockt, dass man sich über JEDEN Gig freut und darauf scheißt, ob Uhrzeit, Anzahl der Leute usw. optimal sind. Viele Bands heutzutage gucken da viel zu sehr drauf, wer den besten Spieltermin hat, bei wem am meisten Leute mitgehen, wer mehr Platten verkauft.

Oliver:
Philipp, du arbeitest als Lehrer. Welche Schule, welche Fächer? Wie stehst du der PISA-Studie gegenüber und worin siehst du das schlechte Abschneiden der Schüler begründet? Inwieweit ist dein Berufstand daran mitschuldig? Wie hat sich das Schülerleben von damals (du als Schüler) zur heutigen Zeit verändert?

Philipp:
Oha, das ist ja eine sehr globale Frage! Bis vor kurzem hätte ich da gar nicht so viel dazu sagen können, weil ich nach meinem zweiten Staatsexamen fünf Jahre lang DaZ (Deutsch als Zweitsprache) unterrichtet habe. Also Migranten Deutsch beigebracht habe. Es gab nämlich keine Stelle, obwohl ich gut abgeschnitten habe! Das ist natürlich ein erster Kritikpunkt, dass trotz Stundenausfall und überalterten Kollegien kaum neue Lehrer eingestellt werden. Seit ein paar Monaten bin ich aber im Schuldienst und es macht mir zwar Spaß, aber im Gegensatz zu früher hat sich die Bürokratie in den Schulen extrem vermehrt. Für wichtige Arbeit mit den Schülern auch außerhalb des Unterrichts bleibt kaum Zeit.
Die PISA-Studie muss man sicherlich nicht als der Weisheit letzter Schluss betrachten, aber wenn sie einen Anreiz darstellt, unser Schulsystem zu verbessern, dann ist das ein positiver Aspekt. In Skandinavien scheint es mit der Leistungsfähigkeit offenbar besser zu funktionieren, da sollte man sich offenbar mal genauer angucken, woran das liegt. Ich bezweifle, dass die Einheitsschule eine unbedingte Verbesserung wäre, also alle Schüler auch nach der Grundschule zusammen zur Schule gehen. Ich bin ja eigentlich Gymnasiallehrer, unterrichte aber zur Zeit auf einer Grund- und Hauptschule und ich muss sagen, dass die Schüler sich doch sehr unterscheiden. Hm, warum schneiden die deutschen Schüler derart schlecht ab? Man macht es sicher zu leicht, wenn man auf den Schülern einhackt und die einfach als "verblödet" darstellt. Sicher müssen viele Elternhäuser mehr Erziehung leisten, die kann halt nicht ausschließlich in der Schule stattfinden. Meine Eltern haben z.B. mit mir in allen Fächern gepaukt und immer kontrolliert, ob ich alle Hausaufgaben gemacht hatte. Die Schüler heute haben aber auch sauviele Termine, die Freizeit ist durchgeplant vom Sportverein bis zum Ballettunterricht. Ist ja prinzipiell gut, aber zum Teil einfach zu viel. In der neunten Klasse werden jetzt Projektjahresarbeiten gemacht, welche von den Schülern in Gruppen hauptsächlich privat erstellt werden sollen und die schaffen es echt nicht, sich mal zu dritt nachmittags zu treffen. Höchstens Zeit für einen Chatroom, aber das reale Treffen wird immer seltener.
Es müssen im Schulwesen und in unserer ganzen sozialen Struktur sowie im Umgang mit den neuen Medien massive Veränderungen und Verbesserungen erarbeitet werden, aber einen Masterplan habe ich da auch nicht.

Oliver:
Wie verkaufst du eigentlich deinen Schülern dein exzessives Leben als Punk Rocker? Den Kids bleibt doch mit Sicherheit nicht verborgen, wenn der Herr Wolter am Montag morgen mal wieder ordentlich zerbeult von 'ner Tour gekommen ist? Thema: Vorbildfunktion. Gibt's da keine Probleme mit evtl. konservativ eingestellten Kollegen?

Philipp:
Da habe ich bis jetzt überhaupt keine negativen Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil, auf meiner Ausbildungsschule in Bad Bramstedt waren unter den Schülern diverse Hardcorefreaks und Metalheads und die sind oft zu BONEHOUSE-Konzis gekommen, einige heute noch! In der Pause haben wir über Musik geschnackt, während der Stunde gab es keine Probleme sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Warum soll ein Lehrer auch nicht in einer Band spielen? Ist doch letztendlich ein Zugang zur Lebenswirklichkeit der Schüler und motivierend insofern, als dass man zeigt, dass es durchaus ein Leben neben der Schule gibt und die Leistungen deshalb nicht darunter leiden müssen. Wenn konservative Kollegen damit ein Problem hatten, haben sie es mir gegenüber nicht gesagt (allerdings war ich auch immer am Start, da gab es also keinen Ansatz zum Meckern). Und jetzt auf der Grund- und Hauptschule hört keiner der Schüler härtere Musik, die hören alle Hip Hop und Chartmucke. Von daher interessiert es da keinen.

Oliver:
Ein schlauer Kollege von mir hat mal den Spruch abgelassen "Musik ist kein Wettbewerb". Wie stehst du zu dem Statement? Was hältst du von den ganzen Bandwettbewerben, die es so für junge Bands gibt? Wenn Musik kein Wettbewerb ist, was ist sie dann?

Philipp:
Yeah, genau so wie dein Kollege sehe ich das auch! Natürlich ist Musik für viele Bands ein Wettbewerb. Und genau solchen Bands sagen wir gerne: Fickt euch und Tschüß! Wir hassen das kranke Ellenbogendenken unserer turbokapitalistischen Gesellschaft und wollen gerade mit der Band ein Gegenmodell anbieten. Zusammen gegen die Schweine! Wir werden nie an Wettbewerben teilnehmen, wir spielen nur miteinander mit anderen Bands. In unserem System wird dir Konkurrenzdenken von Geburt an eingeimpft, aber warum sollte man den Mist mitmachen, wenn man in einer Band spielt?

Oliver:
Kommt eine neue Scheibe einer Band auf den Markt, wird diese von der Presse in den meisten Fällen mit dem/den Vorgänger(n) verglichen. Ist das in eurem Falle o.k. für dich oder ist es dir lieber, wenn jede eurer Scheiben als eigenständiges, einzelnes Produkt angesehen wird?

Philipp:
Och, das ist schon okay und irgendwie auch verständlich. Wir waren sehr gespannt, ob nach den sehr guten Reaktionen auf "Onward To Mayhem" auch die neue Platte so gut aufgenommen wird, weil wir ja doch vieles anders gemacht und für unsere Verhältnisse auch viel experimentiert haben, aber der Tenor ist sogar, dass "The Fuse Is Lit" noch einen Tacken höher in der Gunst unseres geschätzten Auditoriums steht. Wobei wir kein Problem damit haben, wenn jemand eine ältere Platte von uns am besten findet, es muss ja nicht immer die neueste Platte auch die beste sein. Oft spielen da ja ganz individuelle Gründe mit, warum man eine Platte zu einem Alltime-Fave kürt: Wie man sie kennen gelernt hat, wo, in welcher Lebensphase usw.

Oliver:
Wie viel Prozent der Fragen, die ihr von der Presse gestellt bekommt, haltet ihr persönlich für Schrott? Welche Frage wurde dir im Zusammenhang der Veröffentlichung von "The Fuse Is Lit" am meisten gestellt?

Philipp:
Am häufigsten wurde glaube ich der Songtitel 'The Capitalists Are Fucking Our Mother Earth That's Why We're Calling Them Motherfuckers' angesprochen, von dir ja auch. Aber Schrott ist die Frage natürlich nicht! Die witzigste Frage fand ich vom OPPRESSIVE-Mag, wo der Typ fragte, ob ich das auf dem Cover sei, so als Anführer einer Revolution... Nee, aber Schrott gab's nicht wirklich. Also so richtiger Schrott wäre ja so eine dämliche Frage wie "Gibt es eine Frage die du gerne einmal in einem Interview gestellt bekommen möchtest? Wenn ja, welche und wie sieht die Antwort dazu aus?", aber so was stellt ja keiner...

Oliver:
Wieso auch nicht... Gibt es eine Frage, die du gerne einmal in einem Interview gestellt bekommen möchtest? Wenn ja, welche und wie sieht die Antwort dazu aus?

Philipp:
Ah, äh Superfrage! Vielleicht fragt endlich mal jemand, wer wir sind, warum wir so heißen oder was in den ersten Jahren so passiert ist! Da würde ich mich freuen und ganz viel erzählen. Aber das wolltest du ja nicht wissen! Phhh...

Oliver:
Wie gehst du mit Kritik um? Wann ist für dich der Bogen kritikmäßig überspannt?

Philipp:
Hm, ich finde es generell immer etwas peinlich, wenn Leute anonym im Internet posten und andere absauen mit persönlicher Kritik. Ich schreibe bei einem Onlineportal namens www.dremufuestias.de mit und da kann man jeden Artikel kommentieren. Da passieren die dollsten Dinger, aber ich finde es eher lustig, wenn Leute einen zu beleidigen versuchen und selber nicht mal ihren Namen nennen. Generell ist der Bogen überspannt, wenn in einer Kritik diskriminierende Aussagen gemacht werden, sei es in Bezug auf Geschlecht, Aussehen oder Herkunft. Gibt doch z.B. immer noch ziemliche Macho-Allüren in der Punk- und auch Metalszene und manche kommen irgendwie mit Frauen oder Schwulen nicht klar. Arm...

Oliver:
Welchen Stellenwert nehmen für dich persönlich Online-Mags verglichen zu "herkömmlichen" gedruckten Magazinen ein?

Philipp:
Ich mag tendenziell lieber Printzines, die man im Tourbus lesen kann. Sammle auch seit 20 Jahres Mags und habe bergeweise zu Hause rumliegen. Das ist wie ein Archiv, während alles, was im Internet ist, von heute auf morgen gelöscht werden könnte. Aber natürlich stöber ich auch oft auf Internet-Seiten und wenn man mal so alte Plattenrezis lesen will, geht das im Rock Hard-Onlinearchiv oder bei Triggerfish schneller als in alten Mags zu blättern. Beides macht Sinn, Onlinemags sind natürlich aktueller.

Oliver:
Hättest du die Möglichkeit einen Tag lang eine andere Person zu sein, in welche Rolle würdest du gerne schlüpfen und warum?

Philipp:
Hm, vielleicht würde ich mal in meine Frau schlüpfen und gucken wie es ist, wenn ich mit mir ficke...

Oliver:
Kommen wir kurz vor knapp noch zu einer eher makaberen Frage. Angenommen, du wärst tot, hättest aber davor noch die Möglichkeit gehabt, deinen eigenen Nachruf zu verfassen. Was hättest du geschrieben?

Philipp:
"Er hat xx Jahre lang auf die Scheiße geschissen!"

Oliver:
Was steht für euch in nächster Zeit an?

Philipp:
Ja, wir gehen auf Tour (Dates unten), machen neue Songs und peilen einige Festivals an.

Itzehoe, Lichtspielhaus + Trigger
Siegburg, SJZ + Jesus Skins
Leuven (B), Squattus Dei
Besançon (F), l'Asylum
Paris (F), péniche Alternat, + BEACH BONES + SKITYOUTH ARMY + LUTECE BORGIA + LA VERU BERLUE
Nancy (F); L'austrasique + VICTIMS
Lyon (F), au Clos fleuri
Dijon (F), Les Tanneries + Inner Terrestrials
Top Secret ;) (F) + 100 Raisons
La Ferrière (F), Mat'sa café + VICTIMS
TBA
Limoges (F), Bar des arenes
Rennes (F), Mondo Bizarro + Burn At All
Concarneau (F), Le Strapontin bar
Lorient (F), Le Manège - festival Breizh disorder
Lisieux (F), Bar Le Staff
Berlin, Trinkteufel
Leipzig, Conne Island
Oberhausen, Druckluft + PASCOW + SCRAPY
Homburg, AJZ Homburg
Stuttgart
Schmalkalden, Villa K + Flatline
TBA
Mühlheim, az-muelheim
TBA
Albersdorf, Punk am Ring (24. - 25.6.) + APPENDIX + LA FRACTION + OI POLLOI u.v.a.
Han.-Hademarschen, Das RD-Rock-Festival
Grüntaler Hochbrücke, Kuhle Open Air

Oliver:
Gut, dann machen wir mal hier Schicht im Schacht. Danke für deine Zeit und die Antworten. Du hast das letzte Wort...

Philipp:
Schönen Dank fürs coole Inti (sehr geile Fragen) und Gruß an eure Leser!

Redakteur:
Oliver Kast

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